Redaktionsschluss 6. April 2009

Wir gratulieren unseren Mitgliedern
Harald Kretzschmar und das Kulturbiotop Kleinmachnow
Einblicke in Graphiksammlung Robert Wolf
„Schönste Bücher“ 2008 in Berlin
Buchschätze aus dem vergangenen Jahr
Hommage à HAP Grieshaber
Ohne Bedenken
Über Picassos sieben Leben / Lieben
Hans Natonek beim LBA
Mendelssohn Bartholdy – 200 Jahre!
Zu einer Faschingssitzung
Augenweide und Leselust
Schnickschnack rund ums Buch



 

 

 

 

 

Wir gratulieren unseren Mitgliedern. Zum 50. Geburtstag: Dr. Andreas Haltenhoff (Dresden) am 6. 7., Frank Albrecht (Schriesheim) am 15. 9. Zum 60. Geburtstag: Wolfgang Jeske (Berlin) am 17. 8., Alois Müller-Mosberger (Starrkirch-Wil, Schweiz) am 29. 9. Zum 65. Geburtstag: Rainer Loska (Nürnberg) am 10. 8., Peter Rudolf Meinfelder (Saalfelder Höhe) am 9. 9., Prof. Dr. Renate Reschke (Berlin) am 14. 9. Zum 70. Geburtstag: Raimund Reiserer (Wasserburg) am 2. 7., Frieder Rakete (Oldenburg) am 13. 7., Lothar Lesche (Berlin) am 2. 8., Martin Douglas (Oadby, Großbritannien) am 22. 8., Rosa Viergutz (Erkner) am 26. 8., Helmut Wehmeyer (Gummersbach) am 11. 9. Zum 75. Geburtstag: Dieter Hoffmann (Geiselwind) am 2. 8. Zum 80. Geburtstag: Prof. Dr. Karl-Diether Gussek (Halle/Saale) am 17. 8., Ingeborg Eckert (Berlin) am 3. 9. Zum 85. Geburtstag: Otto Neidhardt (Flieden) am 7. 7.

Harald Kretzschmar und das Kulturbiotop Kleinmachnow. Selten war ein Abend der Regionalgruppe Berlin-Brandenburg so gut besucht. Gleich zu Beginn des Jahres stellte Harald Kretschmar sein Buch Paradies der Begegnungen vor. Viele Besucher hatten wohl noch immer die Portraitkarikaturen prominenter Persönlichkeiten aus der Kulturszene vor Augen, die im Eulenspiegel stets an einem bestimmten Platz zu finden gewesen waren. Der witzige Zeichner zählte von 1955 bis 1990 zu den freien Mitarbeitern dieser Wochenzeitschrift. Nicht wenige Interessenten waren eigens aus Kleinmachnow angereist, um die in Archiven und Bibliotheken sorgfältig recherchierten Begebenheiten über Leben und Werk namhafter Bewohner dieses Kulturbiotops zu erfahren. Der Autor wohnt und arbeitet dort seit 53 Jahren. Wer sonst könnte sich in diesem Schmelztiegel von Begabungen, Berufen und Charakteren besser auskennen? Auf die Frage nach der nunmehr überfälligen Ehrenbürgerschaft antwortete der Autor entspannt und heiter, ihm sei die jetzige Ausstellung seiner Portraitzeichnungen im Rathaus wichtiger. Auf diese Weise könnten die heutigen Bewohner ihre „Vorfahren“ kennenlernen. Erfreulich war auch die große Nachfrage nach Widmungsexemplaren dieses gelungenen Bild-Text-Bandes.

Seit der Leipziger Buchmesse ist ein weiteres Kretzschmar-Buch auf dem Markt: Hauptsache Kopflos von Harald Kretzschmar und Hans Dieter Schütt, Karl Dietz Verlag Berlin. Darin können 69 Karikaturen aktueller Politiker und Künstler bestaunt werden. In einer etwas anderen Chronik der 20 Jahre seit dem Mauerfall blickt man in die mit schnellen, karikaturhaften Strichen und mit Mitteln des Cartoons auf Papier gebannten Gesichter, unter anderem von Egon Bahr, Bärbel Bohley, Jenny Gröllmann, Horst Köhler, Christian Klar, Helmut Kohl. Kurioses und Groteskes wird auch im Text von H. D. Schütt auf den Punkt gebracht. Wunderbar!

Robert Wolf

Einblicke in Graphiksammlung Robert Wolf. Der Kleine Säulensaal der Landes- und Zentralbibliothek hatte sich überraschend in eine einladende Bildergalerie verwandelt, als Robert Wolf, von Beruf Diplomwirtschaftler, am 12. Februar vor zahlreichen Berlin-Brandenburger Pirckheimern Einblicke in seine Graphiksammlung gewährte, die über 25 Jahre hinweg zusammengetragen und 1985 im wesentlichen abgeschlossen wurde. Mit einem fein ausgewogenen Statement über Reiz, Wert und Kennerschaft des Graphiksammelns und die zentrale Rolle des Druckers eröffnete er den Abend. Ausstellungen im Dresdener Kupferstich-Kabinett, auch eine Charlotte-E.-Pauly-Ausstellung im Dresdner Leonhardi-Museum hätten erste Anregungen gegeben und den Wunsch geweckt, schöne Dinge um sich zu versammeln.

Aus reichlich 600 Arbeiten von 65 Malern und Graphikern war natürlich für die abendliche Präsentation Auswahl vonnöten. Immerhin 66 Arbeiten größeren Formats wurden vorgestellt, die den handschriftlichen Reichtum der Sammlung wie ihre technische und motivische Vielfalt bezeugten und den ganz persönlichen Blick des Sammlers auf den besonderen Reiz so manch eines Druckes eindrucksvoll vermittelten. Vorlieben wurden deutlich, so für Holzschnitte von Wilhelm Rudolph, besonders für das seltene Blatt Alte Scheune (vor 1945); neben dem bekannten Holzschnitt Winter im Helfenberger Grund (1963/64 ) für den Sammler eines der Hauptwerke des Künstlers, erworben aus der Sammlung Nebulowski, Rudolphs Zahnarzt. Herausgehoben präsentiert wurden daneben aber auch Blätter von Hans Theo Richter, Herbert Tucholski, Gerhard Altenbourg, Herta Günther, Willy Wolf, Rolf Händler und Hermann Glöckner (von ihm gar Druckvarianten), begleitet von der Erinnerung an einen Atelierbesuch im Dresdner Künstlerhaus, als der alte Glöckner, länger im Inneren der Wohnung verschwunden, mit einer wunderbaren Vase für die mitgebrachten Blumen zurückkehrte und den Atelierbesuch damit adelte. So etwas bleibt im Gedächtnis! Doch waren auch jene Künstler summarisch präsent, die nicht in die Auswahl einbezogen werden konnten: Carlfriedrich Claus, Bernhard Heisig, Horst Hussel ... Zwei Stunden sind schnell vorbei!

Gleich zu Beginn zeigte Wolf seine allererste Erwerbung, die Kaltnadelradierung Sitzender weiblicher Akt von Walter Arnold. Auch das Plakat des Berliners Dieter Goltzsche für den 1. Berliner Graphikmarkt der Pirckheimer-Gesellschaft (1975), ein Offsetdruck, nebst Zeichnung für einen verworfenen Plakatentwurf, waren zu betrachten. Ebenso eine 1988 Lothar Lang gewidmete farbige Eisenradierung des Altenburgers Peter Schnürpel, auf einer Auktion erworben. Heiter-ironische Einlassungen zu Erfahrungen beim Erwerb, mit Preisen, mit der Numerierung von Auflagen (das zuletzt gedruckte Blatt, weil obenauf liegend, sei manchmal eben die Nummer 1!) würzten die Präsentation. Wolf wählte nach seinem Qualitätsgefühl aus, die Numerierung sei nie entscheidend gewesen. Arbeiten neben anderen auch von Tübke, Mattheuer, Nuria Quevedo, von Friedrich Press, Wieland Förster, Claus Weidensdorfer, Sibylle Leifer, Max Uhlig, HAP Grieshaber, Hans Jüchser und Harald Metzkes erfreuten das Auge.

Nachdrücklich erinnerte Robert Wolf an den Berliner Graphikmarkt (1975-1990) und an die Kabinettpresse (1965-1974), an eine anregende schöne Zeit des Graphiksammelns. Er selbst hatte ja gemeinsam mit dem Galeristen Peter Röske und der Kunsthistorikerin Gudrun Schmidt den Berliner Graphikmarkt betreut, befand sich quasi an der Quelle, knüpfte damals viele Kontakte zu Künstlern und fand die Türen zu den Ateliers weit offen. Resümierend die „herausfordernde" Frage am Schluß: War das nun alles „Staats“kunst? Lachend spendeten die beeindruckten Pirckheimer herzlichen Beifall.

Ursula Lang

Schönste Bücher“ 2008 in Berlin. Die Vorstellung des neuen Jahrgangs der „Schönsten deutschen Bücher“ erfolgte am 5. März an einem ungewohnten Ort, der Kunstbibliothek am Matthäikirchplatz. Im geräumigen und atmosphärischen Studiensaal wurden die Berlin-Brandenburger Pirckheimer und etliche Gäste, darunter auch zwei Juroren, vom Leiter und den Mitarbeitern freundlich willkommen geheißen. Die pämiierten Bücher lagen an den Arbeitsplätzen zur Vorbesichtigung aus, und so begutachteten die Frühgekommenen schon die Bände, lange bevor Uta Schneider von der Stiftung Buchkunst Frankfurt am Main mit ihren Ausführungen begann. Die beiden Jurys hatten wieder ganze Arbeit zu leisten, schon die Zahl der eingereichten Bücher (1072 aus 468 Verlagen) übertraf wiederum die des Rekordjahres 2007. Letztlich wurden dann 52 Prämiierungen und zehn Anerkennungen ausgesprochen. Wie auch in den Vorjahren lag die Gruppe 5 (Kunstbücher) mit fast 300 Einsendungen an der Spitze, und auch bei strengster Jurierung ging der 1. Preis der Stiftung Buchkunst an ein Buch dieser Gruppe, die von Eugen Blume und Catherine Nichols herausgegebene opulente Joseph-Beuys-Dokumentation Die Revolution sind wir (Steidl Verlag, Göttingen). Der 2. Preis wurde geteilt und ging zum einen an eine neue Reihe, die Reclam Bibliothek, die klassische Texte in klarer Typographie und dezenter Gestaltung mit Streifenumschlägen herausbringt, so Miltons Verlorenes Paradies oder zweisprachig Vergils Aeneis. Der andere 2. Preis, für die Designgeschichte Projekt Vitra, ging an den Birkhäuser Verlag (Basel), dessen Adrian-Frutiger-Schriften-Werk ebenfalls prämiiert wurde und dessen Fachbuch Stromlagen River-scapes. Urbane Flußlandschaften gestalten eine Anerkennung erhielt. Außer dem Birkhäuser Verlag errangen weitere fünf Schweizer Verlage Prämiierungen, der Lars Müller Publishers in Baden für zwei Titel. Das ist jedoch nur zulässig, wenn wesentliche Teile der Produktion in Deutschland erfolgen, versicherte Uta Schneider.

Den 3. Preis erhielt der Boje Verlag (Köln) für Kiplings Dschungelbücher mit den Illustrationen von Martin Baltscheit, der auch an dem Kinderbuch Der kleine Herr Paul stellt sich vor (BV Berlin Verlag) maßgeblich beteiligt ist. Auch Armin Abmeiers Tolle Hefte (Büchergilde Gutenberg) waren wieder dabei, diesmal T.C. Boyles Windsbraut mit Zeichnungen von Christoph Niemann. Verglichen mit diesem kleinen Heft wirkte Thomas Pynchons Gegen den Tag (Rowohlt) mit seinen fast 1500 Seiten im Dünndruck wie ein Elefant zu einer Libelle. In der Gruppe 7 konnten diesmal einige Schulbücher ausgezeichnet werden, so ein ansprechendes und das Lernen zur Freude machendes Latein-Lehrbuch Comes 1 bei Oldenbourg (München). In der Gruppe 8 der Sonderfälle findet sich ein auch international ausgezeichnetes Leipzig-Buch von Kerstin Rupp So siehts aus (Eigenverlag), eine Abschlußarbeit, hergestellt in der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Drei Förderpreise für junge Buchgestalter gingen nach Stuttgart, Frankfurt am Main und Bremen. – Viel wäre noch zu sagen und zu fragen, der Abend in der Kunstbibliothek hat aber gezeigt, daß die deutsche Buchkunst immer wieder junge Kräfte mit neuen Ideen hervorbringt.

Konrad Hawlitzki

Buchschätze aus dem vergangenen Jahr. Auch diesmal sollte der Mitbringselabend der halleschen Pirckheimer am 27. Januar 2009 die Lese- und Kunstinteressen der Beteiligten in aller Vielfalt darlegen. Da sich Bücher nun einmal besser aus den Regalen nehmen lassen als Kunstwerke von den Wänden und aus den Graphikschränken, drehte sich die Vorstellung der mitgebrachten Schätze fast ausnahmslos um Bücher, die im letzten Jahr neu erworben oder einfach wieder neu entdeckt worden sind. Oft standen sie dabei in Verbindung mit Ausstellungsbesuchen und Reiseerlebnissen, über die dann auch sehr lebendig berichtet wurde  So über das von Johannes Heisig geschaffene Gelliehäuser Altarbild (Karlsruhe 2003), die viel beachteten Wa(h)re Lügen. Original und Fälschung im Dialog (Katalog Münster 2007), die Ausstellung Stimmungslandschaften. Gemälde von Walter Leistikow (1865-1908) (Katalog, Berlin 2008) oder auch über einen Besuch im Magdeburger Dom (Jürgen M.Pietsch/Giselher Quast, Leipzig 2005).

Mit einem Briefzitat aus der Ausgabe Mozart-Briefe (Hrsg. von Horst Wandrey, Zürich 1997) erinnerte Professor Dr. Wolfgang Kirsch an die zurückliegende Sommerexkursion der Gruppe nach Ossmannstedt, indem er jene Stelle vorlas, in der der junge Mozart erstaunlich ernsthaft seine Begegnung mit dem älteren Wieland und seine gemischten Eindrücke von dessen Persönlichkeit schildert. Eine weitere interessante und persönliche Auslese aus dem Bücherschrank Wolfgang Kirschs waren die edierten Briefe Gerhard Altenbourg – Lothar Lang. Briefwechsel 1965 – 1988  (hrsg. von Christa Grimm, Leipzig 2008). Andere Teilnehmer verbanden mit der Präsentation ihrer Bücher die direkte Vorstellung ihrer Sammlungsschwerpunkte, so Dr. Walter Müller, der gleichermaßen Literatur über die Sächsische Schweiz, wo er geboren wurde, als auch über die inzwischen zu seiner Heimat gewordene Saalestadt Halle nicht nur zusammenträgt, sondern auch wissenschaftlich auswertet und in vielerlei Form der interessierten Öffentlichkeit vermittelt. Sein besonderes Interesse gilt den alten Chroniken und Volkskalendern, von denen er Neuerwerbungen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert zeigen konnte. Auch Prof. Dr. Dankwart Stiller, emeritierter Pathologe, wies mit den Büchern von Carl Vogel: Die letzte Krankheit Goethes …Mit einer Nachschrift von C.W. Hufeland (Darmstadt o.J.) und W. H. Veil: Schillers Krankheit. Eine Studie über das Krankheitsgeschehen … (Naumburg 1945) auf seine besonderen, auch beruflich bedingten Interessengebiete hin.

Den „Sammlernerv“ vieler Pirckheimer trafen die bibliophilen Ausgaben der nachgedruckten Urschrift von Johann Wolfgang Goethes Elegie von Marienbad (Frankfurt 1911), die von Herbert Kästner herausgegebene Lyriksammlung Pegasus von vorn und hinten. Mit Holzstichen von Karl-Georg Hirsch (Leipzig 1983) oder das von Lothar Lang kommentierte Stichwort-Sonderheft Alberto Giacometti: Der Versuch ist alles (mit zwei Radierungen und einem Glasobjekt von Gerd Sonntag, Leipzig 2008). – Kochbücher, ursprünglich „Gebrauchsliteratur“, treten auch immer stärker als kulturgeschichtlich interessantes Sammelobjekt in Erscheinung. Das zeigte sich in der Ausgabe von Anja Knotz Die Tafelfreuden der preußischen Könige (München 2005) und in einem besonders seltenen handschriftlichen Kochbuch von 1806, das über den Verfasser oder die Verfasserin allerdings keinen Aufschluß gibt. – Wenn auch nur einige der an diesem Abend vorgestellten Bücher hier aufgezählt werden können, darf dennoch festgestellt werden, daß bei aller Unterschiedlichkeit der Sammlungsvorlieben das Engagement der Besitzer für ihre Buchschätze und die Begeisterung der anderen darüber voll übereinstimmten. Es war wieder ein sehr anregender Abend.

Ute Willer

Hommage à HAP Grieshaber. Die zu Ehren des 100. Geburtstages von HAP Grieshaber (1909-1981) in der halleschen Kunstvereinsgalerie im Opernhaus präsentierte Ausstellung Hommage à HAP Grieshaber. Holzschnitte hallescher Künstler (Marginalien, H. 1, 2009, S. 103) gab den halleschen Pirckheimern am 31. März 2009 Anlaß zum Besuch der Exposition – ein Besuch, der dank der sachkundigen und anregenden Führung durch den halleschen Künstler und „Burg“-Professor i.R. Rolf Müller zu einem echten Höhepunkt im Veranstaltungsleben der Gruppe werden sollte. Rolf Müller, selbst einer der in der Galerie vertretenen acht Holzschneider, die mit ihren Arbeiten dem großen Meister aus Reutlingen ihre Reverenz erweisen, würdigte zunächst die überragende Bedeutung Grieshabers und seine unvergleichlichen Verdienste um die Neubelebung des Holzschnitts im 20. Jahrhundert. Gleichzeitig wies er auch auf die Holzschnitt-Traditionen an der halleschen „Burg“ hin und auf Künstler wie Gerhard Marcks, Herbert Kitzel, Hannes H. Wagner oder Bernd Göbel. Mit letzterem stellte er dann auch die Verbindung zu den ausgestellten Arbeiten her, denn auch Göbel, der in der Öffentlichkeit vor allem als Bildhauer bekannt ist, zeigte hier mit seinen Arbeiten eine weitere interessante Seite seines künstlerischen Schaffens. Neben Rolf Müller und Bernd Göbel waren Arbeiten von Franca Bartholomäi, Günter Giseke, Christoph Meißner, Dietmar Petzold, Uwe Pfeifer und Frank Wahle ausgestellt – Künstler mit den unterschiedlichsten Ausdrucksformen, Materialien und Herangehensweisen, auf die Rolf Müller sehr sachkundig einging und dabei ihre Werke mit Zitaten namhafter Holzschneider der Kunstgeschichte kommentierte, die auf die jeweiligen Eigenarten der hier zu sehenden Arbeiten zutrafen. Diese Aussagen aus der Sicht kompetenter Holzschnitt-Künstler machte ein weiteres Mal die Vielfalt dieser traditionsreichen graphischen Technik deutlich. Um den formalen Reichtum des Holzschnitts noch stärker zu veranschaulichen, demonstrierte Rolf Müller anhand von Büchern und Mappen nicht nur die unterschiedlichsten Ausdrucksweisen, sondern auch die vielen Möglichkeiten der Technik – begonnen mit den naturnahen Abbildungen eines alten Pflanzenbuches aus dem 15. Jahrhundert bis hin zu den fast abstrakten Arbeiten moderner Künstler. Auch auf die Verschiedenartigkeit der Holzschnitte einzelner Kulturkreise wies Rolf Müller hin, so beispielsweise auf die zarten Drucke der chinesischen Künstler. Diese Exkurse kamen bei den Besuchern des Abends besonders gut an und verdeutlichten das Anliegen dieser Ausstellung, die alte graphische Technik des Holzschnitts, die leider in den letzten Jahrzehnten von vielen vernachlässigt wurde, nicht nur am Leben zu erhalten, sondern ihr auch wieder die notwendige öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Das Werk der halleschen Künstler leistet hierzu einen achtenswerten Beitrag und darf in diesem Sinne voll und ganz als eine Hommage à HAP Grieshaber angesehen werden. Daß Rolf Müllers engagierte Darlegungen das den Besuchern bewußt gemacht haben, dafür sei ihm besonders gedankt.

Ute Willer

Ohne Bedenken“ heißt die historische Leipziger Gosen-Schenke, in der sich am ersten Dezemberdienstag 2008 die Leipziger Bibliophilen zu ihrem traditionellen Geselligen Abend trafen. Bedenken allerdings mußten Veranstalter und Wirt ob der Vielzahl der Gäste haben, die aus nah und fern angereist waren und die Kapazität des Gastraumes überschritten. So rückte man zusammen und war bald im ›engen‹ bibliophilen Disput mit seinen Nachbarn verstrickt. Der Vorsitzende des LBA gab einen kurzen Rückblick auf das vergangene, ereignisreiche Vereinsjahr, und man gedachte der verstorbenen Mitglieder (Fromund Hoy, Dr. Hans-Theodor Koch, Prof. Walter Schiller). Erwartungen weckte eine Vorschau auf die bibliophilen Ereignisse im Jahr 2009. Nachdem Huhn, Hirsch oder Zander verzehrt waren, gab es als weitere gastronomische Köstlichkeit einen launigen Vortrag des Wirtes Dr. Helmut Hennebach über Geschichte und Schicksal jenes obergärigen Bieres, das seinen Namen angeblich aus der Stadt seines Ursprungs Goslar herleitet und das auch der junge Goethe reichlich genossen haben soll. Im Gegenzug erfuhr der Wirt, daß ein früherer Besitzer dieser historischen Gaststätte, Carl Cajeri, kurzzeitig (1904-1905) Mitglied des Leipziger Bibliophilen-Abend gewesen ist. Sodann fanden zwei Kisten mit Büchern aus einer Spende unter den Anwesenden in Blitzeseile ihre Abnehmer; die Präsentation der Mitbringsel zum Thema »Fundstücke aus Büchern« aber mußte wegen der fortgeschrittenen Zeit dann doch auf den kommenden Faschingsabend vertagt werden.

H. K.

Über Picassos sieben Leben / Lieben wollten auch die Leipziger Bibliophilen mehr erfahren und hatten für den 9. Januar 2009 Gertraude Clemenz-Kirsch eingeladen, die mit einer auf ihrem Buch Die sieben Leben Pablo Picassos basierenden Vortragsfolge schon bei den Hallenser Pirckheimern auf reges Interesse gestoßen ist (vgl. Marginalien, H. 185, 189, 193). Für Leipzig war, als chronologischer Beginn, La belle Fernande angesagt, Picassos erste große Liebe, mit der er acht gemeinsame Jahre verbrachte. – Trotz arktischer Temperaturen (– 16° C) zog diese Ankündigung ein so zahlreiches Publikum in das Haus des Buches, daß Notstühle herbeigebracht werden mußten. Und die Besucher wurden reich entschädigt durch einen äußerst informativen und detailreichen Bericht, in dem es Gertraude Clemenz-Kirsch gelang, den Einfluß von Picassos Frauen auf dessen künstlerisches Schaffen, auf Themen, Stil und Gestalt deutlich zu machen. Reiches Bildmaterial und Bücher ergänzten die mit Anteilnahme vorgetragenen Schilderungen über die künstlerischen Anfangsjahre und das nicht konfliktfreie Leben mit Fernande, und sogar das Montmartre-Fluidum vom Beginn des 20. Jahrhunderts wurde durch Tonbeispiele berühmter Chansonniers und Diseusen von Aristide Bruant bis Yvette Guilbert erlebbar. Nach zwei äußerst anregenden, kurzweiligen Stunden schieden Leipzigs Bibliophile, bereichert und erwärmt, wieder in die winterliche Kälte.

H. K.

 

Hans Natonek beim LBA. Bibliophile sind ein dankbares Publikum; neben Sachkenntnis bringen sie ein großes Interesse an Büchern und deren Geschichten mit. Und nicht nur die Erfolgreichen, die Erstausgaben, die bibliophilen Kostbarkeiten genießen ihre Wertschätzung – gerade Bücher, die abenteuerliche Wege zurücklegten, werden von ihnen mit besonderer Sympathie betrachtet. So kamen am 20. Januar 2009 die Mitglieder des Leipziger Bibliophilen-Abends ins Haus des Buches in Leipzig, um Herausgeberin Steffi Böttger zu hören, die sich seit 2005 mit Leben und Werk des Journalisten und Romanciers Hans Natonek beschäftigt. Steffi Böttger, eigentlich Schauspielerin, entdeckte Natonek, als sie ein Bühnenprogramm über Joseph Roth erarbeitete. Aus Neugier wurde Interesse, daraus Liebe. So entstand 2006 der Band Im Geräusch der Zeit mit Natoneks Publizistik aus den Jahren 1914-1933, 2008 folgte ein Band mit dem Briefwechsel zwischen Natonek und seinem Sohn Wolfgang aus den Jahren 1946-1962. Zu all dem waren Recherchen in verschiedenen Archiven und Bibliotheken notwendig, die die Herausgeberin bis in die USA führten, wo sie auf Einladung des emeritierten Professors für Neue Deutsche Literatur John M. Spalek den Nachlaß Natoneks aus den letzten zwanzig Lebensjahren studieren konnte. An diesem Abend jedoch standen die journalistischen Texte Hans Natoneks im Vordergrund, die von der großen Spannweite seiner essayistischen Arbeit zeugen. Theaterkritiken, politische Leitartikel, Glossen oder Besprechungen aufsehenerregender Gegenwartsliteratur – das Spektrum der Möglichkeiten Natoneks (auch das seiner Kompetenzen innerhalb der Redaktion der Neuen Leipziger Zeitung, deren Feuilletonchef er seit zirka 1926 war), reichte weit. Und so erlebten die Zuhörer einen wachen, neugierigen Journalisten, einen scharfen Beobachter, der dennoch Takt und Gerechtigkeit über alle Tagespolitik stellte, und nicht zuletzt einen leisen Humoristen, so daß der Abend dann doch recht fröhlich endete.

Mark Lehmstedt

Mendelssohn Bartholdy – 200 Jahre! Dieser Geburtstag des so frühvollendet Junggestorbenen darf schon als herausragendes Ereignis bezeichnet werden. Er wird gefeiert, allenthalben hört man seine Musik, die Bachstadt Leipzig bekennt sich, auch eine Mendelssohnstadt zu sein. Konzerte, Rundfunksendungen, Einspielungen, Bücher, eine große Ausstellung des Stadtgeschichtlichen Museums – wir wollen dies als Signale einer nachhaltigen Würdigung des vielleicht doch zu wenig Gekannten verstehen und daran teilhaben. Am Rande der großen Festveranstaltungen feierten auch die Leipziger Bibliophilen: Gefördert und ermöglicht von der rührigen Leitung des Mendelssohn-Hauses in Leipzig, wurde ein originär bibliophiles Thema aufgerufen: Felix Mendelssohn Bartholdy und seine Bücher, von Dr. Rudolf Elvers (geb. 1924), dem langjährigen Leiter der Musikabteilung der Staatsbibliothek – Preußischer Kulturbesitz Berlin, kongenial aufbereitet. Am 3. Februar 2009 war nicht nur der Zeitpunkt präzise getroffen, auch der Ort war passend gewählt: der Musiksalon in Mendelssohns Wohn- und Sterbehaus. Der vielzitierte genius loci war spürbar anwesend. Über Jahrzehnte verwachsen mit allem, was den Komponisten und seine Familie, Vor- und Nachfahren betrifft, gelang dem Referenten eine ebenso humorvoll-launige wie anrührende Darstellung seines nur scheinbar kleinen Themas im großen Jubiläumszusammenhang. Anhand der bei den diversen Umzügen des Mendelssohnschen Hausstandes geführten Listen haben wir einige, wenngleich lückenhafte Kenntnisse von der Bibliothek des Komponisten. Die Exemplare selbst sind heute weit verstreut, vielfach in unbekanntem Besitz. Aber durch Rudolf Elvers’ detektivischen Spürsinn konnten dem Mendelssohn-Bestand der Staatsbibliothek etliche hinzugefügt werden. Unvergeßlich wird den Teilnehmern des Abends die Geste bleiben, mit welcher der betagte Referent seinen Bücherbeutel (!) auf den Tisch hob: Da waren sie, die in Jahren akribischer Recherche gefundenen Bände und Bändchen mit den diversen Besitzereinträgen, vor allem aber die mit dem eigenhändigen Besitzvermerk Mendelssohns. Ein nachvollziehbares Lektürespektrum und eine ganz persönliche Alltagsgeschichte des Komponisten erstanden so vor den Augen der Zuhörer, die die Devotionalien sogar in die Hand nehmen durften: hübsche buntpapierbezogene Halblederbändchen von H. C. Andersen und Jean Paul oder das vom Referenten bevorzugte, erstaunlich frisch wirkende Großformat in rosa Seide Martin Luthers deutsche geistliche Lieder ... (Festschrift für die vierte Jubelfeier der Erfindung der Buchdruckerkunst von Carl von Winterfeld. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1840) und manches andere. Ein Abend voller Witz, Heiterkeit, Altersgelassenheit des Referenten, der gewiß vielen der zahlreich erschienenen Besucher lange in Erinnerung bleiben wird. Dieser Bericht ist vollständig nur mit der Erwähnung des jungen Pianisten Igor Gryshyn (geb. 1983 in Charkow), der Mendelssohnsche Musik zu Beginn und Ausgang der Veranstaltung zu Gehör brachte. Für den Bibliophilen war der Abend das denkwürdigste Ereignis an diesem Jubeltage in Leipzig überhaupt.

Eberhard Patzig

Zu einer Faschingssitzung hatte der Leipziger Bibliophilen-Abend für den 23. Februar 2009 eingeladen. Mit diesem Datum hat es eine besondere Bewandtnis: Am 23. Februar 1909 stand im historischen Vorgängerverein ebenfalls eine Faschingssitzung auf dem Programm, und die Überlieferung berichtet von launigen Vorträgen, gehalten von Walter Tiemann, Georg Witkowski, Carl Ernst Poeschel und Gustav Kirstein. Außerdem gab es eine Bücherlotterie und eine Faschingszeitung Bibliofole Neueste Nachrichten Nr. 1 (in Anlehnung an die Tageszeitung Leipziger Neueste Nachrichten). Ein Exemplar dieser Zeitung hat sich in der Deutschen Bücherei erhalten, und so gab es die Idee, genau 100 Jahre danach die Nr. 2 dieses – sodann säkularen – Periodikums herauszugeben, in dem manche Deformation im kulturellen und gesellschaftlichen Leben satirisch aufgespießt wird. Auch gab es wieder eine Bücherlotterie sowie eine kleine Auktion, und zur Erheiterung des zahlreichen Publikums trugen der Kabarettist Gunter Böhnke und Sibylle Dobroschke mit Lene-Voigt-Parodien klassischer Gedichte bei. Restexemplare der Faschingszeitung können gegen einen geringen Obolus von 10 Euro inklusive Porto beim Leipziger Bibliophilen-Abend angefordert werden.

H. K.

 

Augenweide und Leselust ist der Titel einer Ausstellung im Gutenberg-Museum Mainz, in der der Leipziger Bibliophilen-Abend seine Editionen vorstellt. Begonnen hat alles Mitte der 1980er Jahre mit der Reihe 24 x 34. Blätter zu Literatur und Graphik, damals noch herausgegeben von der Leipziger Pirckheimer-Gruppe. Bis 1990 lagen 15 Hefte in einer Auflage von je 50 Exemplaren vor. Diese Reihe, in der ausschließlich originalgraphisch ausgestattete Erstdrucke von Gegenwartsautoren erschienen, wurde nach Wiedergründung des Leipziger Bibliophilen-Abends 1991 mit einer zweiten Folge von ebenfalls 15 Ausgaben fortgesetzt, und an ihre Seite trat die Folge der Leipziger Drucke, in der pro Jahr ein in der Regel klassischer Text mit einer originalgraphischen Suite erscheint. Um die Jahrtausendwende realisierte der LBA mit der sechsbändigen Reihe Totentänze ein großangelegtes Projekt. Der Insel Verlag hat davon in Lizenz eine ›Volksausgabe‹ in der beliebten Insel-Bücherei vorgelegt. In Fortsetzung der Reihe 24 x 34, deren 30. und letztes Heft im Jahr 2000 erschien, wurde im Jahr 2001 die Serie Stich-Wort aufgelegt, die ebenfalls pro Jahr zwei Erstdrucke bietet. Zu Jubiläen und anderen Anlässen entstanden weitere Drucke außerhalb dieser Folgen wie beispielsweise die Festschriften anläßlich des 100. Gründungsjubiläums des Leipziger Bibliophilen-Abends oder anläßlich des 10. Jahrestages der Wiedergründung, das Baldwin Zettl-Werkverzeichnis oder - zur Jahrestagung der Gesellschaft der Bibliophilen 1995 in Leipzig - die Ausgabe Wenn Jerichow zum Westen gekommen wäre von Uwe Johnson. Etliche dieser Ausgaben wurden in nationalen und internationalen Wettbewerben ausgezeichnet. Im Jahr 2009 nun wird der 100. Druck erscheinen; Anlaß genug, diese ›schönen Leipziger Seiten‹ einem größeren Publikum zu präsentieren. Die Ausstellung, die am 8. April 2009 von Dieter Beuermann eröffnet wurde, ist bis zum 24. Juni 2009 zu sehen. Sie wird begleitet von einem opulenten Katalog, der die vollständige und durch 100 farbige Abbildungen illustrierte Bibliographie aller Editionen enthält.

Herbert Kästner

Schnickschnack rund ums Buch. Fitzebutze – Allerhand Schnickschnack für Kinder, ein Insel-Bilderbuch, verfaßt von Paula und Richard Dehmel, mit Bildern von Ernst Kreidolf (Leipzig 1901), präsentierte die Buchwissenschaftlerin Elke Lipp (Ober-Ramstadt) beim ersten Treffen des neuen Jahres der Regionalgruppe Rhein-Main-Neckar am 5. März an der Südlichen Bergstraße. Daran anknüpfend stellte die Referentin weitere Bücher und Buchobjekte lustigen oder kuriosen Inhalts vor. Dabei handelte es sich vor allem um Produktionen, oft als limitierte Drucke, von Faber & Faber sowie der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Als Illustratoren bewährten sich in diesem Genre besonders Egbert und Renate Herfurth, Volker Wendt und Karl-Georg Hirsch. Als kleinstes Buch zeigte die Referentin ein ledergebundenes Bändchen (5 mal 5,5 mm) mit dem Vaterunser in sieben Sprachen, herausgegeben vom Gutenberg-Museum Mainz.

Weiterhin bewunderten die Teilnehmer das dreifach aufklappbare Büchlein Es ging ein schäffer undern bäumen, den von Hirsch illustrierten Zwillingsband Pegasus von vorn und von hinten und Kurt Kusenbergs, von Egbert Herfurth illustriertes Jedes dritte Streichholz mit den zugehörigen Zündhölzchen. Eine Besonderheit, auch im Hinblick auf die historischen Vorbilder, ist das ebenfalls von Herfurth farbig illustrierte Leder-Beutelbuch mit dem Titel Alter Wein in neuen Schläuchen. Auch Bücher ohne Titel oder Die Schwarte auf der Karte mit Vignetten von Egbert Herfurth und in der Gestaltung von Walter Schiller (Edition Leipzig, 1975) bietet ein geradezu haptisches Erlebnis. Insbesondere Pikantes läßt sich, dem Augenschein nach, gut in humorvoller Weise in sehr individuell gestalteten und gelungen illustrierten Büchlein darstellen. Als Kuriosum darf man wohl auch die ersten Rowohlt Rotations Romane (RoRoRo) aus der Nachkriegszeit betrachten, die tatsächlich einer Zeitung ähnelten.

Einer weiteren Gruppe von „Verlagserzeugnissen“ galt der zweite Teil des Vortrags. Hierbei handelte es sich vornehmlich um Objekte der Verlagswerbung, wobei der „Spaßfaktor“ eine wichtige Rolle spielt. So nannte der Diogenes Verlag eine Gabe Schokoladenseiten. Tatsächlich waren Schokotäfelchen beigefügt. Der Econ Verlag verteilte – wie auch andere Verlage – Buttons. Gelungen der „Aufschneider“ mit Werbeaufdruck des Verlags Wilhelm Langewiesche, mit dem man, wie zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch üblich, die Buchseiten aufschneiden konnte. Der bunte Reigen an Erlesenem und Kuriosem vermittelte den Anwesenden einen sowohl lehrreichen als auch vergnüglichen Abend.

FP