Redaktionsschluss 7. Januar 2010

Für Renate Herfurth (1943–2009)
Die Bibliophilen-Gesellschaft in Köln
20. Berliner Exlibristreffe
„Im Bilde sein“ – Günter Kunert in Magdeburg
Italienische Zeichnungen im Hamburger Kupferstichkabinett
Altenbourg und Hussel in Chemnitz
Erhart Kästner als Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel
Letzte Gedichte von Heinz Czechowski
Neruda in der Edition Klaus Raasch
Bibliotheksneubauten in Essen, Berlin und Heidelberg
Mainzer Verlagsarchiv eröffnet
Sachsendreier in der Galerie Pferdestall
Poesiealbum – neue Folge

 

 

 

 

 

 

 

 

Für Renate Herfurth (1943–2009). Das Gedicht Mittags von Georg Maurer geht so: „So! sagt der Himmel zu der Wiese./ Jetzt legen wir uns auf den Bauch./ Du schreibst noch ein paar Grüße,/ und ich – ich unterzeichne auch.// Dann aber haben wir genug getan.-/ Die Wiese schaut den Himmel an/ und sagt: Unendlich lieb ich dich,/ und ohne dich – was wäre ich.// Der Himmel aber wirft sich weit/ über das weiche Wiesenkleid:/ Was wäre all mein blaues Mühn,/ blieb’s ungestillt von deinem Grün.“ Es gehört zu den Fünf ausgewählten Gedichten, zu denen Renate Herfurth stimmungsvolle Lithographien schuf, zusammengefaßt 1984 in einer von Günter Jacobi typographierten und vom Rat des Bezirkes Leipzig in 30 Exemplaren herausgegebenen Mappe. Und dieses Gedicht erzählt auch viel von Renates Lebensgefühl, ihrer Empfänglichkeit für die Schönheiten der Natur, ihrer Warmherzigkeit und dem leisen Humor. Ich kann mich nicht erinnern, sie je hektisch oder mißmutig erlebt zu haben. Sie strahlte Ruhe und Freundlichkeit aus. Um ihre Studenten am Institut für Kunsterziehung mühte sie sich sehr. Sie liebte ihre Kunst, die Musik und eine gute Küche. Von alledem verstand sie etwas. Und als gelernte Buchbinderin hatte sie zum wohlgestalteten Buch jenes Verhältnis, das zu den Pirckheimern führt, deren Mitglied sie lange Zeit war. Die Themen, zu denen sie sich künstlerisch äußern wollte, wählte sie klug aus. Zu einem Text, den der Leipziger Bibliophilen-Abend ihr zu graphischer Begleitung angetragen hatte, fand sie keinen Kontakt. Sie wählte keine Notlösung − sie gab den Text zurück.
Liebe Renate, Du bist am 30. Oktober 2009 nach tapfer ertragener, schwerer Krankheit viel zu früh gestorben. Die Eröffung der Ausstellung Herfurths schönste Seiten, auf die Du Dich gemeinsam mit Egbert gefreut hattest, konntest Du nicht mehr erleben. Ich schreib noch ein paar Grüße …
Herbert Kästner

Die Bibliophilen-Gesellschaft in Köln beendet im Frühjahr 2010 ihre jahrzehntelange erfolgreiche Tätigkeit, wie der Sekretär Hanns Georg Schmitz-Otto Ende vergangenen Jahres ankündigt hat. Das Wirken der 1930 maßgeblich von seinem Vater gegründeten Gesellschaft wird nach 80 Jahren mit einer Feierstunde, einer letzten Teestunde, eingestellt. Die Teilnehmer des Jahrestreffens der Pirckheimer-Gesellschaft in Köln 2008 konnten an einem dieser Vortragsnachmittage teilnehmen und das anspruchsvolle Leben der Kölner Gesellschaft kennenlernen sowie einen ihrer zahlreichen Drucke als Geschenk entgegennehmen. Die Auflösung erfolgt vor allem aus persönlichen Gründen des langjährigen, inzwischen betagten Sekretärs, der guten Seele des bibliophilen Lebens. Auch der erhebliche Mitgliederschwund, den die Gesellschaft in den letzten Jahren hinnehmen mußte, wird angeführt, sowie die Tatsache, daß es nicht gelang, neue und jüngere Mitglieder für die Gesellschaft zu gewinnen. Schmitz-Otto sieht in der Auflösung weiterhin die Konsequenz daraus, daß sich das Umfeld für diese Form geselliger Bibliophilie grundlegend verändert hat. Zu leiden haben alle Bibliophilen-Gesellschaften in Deutschland, doch Köln stellt einen Sonderfall dar. Die Mitgliederzahl in der Pirckheimer-Gesellschaft konnte beispielsweise im letzten Jahrzehnt weitgehend stabil gehalten werden, und die Maximilian-Gesellschaft nahm im vergangenen Jahr sogar um 20 Mitglieder zu.
Abel Doering

20. Berliner Exlibristreffen. Etwa 30 Teilnehmer aus Berlin und der weiteren Umgebung hatten sich auch diesmal im Rudi-Nachbarschaftszentrum, unweit der neuen O2-Arena, eingefunden. Die launige Einführungsrede des erkrankten Claus P. Mader trug Dr. Peter Labuhn vor. Es wurde wieder heftig getauscht und diskutiert. Die Ausstellung Transportmittel und Reisen zeigte fast 600 Exlibris aus der Sammlung Birgit Göbel-Stiegler in allzu reich bestückten Rahmen. Die Sammlerin schreibt in einem Begleitheft unter Reisen ist Leben über ihre Kollektion. Dabei faßt sie das Thema sehr weit. Eine Aufstellung der Blätter auf ihren Namen, 32 Abbildungen und vier eingeklebte Originale ergänzen das von Utz Benkel in 75 Exemplaren hergestellte Heft.
Wolfgang Fiedler und Claus P. Mader konzipierten anläßlich des 20. Treffens für die Mitglieder eine Schrift in 50 Exemplaren: bet / 1990-2009 / Berliner Exlibris-Treffen. Die Einführungsrede von Mader ist abgedruckt, zugleich eine ganz kurze Geschichte des bet. Der interessante Beitrag BB von Sabine Schemmrich beschreibt die bibliophilen und exlibristischen Beziehungen zwischen Berlin und Schloß Burgk. Eva Bliembach berichtet Aus dem Gerhard-Tag-Nachlass in der Staatsbibliothek, Erhard Beitz über Blumenserie und Peter Labuhn über Gedanken zum Sammeln. Klaus Rödel aus Dänemark, der zu jedem Berliner Treffen eine kleine Gabe für die Teilnehmer mitgebracht hat, meint: Ich hab' noch einen Koffer in Berlin! Darin ist zu lesen: „Das Berliner Treffen hat seine eigene, intime, aber gleichzeitig offene Atmosphäre ...“ Schließlich folgt zusammengestellt von Rainer Kabelitz: Zwanzig Jahre Berliner Exlibristreffen. Veröffentlichungen und Gaben. Erstaunlich, was da alles zusammengekommen ist, Mappen, Hefte, Exlibris, Plakate etc.
Am 6. November 2010 wird das 21. Treffen stattfinden.
Wolfram Körner

„Im Bilde sein“ – Günter Kunert in Magdeburg. Der Verein der Bibliophilen und Graphikfreunde Magdeburg und Sachsen-Anhalt „Willibald Pirckheimer“ veranstateltet vom 25. 11. 2009 bis 26. Februar 2010 im Literaturhaus Magdeburg die Ausstellung „Im Bilde sein“ – Radierungen, Holzschnitte, Zeichnungen von Günter Kunert. – Kein Zweifel: Günter Kunert ist einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller. Der 1929 geborene Dichter lebte bis 1979 in Ostberlin, bis er nach Schleswig-Holstein übersiedelte. Äußerlich erscheint sein Leben zweigeteilt. Sein Schaffen ist jedoch ein Kontinuum. Prosa, Lyrik, Essays, Drehbücher, Publizistik – immer ist Kunert ein wortmächtiger Kritiker seiner Zeit, geachtet von seinen Kollegen und Verlegern, geschätzt, ja geliebt von seinen Lesern. Kunert begann allerdings 1946 an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee zu studieren. Maler und Graphiker wollte er werden. Nach fünf Semestern brach er das Studium ab, als er „zu schreiben anfing, gefangen von Kalliope, der Muse der Dichtkunst“, wie er im Faltblatt zur Ausstellung schreibt. Becher und Brecht waren auf ihn aufmerksam geworden und förderten ihn. Aber, fährt er im obengenannten Text fort, „gänzlich gab ich die bildende Kunst nicht auf“, was leicht untertrieben ist. Davon konnten sich die zahlreichen Besucher der Ausstellungseröffnung überzeugen. Fünfzig Arbeiten aus mehreren Schaffensperioden gaben einen Eindruck vom graphische Schaffen Günter Kunerts, auf Malerei mußte leider aus Platzgründen verzichtet werden. Schwerpunkt waren die in den letzten Jahren entstandenen Radierungen, ganz vorzügliche Blätter voller Hintersinn, Satire und humorvoller Ironie. Günter Kunert gab eine Einführung in sein Schaffen, ausgehend von einem Blatt aus dem Jahr 1947. Anschließend las er eigene Texte: Gedichte, den Essay Warum der Schriftsteller schreibt und der Leser liest und schließlich eine nachdenklich-amüsante Auswahl von Texten aus dem wundervollen Band DER ALTE MANN spricht mit seiner Seele. Ein geistreiches Vergnügen und den Zuhörern aus der Seele gesprochen.
Ein opulenter Büchertisch, Musik von Barock bis Oldtime Jazz und eine Signierstunde rundeten diese schöne und beeindruckende Eröffnungsveranstaltung ab. Faltblatt und Plakat (3 Euro plus Porto) können im Literaturhaus Magdeburg, Thiemstraße 7, 39104 Magdeburg, Tel./Fax 0391/404 49 95, erworben werden.
Joachim Bartels

Italienische Zeichnungen im Hamburger Kupferstichkabinett. Die Hamburger Kunsthalle und das ihr angeschlossene Kupferstichkabinett verdanken ihre Bedeutung dem kulturellen und finanziellen Engagement der Hamburger Bürger und der Kennerschaft seiner Initiatoren. Seit 2001 wurde es dank der „ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius“ möglich, entsprechende Bestandskataloge zu erarbeiten. Einen Schwerpunkt bilden die deutschen, italienischen und niederländischen „Altmeisterzeichnungen“. Dem hervorragenden Werk mit den deutschen Zeichnungen u.d.T. Peter Prange: Deutsche Zeichnungen 1450-1800 (s. MARGINALIEN, H. 191, 2008, S. 86-87) folgt nun David Klemm: Italienische Zeichnungen 1450-1800. Bd. 1: Katalog. Bd. 2: Tafeln. Bd. 3: Stefano della Bella, Katalog und Tafeln (1610-1664). Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag, 2009. Pp. 4°. (= Die Sammlungen der Hamburger Kunsthalle. Kupferstichkabinett Bd 2.) 249,90 Euro. ISBN 978-3-412-20261-3. Das Kupferstichkabinett bewahrt mit etwa 1500 Zeichnungen eine der bedeutendsten Sammlungen italienischer Handzeichnungen in Europa. Nun liegt der angekündigte kommentierte und vollständig bebilderte Katalog der italienischen Zeichenkunst des 16. bis 18. Jahrhunderts vor. Der erste Band „Katalog“ enthält ein Vorwort und eine glänzend geschriebene Einführung, großformatige Farbtafeln, den Katalog mit einer Beschreibung der 759 Exemplare sowie einen Anhang. Der Katalog ist nach dem Alphabet der Künstlernamen geordnet, innerhalb des Zeichnungsbestandes eines Künstlers erfolgt die Reihung chronologisch. Die Beschreibung der einzelnen Stücke ist umfassend, so wurden beispielsweise die Zeichenmaterialien angegeben, die Provenienz verzeichnet, die Inventarnummern aufgeführt und der technische Befund der Zeichnungen vollständig aufgenommen. Der zweite Band „Tafeln“ zeigt eindrucksvoll die Breite der Sammlungen mit Werken u.a. von Canaletto, Benedetto Castiglione, Guernico, Giovanni Battista Piranesi und Raffael. Der dritte Band, der auch gesondert zu beziehen ist, umfasst die 315 Blätter umfassende Sammlung von Stefano della Bella, einem der bedeutendsten italienischen Künstler des 17. Jahrhunderts. Die drei Bände befinden sich in einem in Blau gehaltenen Schuber (mit einer Abbildung von Parmigianinos Begegnung von Alexander und Roxane um 1527/35), Schutzumschlag und Einband sind ebenfalls in Blau gehalten. Die Typographie ist einem Katalogwerk angemessen. Wieder ein großartiger Katalog! Für 2010 kündigt das Kupferstichkabinett den dritten Band der Reihe der Bestandskataloge an, in dem Annemarie Stefes die niederländischen Zeichnungen von 1500 bis 1800 wissenschaftlich bearbeitet vorlegen wird.
Dieter Schmidmaier

Altenbourg und Hussel in Chemnitz. Das Museum Gunzenhauser am Falkeplatz zeigt vom 8. November 2009 bis zum 11. April 2010 in einer Sonderausstellung Werke von Gerhard Altenbourg und Horst Hussel, zwei jahrzehntelang befreundeten Künstlern, Außenseitern in der DDR, deren Kunst „humorvoll oder grüblerisch den stillen Widerstand gegen die offizielle Kunstauffassung formuliert“. Der Sammler Alfred Gunzenhauser lernte beide in den späten 1950er Jahren kennen und erwarb zahlreiche Arbeiten aus den Jahren 1949 bis 1977, darunter zahlreiche Frühwerke beider Künstler, die in dieser Sonderausstellung erstmals präsentiert und in einem von Ingrid Mössinger und Thomas Friedrich im Wienand Verlag Köln herausgegebenen Katalogbuch dokumentiert werden. Der reich bebilderte Katalog (Quartformat, 22 Euro, ISBN 978-3-86832-013-8) bietet indessen weit mehr als die sorgfältige Dokumentation der ausgestellten Werke, der Biographien und Bibliographien. In fundierten Beiträgen von ausgewiesenen Kennern werden die fruchtbaren freundschaftlichen Beziehungen der Künstler, ihre künstlerischen Anreger und Impulsgeber, ihre Sonderstellung wie auch ihre „begrenzte“ Wirkungsmöglichkeit in der DDR erkundet und einhellig ihre welthaltige Geistigkeit gewürdigt.
So spürt Thomas Friedrich den Beziehungen des westdeutschen Sammlers Gunzenhauser zu Altenbourg und Hussel nach und durchstreift in einem zweiten Beitrag „Altenbourgs Revier“. Lothar Lang beleuchtet Altenbourg und Hussel im Kontext der ostdeutschen Graphik und besonders Altenbourgs kaum bekanntes Künstlerbuch Mechulle (handgeschriebene Gedichte, Aquarelle, Zeichnungen) von 1961 in der Gunzenhauser-Sammlung. Brigitta Milde nimmt Carlfriedrich Claus, den Außenseiter aus Annaberg-Buchholz, in ihre „Trias“ mit hinein und zeigt, wie im Bemühen um die „Darstellung des Ureigenen, des nicht Angepaßten … der Einfluß des Unbewußten“ im künstlerischen Frühwerk immer mehr an Einfluß gewinnt. Ute Willer zeichnet ein farbenreiches Porträt der Graphik Horst Hussels in der Sammlung Gunzenhauser und darüber hinaus. Christa Grimm ist mit einem fein gesponnenen Persönlichkeitsbild des Küntlerfreundes Altenbourg vertreten, dessen lebendige Wirkung andauert. Ausstellung und Katalog wollen Anstöße geben, „die bislang wenig erforschten Zusammenhänge, Verbindungen, Brüche und Kontinuitäten“ zwischen dem Werk der Außenseiter und dem ihrer Zeitgenossen verstärkt in den Blick zu rücken. Der Anlässe gab es gleich zwei: Im Jahre 2009 jährte sich der 20. Todestag Gerhard Altenbourgs, und der in Berlin lebende Horst Hussel feierte seinen 75. Geburtstag.
Ursula Lang

Erhart Kästner als Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. „Biographien von Bibliothekaren sind selten. Im allgemeinen gibt es im Gegensatz zu Dichtern und Künstlern, Politikern und großen Gelehrten wenig Interessantes, schon gar nicht Sensationelles zu erzählen“, Worte von Paul Raabe aus dem Geleitwort zu einem bemerkenswerten Buch: Julia Freifrau Hiller von Gaertringen, Diese Bibliothek ist zu nichts verpflichtet außer zu sich selbst. Erhart Kästner als Direktor der Herzog August Bibliothek 1950-1968. Wiesbaden: Harrassowitz, 2009. 378 S. (Wolfenbütteler Hefte Bd. 23.) 20 Euro. ISBN 978-3-447-05879-7. Über Erhart Kästner (1904-1974) gibt es viel Interessantes, sicher auch Sensationelles zu erzählen. In den Mittelpunkt stellt die Autorin Kästners Wirken in Wolfenbüttel von 1950 bis 1968. Kästner erweckte die Bibliothek aus jahrzehntelangem Dornröschenschlaf, um sie zu einem „Schatzhaus des Geistes“, einer „bibliotheca illustris“, zu machen. Sein Motto „Diese Bibliothek ist zu nichts verpflichtet außer zu sich selbst“, das den Titel der Biographie bildet, war ein Gegenmodell zu der wissenschaftlichen Bibliothek in der aufkommenden Informationsgesellschaft. Viel Zustimmung unter Kollegen brachte ihm dieser Leitsatz wohl nicht ein. Doch seine Beharrlichkeit hat sich gelohnt. Er schuf alle Voraussetzungen, um die Wolfenbütteler Bibliothek zu einer Forschungsbibliothek zu machen: Es begann die Erschließung von über 170 000 historischen Buchbeständen und die Katalogisierung mittelalterlicher Handschriften, der Aufbau einer Werkstatt für Buchrestaurierung, die Liberalisierung der Bibliotheksbenutzung, der Neu- und Umbau der Bibliothek, die Sammlung von Malerbüchern der klassischen Moderne, die Integration des Lessinghauses in die Bibliothek. Der Wissenschaftsrat wies 1964 der Herzog August Bibliothek ausdrücklich den „besonderen Charakter einer Forschungsbibliothek“ zu, eine bedeutsame Schützenhilfe für die Entwicklungspläne Kästners. Julia Freifrau Hiller von Gaertringen hat Leben und Werk Kästners aus den Quellen erarbeitet und glänzend niedergeschrieben. Es ist ein großartiges Buch! Es schließt eine Lücke in der bibliothekshistorischen Untersuchung der Wolfenbütteler Bibliothek des 20. Jahrhunderts, die letzte umfassende Darstellung erschien 1894 (Otto von Heinemann: Die herzogliche Bibliothek zu Wolfenbüttel 1550-1893). Dem Amtsnachfolger von Erhart Kästner, Paul Raabe, ist es gelungen, auf diesem Fundament die Bibliothek zu einem Zentrum für Kulturgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit auszubauen. Nachtrag: Für manchen Bücherfreund ist Erhart Kästner in erster Linie durch seine schriftstellerische Tätigkeit bekannt, so durch seine heute noch gern gelesenen Bücher über Griechenland: Ölberge Weinberge, Kreta, Griechische Inseln.
Dieter Schmidmaier

Letzte Gedichte von Heinz Czechowski, dem im Oktober 2009 vierundsiebzigjährig verstorbenen deutschen Lyriker, Vertreter der sächsischen Dichterschule, versammelt ein kostbarer bibliophiler Band der Edition Rothahndruck Berlin. Er ist unter dem Titel Verlassene Hütte in einer limitierten Auflage von 50 Exemplaren (im Quartformat, Halbleinen, zum Preis von 400 Euro) 2009 erschienen und zur Zeit der einzige auf dem Buchmarkt verfügbare Czechowski. Das Buch enthält 18 späte, bislang unveröffentlichte Gedichte des nach der Wende in Frankfurt am Main lebenden bedeutenden Lyrikers, von ihm selbst ausgewählt und in Zusammenarbeit mit ihm von Dieter Goltzsche mit 12 mehrfarbigen Siebdrucken und einer Einbandgraphik ausgestattet, von Autor und Künstler signiert.
Der elegische Ton der Texte aus früheren Gedichtbänden ist aufgenommen, nicht schwermütig, doch illusions- und schonungslos: „Dunkelblau ist die Farbe der Hoffnung, fast schwarz“, „Wohin soll ich noch gehen, außer ins Dunkel?“, „… in der Abwesenheit des Glücks / Starr ich auf meinen Bildschirm, wo sich die Wörter versammeln / Zu etwas, das keine Botschaft mehr ist“. Wirklichkeit ist ihm, dem immer schon Schwierigen, nun alt und krank Gewordenen, nur mehr Erinnerung, Verlusterfahrung, Todesahnung, Alltagsbeschwernis, Selbstbeobachtung, Tagesnachricht … Titel weisen auf die Befindlichkeitslage: Eulenspiegel, Der König hat geweint, Das Jahrhundert der Wölfe, Das falsche Leben im richtigen, Du bist krank, Verlassene Hütte. Hier und da blitzen in den prosaischen Texten Witz und Selbstironie auf: „Der Melancholiker in uns schlägt Funken … Wir sollten uns jetzt nicht beeilen, / Den Rest des Lebens zu vertrauern.“
Czechowskis Grunderlebnis in der Kindheit war die Zerstörung seiner Geburtsstadt Dresden: „Die wiederauferstandene Stadt / Hat keinen Ort, den ich wieder erkenne.“ In dem Schlußgedicht des Bandes „Ich wohne, wo ich wohne, wo“ lesen wir erheitert: „Das Sommerloch ist hier besonders tief … Wie schön / wäre jetzt Weimar an der Ilm / Spazierengehn, die echte Rostbratwurst, Anna Amalias / Teegeplauder, Bombenstimmung / In Dresden, Leipzigs Allerlei stattdessen / Nichts als Verdruß in Hessen …“
Dieter Goltzsche antwortet den Texten mit leuchtenden Siebdrucken, einvernehmlich, von Blatt zu Blatt in fein abgestimmter Farbdynamik Motive der Texte aufnehmend, den Tod, einen Blick, den Leidenden, Gespenster, doch auch das Begehren, den Holunder, die Flasche … Die wunderbaren Blätter, Ergebnisse jahrelanger Arbeit, machen den Band zu einem festlichen Memorial. In nobles Dunkelblau gewandet, von dem zartblauen Linienspiel der Einbandzeichnung geheimnisvoll belebt, (vielleicht ein letzter suchender Blick …) ist ein Künstlerbuch entstanden, das man gerne empfiehlt und auch besitzen möchte. Interessenten melden sich bei Prof. Dieter Goltzsche, Scharnweberstraße 55, 12587 Berlin, Tel.: 030/6412900).
Ursula Lang

Neruda in der Edition Klaus Raasch. Unter dem Thema SchnittStellen präsentierte das Gutenberg-Museum Mainz im ersten Halbjahr 2008 eindrucksvoll die Bücher, Mappenwerke und Objekte der Edition Klaus Raasch (vgl. MARGINALIEN 190. Heft.) Auf der letzten Buchmesse in Frankfurt am Main stellte Klaus Raasch mit Geträumte Dinge ein neues hervorhebenswertes Werk seiner Edition vor. Ursprünglich erschien das von Antje Wichtrey gestaltete Buch in sehr kleiner Auflage als Handdruck. Doch die Resonanz war so groß, daß sich Klaus Raasch entschloß, das Werk auch einer weiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. So wurde der Titel als 7. Druck in die Reihe Edition Die Holzschnittbücher aufgenommen, die von Raasch zusammen mit dem Gutenberg-Museum, dem Museum der Arbeit, Hamburg, und dem Büchergilde ARTclub herausgegeben wird: Pablo Neruda – Geträumte Dinge. Holzschnitte von Antje Wichtrey. Grethem-Büchten: Schwarze Kunst, 2008. Nicht paginiert. Leporellobindung. 50 x 32 cm. 660 Exemplare. 58 Euro. ISBN 978-3-927840-37-9. Vorzugsausgabe in Holzschuber, gedruckt auf Rives-Bütten. 50 signierte und nummerierte Exemplare. Preis auf Anfrage.
Welcher Bibliophile denkt bei Pablo Neruda nicht zunächst an den von Albert Kapr gestalteten und von HAP Grieshaber kongenial mit zehn Farbholzschnitten illustrierten Gedichtzyklus Aufenthalt auf Erden (Leipzig 1972)? Nerudas meditative Texte fordern Gestalter und Illustratoren geradezu heraus. Auch Antje Wichtrey als Holzschneiderin und Klaus Raasch als Typograph waren von den beiden ausgewählten Texten Nerudas in den Bann gezogen. Der einleitende Text beginnt mit den Worten „Die Poesie ist kein fester Stoff, sondern ein fließender Strom …“ und steht allein für sich auf der ersten Seite. Der zweite Text, eigentlich lauter Fragesätze, verläuft einzeilig an der Unterkante der Graphiken. Oder müßte man besser sagen: der Graphik? Denn tatsächlich entwickelt sich ein Gesamtbild fortlaufend über die Doppelseiten hinweg wie ein Film. Die ersten Blätter entwickeln sich aus den „Farben“ Schwarz, Blau und Grün. Sie zeigen ausgehend vom Detail eines Zebrakopfes zunächst einen Teil der Herde, dann die Gesamtherde unter einem einsamen Baum in der Weite des afrikanischen Graslands. Zum Schluß bleibt das lichte, beruhigende Grün. Aus gestalterischen Gründen haben Antje Wichtrey und Klaus Raasch die von Pablo Neruda zitierten „Bienen“ und „Schwalben“ durch „Zebras“ ersetzt, was dem Ursprungstext durchaus nichts von seiner Eindringlichkeit nimmt. Sehr gelungen ist die Realisierung der Holzschnitte durch die fast unterbrechungslose Leporelloheftung. So wird die Weite der afrikanischen Landschaft visuell erlebbar.
Antje Wichtrey, 1966 in Hannover geboren, aufgewachsen in München, studierte ab 1987 Angewandte Kulturwissenschaften in Hildesheim mit den Schwerpunkten Malerei und Druckgraphik. Seit 1992 unterhält sie je eine Werkstatt in Granada und München. Sie gestaltete Unikat-Malerbücher und Künstlerbücher zu Texten von Christa Wolf, Federico Garcia Lorca, Ingeborg Bachmann, Hilde Domin, Max Frisch, Rafik Schami und anderen. Ein für die Künstlerin anhaltend wichtiges, oft wiederkehrendes Thema sind die Menschenrechte. Antje Wichtrey konnte ihr Werk in vielen Einzelausstellungen präsentieren, so in Bietigheim, Freiburg, Granada, Basel, Hannover, Emden, Dresden, Brandenburg, Hamburg und Frankfurt/Main. In Lübeck zeigte sie 2008 ihr Mappenwerk Menschenrechte. Öffentliche Ankäufe beweisen die Wertschätzung der Künstlerin. Mit dem vorliegenden (fast ein Künstler-)Buch ist Antje Wichtrey ein beeindruckendes Kunstwerk gelungen, das ihren Ruf als Illustratorin weiter festigen wird.
Das Buch im Folioformat wurde in der Fetten Neuzeit Grotesk (Handsatz) und Frutiger black (Macintosh) auf einem 150 g Lessebo natural gedruckt. Die Graphiken wurden von den Originalholzstöcken auf einem Heidelberger Zylinder abgezogen. Der von Christian Zwang, Hamburg, gestaltete Einband ist ein 620g Lessebo Naturals anthracite. Insgesamt eine Meisterleistung aller Beteiligten!
Ferdinand Puhe

Bibliotheksneubauten in Essen, Berlin und Heidelberg. Im Herbst 2009 erfolgte die Grundsteinlegung für den Neubau der Bibliothek der Folkwang Hochschule Essen. In dem Gebäude werden erstmals drei bedeutende Bibliotheksbestände zusammengefaßt: die musikwissenschaftliche Bibliothek der Ruhr-Universität Bochum, die musikpädagogischen Bestände der Universität Duisburg-Essen und die Bibliothek der Folkwang Hochschule. Mit 200 000 Medieneinheiten, insbesondere Büchern, Noten und Schallplatten, verfügt die neue Bibliothek neben der Bibliothek der Hochschule für Musik und Kunst in Köln über den größten musikwissenschaftlichen Bestand in Nordrhein-Westfalen. Der Neubau soll bereits Ende 2010 fertiggestellt werden. Den Architekturwettbewerb hat das Architekturbüro Max Dudler gewonnen, das auch die im November 2009 eröffnete neue Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität Berlin plante. Das Bibliothekskonzept vervollständigt das bauliche Ensemble der ehemaligen Abtei Essen-Werden, in der die Folkwang Hochschule ihren Hauptsitz hat.
Im November 2009 wurde das neue Gebäude der zentralen Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität Berlin als „Jacob- und Wilhelm-Grimm-Zentrum“ eröffnet. Direkt am Stadtbahnviadukt in idealer Nähe zu den Lehr- und Forschungsbereichen der Universität gelegen, beherbergt es unter einem Dach die geisteswissenschaftlichen Bibliotheken. Der Architekt Max Dudler betonte in Interviews, daß es ihm in erster Linie darum gegangen sei, einen engen Zusammenhang zwischen Buch und Regal sowie Regal und Haus herzustellen. Maß und Gestalt habe er aus dem kleinsten Modul gewonnen, dem Buch. Das zeigt sich zuerst in der blockhaften Baukörperkomposition, die sich entlang der Stadtbahn zehngeschossig erhebt, sich aber mit niedrigeren Bauteilen an die Nachbarbebauungen anpaßt. Das ganze Gebäude besteht aus einer Natursteinwand aus Juramarmor mit ausgestanzten hochrechteckigen Fenstern von drei unterschiedlichen Breiten – hinter den schmalen Schlitzen befinden sich die Magazinräume, die breiteren belichten die Leseplätze, hinter den breitesten befinden sich die Sonderflächen. Beeindruckend ist das Ambiente im Inneren, das eine warme Arbeitsatmosphäre schafft: Juramarmor an Fassaden und auf Fußböden, amerikanisches Kirschholz an Wänden, Stützen und Decken. Den Kern des Hauses bildet der terrassenförmige zentrale Lesesaal: Über rechteckigem Grundriß staffeln sich von der Mitte ausgehend auf beiden Seiten aufwärts Terrassen mit 252 Leseplätzen, im ganzen Haus sind es 1250. Um den Lesesaal herum ist in mehreren Etagen der Freihandbereich untergebracht, von jeder Terrasse haben die Benutzer direkten Zugang zu den Regalen der Freihandbibliothek, mit 1,5 Millionen Bänden die größte ihrer Art in Deutschland. Im Kompaktmagazin befinden sich über 500 000 Bücher aus dem historischen Bestand der Bibliothek. Zu dem mit modernster Technik ausgestatteten Haus gehören ein Forschungslesesaal, drei Räume für Videokonferenzen, acht Arbeitsräume für Gruppen, 54 Einzelarbeitskabinen, ein Eltern-Kind-Raum für Studenten, ein Auditorium mit 196 Plätzen sowie das Universitätsarchiv. Der größte Schatz der Bibliothek ist die Privatbibliothek der Brüder Grimm, eine Sammlung von 6000 kostbaren Werken aus den Jahren 1500 bis 1864.
Zum dreißigjährigen Jubiläum erhielt die 1979 gegründete Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg einen Neubau. Durch diesen werden erstmals alle Bereiche der Einrichtung wie Hörsäle, Bibliothek, Rektorat, Verwaltung und Mensa unter einem Dach vereint. Im Zusammenspiel mit dem auf dem gleichen Grundstück befindlichen, um 1900 erbauten Sandsteingebäude ist ein Ensemble von Alt und Neu entstanden, das den Anspruch der Hochschule, einerseits ein Ort der Tradition und des kulturellen Erbes und andererseits ein modernes, weltoffenes Zentrum der Lehre und Forschung zu sein, unterstreicht. Der Neubau ist als einfaches Stahlbetonskelett mit aussteifendem Kern, umhüllt von einer thermisch getrennten Pfosten-Riegel-Fassade, konzipiert worden. Farbige Gläser, die in einzelnen Fassadenelementen eingesetzt sind, erzeugen Lichteffekte im Innern. Alle Dachflächen sind begrünt. Herzstück des neuen Gebäudes ist die „Bibliothek Albert Einstein“, die als Verbindungsglied zum Altbau fungiert. Sie umfaßt 540 Quadratmeter und verfügt auf drei Ebenen über 2000 laufende Meter Freihandbereiche sowie 400 Quadratmeter Magazinraum. Die Bibliothek enthält die zweitgrößte Judaica-Sammlung in Deutschland. Gemeinsam mit dem Bibliotheksservicezentrum Konstanz wurde in einem Pilotprojekt ein umfassendes integriertes Bibliothekssystem von der Titelaufnahme über die originalschriftliche Katalogdarstellung bis hin zur selbständigen Medienverbuchung entwickelt. Ihr räumlich angegliedert ist das Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland.
Dieter Schmidmaier

Mainzer Verlagsarchiv eröffnet. Am 6. Oktober 2009 wurde am Institut für Buchwissenschaft der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz das „Mainzer Verlagsarchiv“ eingeweiht. Zu den ersten wertvollen Schätzen der Verlagsgeschichte gehören die vom Verlegerehepaar Sabine und Kurt Groenewold gestifteten Verlagsarchive der Europäischen Verlagsanstalt, des Rotbuch Verlags und des Syndikat-Verlags einschließlich zahlreicher Manuskripte. Zudem stiftete der Rowohlt Verlag sein Archiv. In Kooperation mit dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach wurde dieses Archiv aufgeteilt: Marbach übernahm den Bereich Belletristik, nach Mainz gingen die Bereiche Sachbuch, Taschenbuch, Kinder- und Jugendbuch, Autorenkorrespondenz, Herstellungs- und Marketingunterlagen, Rezensionsbelege, Schutzumschläge und Belegexemplare. Die Erschließung des „Mainzer Verlagsarchivs“ erfolgt durch das Institut für Buchwissenschaft, auch durch Magister- und Doktorarbeiten. Die Universität stellt adäquate Benutzungs- und Erschließungsräume zur Verfügung. Das „Mainzer Verlagsarchiv“ erhielt auch einen großen Teil der literarischen Korrespondenz der Literaturnobelpreisträgerin von 2009, Herta Müller.
Dieter Schmidmaier

Sachsendreier in der Galerie Pferdestall. Im Spätherbst 2009 erschien zur Ausstellung Sachsendreier in der Galerie Pferdestall im Quellenhof in Garbisdorf ein Katalog, der den Bibliophilen empfohlen werden kann: Göpfersdorfer Kunstblätter 2. Sachsendreier. Werner Wittig, Claus Weidensdorfer, Andreas Dress. Altenburg: E. Reinhold Verlag, 2009. 64 S., 50 Abb. 14,80 Euro. ISBN 978-3-937940-62-5. Das erste Heft der Göpfersdorfer Kunstblätter war im Frühjahr 2008 auf Anregung von Dieter Gleisberg (Vgl. MARGINALIEN, H. 191, 2008). Dank des Engagements von Günter Lichtenstein, dem ambitionierten Leiter der Galerie, und dem Kunsthistoriker Dieter Gleisberg ist nun bereits nach anderthalb Jahren im November 2009 das zweite Heft der Göpfersdorfer Kunstblätter erschienen. Die Ausstellung Sachsendreier führt Meisterblätter der sächsischen Künstler Werner Wittig (Radebeul), Claus Weidensdorfer (Radebeul) und Andreas Dress (Sebnitz/Dresden) zusammen. In der Exposition „erleben wir erneut Druckgrafik in hoher Vollendung in drei klassischen grafischen Techniken: den Hochdruck in den Holzrissen von Werner Wittig als Sonderform des Holzschnitts, den Flachdruck in den Lithografien von Claus Weidensdorfer und den Tiefdruck in den Radierungen von Andreas Dress. Prinzip der Auswahl war dabei, die farbige Grafik, von allen drei Künstlern meisterlich beherrscht, einmal exemplarisch in den Mittelpunkt zu rücken", wie Günter Lichtenstein in seinem einführenden Katalogbeitrag äußert.
Farbe bekennen überschreibt Dieter Gleisberg sein die drei Künstler würdigendes Essay, das dem reichbebilderten Dokumentationsteil vorangestellt ist. Bei dem verfremdeten Motto Sachsendreier mag man natürlich zuerst an die legendäre Briefmarke denken. „Überträgt man den Begriff jedoch auf ein Dreigestirn von Künstlern, dann müssen diese sowohl waschechte Sachsen sein als auch einander besonders nahe stehen. Selber haben sie sich allerdings weder so genannt noch jemals als Gruppe erklärt. Doch ihr freundschaftlicher Austausch und Zusammenhalt, über Jahrzehnte gewahrt und bewährt, ist in unserer von Egoismus und Karrierezwang beherrschten Gegenwart durchaus ein denkwürdiges Phänomen" (Dieter Gleisberg). Der Autor bekennt sich in seinem Beitrag nicht nur zum Werk der einzelnen Künstler. Trotz unterschiedlicher Techniken wird Gemeinsames im Schaffensprozeß von Wittig, Weidensdorfer und Dress beleuchtet, inhaltlich differenziert betrachtet und in historische Konstellationen gestellt. Bereichert wird der Katalog durch Notizen der Graphiker zur jeweils speziellen Technik: Werner Wittig: Holzriß, Claus Weidensdorfer: Lithografie, Andreas Dress: Farbradierung. Dabei geht es weniger um ein künstlerisches Credo, als vielmehr um die diffizilen technischen Belange des Mediums Graphik, die besonders aufschlußreich bei Werner Wittigs sensiblen Holzrissen beeindrucken.
Karl-Heinz Mehnert

Poesiealbum – neue Folge. Einen Nimbus wie Kurt Wolffs Der jüngste Tag hat sie nicht und wird sie nicht erreichen, denn die Lyrikreihe aus dem Verlag Neues Leben ist alles andere als selten. Sie wurde in großen Auflagen gedruckt und am Kiosk verkauft. Fünfeinhalb Millionen verkaufte Exemplare bis zum Ende der DDR hat der Begründer des Poesiealbums Bernd Jentzsch errechnet. Bis auf wenige Hefte können alle Ausgaben antiquarisch zu günstigen Preisen erworben werden. Dennoch wird sie von vielen Lyrikfreunden fleißig gesammelt. 275 Ausgaben zuzüglich 25 Sonderhefte sind ein schöner Querschnitt durch die Weltliteratur. Von Walther von der Vogelweide bis Steffen Mensching, von Pablo Neruda bis Ossip Mandelstam spannt sich der Bogen. Unter dem Motto „Auferstanden aus Ruinen“ ist jetzt im Märkischen Verlag Wilhelmshorst (An der Aue 6, 14552 Wilhelsmhorst, www.poesiealbum-online.de) eine neue Folge des Poesiealbums gestartet worden. Richard Pietraß, der die Reihe schon in den siebziger Jahren einige Zeit lektorierte, zeichnet als Herausgeber verantwortlich. Die Zählung der Hefte setzt da ein, wo sie 1990 abbrach. Das Einzelheft kostet 4 Euro (zzgl. 60 Cent Porto), das Reihenabonnement kommt noch günstiger: 5 Hefte für 20 Euro (incl. Porto). Zu den ersten Ausgaben gehören Peter Huchel, Ernst Jandl, Ezra Pound, Georg Heym, Seamus Heaney und Wolfgang Hilbig. Das Layout ist geblieben, ebenso die Graphik auf dem Umschlag und die zweite in der Mitte des Heftes.