BÜCHER UND IHRE KLEIDER

„Die Bücher erfreuen uns, wenn das Glück uns lächelt, sie trösten uns, wenn uns das Unglück überfällt. Sie sind Lehrer, die uns unterrichten, ohne Rute und Stock, ohne Tadel und Zorn. Kommst du zu ihnen, so schlafen sie nicht, fragst du sie, so weichen sie nicht aus; sie schelten nicht, wenn du dich irrst, sie lachen nicht, wenn du unwissend bist. In ihnen sehe ich die Toten, als wären sie lebend. Künste und Wissenschaften sind auf ihnen gegründet. Wie soll man ihre wunderbare Macht ermessen, da wir durch sie die Grenzen des Raumes und der Zeit erkennen und das Nichtseiende ebenso wie das Seiende wie im Spiegel der Ewigkeit sehen? Bücher, ihr seid goldene Behälter, gefüllt mit Manna, Felsen, 'aus denen Honig sprudelt, Ruter, strotzend von der Milch des Lebens, unerschöpfliche Vorratskammern, Feigenbäume, die keine Mißernte kennen, bren­nende Lampen, immer in den Händen 711 tragen."

Richard de Bury (1287-1345)

Nun ist es also tatsächlich so weit! Im Januar haben sich Bücherfreunde, oder wie's so schön heißt „Bibliophile"', der ganzen DDR in Berlin zu­sammengesetzt und haben - wie lange vorher die Aquarien- und Terrarien­freunde, wie die Briefmarkensammler und Taubenzüchter, wie die Foto­grafie- und Wanderlustigen - eine Interessengemeinschaft, einen Verein, eine Sparte, oder wie man es sonst nennen mag, im Kulturbund zur demo­kratischen Erneuerung Deutschlands gegründet. Interessant daran ist, wie lange das gedauert hat! Lag es daran, daß bibliophile Bestrebungen in Deutschland allzusehr mit dem Geruch des Snobismus, der Exklusivität behaftet sind? Oder lag es an einem besonders ausgeprägten Individualismus des Bücherfreundes oder fürchtete er gar, daß ihm bei näherer Bekanntschaft Konkurrenten in seine Jagdgründe einbrechen könnten? Muß man zum Büchersammeln unbedingt mehr Geld aufwenden als zur Pflege eines Aquariums?

Es ist eine alte Tatsache: Büchersammeln mit viel Geld macht nicht viel Vergnügen. Büchersammeln mit wenig Geld ist eine aufregende Geschichte. Büchersammeln ohne Geld ist strafbar.

Beim Büchersammeln mit wenig Geld ist man gezwungen, seinen schmalen Geldbeutel mit unverhältnismäßig viel Sachkenntnis aufzufüllen. Und das erfordert schwere Arbeit, eine gute Nase, viel Jagdglück und ein möglichst harmloses Aussehen. Nach dem Kriege hatte ich einen Mantel, mit dem

 

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