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Richard Pietraß las neue Gedichte. Die erste nachsommerliche Pirckheimer-Veranstaltung der Berlin-Brandenburger Regionalgruppe am 14. September 2006 hatte zahlreiche Lyrikfreunde in die Galerie der Berliner Graphikpresse gelockt. Pietraß, an diesem Abend wieder einmal brillanter Moderator seiner selbst, begann mit einem „Wellenritt“, wechselte in den „Wiegeschritt“ und endete mit einem „Luftsprung“. Gedichte vom Reisen, teils aus Lyrikbänden vergangener Jahre, vorwiegend aber aus neueren und neuesten Publikationen, reihten sich spannungsvoll aneinander. Begleitet und geleitet von humorvoll eingestreuten biographischen Anmerkungen und Anlässen ergab sich zugleich auch eine kurzweilige Zeitreise. Erlebnisse von einst, in Belgien, in Frankreich, in der Schweiz, nicht zuletzt auch in der DDR, blitzten auf: ein „selbstmörderischer“ Schwimmausflug um die Insel Ufenau oder die Bierproben im Berenbak, einer belgischen „Krawattenkneipe“, oder die wundersame Umkehr aller Großstadterfahrung an einem autofreien Sonntag in Antwerpen oder die entwaffnende Antwort eines DDR-Funktionärs: „Sie sind doch kein Pflegefall“, auf des Dichters Frage: „Darf meine Frau mitreisen?“ – Die neueren Publikationen lagen bereit: Die Aussicht auf das Wort (Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn), Wiegeschritt (Reihe Stichwort des Leipziger Bibliophilen-Abends), Freigang (Faber & Faber, Leipzig). Den einen oder anderen Zuhörer werden wie mich selbst weitere Gedichte von Richard Pietraß fortan begleiten: Brückenkopf, Die untere Oder, Ostersee, Antwerper Sonntag, Vom Mündel sowieso. In Erinnerung bleibt eine kleine Sternstunde. Ursula Lang