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Redaktionsschluss 9. April 2010
Wir gratulieren
unseren Mitgliedern
Neue Mitglieder
Einladung zur Mitgliederversammlung 2010
Angebot von Vorzugsexemplaren des Almanachs
Neue Jubelrufe aus Bücherstapeln
Das Schicksal der DDR-Verlage
Johannes Bobrowskis Bibliothek
Den Spuren eines unbekannten Georg Weerth
Hallesche Sammler zeigen ihre Schätze
Verlag Janos Stekovics Wettin
Axel Bertrams Vorlaß
Samuel Fischer-Biographie von Barbara Hoffmeister
Verlagsgeschichtliche Themen
Italiensehnsucht
Werner Klemke, der phantasievolle Graphiker
Augenweide und Leselust
Wir gratulieren unseren Mitgliedern. Zum 50. Geburtstag: Dr. Carsten
Wurm (Berlin) am 7. 7., Hans-Udo Wittkowski (Berlin) am 5. 8. Zum 60.
Geburtstag: Ulrich Sippel (Altenburg) am 16. 8., Rainer Kolitsch (Berlin) am 14.
9., Peter Stamminger (Erlangen) am 25. 9., Wolfram Bibrack (Berlin) am 27. 9.
Zum 65. Geburtstag: Klaus-Peter Reschke (Braunschweig) am 27. 7., Dipl.-Ing.
Johannes Karl Günther (Heilbad Heiligenstadt) am 4. 8., Dr. Peter Schmiedeck
(Blankenfelde) am 1. 9. Zum 70. Geburtstag: Manfred Funke (Berlin) am 20. 7.,
Dr. Ute Willer (Halle/Saale) am 7. 8., Wolfgang Diehl (Landau / Pfalz) am 8. 8.,
Dr. Udo Jobst (Stadthagen) am 13. 8., Georg Kanig (Bautzen) am 24. 8., Dr. Horst
Meyer (Bad Iburg) am 31. 8., Winfried Hirsch (Chemnitz) am 4. 9., Heidi Dürr
(Berlin) am 22. 9., Wolfgang U. Schütte (Leipzig) am 23. 9. Zum 75. Geburtstag:
Rudolph Kunert (Halle/s.) am 22. 7., Manfred Braun (Berlin) am 8. 8., Winfried
Belshof (Halstenbek) am 19. 8., Dr. Ralf Krämer (Delitzsch) am 24. 8., Jürgen
Fischer (Miesbach) am 12. 9. Zum 80. Geburtstag: Udo Mammen (Halberstadt) am 24.
7. Zum 81. Geburtstag: Ingeborg Eckert (Berlin) am 3. 9. Zum 82. Geburtstag:
Carlos Kühn (Berlin) am 2. 7., Otto Gransitzki (Schönwalde) am 5. 8., Prof. Dr.
Friedhilde Krause (Rostock) am 18. 8., Emil Georg Schrade (Aachen) am 16. 9. Zum
83. Geburtstag: Prof. Dr. Karl-Diether Gussek (Halle/Saale) am 17. 8., Ruth
Steinbauer (Osterburken) am 21. 9. Zum 85. Geburtstag: Dr. Reimar Walter Fuchs
(Stuttgart) am 26. 8. Zum 86. Geburtstag: Otto Neidhardt (Flieden) am 7. 7. Zum
89. Geburtstag: Eberhard Wolff (Halle/Saale) am 26. 9.

Neue Mitglieder: Martin Engelmann, Lektor,
Berlin. Gert Henning, Geschäftsführer, Hamburg. Frank Wenzel, Designer,
Wittenberge.

Einladung zur Mitgliederversammlung 2010. Die
diesjährige Mitgliederversammlung findet am 17. September 2010 um 18.00 Uhr im
»City Hotel Hannover« (Thielenplatz 2, 30159 Hannover), statt. Der Vorstand lädt
dazu alle Mitglieder herzlich ein. Tagesordnung: 1. Rechenschaftsbericht des
Vorsitzenden. 2. Kassenbericht des Schatzmeisters. 3. Bericht der
Revisionskommission. 4. Aussprache über die Berichte. 5. Entlastung des
Vorstandes. 6. Neuwahl des Vorstandes, 7. Verschiedenes.

Angebot von Vorzugsexemplaren des Almanachs Neue
Jubelrufe aus Bücherstapeln. Nach der allgemein positiven Aufnahme des
Almanachs zum Jubiläum 50 Jahre Pirckheimer-Gesellschaft Jubelrufe aus
Bücherstapeln hat der Vorstand die Herausgabe eines Folgebandes beschlossen. Er
beschäftigt sich ausschließlich mit Widmungsexemplaren im Besitz von Sammlern,
teils erworben auf dem Antiquariatsmarkt, teils empfangen aus der Hand von
Autoren oder Illustratoren. Beteiligt sind 33 Pirckheimer-Freunde, die ihre
Bücherregale durchforstet haben, sich an den Erwerb der Widmungsexemplare
erinnern und schildern, warum ihnen diese Bücher wichtig sind. Dabei kommt
Anekdotisches nicht zu kurz, die Interessen der Sammler werden sichtbar und da
und dort wird der Aufbau der Sammlung erläutert. Es fehlt auch nicht an
kritischen Einwänden gegen die Jagd nach Widmungsexemplaren. Das Buch ist mit
über 50 Abbildungen reich illustriert. Die Fertigstellung ist für den Sommer
dieses Jahres geplant. Alle Pirckheimer erhalten ein Exemplar als Gabe. Wie beim
letzten Mal kann auch alternativ ein Exemplar der Vorzugsausgaben bestellt
werden. Bezahlt wird dann nur der Aufpreis, den die beigegebenen Graphiken
kosten. Das Buch ist ähnlich gestaltet wie der Jubiläumsalmanach:
Neue Jubelrufe aus Bücherstapeln. Widmungsexemplare aus dem Besitz von Sammlern.
Ein Almanach. Hrsg. im Auftrag der Pirckheimer-Gesellschaft v. Carsten Wurm.
Gestaltet v. Heinz Hellmis. Wiesbaden: Harrassowitz-Verlag, 2010. ca. 180 S., 53
Abb. 4°. Pp.
Normalausgabe: Mit einem originalgraphischen Lesezeichen von Gerhard Lahr,
Holzschnitt (Druck: Schwarzdruck Marc Berger, Berlin). Auflage: 520 Exemplare. /
Vorzugsausgabe A: Mit zwei zusätzlichen Originalgraphiken: Radierung von Kurt
Löb, Amsterdam, Serigraphie von Dieter Goltzsche. Auflage: 118 Exemplare. Preis
130 Euro; für Pirckheimer (statt Gabe): 65 Euro. / Vorzugsausgabe B: Mit einer
lose beiliegenden Originalzeichnung von Dieter Goltzsche. Auflage: 12 Exemplare.
Preis: 250 Euro, für Pirckheimer (statt Gabe): 120 Euro.
Bestellungen sind zu richten an: Dr. WK, Mörchinger Straße 43 d,
14169 Berlin, E-Mail: goerdten@pirckheimer.org.

Das Schicksal der DDR-Verlage. Dieses bittere
Kapitel jüngster deutscher Geschichte lockte trotz Kälte und Glatteis viele
Interessenten am 21. Januar 2010 in den Säulensaal der Zentral- und
Landesbibliothek zum ersten Pirckheimer-Abend der Regionalgruppe
Berlin-Brandenburg. Wer Bücher mag, diese sammelt, dafür Geld und Leidenschaft
einsetzt, der kennt Verlage, deren Autoren, Editionen, Lektoren. Da gibt es
naturgemäß ein großes Interesse dafür, was nach 1990 aus den renommierten
Verlagshäusern im Beitrittsgebiet geworden ist. Beim Institut für Bibliotheks-
und Informationswissenschaft der Philosophischen Fakultät I der
Humboldt-Universität zu Berlin stieg gegen Ende der 1990er Jahre die Zahl der
Anfragen nach Verlags- und Autorenrechten, Verlagsarchiven, Neuauflagen,
Einzeltiteln. Daher wurde dem Chef des Ch. Links Verlages vorgeschlagen, die
Geschichte der 78 staatlich lizensierten DDR-Verlage nach 1990 zu erforschen. Im
Juni 2008 konnten die Ergebnisse der umfangreichen Untersuchungen als
Dissertationsschrift vorgelegt und erfolgreich verteidigt werden. Bereits neun
Monate später ist die Forschungsarbeit unter dem Titel Das Schicksal der
DDR-Verlage – die Privatisierung und ihre Konsequenzen auf dem Buchmarkt
erschienen. Auf 352 Seiten wurden für jeden der 78 Verlage die Fakten vom
Gründungsdatum bis zur Jetztzeit akribisch dargestellt. Das Buch liest sich
spannend wie ein Krimi. Die Privatisierung der Verlage grenzte oft an
Kriminalfälle. Man denke nur an die
medienwirksamen Gerichtspossen um den Aufbau-Verlag und den Greifenverlag
Rudolstadt.
Mit zahlreichen Einzelbeispielen erläuterte der Autor Dr. Christoph Links, der
sich an diesem Abend in Höchstform präsentierte, das Thema. Von den 78
ehemaligen DDR-Verlagen gibt es heute nur noch acht, darunter die Evangelische
Verlagsanstalt, den katholischen St. Benno-Verlag, den Domowina-Verlag, den Karl
Dietz Verlag. Zwölf rückübertragene Verlage (Insel, Paul List, Reclam, Thieme
und andere) sind in die Verlagshäuser der alten Bundesrepublik integriert
worden; umgewandelte Außenstellen und Vertriebsbüros verschwanden nach und nach
aus den Verlagsadressen. Leipzig, die ehemalige Nr. 1, rutschte im Ranking der
Verlagsstandorte auf Platz 13, gewertet nach der Anzahl der jährlich
publizierten Buchtitel, längst überholt von kleineren Orten wie Göttingen,
Heidelberg, Norderstedt. Das sächsische Desaster bot genügend Fakten für eine
gesonderte Untersuchung (vgl. Gäbler: Was von der Buchstadt übrig blieb.
Leipzig: Plöttner Verlag, 2010). Daran vermag auch das Spektakel der
alljährlichen „Buch-Leser-Messe“ nichts zu ändern. Immerhin sind der Stadt die
Deutsche Nationalbibliothek, die Universitäts- und die Stadtbibliothek, das
Buch- und Schriftmuseum, ein Druckmuseum, die Hochschule, das Literaturmuseum
geblieben; doch sie kosten ... Heute wird in den ostdeutschen Ländern nur noch
2,1 Prozent der Buchproduktion realisiert (mit Berlin zusammen 12,7 Prozent).
Dagegen wuchs das Netz ostdeutscher Buchhandlungen um 20 Prozent. Man kommt
nicht umhin, die Art und Weise der Privatisierung der DDR-Verlage als teilweise
dilettantisch zu bewerten. Nachdem sie zuerst durch einen Bauingenieur
durchgeführt worden war, gelangten nach massiven Protesten zeitweilig zwei
Fachberater zum Einsatz. Die amtierenden Verlagsleitungen wurden nicht
einbezogen. Auch angesichts der Spekulationen mit den Immobilien der
Verlagshäuser (u. a. Verlag Volk und Welt, Buchverlag Der Morgen, Verlag der
Nation) sind die Privatisierungsergebnisse niederschmetternd und beschämend.
Inzwischen akzeptieren auch sonst eher unfreundliche Rezensenten das Buch als
Nachschlagewerk für die Geschichte. In Frankreich zählen die Verlagsarchive zum
kulturellen Gedächtnis der Nation. In der großen Bundesrepublik gehen die
Archive der DDR-Verlage, deren Substanz teilweise dem Weltkulturerbe angehören
könnte, in föderaler Bedeutungslosigkeit unter.
Natürlich kamen an diesem Abend auch die Schwierigkeiten ideologischer und
materieller Art bei der Buchproduktion der DDR-Verlage zur Sprache. Diese 40
Jahre andauernde Indoktrination kann nicht eindrucksvoller beschrieben werden,
als in Volker Brauns 998 Seiten umfassenden Arbeitsbuch 1977-1989 Werktage I.
(Suhrkamp 2009). Diesen sprachgewaltigen Dichter bemühte der Berichterstatter
des bewegenden Abends für ein Resümee: „UNDURCHSICHTIGES GESCHÄFT. Das Volk gab
sein Eigentum ab und ließ sich die Freiheit aushändigen“ (Flickwerk, Suhrkamp
2009, S. 77). Die mitgebrachten Verkaufsexemplare waren schnell vergriffen.
Robert Wolf

Johannes Bobrowskis Bibliothek lockte
zahlreiche Pirckheimer am 18. Februar in die Berliner Zentral- und
Landesbibliothek, wo sie seit dem Ankauf im Jahre 2008 in den Historischen
Sammlungen eine neue Heimstatt gefunden hat, zwar nunmehr in nüchternen
Stahlregalen, aber erlöst aus bedrohlichem Zustand und, restauratorisch betreut,
für die wissenschaftliche Arbeit verfügbar. Das Interesse war groß – unter den
Anwesenden viele Bobrowski-Verehrer, die sich natürlich an das Bobrowski-Zimmer
in der Friedrichshagener Ahornallee 26 und an Gerhard Wolfs wunderbare
Beschreibung eines Zimmers erinnerten. Immerhin ist die „Ordnung“ des Dichters
bei der Aufstellung dieser einzigartigen Nachlaßbibliothek bewahrt worden. Und
die Nachbarschaft der Fühmann-Bibliothek tröstet auch. Zudem liegt seit einigen
Jahren der sorgsam Kommentierte Katalog der nachgelassenen Bibliothek von
Johannes Bobrowski von Dalia Bukauskaite (Trier 2006) vor, in dem sich ein
Kapitel Aufbau und thematische Beschreibung der Bibliothek des Bobrowski-Zimmers
befindet. So schweiften die Blicke über Buchreihen der Werke Joseph Conrads,
Balzacs, Arno Schmidts, Hanns Henny Jahnns, über die bibliophilen Bestände der
besonders geschätzten Autoren Hamann, Herder und Klopstock, die Expressionisten,
Werke der Weggefährten …
Ein besonderer Anziehungspunkt des Abends war indes die Ausstellung Johannes
Bobrowskis Bibliothek – Spuren seines Schaffens, die von November 2009 bis März
2010 zu sehen war. Volker Scharnefsky verwies in seiner Einführung auf die
Kostbarkeit vieler Exponate, die zum Teil erstmalig gezeigt wurden, und auf
wichtige Leihgaben, so des Vorsitzenden der Bobrowski-Gesellschaft, Prof. Klaus
Völker, eines langjährigen Bobrowski-Freundes und -Kenners. Zu sehen waren
ausgewählte Briefe mit Verweisen auf Bucherwerbungen und -wünsche und die
entsprechenden Bücher, Lesespuren des Dichters (Anstreichungen, Notizen zu
Namen, Vermerke von Seitenzahlen und Textstellen …). Vitrinen mit thematischen
Schwerpunkten zeigten Ersterwerbungen des Abiturienten, Widmungsexemplare,
Bücher der Lieblinge Hamann, Herder, Klopstock, Lyrikbände (so eine Ausgabe des
Kalewala mit einer Einführung von Martin Buber, Arno Holz: Von Guenther bis
Goethe, Eduard Mörike: Gedichte, die Hundertjahresausgabe von Des Knaben
Wunderhorn, Schofar: Lieder und Legenden jüdischer Dichter und vieles andere),
in einer Vitrine schließlich auch interessante Zeugnisse der Arbeit an
Litauische Claviere, dem letzten Roman.
Persönliche Erinnerungsstücke aus Familienbesitz bereicherten die Schau, so ein
kleines Notizbuch, eine handschriftliche Sammlung eigener Gedichte, ein
Hochzeitsfoto der Eltern, die Empfängerliste für Freiexemplare von Levins Mühle.
Auch die vertraute Ledermütze fehlte nicht. – Unter den Widmungsexemplaren
solche von Ingeborg Bachmann, Peter Huchel, Günter Grass, Uwe Johnson, Christoph
Meckel, Marcel Reich-Ranicki. Eine überraschende Entdeckung dabei: Der
Durchbruch von Bruno Gluchowski (Paulus-Verlag 1964) mit beiliegendem Kärtchen
vom Mai 1965: „An die Herren der Paketkontrolle: …Bitte lassen Sie es (das Buch)
schnell in seine Hände gelangen. Freundl. Gruß und Dank Bruno Gluchowski.“
So wurde der Abend mit dem besonderen Blick auf die Art und Weise, wie der
Dichter mit seiner Bibliothek gearbeitet hat, eine durchaus entdeckungsreiche
Wiederbegegnung. Mahnend hatte der Freund Christoph Meckel in einem Brief vom
12. Mai 1989 an den Sohn Justus geschrieben: „Die Bibliothek von Johannes ist
eine zusammengelebte, eine sehr lebendige Einheit, ein Gewächs, und sollte
deshalb vollständig erhalten bleiben.“ So ist es erfreulicherweise denn auch
gekommen.
U. Lang

Den Spuren eines unbekannten Georg Weerth
folgten die Berlin-Brandenburger Pirckheimer und auch zahlreiche Gäste am 11.
März während des Vortrags von Dr. François Melis mit regem Interesse, zumal ein
reich bestückter Büchertisch mit Weerth-Editionen aus Ost und West die
Ausführungen eindrucksvoll untermauerte und zum Stöbern und Staunen einlud.
François Melis, an der Marx-Engels-Gesamt-Ausgabe, der MEGA, beteiligt und für
die Jahre 1848/49 zuständig, also für die in dieser Zeit erscheinende Marxsche
Neue Rheinische Zeitung, beschäftigt sich seit Jahren daher auch mit Georg
Weerth, der als „erster und bedeutendster Dichter des deutschen Proletariats“ in
die Literaturgeschichte eingegangen und von Friedrich Engels gleichermaßen als
brillanter Feuilletonist gewürdigt worden ist. Zu seinen Lebzeiten allerdings
war nur ein einziges Werk in Buchform erschienen, nämlich die Feuilleton-Serie
Leben und Taten des Ritters Schnapphahnski (Hoffmann und Campe, 1849), eine
Persiflage auf den Fürsten Lichnowski, von Heinrich Heine zuvor im Atta Troll
Schnapphahnski getauft und von Weerth als typischer Krautjunker der Zeit
gnadenlos verspottet. Dafür mußte er nach der verlorenen Revolution für drei
Monate ins Gefängnis.
Georg Weerth, Sohn eines Theologen, 1822 in Detmold geboren, erlernte den
Kaufmannsberuf, der ihn in Handelsgeschäften in viele Gegenden der Welt führte,
zunächst nach England, wo er in Manchester Engels kennenlernte, der ihm die
Augen für das Elend der englischen Proletarier öffnete. Er schrieb Gedichte,
Reportagen und Feuilletons. In Brüssel lernte Weerth 1845 auch Marx kennen.
Unermüdlich zog er, trotz Krankheit und gegen den Willen der Familie, „für Arme
und Unterdrückte zu Felde“. Marx spricht von dem „revolutionären Kaufmann“, der
„ein tapferes Leben“ gelebt habe. Doch das Bild dieses Mannes blieb über ein
Jahrhundert hinweg verengt auf den „ersten Dichter des deutschen Proletariats“
und die Brillanz seiner Feuilletons. Erst Bruno Kaiser lenkte mit der Edition
Sämtlicher Werke 1956/57 den Blick auf den tatsächlichen Umfang des
Lebenswerkes, das politische Lyrik, Feuilletons und auch einen Romanentwurf
umfaßt. Kaiser deutete an, daß Weerths Mitarbeit an der Neuen Rheinischen
Zeitung weit über die witzigen Feuilletons „unter dem Strich“ hinausreichte.
Wiederum Jahrzehnte vergingen, bis die Forschung in Georg Weerth heute einen
ganz wesentlichen Redakteur der Neuen Rheinischen Zeitung würdigen kann, der
mitbestimmend war auch für die Gestaltung des Feuilletons und die Verantwortung
für die politische Berichterstattung der Auslandsrubrik „Großbritannien“ trug.
Melis veranschaulichte, wie originell und wirksam Weerth politische Polemik
verfaßte, Humor und Spott als Stilmittel einsetzend und die fiktive Darstellung
von Ereignissen, etwa von Parlamentsdebatten, meisterlich nutzend. Diese und
andere Stilmittel ermöglichen heute die Identifizierung der Weerth-Texte, die,
weil anonym erschienen, bisher verborgen geblieben waren.
Der üppige Büchertisch hielt vieles bereit, so natürlich Humoristische Skizzen
aus dem deutschen Handelsleben mit den allerersten Holzstichen von Werner Klemke
(1949), eine erste Weerth-Biographie von Karl Weerth, einem Neffen (1930), die
Georg-Weerth-Chronik von Bernd Füllner (2006), die zweibändige Ausgabe
Vergessene Texte. Briefe, Gedichte, Feuilletons mit einem Vorwort von Heinrich
Böll (1975), Weerths Fragment eines Romans, vorgestellt von Siegfried Unseld
(1965), die Schnapphahnski-Ausgabe des Eulenspiegel Verlages mit den
Illustrationen von Paul Rosié (1972) … Auch ein Foto des noch in Detmold
lebenden Urgroßneffen Otto Weerth fehlte ebenso wenig wie der nachdrückliche
Hinweis auf die verdienstvollen Bemühungen der Lippischen Landesbibliothek
Detmold um Georg Weerth. Die Grundlage für die publizistische Regsamkeit der
letzten Jahrzehnte hatte natürlich Bruno Kaiser mit seinen Weerth-Editionen
gelegt. Ihm war denn auch der Abend gewidmet, für den es herzlichen Applaus gab.
U. Lang

Hallesche Sammler zeigen ihre Schätze.
Die jahrzehntelange Tradition der alljährlich stattfindenden „Mitbringselabende“
erwies sich am 26. Januar 2010 erneut als eine an Überraschungen reiche
Begegnung der halleschen Pirckheimer. Obgleich der Kreis der Teilnehmer durch
die unfreundlichen Wintertemperaturen kleiner als sonst war, erwarteten ihn
ausgesucht interessante und auch seltene Sammlerstücke, die die Vorlieben ihrer
Besitzer anschaulich und überzeugend darboten. Neben bibliophilen Kostbarkeiten
aus der jüngeren Zeit, wie Blaubart. Das Märchen – Die Satire – Die Parodie mit
Holzschnitten von Klaus Süß (Leipziger Bibliophilen Abend, 2009), den Nachdruck
einer dreifach handgeschriebenen Ausgabe von Goethes Faust I und II (Halle 2005)
sowie die von Gabriele Mucchi illustrierte Ausgabe des Erasmus von Rotterdam,
Lob der Narrheit (Leipzig 2005), standen besonders die so buchkünstlerisch und
-geschichtlich ausgerichteten Editionen Herfurths schönste Seiten. Das
buchgraphische Werk 1972-2008 von Herbert Kästner (Rudolstadt 2009), Brecht in
der Buchkunst und Graphik (Katalog, Augsburg 2005) und Peter Kaeding, Die Hand
über der ganzen Welt. Johann Friedrich Cotta – Der Verleger der deutschen
Klassik (Stuttgart 2009) im Mittelpunkt des Interesses. Doch auch Kataloge, die
über die Buchkunst hinausgehen, so Falko Bärenwald – bauart (Jena 2009) und
Leuchtfeuer. 20 kulturelle Gedächtnisorte, ein Band, in dem sich auch ein
Beitrag des Vorsitzenden der halleschen Pirckheimer, Dr. Hans-Georg Sehrt,
befindet (Oberwiederstedt 2009) wurden gezeigt. Buchkunst und Wissenschaft
verbinden sich in einem katalanischen Nachdruck Himne a la Verge Maria
(Barcelona 1965), in dem der Herausgeber Ramon Roca-Puig auf die Besonderheiten
dieser frühen rhythmischen Dichtung aus dem 4. Jahrhundert eingeht. Ebenfalls
"in fernen Landen" erstanden, wurde eine kleine und mit Miniaturen versehene
äthiopische Originalhandschrift mit Gebetstexten (ohne weitere Angaben) von
seinem Besitzer behutsam dargeboten. Wie immer gab es auch Sammlungsstücke, die
sich auf die Stadt Halle bezogen, so der Foto- und Textband von Anja Tietz zu
dem historischen Stadtgottesacker in Halle (Halle 2003) und zwei Aquarelle des
halleschen Malers Carl Jolas (1867-1948) sowie Zeichnungen des ebenfalls aus
Halle stammenden Hans Lichtwald (1874-1953). Beide Künstler gehörten dem
Künstlerverein "Auf dem Pflug" an, der von 1905 bis 1940 in Halle existierte.
Auch ein handgeschriebenes Vortragsmanuskript des Reichstagsabgeordneten Otto
Harnisch aus Pirna gehörten zur Präsentation dieses Sammlers. Der Höhepunkt des
Abends war aber eine noch im Entstehen begriffene Dokumentation eines Hallensers
über die sogenannten Halleschen literarischen Kammerabende, eine
literarischbibliophil geprägte Vereinigung von Literaturfreunden und Sammlern,
die vor dem Zweiten Weltkrieg in Halle bestand und bei der namhafte
Schriftsteller der Zeit, wie Carl Zuckmayer, Theodor Däubler, Ina Seidel oder
Joachim Ringelnatz, zu Gast waren. Die hierzu von dem Sammler gezeigten
Autographen und Belege waren für die meisten Besucher eine verblüffende
Entdeckung und ließen den Gedanken reifen, diese Vereinigung einmal in den
Mittelpunkt eines Veranstaltungsabends zu stellen. – Nicht nur die mitgebrachten
interessanten und kostbaren Schätze konnten am Ende des Abends wieder mit nach
Hause genommen werden, sondern auch viele und starke Eindrücke und Anregungen.
Ute Willer

Verlag Janos Stekovics Wettin. Schon einmal hatten
die halleschen Pirckheimer den Verleger Janos Stekovics zu Gast. Diese Begegnung
im Dezember 1998 waren vielen so gut in Erinnerung geblieben, daß ein großes
Interesse bestand, den nunmehr seit 18 Jahren arbeitenden Verlag erneut in den
Mittelpunkt eines Abends zu stellen. So gab Janos Stekovics am 31. März 2010 den
interessierten Zuhörern einen lebendigen Überblick zur Geschichte seines
inzwischen „volljährigen“ Unternehmens - eine Geschichte, die sich von Anfang an
erfolgreich entwickelte. Konnte der nach seinem Gründer benannte Verlag, der
seit 1994 in der Nähe von Wettin im Saalekreis seßhaft geworden ist, vor 12
Jahren auf rund 50 produzierte Titel verweisen, so sind es heute bereits 400.
Dabei fing alles eher zufällig und „ganz klein“ in einer bescheidenen
Zweizimmerwohnung mitten in Halle an. Stekovics, 1959 in Ungarn geboren und seit
1979 in Deutschland lebend, kam über das Fotografieren zum Buch. Er arbeitete
als freier Fotojournalist in Merseburg, München und Passau und gestaltete
werbende Broschüren für unterschiedliche Einrichtungen und Unternehmen. Als für
einen Druckauftrag schließlich eine Gewerbegenehmigung notwendig wurde,
entschloß er sich zur Gründung eines eigenen Verlages. Im Februar 1992 war es
soweit. Neue Aufgaben und Arbeitsvorgänge standen nun vor ihm und seinem
Miniunternehmen, die ohne fremde Hilfe in „eigener Regie“ gelöst und bewältigt
wurden. Nach etwa drei Jahren mühseliger Herausgabe kleinerer, vorrangig der
Region verpflichteter Publikationen gelang 1996 mit der Veröffentlichung des
Novalis-Märchens Hyazinth und Rosenblüt, illustriert und gestaltet von dem
halleschen Graphiker Lutz Grumbach, der Durchbruch und Beginn einer
anspruchsvollen Verlagsarbeit. Mit Lutz Grumbach sollte ihn auch weiterhin eine
gute und helfende Zusammenarbeit verbinden. Bereits bei den kleineren Ausgaben
der Anfangsjahre war dem Verleger und Fotografen Janos Stekovics stets die
„Bildbetonung“ seiner Publikationen wesentlich. So gelten die Ausgaben der nun
folgenden Jahre auch in erster Linie der Kunst und Architektur oder überhaupt
dem bildmäßig gut ausgestatteten Buch. Daß Janos Stekovics weiterhin – und das
in hervorragender Weise – sein eigener Fotograf und meist auch Gestalter seiner
Bücher ist, begründet nicht nur ihre solide Qualität, sondern wirkt sich auch
kundenfreundlich auf ihren Preis aus. Kein Wunder also, daß der Name Stekovics
bei den Museen, Touristikverbänden und anderen Kultureinrichtungen inzwischen so
bekannt und begehrt ist, daß sich die Aufträge nicht nur auf Stadt- und
Museumsführer beschränken. Inzwischen ist auch eine stattliche Anzahl
vorzüglicher Bildbände und Kataloge für namhafte Kultureinrichtungen entstanden.
Und das weit über Mitteldeutschland hinaus. Bleibt nachzutragen, daß dem Verlag,
der nur über drei feste und fünf freie Mitarbeiter verfügt, bisher die Aufträge
und Bestellungen ohne einen werbenden Verlagsbeauftragten erreicht haben. Seit
15 Jahren präsentiert der Verlag seine Bücher erfolgreich auf der Leipziger
Buchmesse. Mit mehr als 30 Neuerscheinungen war er das letzte Mal dabei.
Die Palette des Verlages hat sich in den 18 Jahren seines Bestehens erheblich
erweitert. Neben den zahlreichen Reihen der Steko-Kunst-, Museums- und
Stadtführer, den opulenten Foto- und Bildbänden stehen inzwischen auch
historische, biographische sowie nicht wenige belletristische und lyrische
Publikationen. Auch eine Wissenschaftliche Bibliothek gibt es. Wesentlich aber
geblieben sind die Editionen zu Mitteldeutschland mit den Schwerpunkten Halle,
Magdeburg und Leipzig. Die Bücher des Stekovics-Verlages – die
Kleinstpublikationen ebenso wie die reich ausgestatteten Bildbände – sind nicht
nur von drucktechnischer Gediegenheit und Ästhetik. Sie weisen auch auf einen
Verleger, dem neben der guten Zusammenarbeit mit seinen Auftraggebern stets auch
das eigene Verhältnis zu der jeweiligen Materie und Thematik wesentlich ist.
Ute Willer

Axel Bertrams Vorlaß befindet sich seit
einigen Jahren im Deutschen Buch- und Schriftmuseum, das sich um die
Zusammenführung von Arbeiten bedeutender Buchkünstler und Gebrauchsgraphiker
bemüht (Kapr, Schiller, Tschichold, Willberg). Was also lag für die Leipziger
Bibliophilen näher, als Axel Bertram zu einem Gespräch über seine graphischen
Arbeiten einzuladen. Am 2. Februar 2010 war das Sitzungszimmer der Deutschen
Bücherei wohlgefüllt, auf den Tischen lagen alte und neue Zeugnisse aus Bertrams
Werkstatt aus, und der Autor legte gleich zu Beginn seiner Ausführungen Wert auf
die Feststellung, kein Buchkünstler oder -gestalter, sondern ein
Gebrauchsgraphiker zu sein – wohl ganz im Sinne von Werner Klemke, der auch
stets sagte »weil ick jebraucht werden will«. Zunächst stellte Axel Bertram
seine Arbeiten für Schutzumschläge und Einbände vor. Er hatte nach dem Diplom
1960 das Glück, gleich mit dem renommierten Verlag Volk und Welt in Kontakt zu
kommen, der damals in der DDR die innovativsten Umschlaggestaltungen vorlegte.
Den Hörern wurde nun – in moderner Powerpoint-Präsentation – eine Fülle von
Umschlägen vorgeführt, viele davon bekannt, ohne daß man immer den Urheber hätte
benennen können. Elegante typographische Lösungen, die Strenge mit Vitalität
verbinden, auch mit Einsatz gebrochener Schriften und kalligraphischer Elemente:
Umschläge, sowohl klassisch wie modern, wie sie in der heutigen bunten Werbewelt
nicht mehr möglich sind. Das zeigte sich auch in den jüngeren Arbeiten,
Gesamtgestaltungen, zum Teil auch mit Illustrationen, für den Verlag Gustav
Lübbe, bei denen der Graphiker auf die neuen Sehgewohnheiten des Publikums und
die Werbeziele des Verlags Rücksicht nehmen muß. Er tut dies aber mit Grandezza!
– Sodann kamen Axel Bertrams Arbeiten für Zeitschriften wie Wochenpost und
Sibylle zur Sprache, darunter ideenreiche Text-Bild-Kompositionen, so suggestiv
wie einfach, daß man wiederum vergißt, nach dem Urheber zu fragen. – Anfang der
1980er Jahre begann Axel Bertram einige kalligraphische Projekte zu realisieren,
beginnend mit dem kleinen quadratischen Bändchen Das Buch Suleika (1982) aus
Goethes Westöstlichem Divan. Im darauffolgenden Jahr erschien dann, wiederum im
Verlag der Nation, Das Hohe Lied Salomo, kalligraphisch inszeniert als
Zwiegespräch zwischen den Liebenden. Und zwanzig Jahre später nimmt Axel Bertram
diese Linie noch einmal auf mit dem Buch Hiob (Faber & Faber 2003) nach der
Lutherschen Übertragung und mit dessen Marginalien. – Ein über viele Jahre
verfolgtes, lange gewachsenes und schließlich vollendetes Projekt war Das
wohltemperierte Alphabet (Faber & Faber 2004), eine wunderbare Kulturgeschichte
durch 600 Jahre Schriftkultur, zu der auch Axel Bertram selbst beigetragen hat
durch mehrere von ihm gestaltete Schriften, deren bekannteste die ›Lucinde‹ ist,
die der Lehmstedt Verlag zum Beispiel zur Hausschrift machte. – Beeindruckt von
der Spannweite und dem Umfang des gebrauchsgraphischen und schriftkünstlerischen
Werkes von Axel Bertram, schieden die Besucher nach herzlichem Applaus in
bibliophilem Entzücken.
Herbert Kästner

Samuel Fischer-Biographie von Barbara
Hoffmeister. Nur wenige Verleger haben Profil und Entwicklung einer ganzen
literarischen Epoche so tiefgreifend geprägt wie der 1859 (oder 1858?) in Ungarn
geborene deutsch-jüdische Samuel Fischer. Die Geschichte des von ihm 1886 in
Berlin begründeten Verlages und seiner Beziehungen zu Autoren wie Gerhart
Hauptmann, Thomas Mann, Hermann Hesse, Arthur Schnitzler oder Hugo von
Hofmannsthal ist vielfältig untersucht und dargestellt worden, eine eingehende
Lebensbeschreibung des Verlegers selbst dagegen fehlte, nicht zuletzt, weil die
Quellenlage schwierig ist. Barbara Hoffmeister versucht, mit ihrem Buch S.
Fischer. Der Verleger (Frankfurt am Main, 2009, 494 Seiten) diese Lücke zu
schließen. Gelungen ist ihr das freilich nur ansatzweise. Während sie sich
eingehend mit dem Umfeld beschäftigt – dem familiären, dem religiösen, dem
politischen, dem kulturellen, dem verlagsgeschichtlichen, dem theater- und
literaturgeschichtlichen –, verschwindet ihr „Held“ seiten- und kapitelweise aus
dem Blickfeld oder bleibt blaße Randfigur. Dies ist umso bedauerlicher, als sie
bei ihren Recherchen immer wieder auf neue, manchmal höchst verblüffende Details
gestoßen ist, die den Ansatz zu einem modernen, farbenkräftigen Fischer-Porträt
hätten bieten können. Am 16. Februar 2010 war Barbara Hoffmeister mit ihrem Buch
Gast des Leipziger Bibliophilen-Abends, der aufgrund des Andrangs in den Großen
Saal im Haus des Buches ausweichen mußte. Die lebhafte Diskussion im Anschluß an
die Lesung demonstrierte einmal mehr, daß die Geschichte des deutschen
Verlagswesens unvermindert auf großes Interesse stößt.
Mark Lehmstedt

Verlagsgeschichtliche Themen
gehören naturgemäß zum Kanon bibliophiler Beschäftigung und garantieren bei
einschlägigen Veranstaltungen stets zahlreiche Zuhörerschaft, was sich am 30.
März 2010 bei der Premiere des Buches von Sabine Knopf Katharina Kippenberg –
Herrin der Insel (Beucha, Markkleeberg: Sax-Verlag, 2010. 18 Euro. ISBN
978-3-86729-051-7) im Leipziger Haus des Buches erneut bestätigte. Sabine Knopfs
handliches, gut bebildertes und praktisch benutzbares Buch (DIN-gerechte
Anbringung der Fußnoten!) unternimmt den ersten Versuch einer umfassenden
biographischen Würdigung von Katharina Kippenberg (1876-1947), der Ehefrau des
Insel-Verlegers Anton Kippenberg (1874-1950). Kippenbergs überragende
verlegerische Leistung läßt oft übersehen, daß seine Frau am Verlagsgeschehen
aktiv beteiligt war und dies in einer für die Zeit ungewöhnlichen Intensität.
Diesem Sinnzusammenhang ist die Knopfsche Arbeit verpflichtet. Sie zeigt, wie
Katharina Kippenberg das Programm des Verlages über Jahrzehnte mitbestimmte und
wie sehr sie dem Editionsspektrum neue Akzente verleihen konnte, hin und wieder
auch gegen Anton Kippenbergs Willen. Und man kann dieser aus heutiger Sicht
irritierendambivalenten Persönlichkeit den Respekt nicht versagen. Sabine Knopfs
Buch verdeutlicht überraschend, welch immense Lebensleistung sie in den Verlag
eingebracht hat. Die in Hamburg als Katharina von Düring geborene spätere
Verlegerfrau stammte aus bremischem Uradel, ihre weiteren Lebensstationen waren
Leipzig, Weimar, Walbeck und Marburg. 1903 beginnt sie an der Leipziger
Universität ein Studium als Gasthörerin (ein reguläres Studium für Frauen gab es
noch nicht) und hört Vorlesungen in Philosophie und Literatur. Im Juni 1905
lernt sie den aus Bremen stammenden Anton Kippenberg kennen, der wenig später in
den Insel-Verlag eintritt und diesen von 1906 an bis 1950 leiten wird. Im
Dezember 1905 heiraten der Lehrerssohn und das adelige Fräulein. Familienleben
und Verlagsexistenz bestimmen gleichermaßen von nun an das Leben der Katharina
Kippenberg, von der es heißt, sie habe ihre Rollen als Hausfrau, Mutter und
Lektorin bewundernswert erfüllt. 1906 und 1910 werden die beiden Töchter
geboren. Der Lebensstil der Kippenbergs trägt Katharinas Handschrift. Während
Anton Kippenbergs Kriegsdienst in Flandern hält sie gar die Verlagszügel fest in
der Hand. Selten wohl hat eine Frau im Verlagsgewerbe in der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts eine solche Bedeutung erlangen können. Dies schlüssig
herausgearbeitet zu haben, ist eines der Verdienste dieses Buches. An diese
Tatsache sollten wir uns hin und wieder erinnern, wenn wir das eine oder andere
besonders geliebte Stück aus der Insel-Produktion in die Hand nehmen. Am Weltruf
des Insel-Verlages hat Katharina Kippenberg ihren Anteil, nicht zu Unrecht hat
Sabine Knopf deshalb ihrem Buch jenes Zitat von der „Herrin der Insel“ als
Untertitel beigegeben. Große und berühmte Namen zieren die Verlags- wie auch die
Gästeliste der Kippenbergs: Rilke, Hofmannsthal, Stefan Zweig, Leonhard Frank,
Carossa, Däubler, Ricarda Huch, Becher, Lawrence, Virginia Woolf, Huxley ... –
ein Verlag als Spiegel seiner Zeit. Umso bestürzender das Ende: im Bombenhagel
des Krieges gehen Verlag, Bücherlager und auch die Gohliser Villa der
Kippenbergs zugrunde. Wenig kündet heute in Leipzig noch von Größe und
Ausstrahlung dieses einstmaligen Verlages von weltliterarischer Bedeutung und
ihrer Inhaber. Vor dem Hintergrund des endgültigen Wegzugs oder Absterbens von
Verlagsunternehmungen, deren Namen signalhaft für einstigen Ruhm und Ruf der
„Buchstadt“ Leipzig stehen (und auch über die gewiß schwierigen Jahrzehnte der
DDR bewahrt geblieben waren), erweisen sich solche Publikationen wie die
vorliegende als nobel und hochanerkennenswert, weil sie Lücken schließen und auf
Verluste aufmerksam machen und somit notwendig für jede Erinnerungsarbeit sind.
Eberhard Patzig

Italiensehnsucht. Mitglieder der
Regionalgruppe Rhein-Main-Neckar besuchten am 16. Januar eine Präsentation von
Künstlerzeichnungen aus dem Besitz des Engelhorn-Reiss-Museums in Mannheim. Der
Kurator der Bilder- und Graphiksammlung dieses Museums, Andreas Krock M.A.,
führte durch die Sonderausstellung unter dem Thema Italiensehnsucht –
Künstlereindrücke im 18. und 19. Jahrhundert. Er hatte Zeichnungen
zusammengestellt, welche Künstler aus dem Umfeld des Mannheimer kurfürstlichen
Hofes von ihren Reisen durch Italien mitgebracht hatten. Einige dieser Graphiker
waren Lehrer an der hiesigen Zeichenschule, die zwar nicht lange existierte,
aber einen guten Ruf hatte. Die zumeist außerordentlich malerischen Ansichten
sind von hohem sinnlichem Reiz. Sie sind ein geradezu bildlicher Beleg für die
bis heute nachwirkende Sehnsucht der Deutschen nach dem „Land, wo die Zitronen
blühen“. Die Sujets der Zeichnungen sind oft antike Ruinen, was einhergeht mit
der in dem genannten Zeitraum zu beobachtenden Manie der Nachbauten
phantastischer Ruinen antiken Stils in fürstlichen Gärten und Parks. – Bei einem
gemeinsamen Mittagessen mit Andreas Krock konnten die Eindrücke vertieft und
Details erörtert werden.
FP

Werner Klemke, der phantasievolle Graphiker.
Das Märztreffen der Regionalgruppe Rhein-Main-Neckar stand im Zeichen Werner
Klemkes (1917-1994), des bedeutenden, weit über die Grenzen Deutschlands hinaus
bekannten Illustrators. Ferdinand Puhe hatte mehr als einen Arm voller Bücher
mitgebracht, deren einfallsreiche Illustrationen die geradezu geniale
Schöpferkraft und den Erfindungsreichtum des Berliner Künstlers und Lehrers
belegen. Die von Puhe getroffene Auswahl reichte von Georg Weerths Humoristische
Skizzen aus dem deutschen Handelsleben (1949) über Christian Reuters
Schelmuffski (1954), Boccaccios Das Dekameron (1958) - dieses in
altmeisterlicher, aber erfindungsreicher Art -, Jakob und Wilhelm Grimms Kinder
und Hausmärchen (1963), Thomas Manns Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull
(1965) mit seinen verschmitzt hellen und heiteren Farbzeichnungen bis zu Horst
Kunzes Im Mittelpunkt das Buch (1980) und vielen weiteren wichtigen
Illustrationswerken. Die Zuhörer und -schauer waren gefesselt von den vielerlei
Aspekten des umfangreichen Schaffens dieses leider zu früh verstorbenen
Künstlers. Klemkes Werk ist in den MARGINALIEN oft, auch in Einzelteilen,
dargestellt worden. So kann an dieser Stelle darauf verzichtet werden.
FP

Augenweide und Leselust. Die Drucke
des Leipziger Bibliophilen-Abends e. V. Unser Mitglied Klaus Nowak, Eutin,
sammelt nicht nur schöne Bücher, sondern sorgt auch für die Verbreitung der
Liebe zum schönen Buch. Erst im April stellte er seine Sammlung von Büchern und
Drucken Karl-Georg Hirschs in der Kreisbibliothek seiner Heimatstadt vor. Vom 7.
Mai bis 11. Juni sind jetzt in der Christian-Albrechts-Universität Kiel Drucke
des Leipziger Bibliophilen-Abends aus seiner Sammlung zu sehen. Geboten wird ein
Überblick über die bibliophilen Drucke aus den letzten 20 Jahren –
originalgraphisch illustrierte und mit typographischer Noblesse gestaltete
literarische Texte, unter denen mehr als die Hälfte Erstdrucke zeitgenössischer
Autoren sind. Gleichzeitig entsteht ein Überblick über die Arbeitsweise
zahlreicher hochrangiger Illustratoren, Graphiker und Buchgestalter, wie Egbert
Herfurth, Karl-Georg Hirsch, Günter Jacobi, Albert Kapr, Angelika und Rolf
Kuhrt, Reinhard Minkewitz, Volker Pfüller, Walter Schiller, Hans Ticha und Gert
Wunderlich. Zur Eröffnung der Ausstellung sprach der Vorsitzende des LBA,
Herbert Kästner. Zur Ausstellung wird der Katalog des LBA "Augenweide und
Leselust". Die Drucke des Leipziger Bibliophilen-Abends e. V. (Preis: 20 Euro)
angeboten.

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