„Was ist Weimar für ein Paradies!“, hatte Goethe 1779 an Charlotte von Stein geschrieben, und so folgten zahlreiche Pirckheimer aus ganz Deutschland und der Schweiz der Einladung zum Jahrestreffen vom 3. bis 5. Juli, 110 Jahre nach der Gründung der Gesellschaft der Biliophilen, an den Geburtsort der organisierten deutschen Bibliophilie. Ermöglicht wurde das Treffen nur durch die intensiven Bemühungen unseres bewährten Mitgliedes und gebürtigen Weimarers Hans-Udo Wittkowski, der die gesamte Vorbereitung und Programmgestaltung übernommen hatte. Anlaufpunkt für die über 100 Teilnehmer (davon 68 Mitglieder) war das Hotel „Kaiserin Augusta“ direkt am Bahnhof. Dort gab es die Tagungsunterunterlagen sowie als Gaben einen großformatigen Farbholzschnitt von Walter Sachs mit einem Text von Nancy Hünger sowie den Gedichtband routine in die romantik des alltags von Bert Papenfuß mit Zeichnungen von Helge Leiberg aus Gerhard Wolfs Janus press.
Gleich dem ersten Programmpunkt sah man erwartungsvoll entgegen: der Besichtigung der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, die nach dem verheerenden Brand von 2004 nun wieder den Benutzern und Besuchern aus aller Welt offensteht. In mehreren kleinen Gruppen wurden die Gäste durch das vollständig restaurierte Hauptgebäude, das Grüne Schloß, geführt. Höhepunkt war ein längerer Aufenthalt im berühmten Rokokosaal, der nach der Sanierung seit 2007 wieder in alter Pracht erglänzt. Im Renaissancesaal im Erdgeschoß konnte man unter dem Titel Kunst des Bucheinbands eine Kollektion von hervorragenden historischen und modernen Einbänden aus dem eigenen Bestand sehen. Bis zur Mitgliederversammlung blieb noch etwas Zeit, sich in der Stadt zu erholen, etwa auf dem Jakobskirchhof mit dem Cranach-Grabmal und dem Kassengewölbe oder in Herders idyllischem Garten hinter dem Herderhaus an der Stadtkirche.
Am Abend fanden sich dann alle im Tagungshotel ein, und der Vorsitzende Dr. Wolfgang Kaiser konnte bei der Begrüßung feststellen, daß der Altersunterschied zwischen dem jüngsten und dem ältesten Teinehmer 80 Jahre betrug! Wieder gab es im letzten Jahr eine Reihe von Todesfällen zu beklagen, die Versammlung erhob sich zum Gedenken an Christine Becker, Dr. Ursula Bleich, Dr. Rudolf Jakob, Margarete Kaiser, Lothar Lesche, Dr. Helmut Richter und Prof. Walter Schiller. Der Dank des Vorsitzenden ging an die vielen Helfer, die die laufende Arbeit bis zum Versand der MARGINALIEN leisteten. Auch in Zukunft wird es graphische Beilagen zu den MARGINALIEN geben, die typographische Beilage kann aber aus Kostengründen vermutlich nicht mehr in Bleisatz und Buchdruck hergestellt werden. Nach der etwas verspätet erfolgten Ausgabe des Kay Voigtnann-Kataloges vom Museum Schloß Burgk steht das Erscheinen der Erinnerungen Lothar Langs bei Faber & Faber, für die Pirckheimer ebenfalls mit graphischer Beilage, unmittelbar bevor, dem später ein Werner Klemke-Erstdruck aus dem Nachlaß und ein Almanach zum Thema Widmungsexemplare folgen werden. Leider nicht so positiv wie die Gabenproduktion zeigt sich die Entwicklung des Mitgliederstandes. Durch Austritte wegen Alter, Krankheit oder Wohnungswechsel ist die Zahl unter die magische Grenze von 500 gesunken. Wolfgang Kaiser dankte dem Schatzmeister Abel Doering für seinen Einsatz, der dafür melden konnte, daß sich die Zahlung der Mitgliedsbeiträge erheblich verbessert habe, inzwischen auch Zahlung durch Einzugsermächtigung möglich ist. In seinem Finanzbericht legte er eine absolut ausgeglichene Bilanz vor, die allen schriftlich ausgehändigt wurde.
Im Namen der Revisionskommission gab Jutta Osterhof den von Klaus Bartel erstellten Bericht, in dem nach erfolgter Prüfung keine Beanstandungen festgestellt wurden. In der anschließenden Aussprache regte Dr. Thomas Kaemmel Spenden von Mitgliedern an, mehrere Möglichkeiten wurden erörtert, so eine Jahresmitgliedschaft als Geschenk oder der Kauf von Pirckheimer-Drucken. Prof. Dr. Peter Arlt schnitt das Problem der Sammlungsentwicklung an, das alte Thema „Was wird aus den Sammlungen?“ konnte aber nicht umfassend behandelt werden. Dr. François Melis verband seinen Dank für die Qualität der Marginalien mit dem Wunsch, die „Graphiklastigkeit“ der letzten Zeit zu überwinden und mehr über Bücher und Bibliotheken zu bringen. Auch über die äußere Erkennbarkeit von Pirckheimern wurde gestritten, ob Buttons in der Öffentlichkeit oder Namensschilder auf Treffen, es muß aber freiwillig sein. Keinen Streit gab es dagegen um die Orte der nächsten Treffen: Das Angebot von Norbert Köppe, 2010 Hannover zu wählen, wurde ebenso einmütig begrüßt wie die Bereitschaft von Dr. Hans-Georg Sehrt und der Hallenser Regionalgruppe, für 2011 nach Halle an der Saale einzuladen. Vor Abschluß der Versammlung wies Herbert Kästner auf den Katalog einer Ausstellung des LBA in Mainz hin und dedizierte Interessenten ein Exemplar eines sensationellen Periodikums: die Nr. 2 der hundertjährlich erscheinenden Bibliofolen Neuesten Nachrichten aus Leipzig (Nr.1 erschien 1909 als Faschingszeitung des LBA). Noch lange saß man danach in den weitläufigen Räumen des Restaurants beisammen und knüpfte oder erneuerte Kontakte untereinander.
Der Sonnabendmorgen forderte Entscheidungen: Drei verschiedene thematische Stadtführungen und zwei Ausstellungsbesuche standen zur Auswahl. Man konnte sich dem alten Weimar bis zur Renaissance oder den „großen Epochen“ widmen oder auch der ausgedehnten Architekturführung „von van de Velde zum Bauhaus“ anschließen. Überhaupt stand Weimar in diesem Jubiläumsjahr ganz im Zeichen des Bauhauses (90. Jahrestag der Gründung). Unter dem Motto „Das Bauhaus kommt aus Weimar“ gab es eine Vielzahl von Ausstellungen, Vorträgen, Lesungen und anderen Veranstaltungen. Ebenfalls 90 Jahre ist es her, daß im Nationaltheater die verfassunggebende Nationalversammlung nach dem Ende des Kaiserreichs zusammentrat. Weimar 1919 - Chancen einer Republik hieß eine Sonderausstellung des Stadtmuseums im Bertuchhaus, die das politische und kulturelle Leben dieser Wendezeit lebendig werden ließ. Noch ein Jubiläum bot Anlaß für eine Ausstellung in der Pavillonpresse Weimar / Druckereimuseum in der Scherfgasse: 1909, vor 100 Jahren also, gründete Gustav Kiepenheuer in Weimar seinen Verlag, der in der Weimarer Republik zu den führenden Verlagen der neuen deutschen Literatur gehörte.
Soweit Zeit und Kräfte reichten, versuchte man möglichst viele dieser Angebote wahrzunehmen, aber schon mittags fuhren zwei vollbesetzte Busse ins Thüringer Land. Erstes Ziel war das hinter Tiefurt dicht an der Ilm gelegene Schloß Kromsdorf. Vor dem wuchtigen Renaissancebau erstreckt sich ein großer rechteckiger Garten mit einer dreiseitigen wehrhaften Mauer, die in 64 Nischen eine einzigartige und kuriose Ansammlung von steinernen Porträtplastiken beherbergt. Sie stellen Gestalten der Antike und des Orients, weltliche und geistliche Herrscher vieler Völker und Zeiten bis zum Dreißigjährigen Krieg dar, auch Krieger und exotische Volkstypen. Der engagierte Bürgermeister von Kromsdorf empfing die große Reisegesellschaft und führte eloquent die verblüfften Pirckheimer durch die ganze Anlage. Dann ging es in schönster Nachmittagssonne dem Saaletal entgegen, wo das Schloß Burgk gerade seine allgemeine Öffnungszeit beendete und nun mit allen seinen Räumen den Pirckheimern zur Verfügung stand. Im Museumsshop am Eingang gab es bereits die erste Gelegenheit, Publikationen und Graphiken zu erwerben. Im ehrwürdigen Rittersaal begrüßte Sabine Schemmrich vom Museum Schloß Burgk die Gäste und erläuterte die gegenwärtige Arbeit im Schloß, so die kürzlich eröffnete Ausstellung HirschART mit Kunstwerken aller Gattungen vom 17. Jahrhundert bis heute zum Thema Hirsch. Seit 1984, jener großen Jubiläumstagung der FI-SAE in Weimar und Burgk, waren nicht mehr so viele Pirckheimer hier. Zwei junge Musikerinnen umrahmten die Reden mit der vehement vorgetragenen Kreutzersonate von Beethoven und einem rasanten Bravourstück von Bazzini.
Der Rudolstädter Schriftsteller Matthias Biskupek brachte Bücher von der Burgart presse Jens Henkels sowie eigene Bücher zum Verkauf mit und bot dann eine Collage von Lesung aus seinen Texten und polemisch-satirischer Rede über seine Freunde, die Künstler und die Entwicklung der Künste seit der Wendezeit. Auch Walter Sachs aus Weimar war dabei, und einige intime Kenner wollen sogar Kay Voigtmann gesehen haben. Während noch die Hirsch-ART-Ausstellung, die auch das Pirckheimer- und das Grafik-Kabinett mit einschloß, und die Exlibris-Galerie betrachtet wurden, begann im Schloßhof schon das Treiben der abendlichen Bewirtung. Es bedurfte des Studiums der von Egbert Herfurth vornehm und heiter stimmend gestalteten Burg(k)-Menükarte nicht, denn aus der mittelalterlichen Schloßküche drangen die Düfte von Spanferkel, Rostbrätl und Bratwürsten verführerisch in die milde Abendluft. Im Hof und in den historischen Kellergewölben saß man bei Bier und Wein an langen Tischen in lebhaft plaudernden Gruppen, bis wieder zum Aufstieg in den Rittersaal gerufen wurde.
Im Wettlauf mit der einsetzenden Dunkelheit begann die reich bestückte Auktion. Die Fülle der eingelieferten Werke und die Zeit- und Platznot machten eine Vorbesichtigung nur ansatzweise möglich. Trotz einer die Beweglichkeit sehr hemmenden Verletzung begann Wolfgang Kaiser die Ausrufe, übergab aber nach einiger Zeit an den sich spontan bereitfindenden Manfred Neureuter. Es gab viel zu Bibliophilie, illustrierte Literatur, Kataloge und Almanache, so von Lothar Lang, Herbert Kästner, Bruno Kaiser sowie von Wieland Herzfelde, Lion Feuchtwanger, Anna Seghers, Wulf Kirsten, die je zwischen 8 und 20 Euro erreichten, Graphik von Hirsch, Naumann, Mörstedt, G. K. Müller, Münzner und Zettl von 20 bis 40 Euro. Dazu Exlibris, Kinderbücher, Bücher mit Schwimmer- und Shaw-Illustrationen. Inzwischen war es so dunkel geworden, daß man Bücher und Bilder kaum noch erkennen konnte, und auch der Auktionator hatte Mühe, die Titel zu entziffern. Das flackernde Licht der Notlämpchen zwischen den düsteren Ritterrüstungen zeigte eine gespenstische Szenerie. Außerdem drängte die Zeit zur Abfahrt, und so wurde die Auktion kurzerhand abgebrochen, um zu den wartenden Bussen zu eilen, die dann gegen Mitternacht Weimar erreichten. Eine Auktion unter schwierigen äußeren Umständen, ohne Hochoder gar Sensationspreise, aber mit reger Beteiligung, die schließlich, wie der Schatzmeister am nächsten Morgen verkünden konnte, 1061 Euro eingebracht hatte.
Dieser Sonntagmorgen rief zur letzten Zusammenkunft in das intime Galli-Theater in der Windischenstraße im Zentrum Weimars. Noch einmal gab es Graphiken zu sehen und zu erwerben: Die Weimarer Künstlerin Elke Teuscher zeigte an einem kleinen Stand eine Auswahl von Arbeiten auf Papier aus den letzten Jahren. Auf der Bühne hatte der seit den sechziger Jahren in Weimar ansässige Dichter Wulf Kirsten Platz genommen. Nach einer Begrüßung durch Hans-Udo Wittkowski wurde ihm unter Beifall von Prof. Dr. Peter Arlt zu seinem kürzlich begangenen 75. Geburtstag gratuliert, was er mit abwehrender Gebärde hinnahm. Dann begann er eine Zu- und Fürsprache für die junge Weimarer Dichterin Nancy Hünger, von der zwei Bände Lyrik erschienen, ihr eignet eine ungewohnte Poesiesprache, die oft als Prosatext gesetzte Dichtung auftritt, wie in dem Text Oleg. Darauf las Nancy Hünger selbst Proben aus dem frisch aus der Presse angelieferten Band Deshalb die Vögel. Instabile Texte, der von der ebenfalls anwesenden Gisela Kraft mit einem Nachwort versehen ist. Zum Abschluß erfüllte Wulf Kirsten den Wunsch der Pirckheimer und las drei neuere eigene Gedichte. Nach Abschiedsworten von Hans-Udo Wittkowski, der nun alles glücklich überstanden hatte, und dem Vorsitzenden ging es ans Signieren durch die Dichter und ans allseitige Abschiednehmen. Der Tag war nun frei für individuelle Erkundungen der Klassikerstadt, und so mancher blieb noch länger, um sich dem Bauhaus, dem Nietzsche-Archiv, den Stätten von Wieland und Goethe, Herder und Schiller oder gar von Albert Schaefer-Ast, Louis Fürnberg und Walther Victor zuzuwenden.

Konrad Hawlitzki