Redaktionsschluss 6. Januar 2009

Wir gratulieren unseren Mitgliedern
Neue Mitglieder
V. E. B. Schwarzdruck und die Landschaft der Handpressen
Sammlerabend in Berlin
Ein Abend bei Karl-Diether Gussek
Dora Maar – Picassos Weinende
Der Struwwelpeter
Henry van de Velde
Ein Paradies der Begegnungen
Illustration und Graphik des Hamburger Künstlers Klaus Waschk
Tschingis-Aitmatow-Ehrung in Neubrandenburg
Sammlerabend der Regionalgruppe Rhein-Main-Neckar

 

 

 

 

 

Wir gratulieren unseren Mitgliedern. Zum 50. Geburtstag: Dr. Petra Pötschke (Dresden) am 12. 4., Andreas Thiel (Birkenwerder) am 21. 4. Zum 60. Geburtstag: Dr. Karsten Schröder (Rangsdorf) am 15. 2., Christian Dreyer (Berlin) am 25. 3., Dieter Bührnheim (Halle) am 26. 3., Dr. Ulrich Appelt (Darlingerode) am 27. 3., Wolfgang Windhausen (Duderstadt) am 4. 4., Michael Müller-Degenhardt (Berlin) am 25. 4., Dr. WK (Berlin) am 3. 5., Prof. Dr. Wolfgang Schmitz (Köln) am 6. 5. Zum 65. Geburtstag: Gerald Gödeke (Großmühlingen) am  2. 6., Heidelore Kneffel (Nordhausen) am 16. 6. Zum 70. Geburtstag: Ulrich Zesch (Stuttgart) am 19. 5. Zum 75. Geburtstag: Elmar Faber (Leipzig) am 1. 4., Robert Wolf (Berlin) am 30. 6. Zum 80. Geburtstag: Kristian Bäthe (Filderstadt) am 29. 6. Zum 88. Geburtstag: Johannes Kopp (Halle/Saale) am 28. 6. Zum 94. Geburtstag: Walter Berger (Berlin) am 23. 6.


Neue Mitglieder: Dr. Marcel Erkens, Richter, Köln.


V. E. B. Schwarzdruck und die Landschaft der Handpressen. Im Oktober unternahm die Regionalgruppe Berlin-Brandenburg einen kurzweiligen Streifzug durch die Handpressen-Szene in Deutschland. Marc Berger, der 1990 den hiesigen V. E. B. Schwarzdruck begründete, erwies sich als sachkundiger und heiterer Reiseführer. V. E. B. steht übrigens für Vollstrecker Erbarmungslosen Buchdrucks und hat sich als Fachanstalt für typographische Gestaltung und qualitätsorientierte Druckverfahren (Bleisatz, Buchdruck, Computersatz) profiliert. Die eher kleine Szene der Handpressen in unserem Lande hat es nicht leicht. Sie muß sich behaupten gegen die sintflutartige Überschwemmung des Büchermarktes mit mehr als 400 000 Neuerscheinungen der Frankfurter Buchmesse 2008. Auch großen Verlagen ermöglicht der Digitaldruck kleine und kleinste Auflagen. Die Buchkunst wird dabei häufig hemmungslos vernachlässigt. Bei den Handpressen steht dagegen künstlerische und handwerkliche Innovation an erster Stelle. Die namhafte Mariannenpresse im Literaturhaus Berlin konnte damit offenbar nicht Schritt halten und beendete ihre Tätigkeit Ende 2008. In 29 Jahren erschienen 129 bibliophile Ausgaben namhafter Schriftsteller und Graphiker. Wenigstens bleibt das Verlagsarchiv erhalten. Es wird dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach übergeben. Marc Berger, der im Berliner Dietz Verlag eine Druckerlehre absolvierte und wertvolle Erfahrungen bei Europas bedeutendster Handpresse Stamperia Valdonega in Verona sammeln konnte, plauderte anschaulich über den legendären Druckerwilli aus dem Ülzener Wasserturm, das Auf und Ab der dort entstandenen einzigartigen Typomania Projekte. Er berichtete von den Druckertreffen in Mainz und Nürnberg, veranschaulichte die Hamburger Szene. Es ist die Freude am Experimentieren, die die Drucker auch heute immer wieder zu Gemeinschaftsvorhaben zusammenführte. Kalender, Mappen, Bücher, Kataloge, Plakate entstehen aus unverminderter Leidenschaft des Machens und mit den höchsten Qualitätsansprüchen. Aber bis auf wenige Ausnahmen lassen die Verkaufszahlen zu wünschen übrig. Oft ist der eine Handpressendrucker der beste Kunde des anderen. Trotzdem ist es schade, daß Werkstätten und Kunsthochschulen nur noch sehr eingeschränkt Nachwuchs heranbilden. So bleiben alte handwerkliche Fähigkeiten auf der Strecke; sie werden dem Zeitgeist geopfert. Anschließend konnten die Pirckheimer die zahlreichen Kostbarkeiten der Druckkunst zur Hand nehmen, ungestört darin blättern. Jahreskalender, die Mappe 100 Wörter des Jahrhunderts - das erfolgreichste Projekt überhaupt -, der Drucktopf und andere Exponate fanden uneingeschränkte Bewunderung. Die sogleich beginnenden lebhaften Gespräche mußte schließlich der Nachtpförtner der gastgebenden Landesbibliothek beenden.

Robert Wolf


Sammlerabend in Berlin. Am 11. Dezember fand in den Räumen der Büchergilde Gutenberg am Wittenbergplatz die letzte Veranstaltung der Regionalgruppe Berlin-Brandenburg im Jahr 2008 statt. Am Anfang zog Ursula Lang ein kurzes Resümee der Veranstaltungen des vergangenen Jahres und wies auf einige Höhepunkte des kommenden Jahres hin, wie die Vorstellung der „Schönsten Bücher“ und eine Exkursion nach Potsdam.

Traditionell ist dieser Abend der Vorstellung von Neuerwerbungen der Mitglieder gewidmet. Dr. WK konnte im vergangenen Jahr unter anderem zwei von Hand geschriebene und illustrierte Büchlein des Künstlers Fritz Fischer erwerben. Von Dr. Thomas Kaemmel wurde das Buch Die Diners mit Gala (Berlin 1975) vorgestellt, in dem Salvador Dalí seine Lieblingsgerichte zusammengestellt hat. Es ist mit Reproduktionen von Gemälden des Künstlers versehen. Jürgen Gottschalk konnte seine Judaica-Sammlung durch die Erwerbung der antisemitischen humoristischen Schrift Neue Judenkirschen aus der Biedermeierzeit erweitern. Neuerwerbungen zum Werk von Conrad Felixmüller stellte Hans-Jürgen Wilke vor, so die mit Originalgraphiken versehene Hochzeitszeitung von seinem Sohn Titus. Einen Höhepunkt des Abends bildete die Präsentation von Dr. Fritz Jüttner. Der bekannte Klopstock-Sammler konnte seine Bibliothek durch eine Ausgabe mit Vertonungen von Gesängen aus den Hermann-Dramen des Dichters erweitern. Bedeutsam war für ihn auch die Erwerbung der letzten fehlenden von drei Ausgaben der Hinterlassenen Schriften von Margareta (Meta) Klopstock, der ersten Ehefrau, aus dem Jahre 1759. Ursula Lang stellte das Tagebuchwerk Sommerhütchen von Sarah Kirsch vor. Das gleiche Buch mitgebracht hatte Robert Wolf, der die darin enthaltenen Illustrationen von Dieter Goltzsche hervorhob. Beide Sammler hatte ihre Exemplare vom Illustrator mit schönen Einzeichnungen versehen lassen.

Manfred Funke

Ein Abend bei Karl-Diether Gussek. Die halleschen Pirckheimer hatten wieder mal ein Erlebnis der besonderen Art: Karl-Diether Gussek hatte mit dem für seine direkte Art typischen Argument „Ihr müßt kommen, bevor ich unter den Reben liege“ zu sich eingeladen. So war denn am 28. Oktober 2008 eine mittlere Schar Neugieriger und Wißbegieriger bei ihm, um sich anhand der in Stapeln auf den Tischen bereitgelegten Bücher, Graphiken, Reproduktionen, Mappen usw. über eine der größten bibliophilen und Kunst-Sammlungen zum Wein in Deutschland informieren zu lassen. Wer den Beitrag von Karl-Diether Gussek im Jubiläumsalmanach Jubelrufe aus Bücherstapeln (Wiesbaden 2006) mit dem für einen Sammler so bezeichnenden Titel Wie sich Kunst und Wein ansammelten kannte, der ahnte, welche Fülle und welche Freuden ihn an diesem Abend erwarten würden. Karl-Diether Gussek: „Ich habe alles zum Wein gesammelt außer Gläser und Korkenzieher.“ Und während der Sammler, Buchautor und natürlich Weinkenner und -genießer über das Besondere einzelner Objekte seiner Sammlung sprach und auch darüber, wie sie in seinen Besitz gelangt sind (und mitunter auch die Preise nannte), durfte geblättert, gelesen und geschaut werden. Daß die Sammlung Inhalt eines eigenständigen Museums zum Wein sein könnte, dazu noch in der Weinregion von Saale und Unstrut, steht außer Frage. Doch ihre Zukunft steht in den Sternen. Auf jeden Fall hat Karl-Diether Gussek jetzt die Sammlung zum Wein als abgeschlossen erklärt und mit seiner Frau verfügt, daß sie nicht auseinandergerissen werden darf. Vielleicht gibt es ja zukünftig eine Möglichkeit, sie so zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen: 1800 Bücher – vielfach illustriert, aber auch mit Beilagen und Originalgraphiken –, 1400 Graphiken, Zeichnungen und Gemälde, darunter Corinth und Menzel, Feuerbach und Cremer, Sitte, Max Schwimmer, Joachim John, Karl-Erich Müller, Hannes H. Wagner und viele andere, 1500 Exlibris, Graphikmappen von Uwe Pfeifer und vielen anderen, Kisten und Kasten mit Exlibris und vieles mehr, sogar eine beträchtliche Menge eigener Collagen zum Thema. Beim Betrachten wurde wieder einmal bewußt, daß Wein und Erotik durchaus zusammengehören ... In der Regel hat Karl-Diether Gussek nur je ein Exemplar eines bestimmten Titels in seiner Sammlung, aber am Beispiel von 15 verschiedenen Ausgaben des Hohenlieds Salomo führte er vor, welch besonderer Reiz im Vergleich der verschiedenen Ausgaben, ihrer unterschiedlichen graphischen und buchbinderischen Ausstattung und auch der Verschiedenartigkeit der Übersetzungen liegt. Angesichts der Beredsamkeit an diesem Abend wurde klar, daß Karl-Diether Gussek – wie er erzählte – es ablehnen mußte, bei einer Veranstaltung einen Vortrag von nur 15 Minuten zu seinem Lieblingsthema zu halten.

Natürlich gehört zu einer Sammlung zum Wein auch ein gut gefülltes Weinarchiv, das jedoch von der Bewahrung ausgenommen ist: Karl-Diether Gussek hat sich vorgenommen, den Vorrat gemeinsam mit seiner großen Familie und Freunden anläßlich seines 80. Geburtstages im Jahr 2009 auszutrinken und nicht für die Erben im Archiv liegen zu lassen. - Damit der Bücherstaub sich nicht nachteilig auf die Gesundheit der anwesenden Pirckheimer auswirken möge, hatte Karl-Diether Gussek unter anderem bereitgestellt einen nach einem Rezept von Toulouse-Lautrec von ihm hergestellten „Lautrec-Portwein“ (mit Knoblauch!), selbst gemachtes „Elchblut“, einen Moosbeerlikör nach einem Rezept aus seiner ostpreußischen Heimat, mit Tschupriza, einem bulgarischen Gewürz, von ihm zubereitetes Schmalz (gut gegen die Wirkung des Weins bei starkem Genuß) und Wein vom Weingut seines Sohnes. – Die halleschen Pirckheimer haben sich beim Sammler für einen wunderbaren Abend zu bedanken, den man mit Blick auf die derzeitigen Geschehnisse in Wirtschaft und Politik nur mit dem letzten Satz aus dem genannten Almanach-Beitrag Karl-Diether Gusseks kommentieren kann: „Trotz alledem, fröhlich bist du nach der Kunst wie nach dem Wein.“

Hans-Georg Sehrt

Dora Maar – Picassos Weinende. Mit der Pariser Fotografin und Surrealisten-Muse Dora Maar (1907–1997) stellte Gertraude Clemenz-Kirsch der hallischen Pirckheimer-Gruppe am 25. November 2008 eine weitere Gefährtin Pablo Picassos vor. Die Autorin hatte schon an zwei anderen anregenden Abenden Frauen aus ihrem 2007 erschienenen Buch Die sieben Leben des Pablo Picasso vorgestellt.

Dora Maar, Tochter eines kroatischen Architekten und einer Französin, wurde 1907 in Paris geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Argentinien, bevor sie mit 19 Jahren in Paris ein Studium der Malerei und Fotografie aufnahm. Als ihr im Herbst 1935 Picasso zum ersten Mal begegnete, war sie bereits eine namhafte Fotografin und eine in Künstlerkreisen geschätzte Kollegin. Ihre Anschauungen brachte sie in enge Verbindungen zu linksextremen Gruppen, vor allen aber zu den Surrealisten, für die sie zur idealen Muse wurde.

Picasso war nicht nur von der Schönheit der jungen dunkelhaarigen Frau fasziniert, es war auch der mit ihr mögliche intellektuelle Gedankenaustausch und ihre schillernde, impulsive Persönlichkeit, die ihn anzogen. Als Dora Maar dann einen Auftrag erhielt, eine fotografische Bildreportage über Picasso zu erstellen, wurden sie schnell ein Paar. In der Gemeinschaft mit ihr erfuhr Picasso Anregung und Hilfe für seine künstlerische Arbeit. Geradezu ein Glücksfall für die Kunstgeschichte war 1937 Doras fotografische Dokumentation des weltberühmten Guernica-Bildes, das sie in allen Phasen seiner künstlerischen Entwicklung in Tausenden von Fotos festhielt. Als Gefährtin der bitteren Kriegs- und Nachkriegszeit in Frankreich war maßgeblich sie es, die Picasso zu politischem Denken erzog.  – Daß Picasso die Geliebte in seinen Porträts fast ausschließlich als Verzweifelte und Weinende festhielt, und das in erschütternd zerklüfteten Formen, ist weniger dieser schlimmen Zeit geschuldet, vielmehr wollte der Künstler das Neurotische und Krankhafte dieser oft an sich verzweifelnden Frau darstellen. Doch litt Dora Maar auch nicht grundlos. Ihre totale Unterordnung und Hingabe an den großen Künstler und sein Werk schlossen Eigenes nahezu aus und machten sie nicht selten zum Spielball von Picassos Launen. Das alles zerstörte ihr Selbstbewußtsein und trübte zunehmend die Beziehung beider. Als sich dann Picasso 1946 mit der blutjungen Malerin Françoise Gilot zusammentat, trennten sich endgültig die Wege des Malers und Dora Maars. Dora, die die Trennung nie verwinden konnte und nervlich oft am Ende war, fand in der Malerei, in eigenen Gedichten und in der Beschäftigung mit der Philosophie einen Ausgleich. Im Alter fotografierte sie auch wieder. Am 17. Juli 1997 starb sie fast neunzigjährig und seit Jahren bettlägerig fast vergessen in Paris. Sie wurde in Clamart in der Hauts-de-Seine im Familiengrab beigesetzt.

                 Ute Willer

 

Der Struwwelpeter war schon kurz nach seinem Erscheinen (1845) zu großer Popularität in Deutschland und durch Übersetzungen bald auch in ganz Europa gelangt. Die Figuren dieses Kinderbuches taugten deshalb sehr gut als Vorlagen für politische Karikaturen und Persiflagen, und aus dem friedlichen Struwwelpeter wurde je nach der gewünschten Absicht ein gefährlicher Revoluzzer oder der »welsche Feind«; der Suppenkaspar verwandelte sich in den »deutschen Michel«, der sich leider weigert, nach den Märzerfolgen 1848 die Revolutionssuppe weiterzuessen, und der große Nikolas mutiert zum russischen Zaren oder zum serbischen »Bomben-Peter«. Besonders in den satirischen Zeitschriften wie im Kladderadatsch und den Fliegenden Blättern wurden immer wieder politische Ereignisse der Bismarckzeit oder der Wilhelmischen Ära anhand von Struwwelpeter-Motiven kritisch kommentiert und karikiert. In den Weltkriegen kamen die Struwwelpeter-Figuren als Mittel der psychologischen Kriegführung auf beiden Seiten zum Einsatz, und auch die Nachkriegszeit bot genügend Anlässe, um die Unarten der Struwwelkinder mit den Fehlleistungen der politischen Entscheidungsträger in lustige Beziehung zu setzen. So bedienten und bedienen sich alle politischen und weltanschaulichen Richtungen gern seiner Figuren, um mit den Mitteln der Satire den Partei-Rivalen oder ideologischen Gegner bloßzustellen, zu verunglimpfen und lächerlich zu machen. –Vor den Leipziger Bibliophilen und weiteren interessierten Gästen demonstrierte Heinz Maibach (Limburg), der vor einiger Zeit eine Struwwelpeter-Ausstellung im Gutenberg-Museum Mainz ausgerichtet hat, am 7. Oktober 2008 anhand von Beispielen und einer Vielzahl von Dias die ganze Bandbreite der Nutzung dieser Kinderbuchvorlage für die politische Satire von 1848 bis zum heutigen Tag. Dank ist dem Referenten für seinen anschaulichen und amüsanten Vortrag zu sagen, ebenso auch der Deutschen Bücherei, die etliches Anschauungsmaterial zu Verfügung stellte, so daß der Kriegsstruwwelpeter (1915), der Swollenheaded William (1914), der Struwwelhitler (1941) und der Schicklgrüber ebenso betrachtet werden konnten wie aus jüngster Zeit der Struwwelpeter neu frisiert (1969) und der Anti-Struwwelpeter (1970).

Herbert Kästner

 

Henry van de Velde – ein großer Name im Herbstprogramm des Leipziger Bibliophilen-Abends: Am 4. November 2008 beleuchtete Volker Wahl, Direktor des Thüringischen Hauptstaatsarchivs Weimar und Universitätsprofessor in Jena, die Weimarer Zeit des berühmten belgischen Malers, Architekten, Designers, Kunsthandwerkers und Kunstschriftstellers. Nach einem kurzen Blick auf die Vita des 1863 in Antwerpen geborenen, 1957 in Zürich verstorbenen Multikünstlers wandte sich der Referent sodann dem engeren Thema des Abends, van de Veldes Wirken als Professor für Kunstgewerbe in den Jahren 1902 bis 1915, zu. Durch den Großherzog persönlich 1902 nach Weimar berufen, hatte sich van de Velde bereits zuvor Ruf und Anerkennung erworben. So wuchs ihm zunächst Zuspruch und Unterstützung von einflußreicher Seite zu. Dennoch war sein Wirken zur Förderung der thüringischen Kunstindustrie, zur künstlerischen Weiterbildung des Handwerks und zur Ablösung von Historismus und Eklektizismus durch einen »neuen Stil« mehrfach durch Mißerfolge und Mißgunst überschattet. Höfischer Kleingeist und Weimarer Klassikerdünkel gingen eine peinliche Liaison ein, van de Veldes Bemühungen von Beginn an behindernd. Der Referent belegte anhand der Weimarer Archivalien, mit welcher Intensität sich van de Velde um die diversen kleinindustriellen Produktionsstätten im Lande zu kümmern versucht hatte, dabei aber sehr schnell an die Grenzen des spätabsolutistischen Kleinstaates stieß, der Reformen und wirklichen Neuerungen ablehnend gegenüberstand. Auch der Umstand, daß er gleichsam persönlicher Angestellter des Fürsten war und sein Salär aus dessen privater Schatulle erhielt, konnte hier keine Abhilfe schaffen. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde die Unmöglichkeit, hier weiter wirken zu können, vollends manifest. Van de Veldes Institut wurde geschlossen, im Oktober 1915 endeten sämtliche Dienstverhältnisse. Er behielt noch eine Weile seinen Wohnsitz in Weimar, um dann 1917 Deutschland zu verlassen. Dennoch muß sein Wirken als folgenreich, prägend und in die Zukunft weiterwirkend bezeichnet werden. Ohne die Arbeiten van de Veldes wäre auch die Weimarer Bauhauszeit nicht denkbar. Von ihm blieb und bleibt eine Fülle von Entwürfen und nach diesen ausgeführten Gegenständen in verschiedenen Materialien – Keramik, Porzellan, Silber, Tapeten und Textilien, Mobiliar bis hin zu ganzen Wohnensembles. In der Weimarer Zeit entstanden aber auch seine bedeutendsten Architekturen und Inneneinrichtungen, nicht zuletzt in Weimar selbst, die ihre gestalterische Substanz und Ausstrahlung bis heute nicht verloren haben, man denke nur an die Einrichtung des Nietzsche-Archivs. Volker Wahls Vortrag, der auch eine beträchtliche Anzahl vereinsfremder Zuhörer angelockt hatte, bot eine Fülle von Anregungen und zum Teil erst kürzlich aus den Archiven erschlossenen Informationen, wenn auch der Bibliophile einige Hinweise zu van de Veldes buchkünstlerischem Schaffen erhofft hatte.

E. Patzig

 

Ein Paradies der Begegnungen ist das alljährliche und allseits beliebte Treffen der Leipziger Bibliophilen mit dem Verlag Faber & Faber stets, denn immer gibt es gute und anregende Gespräche, alte und neue Bücher zum Schauen und zum Kaufen – und einen guten Tropfen. Diesmal aber, am 14. November 2008, ging es beim »Paradies der Begegnungen« um Harald Kretzschmars Erinnerungen an bemerkenswerte und merkwürdige Leute aus Kleinmachnow bei Berlin, dem Ort, den man gelegentlich eine Künstlerkolonie nennt. Harald Kretzschmar führte mit „leichter Hand“ in sein bei Faber & Faber erschienenes Buch ein und gab einige Kostproben daraus zum besten. Käufer des mit vielen Porträtskizzen ausgestatteten Werkes konnten von des Meisters Hand ihr eigenes Porträt hinzufügen lassen, wovon bis zur völligen Ermattung des Autors Gebrauch gemacht wurde.

H. K.

 

Illustration und Graphik des Hamburger Künstlers Klaus Waschk zeigte der Leipziger Bibliophilen-Abend in seiner Jahresausstellung vom 12. November bis zum 19. Dezember 2008 im Leipziger „Haus des Buches‹. Den Lesern der Marginalien ist der 1941 geborene Waschk, der von 1983 bis 2006 an der Fachhochschule Hamburg und an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg im Fach Zeichnen lehrte, gewiß bekannt durch seine buchgraphischen Arbeiten für die Büchergilde Gutenberg (Bobrowski, Litauische Claviere) und für den Verlag Faber & Faber (Rühmkorf, Irdisches Vergnügen in g; Panizza, Der heilige Staatsanwalt; Claudius, Der Wandsbecker Bote; Karl Marx, Das Kapital). 1994 erhielt Waschk den Hans-Meid-Preis für Buchillustration. Zur Eröffnung der Ausstellung am 11. November 2008 hörten die zahlreich erschienenen Leipziger Buch- und Graphik-Freunde eine fundierte Einführung in das Werk von Waschk durch den Kunsthistoriker Harald Kunde (Aachen) und konnten zu moderatem Preis ein originalgraphisches Plakat erwerben, das der Künstler eigens für diese Ausstellung gestaltet hatte. Auch von der Möglichkeit, mit Klaus Waschk ins Gespräch zu kommen, wurde ebenso rege Gebrauch gemacht wie von derChance, sich vom Künstler illustrierte Bücher signieren und „trüffeln‹ zu lassen.

H. K.

 

Tschingis-Aitmatow-Ehrung in Neubrandenburg. Sein 80. Geburtstag und sein Tod am 10. Juni 2008 gaben Anlaß, sich dieses bedeutenden kirgisischen Schriftstellers und seiner vielgelesenen Romane und Novellen zu erinnern. Das Literaturcafé Neubrandenburg erfüllte diese Aufgabe zum Jahresende 2008 mit einer literarischen Lesung aus seinen Werken. Die Veranstalter, Pirckheimer-Gruppe, Europa-Union Mecklenburg-Vorpommern und Soziokulturelles Bildungszentrum, hatten dazu unter dem Thema „Richtstatt. Von Hoffnung getrieben“ Jutta und Erhard Kunkel, Neustrelitz, eingeladen. Erhard Kunkels Erlebnisbericht über seine Begegnung mit Aitmatow und die Geschichte seiner Dramatisierung des Romanstoffes Die Richtstatt für das Landestheater Neustrelitz 1989 sowie die anschließende Lesung Jutta Kunkels aus dem Roman Richtstatt und dem Märchen Akbara fanden warmherzige Aufnahme im großen Zuhörerkreis. – Für den „Neubrandenburger Bücherfrühling“ 2009 kündigte das Literaturcafé literarische Beiträge über Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769) und Alexander von Humboldt (1769-1859) an. Beide berühmte Persönlichkeiten der Geschichte und Literatur und ihre historischen Beziehungen zu Neubrandenburg sollen nähere Betrachtung erfahren.

G. Ball

 

Sammlerabend der Regionalgruppe Rhein-Main-Neckar. Der alljährliche Sammlerabend ist im Leben einer Bibliophilenvereinigung stets ein Höhepunkt oder ein Glanzlicht. Nun kann der engagierte Bücher- oder Graphikfreund seine Kollegen an der Freude über seine Neuerwerbungen teilhaben lassen. Und diese erfahren gleichzeitig etwas über Sammelgebiete außerhalb ihrer eigenen Interessen, lernen dazu oder entdecken gar eine attraktive Erweiterung ihres „Tätigkeitsfeldes“. Vielfältig war die Auswahl an Sammelobjekten, die von den Mitgliedern der Regionalgruppe Rhein-Main-Neckar Ende November an der Südlichen Bergstraße präsentiert wurde.

Der Bogen an Büchern war weit gespannt. Er reichte von Gotthold Ephraim Lessings Zur Geschichte und Literatur (Braunschweig 1773) über ein Conversations-Lexikon (Leipzig 1834, mit 16 Stahlstichen), Gottfried Kinkels Handwerk, errette Dich (Bonn 1848) bis zum Graphik-Kalender für 2009 von Eckhard Froeschlin. Die genannten Titel sind Erstausgaben, wobei der Lessing als Besonderheit aufzuweisen hat, daß er aus der Bibliothek des Heidelberger Professors Friedrich Gundolf stammt, der eine Zeitlang dem George-Kreis angehörte. Gezeigt wurden weiterhin von Günter Horlbeck kongenial illustrierte Bücher, so Turgenjews Gedichte in Prosa (Leipzig 1955) und Lukians Das Urteil des Paris (Leipzig 1962). In Ludwigshafen wurden zwei Bücher von Jacques Outin verlegt, die mit Tuschezeichnungen beziehungsweise Original-Chinesischen Stempeln geziert sind, Les bambous de chine, Poèmes (2006) und Fleuve (2007). Aus dem gleichen Verlag stammt von Meinrad Braun Die künstliche Demoiselle mit Gummidruck-Graphiken von Günther Wilhelm (2008). Aktuell zeitgeschichtliche, sehr persönliche Impressionen in Versen und Fotos hat unser Pirckheimer-Freund Wolfgang Windhausen von einer Tibet-Reise mitgebracht und unter dem Titel Aufstieg nach Tibet veröffentlicht (Bochum 2008). Interessante Details zeigt ein Blatt von Richard Seewald. Der Zeichner hat im Rahmen einer imaginären Landschaft die großen Verlage der Vorkriegszeit mit ihren Signeten dargestellt, was zu manch witziger Kombination führte. - Im weiteren Verlauf des Treffens wurden die Themen und Termine für das Folgejahr vereinbart.

FP