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Redaktionsschluss 7. Januar 2010
Für Renate
Herfurth (1943–2009)
Die
Bibliophilen-Gesellschaft in Köln
20. Berliner
Exlibristreffe
„Im Bilde sein“
– Günter Kunert in Magdeburg
Italienische
Zeichnungen im Hamburger Kupferstichkabinett
Altenbourg und
Hussel in Chemnitz
Erhart Kästner
als Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel
Letzte Gedichte
von Heinz Czechowski
Neruda in der
Edition Klaus Raasch
Bibliotheksneubauten in Essen, Berlin und Heidelberg
Mainzer
Verlagsarchiv eröffnet
Sachsendreier
in der Galerie Pferdestall
Poesiealbum –
neue Folge
Für Renate
Herfurth (1943–2009). Das Gedicht Mittags von Georg Maurer geht so: „So!
sagt der Himmel zu der Wiese./ Jetzt legen wir uns auf den Bauch./ Du schreibst
noch ein paar Grüße,/ und ich – ich unterzeichne auch.// Dann aber haben wir
genug getan.-/ Die Wiese schaut den Himmel an/ und sagt: Unendlich lieb ich
dich,/ und ohne dich – was wäre ich.// Der Himmel aber wirft sich weit/ über das
weiche Wiesenkleid:/ Was wäre all mein blaues Mühn,/ blieb’s ungestillt von
deinem Grün.“ Es gehört zu den Fünf ausgewählten Gedichten, zu denen Renate
Herfurth stimmungsvolle Lithographien schuf, zusammengefaßt 1984 in einer von
Günter Jacobi typographierten und vom Rat des Bezirkes Leipzig in 30 Exemplaren
herausgegebenen Mappe. Und dieses Gedicht erzählt auch viel von Renates
Lebensgefühl, ihrer Empfänglichkeit für die Schönheiten der Natur, ihrer
Warmherzigkeit und dem leisen Humor. Ich kann mich nicht erinnern, sie je
hektisch oder mißmutig erlebt zu haben. Sie strahlte Ruhe und Freundlichkeit
aus. Um ihre Studenten am Institut für Kunsterziehung mühte sie sich sehr. Sie
liebte ihre Kunst, die Musik und eine gute Küche. Von alledem verstand sie
etwas. Und als gelernte Buchbinderin hatte sie zum wohlgestalteten Buch jenes
Verhältnis, das zu den Pirckheimern führt, deren Mitglied sie lange Zeit war.
Die Themen, zu denen sie sich künstlerisch äußern wollte, wählte sie klug aus.
Zu einem Text, den der Leipziger Bibliophilen-Abend ihr zu graphischer
Begleitung angetragen hatte, fand sie keinen Kontakt. Sie wählte keine Notlösung
− sie gab den Text zurück.
Liebe Renate, Du bist am 30. Oktober 2009 nach tapfer ertragener, schwerer
Krankheit viel zu früh gestorben. Die Eröffung der Ausstellung Herfurths
schönste Seiten, auf die Du Dich gemeinsam mit Egbert gefreut hattest, konntest
Du nicht mehr erleben. Ich schreib noch ein paar Grüße …
Herbert Kästner

Die Bibliophilen-Gesellschaft in Köln beendet im
Frühjahr 2010 ihre jahrzehntelange erfolgreiche Tätigkeit, wie der Sekretär
Hanns Georg Schmitz-Otto Ende vergangenen Jahres ankündigt hat. Das Wirken der
1930 maßgeblich von seinem Vater gegründeten Gesellschaft wird nach 80 Jahren
mit einer Feierstunde, einer letzten Teestunde, eingestellt. Die Teilnehmer des
Jahrestreffens der Pirckheimer-Gesellschaft in Köln 2008 konnten an einem dieser
Vortragsnachmittage teilnehmen und das anspruchsvolle Leben der Kölner
Gesellschaft kennenlernen sowie einen ihrer zahlreichen Drucke als Geschenk
entgegennehmen. Die Auflösung erfolgt vor allem aus persönlichen Gründen des
langjährigen, inzwischen betagten Sekretärs, der guten Seele des bibliophilen
Lebens. Auch der erhebliche Mitgliederschwund, den die Gesellschaft in den
letzten Jahren hinnehmen mußte, wird angeführt, sowie die Tatsache, daß es nicht
gelang, neue und jüngere Mitglieder für die Gesellschaft zu gewinnen.
Schmitz-Otto sieht in der Auflösung weiterhin die Konsequenz daraus, daß sich
das Umfeld für diese Form geselliger Bibliophilie grundlegend verändert hat. Zu
leiden haben alle Bibliophilen-Gesellschaften in Deutschland, doch Köln stellt
einen Sonderfall dar. Die Mitgliederzahl in der Pirckheimer-Gesellschaft konnte
beispielsweise im letzten Jahrzehnt weitgehend stabil gehalten werden, und die
Maximilian-Gesellschaft nahm im vergangenen Jahr sogar um 20 Mitglieder zu.
Abel Doering

20. Berliner Exlibristreffen.
Etwa 30 Teilnehmer aus Berlin und der weiteren Umgebung hatten sich auch diesmal
im Rudi-Nachbarschaftszentrum, unweit der neuen O2-Arena, eingefunden. Die
launige Einführungsrede des erkrankten Claus P. Mader trug Dr. Peter Labuhn vor.
Es wurde wieder heftig getauscht und diskutiert. Die Ausstellung Transportmittel
und Reisen zeigte fast 600 Exlibris aus der Sammlung Birgit Göbel-Stiegler in
allzu reich bestückten Rahmen. Die Sammlerin schreibt in einem Begleitheft unter
Reisen ist Leben über ihre Kollektion. Dabei faßt sie das Thema sehr weit. Eine
Aufstellung der Blätter auf ihren Namen, 32 Abbildungen und vier eingeklebte
Originale ergänzen das von Utz Benkel in 75 Exemplaren hergestellte Heft.
Wolfgang Fiedler und Claus P. Mader konzipierten anläßlich des 20. Treffens für
die Mitglieder eine Schrift in 50 Exemplaren: bet / 1990-2009 / Berliner
Exlibris-Treffen. Die Einführungsrede von Mader ist abgedruckt, zugleich eine
ganz kurze Geschichte des bet. Der interessante Beitrag BB von Sabine Schemmrich
beschreibt die bibliophilen und exlibristischen Beziehungen zwischen Berlin und
Schloß Burgk. Eva Bliembach berichtet Aus dem Gerhard-Tag-Nachlass in der
Staatsbibliothek, Erhard Beitz über Blumenserie und Peter Labuhn über Gedanken
zum Sammeln. Klaus Rödel aus Dänemark, der zu jedem Berliner Treffen eine kleine
Gabe für die Teilnehmer mitgebracht hat, meint: Ich hab' noch einen Koffer in
Berlin! Darin ist zu lesen: „Das Berliner Treffen hat seine eigene, intime, aber
gleichzeitig offene Atmosphäre ...“ Schließlich folgt zusammengestellt von
Rainer Kabelitz: Zwanzig Jahre Berliner Exlibristreffen. Veröffentlichungen und
Gaben. Erstaunlich, was da alles zusammengekommen ist, Mappen, Hefte, Exlibris,
Plakate etc.
Am 6. November 2010 wird das 21. Treffen stattfinden.
Wolfram Körner

„Im Bilde sein“ – Günter Kunert in Magdeburg.
Der Verein der Bibliophilen und Graphikfreunde Magdeburg und Sachsen-Anhalt
„Willibald Pirckheimer“ veranstateltet vom 25. 11. 2009 bis 26. Februar 2010 im
Literaturhaus Magdeburg die Ausstellung „Im Bilde sein“ – Radierungen,
Holzschnitte, Zeichnungen von Günter Kunert. – Kein Zweifel: Günter Kunert ist
einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller. Der 1929 geborene Dichter
lebte bis 1979 in Ostberlin, bis er nach Schleswig-Holstein übersiedelte.
Äußerlich erscheint sein Leben zweigeteilt. Sein Schaffen ist jedoch ein
Kontinuum. Prosa, Lyrik, Essays, Drehbücher, Publizistik – immer ist Kunert ein
wortmächtiger Kritiker seiner Zeit, geachtet von seinen Kollegen und Verlegern,
geschätzt, ja geliebt von seinen Lesern. Kunert begann allerdings 1946 an der
Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee zu studieren. Maler und
Graphiker wollte er werden. Nach fünf Semestern brach er das Studium ab, als er
„zu schreiben anfing, gefangen von Kalliope, der Muse der Dichtkunst“, wie er im
Faltblatt zur Ausstellung schreibt. Becher und Brecht waren auf ihn aufmerksam
geworden und förderten ihn. Aber, fährt er im obengenannten Text fort, „gänzlich
gab ich die bildende Kunst nicht auf“, was leicht untertrieben ist. Davon
konnten sich die zahlreichen Besucher der Ausstellungseröffnung überzeugen.
Fünfzig Arbeiten aus mehreren Schaffensperioden gaben einen Eindruck vom
graphische Schaffen Günter Kunerts, auf Malerei mußte leider aus Platzgründen
verzichtet werden. Schwerpunkt waren die in den letzten Jahren entstandenen
Radierungen, ganz vorzügliche Blätter voller Hintersinn, Satire und humorvoller
Ironie. Günter Kunert gab eine Einführung in sein Schaffen, ausgehend von einem
Blatt aus dem Jahr 1947. Anschließend las er eigene Texte: Gedichte, den Essay
Warum der Schriftsteller schreibt und der Leser liest und schließlich eine
nachdenklich-amüsante Auswahl von Texten aus dem wundervollen Band DER ALTE MANN
spricht mit seiner Seele. Ein geistreiches Vergnügen und den Zuhörern aus der
Seele gesprochen.
Ein opulenter Büchertisch, Musik von Barock bis Oldtime Jazz und eine
Signierstunde rundeten diese schöne und beeindruckende Eröffnungsveranstaltung
ab. Faltblatt und Plakat (3 Euro plus Porto) können im Literaturhaus Magdeburg,
Thiemstraße 7, 39104 Magdeburg, Tel./Fax 0391/404 49 95, erworben werden.
Joachim Bartels

Italienische Zeichnungen im Hamburger
Kupferstichkabinett. Die Hamburger Kunsthalle und das ihr angeschlossene
Kupferstichkabinett verdanken ihre Bedeutung dem kulturellen und finanziellen
Engagement der Hamburger Bürger und der Kennerschaft seiner Initiatoren. Seit
2001 wurde es dank der „ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius“ möglich,
entsprechende Bestandskataloge zu erarbeiten. Einen Schwerpunkt bilden die
deutschen, italienischen und niederländischen „Altmeisterzeichnungen“. Dem
hervorragenden Werk mit den deutschen Zeichnungen u.d.T. Peter Prange: Deutsche
Zeichnungen 1450-1800 (s. MARGINALIEN, H. 191, 2008, S. 86-87) folgt nun David
Klemm: Italienische Zeichnungen 1450-1800. Bd. 1: Katalog. Bd. 2: Tafeln. Bd. 3:
Stefano della Bella, Katalog und Tafeln (1610-1664). Köln, Weimar, Wien: Böhlau
Verlag, 2009. Pp. 4°. (= Die Sammlungen der Hamburger Kunsthalle.
Kupferstichkabinett Bd 2.) 249,90 Euro. ISBN 978-3-412-20261-3. Das
Kupferstichkabinett bewahrt mit etwa 1500 Zeichnungen eine der bedeutendsten
Sammlungen italienischer Handzeichnungen in Europa. Nun liegt der angekündigte
kommentierte und vollständig bebilderte Katalog der italienischen Zeichenkunst
des 16. bis 18. Jahrhunderts vor. Der erste Band „Katalog“ enthält ein Vorwort
und eine glänzend geschriebene Einführung, großformatige Farbtafeln, den Katalog
mit einer Beschreibung der 759 Exemplare sowie einen Anhang. Der Katalog ist
nach dem Alphabet der Künstlernamen geordnet, innerhalb des Zeichnungsbestandes
eines Künstlers erfolgt die Reihung chronologisch. Die Beschreibung der
einzelnen Stücke ist umfassend, so wurden beispielsweise die Zeichenmaterialien
angegeben, die Provenienz verzeichnet, die Inventarnummern aufgeführt und der
technische Befund der Zeichnungen vollständig aufgenommen. Der zweite Band
„Tafeln“ zeigt eindrucksvoll die Breite der Sammlungen mit Werken u.a. von
Canaletto, Benedetto Castiglione, Guernico, Giovanni Battista Piranesi und
Raffael. Der dritte Band, der auch gesondert zu beziehen ist, umfasst die 315
Blätter umfassende Sammlung von Stefano della Bella, einem der bedeutendsten
italienischen Künstler des 17. Jahrhunderts. Die drei Bände befinden sich in
einem in Blau gehaltenen Schuber (mit einer Abbildung von Parmigianinos
Begegnung von Alexander und Roxane um 1527/35), Schutzumschlag und Einband sind
ebenfalls in Blau gehalten. Die Typographie ist einem Katalogwerk angemessen.
Wieder ein großartiger Katalog! Für 2010 kündigt das Kupferstichkabinett den
dritten Band der Reihe der Bestandskataloge an, in dem Annemarie Stefes die
niederländischen Zeichnungen von 1500 bis 1800 wissenschaftlich bearbeitet
vorlegen wird.
Dieter Schmidmaier

Altenbourg und Hussel in Chemnitz. Das Museum
Gunzenhauser am Falkeplatz zeigt vom 8. November 2009 bis zum 11. April 2010 in
einer Sonderausstellung Werke von Gerhard Altenbourg und Horst Hussel, zwei
jahrzehntelang befreundeten Künstlern, Außenseitern in der DDR, deren Kunst
„humorvoll oder grüblerisch den stillen Widerstand gegen die offizielle
Kunstauffassung formuliert“. Der Sammler Alfred Gunzenhauser lernte beide in den
späten 1950er Jahren kennen und erwarb zahlreiche Arbeiten aus den Jahren 1949
bis 1977, darunter zahlreiche Frühwerke beider Künstler, die in dieser
Sonderausstellung erstmals präsentiert und in einem von Ingrid Mössinger und
Thomas Friedrich im Wienand Verlag Köln herausgegebenen Katalogbuch dokumentiert
werden. Der reich bebilderte Katalog (Quartformat, 22 Euro, ISBN
978-3-86832-013-8) bietet indessen weit mehr als die sorgfältige Dokumentation
der ausgestellten Werke, der Biographien und Bibliographien. In fundierten
Beiträgen von ausgewiesenen Kennern werden die fruchtbaren freundschaftlichen
Beziehungen der Künstler, ihre künstlerischen Anreger und Impulsgeber, ihre
Sonderstellung wie auch ihre „begrenzte“ Wirkungsmöglichkeit in der DDR erkundet
und einhellig ihre welthaltige Geistigkeit gewürdigt.
So spürt Thomas Friedrich den Beziehungen des westdeutschen Sammlers
Gunzenhauser zu Altenbourg und Hussel nach und durchstreift in einem zweiten
Beitrag „Altenbourgs Revier“. Lothar Lang beleuchtet Altenbourg und Hussel im
Kontext der ostdeutschen Graphik und besonders Altenbourgs kaum bekanntes
Künstlerbuch Mechulle (handgeschriebene Gedichte, Aquarelle, Zeichnungen) von
1961 in der Gunzenhauser-Sammlung. Brigitta Milde nimmt Carlfriedrich Claus, den
Außenseiter aus Annaberg-Buchholz, in ihre „Trias“ mit hinein und zeigt, wie im
Bemühen um die „Darstellung des Ureigenen, des nicht Angepaßten … der Einfluß
des Unbewußten“ im künstlerischen Frühwerk immer mehr an Einfluß gewinnt. Ute
Willer zeichnet ein farbenreiches Porträt der Graphik Horst Hussels in der
Sammlung Gunzenhauser und darüber hinaus. Christa Grimm ist mit einem fein
gesponnenen Persönlichkeitsbild des Küntlerfreundes Altenbourg vertreten, dessen
lebendige Wirkung andauert. Ausstellung und Katalog wollen Anstöße geben, „die
bislang wenig erforschten Zusammenhänge, Verbindungen, Brüche und Kontinuitäten“
zwischen dem Werk der Außenseiter und dem ihrer Zeitgenossen verstärkt in den
Blick zu rücken. Der Anlässe gab es gleich zwei: Im Jahre 2009 jährte sich der
20. Todestag Gerhard Altenbourgs, und der in Berlin lebende Horst Hussel feierte
seinen 75. Geburtstag.
Ursula Lang

Erhart Kästner als Direktor der Herzog August
Bibliothek Wolfenbüttel. „Biographien von Bibliothekaren sind selten. Im
allgemeinen gibt es im Gegensatz zu Dichtern und Künstlern, Politikern und
großen Gelehrten wenig Interessantes, schon gar nicht Sensationelles zu
erzählen“, Worte von Paul Raabe aus dem Geleitwort zu einem bemerkenswerten
Buch: Julia Freifrau Hiller von Gaertringen, Diese Bibliothek ist zu nichts
verpflichtet außer zu sich selbst. Erhart Kästner als Direktor der Herzog August
Bibliothek 1950-1968. Wiesbaden: Harrassowitz, 2009. 378 S. (Wolfenbütteler
Hefte Bd. 23.) 20 Euro. ISBN 978-3-447-05879-7. Über Erhart Kästner (1904-1974)
gibt es viel Interessantes, sicher auch Sensationelles zu erzählen. In den
Mittelpunkt stellt die Autorin Kästners Wirken in Wolfenbüttel von 1950 bis
1968. Kästner erweckte die Bibliothek aus jahrzehntelangem Dornröschenschlaf, um
sie zu einem „Schatzhaus des Geistes“, einer „bibliotheca illustris“, zu machen.
Sein Motto „Diese Bibliothek ist zu nichts verpflichtet außer zu sich selbst“,
das den Titel der Biographie bildet, war ein Gegenmodell zu der
wissenschaftlichen Bibliothek in der aufkommenden Informationsgesellschaft. Viel
Zustimmung unter Kollegen brachte ihm dieser Leitsatz wohl nicht ein. Doch seine
Beharrlichkeit hat sich gelohnt. Er schuf alle Voraussetzungen, um die
Wolfenbütteler Bibliothek zu einer Forschungsbibliothek zu machen: Es begann die
Erschließung von über 170 000 historischen Buchbeständen und die Katalogisierung
mittelalterlicher Handschriften, der Aufbau einer Werkstatt für
Buchrestaurierung, die Liberalisierung der Bibliotheksbenutzung, der Neu- und
Umbau der Bibliothek, die Sammlung von Malerbüchern der klassischen Moderne, die
Integration des Lessinghauses in die Bibliothek. Der Wissenschaftsrat wies 1964
der Herzog August Bibliothek ausdrücklich den „besonderen Charakter einer
Forschungsbibliothek“ zu, eine bedeutsame Schützenhilfe für die
Entwicklungspläne Kästners. Julia Freifrau Hiller von Gaertringen hat Leben und
Werk Kästners aus den Quellen erarbeitet und glänzend niedergeschrieben. Es ist
ein großartiges Buch! Es schließt eine Lücke in der bibliothekshistorischen
Untersuchung der Wolfenbütteler Bibliothek des 20. Jahrhunderts, die letzte
umfassende Darstellung erschien 1894 (Otto von Heinemann: Die herzogliche
Bibliothek zu Wolfenbüttel 1550-1893). Dem Amtsnachfolger von Erhart Kästner,
Paul Raabe, ist es gelungen, auf diesem Fundament die Bibliothek zu einem
Zentrum für Kulturgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit auszubauen.
Nachtrag: Für manchen Bücherfreund ist Erhart Kästner in erster Linie durch
seine schriftstellerische Tätigkeit bekannt, so durch seine heute noch gern
gelesenen Bücher über Griechenland: Ölberge Weinberge, Kreta, Griechische
Inseln.
Dieter Schmidmaier

Letzte Gedichte von Heinz Czechowski, dem im
Oktober 2009 vierundsiebzigjährig verstorbenen deutschen Lyriker, Vertreter der
sächsischen Dichterschule, versammelt ein kostbarer bibliophiler Band der
Edition Rothahndruck Berlin. Er ist unter dem Titel Verlassene Hütte in einer
limitierten Auflage von 50 Exemplaren (im Quartformat, Halbleinen, zum Preis von
400 Euro) 2009 erschienen und zur Zeit der einzige auf dem Buchmarkt verfügbare
Czechowski. Das Buch enthält 18 späte, bislang unveröffentlichte Gedichte des
nach der Wende in Frankfurt am Main lebenden bedeutenden Lyrikers, von ihm
selbst ausgewählt und in Zusammenarbeit mit ihm von Dieter Goltzsche mit 12
mehrfarbigen Siebdrucken und einer Einbandgraphik ausgestattet, von Autor und
Künstler signiert.
Der elegische Ton der Texte aus früheren Gedichtbänden ist aufgenommen, nicht
schwermütig, doch illusions- und schonungslos: „Dunkelblau ist die Farbe der
Hoffnung, fast schwarz“, „Wohin soll ich noch gehen, außer ins Dunkel?“, „… in
der Abwesenheit des Glücks / Starr ich auf meinen Bildschirm, wo sich die Wörter
versammeln / Zu etwas, das keine Botschaft mehr ist“. Wirklichkeit ist ihm, dem
immer schon Schwierigen, nun alt und krank Gewordenen, nur mehr Erinnerung,
Verlusterfahrung, Todesahnung, Alltagsbeschwernis, Selbstbeobachtung,
Tagesnachricht … Titel weisen auf die Befindlichkeitslage: Eulenspiegel, Der
König hat geweint, Das Jahrhundert der Wölfe, Das falsche Leben im richtigen, Du
bist krank, Verlassene Hütte. Hier und da blitzen in den prosaischen Texten Witz
und Selbstironie auf: „Der Melancholiker in uns schlägt Funken … Wir sollten uns
jetzt nicht beeilen, / Den Rest des Lebens zu vertrauern.“
Czechowskis Grunderlebnis in der Kindheit war die Zerstörung seiner Geburtsstadt
Dresden: „Die wiederauferstandene Stadt / Hat keinen Ort, den ich wieder
erkenne.“ In dem Schlußgedicht des Bandes „Ich wohne, wo ich wohne, wo“ lesen
wir erheitert: „Das Sommerloch ist hier besonders tief … Wie schön / wäre jetzt
Weimar an der Ilm / Spazierengehn, die echte Rostbratwurst, Anna Amalias /
Teegeplauder, Bombenstimmung / In Dresden, Leipzigs Allerlei stattdessen /
Nichts als Verdruß in Hessen …“
Dieter Goltzsche antwortet den Texten mit leuchtenden Siebdrucken,
einvernehmlich, von Blatt zu Blatt in fein abgestimmter Farbdynamik Motive der
Texte aufnehmend, den Tod, einen Blick, den Leidenden, Gespenster, doch auch das
Begehren, den Holunder, die Flasche … Die wunderbaren Blätter, Ergebnisse
jahrelanger Arbeit, machen den Band zu einem festlichen Memorial. In nobles
Dunkelblau gewandet, von dem zartblauen Linienspiel der Einbandzeichnung
geheimnisvoll belebt, (vielleicht ein letzter suchender Blick …) ist ein
Künstlerbuch entstanden, das man gerne empfiehlt und auch besitzen möchte.
Interessenten melden sich bei Prof. Dieter Goltzsche, Scharnweberstraße 55,
12587 Berlin, Tel.: 030/6412900).
Ursula Lang

Neruda in der Edition Klaus Raasch. Unter dem Thema
SchnittStellen präsentierte das Gutenberg-Museum Mainz im ersten Halbjahr 2008
eindrucksvoll die Bücher, Mappenwerke und Objekte der Edition Klaus Raasch (vgl.
MARGINALIEN 190. Heft.) Auf der letzten Buchmesse in Frankfurt am Main stellte
Klaus Raasch mit Geträumte Dinge ein neues hervorhebenswertes Werk seiner
Edition vor. Ursprünglich erschien das von Antje Wichtrey gestaltete Buch in
sehr kleiner Auflage als Handdruck. Doch die Resonanz war so groß, daß sich
Klaus Raasch entschloß, das Werk auch einer weiteren Öffentlichkeit zugänglich
zu machen. So wurde der Titel als 7. Druck in die Reihe Edition Die
Holzschnittbücher aufgenommen, die von Raasch zusammen mit dem Gutenberg-Museum,
dem Museum der Arbeit, Hamburg, und dem Büchergilde ARTclub herausgegeben wird:
Pablo Neruda – Geträumte Dinge. Holzschnitte von Antje Wichtrey. Grethem-Büchten:
Schwarze Kunst, 2008. Nicht paginiert. Leporellobindung. 50 x 32 cm. 660
Exemplare. 58 Euro. ISBN 978-3-927840-37-9. Vorzugsausgabe in Holzschuber,
gedruckt auf Rives-Bütten. 50 signierte und nummerierte Exemplare. Preis auf
Anfrage.
Welcher Bibliophile denkt bei Pablo Neruda nicht zunächst an den von Albert Kapr
gestalteten und von HAP Grieshaber kongenial mit zehn Farbholzschnitten
illustrierten Gedichtzyklus Aufenthalt auf Erden (Leipzig 1972)? Nerudas
meditative Texte fordern Gestalter und Illustratoren geradezu heraus. Auch Antje
Wichtrey als Holzschneiderin und Klaus Raasch als Typograph waren von den beiden
ausgewählten Texten Nerudas in den Bann gezogen. Der einleitende Text beginnt
mit den Worten „Die Poesie ist kein fester Stoff, sondern ein fließender Strom
…“ und steht allein für sich auf der ersten Seite. Der zweite Text, eigentlich
lauter Fragesätze, verläuft einzeilig an der Unterkante der Graphiken. Oder
müßte man besser sagen: der Graphik? Denn tatsächlich entwickelt sich ein
Gesamtbild fortlaufend über die Doppelseiten hinweg wie ein Film. Die ersten
Blätter entwickeln sich aus den „Farben“ Schwarz, Blau und Grün. Sie zeigen
ausgehend vom Detail eines Zebrakopfes zunächst einen Teil der Herde, dann die
Gesamtherde unter einem einsamen Baum in der Weite des afrikanischen Graslands.
Zum Schluß bleibt das lichte, beruhigende Grün. Aus gestalterischen Gründen
haben Antje Wichtrey und Klaus Raasch die von Pablo Neruda zitierten „Bienen“
und „Schwalben“ durch „Zebras“ ersetzt, was dem Ursprungstext durchaus nichts
von seiner Eindringlichkeit nimmt. Sehr gelungen ist die Realisierung der
Holzschnitte durch die fast unterbrechungslose Leporelloheftung. So wird die
Weite der afrikanischen Landschaft visuell erlebbar.
Antje Wichtrey, 1966 in Hannover geboren, aufgewachsen in München, studierte ab
1987 Angewandte Kulturwissenschaften in Hildesheim mit den Schwerpunkten Malerei
und Druckgraphik. Seit 1992 unterhält sie je eine Werkstatt in Granada und
München. Sie gestaltete Unikat-Malerbücher und Künstlerbücher zu Texten von
Christa Wolf, Federico Garcia Lorca, Ingeborg Bachmann, Hilde Domin, Max Frisch,
Rafik Schami und anderen. Ein für die Künstlerin anhaltend wichtiges, oft
wiederkehrendes Thema sind die Menschenrechte. Antje Wichtrey konnte ihr Werk in
vielen Einzelausstellungen präsentieren, so in Bietigheim, Freiburg, Granada,
Basel, Hannover, Emden, Dresden, Brandenburg, Hamburg und Frankfurt/Main. In
Lübeck zeigte sie 2008 ihr Mappenwerk Menschenrechte. Öffentliche Ankäufe
beweisen die Wertschätzung der Künstlerin. Mit dem vorliegenden (fast ein
Künstler-)Buch ist Antje Wichtrey ein beeindruckendes Kunstwerk gelungen, das
ihren Ruf als Illustratorin weiter festigen wird.
Das Buch im Folioformat wurde in der Fetten Neuzeit Grotesk (Handsatz) und
Frutiger black (Macintosh) auf einem 150 g Lessebo natural gedruckt. Die
Graphiken wurden von den Originalholzstöcken auf einem Heidelberger Zylinder
abgezogen. Der von Christian Zwang, Hamburg, gestaltete Einband ist ein 620g
Lessebo Naturals anthracite. Insgesamt eine Meisterleistung aller Beteiligten!
Ferdinand Puhe

Bibliotheksneubauten in Essen, Berlin und
Heidelberg. Im Herbst 2009 erfolgte die Grundsteinlegung für den Neubau der
Bibliothek der Folkwang Hochschule Essen. In dem Gebäude werden erstmals drei
bedeutende Bibliotheksbestände zusammengefaßt: die musikwissenschaftliche
Bibliothek der Ruhr-Universität Bochum, die musikpädagogischen Bestände der
Universität Duisburg-Essen und die Bibliothek der Folkwang Hochschule. Mit 200
000 Medieneinheiten, insbesondere Büchern, Noten und Schallplatten, verfügt die
neue Bibliothek neben der Bibliothek der Hochschule für Musik und Kunst in Köln
über den größten musikwissenschaftlichen Bestand in Nordrhein-Westfalen. Der
Neubau soll bereits Ende 2010 fertiggestellt werden. Den Architekturwettbewerb
hat das Architekturbüro Max Dudler gewonnen, das auch die im November 2009
eröffnete neue Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität Berlin plante.
Das Bibliothekskonzept vervollständigt das bauliche Ensemble der ehemaligen
Abtei Essen-Werden, in der die Folkwang Hochschule ihren Hauptsitz hat.
Im November 2009 wurde das neue Gebäude der zentralen Universitätsbibliothek der
Humboldt-Universität Berlin als „Jacob- und Wilhelm-Grimm-Zentrum“ eröffnet.
Direkt am Stadtbahnviadukt in idealer Nähe zu den Lehr- und Forschungsbereichen
der Universität gelegen, beherbergt es unter einem Dach die
geisteswissenschaftlichen Bibliotheken. Der Architekt Max Dudler betonte in
Interviews, daß es ihm in erster Linie darum gegangen sei, einen engen
Zusammenhang zwischen Buch und Regal sowie Regal und Haus herzustellen. Maß und
Gestalt habe er aus dem kleinsten Modul gewonnen, dem Buch. Das zeigt sich
zuerst in der blockhaften Baukörperkomposition, die sich entlang der Stadtbahn
zehngeschossig erhebt, sich aber mit niedrigeren Bauteilen an die
Nachbarbebauungen anpaßt. Das ganze Gebäude besteht aus einer Natursteinwand aus
Juramarmor mit ausgestanzten hochrechteckigen Fenstern von drei
unterschiedlichen Breiten – hinter den schmalen Schlitzen befinden sich die
Magazinräume, die breiteren belichten die Leseplätze, hinter den breitesten
befinden sich die Sonderflächen. Beeindruckend ist das Ambiente im Inneren, das
eine warme Arbeitsatmosphäre schafft: Juramarmor an Fassaden und auf Fußböden,
amerikanisches Kirschholz an Wänden, Stützen und Decken. Den Kern des Hauses
bildet der terrassenförmige zentrale Lesesaal: Über rechteckigem Grundriß
staffeln sich von der Mitte ausgehend auf beiden Seiten aufwärts Terrassen mit
252 Leseplätzen, im ganzen Haus sind es 1250. Um den Lesesaal herum ist in
mehreren Etagen der Freihandbereich untergebracht, von jeder Terrasse haben die
Benutzer direkten Zugang zu den Regalen der Freihandbibliothek, mit 1,5
Millionen Bänden die größte ihrer Art in Deutschland. Im Kompaktmagazin befinden
sich über 500 000 Bücher aus dem historischen Bestand der Bibliothek. Zu dem mit
modernster Technik ausgestatteten Haus gehören ein Forschungslesesaal, drei
Räume für Videokonferenzen, acht Arbeitsräume für Gruppen, 54
Einzelarbeitskabinen, ein Eltern-Kind-Raum für Studenten, ein Auditorium mit 196
Plätzen sowie das Universitätsarchiv. Der größte Schatz der Bibliothek ist die
Privatbibliothek der Brüder Grimm, eine Sammlung von 6000 kostbaren Werken aus
den Jahren 1500 bis 1864.
Zum dreißigjährigen Jubiläum erhielt die 1979 gegründete Hochschule für Jüdische
Studien Heidelberg einen Neubau. Durch diesen werden erstmals alle Bereiche der
Einrichtung wie Hörsäle, Bibliothek, Rektorat, Verwaltung und Mensa unter einem
Dach vereint. Im Zusammenspiel mit dem auf dem gleichen Grundstück befindlichen,
um 1900 erbauten Sandsteingebäude ist ein Ensemble von Alt und Neu entstanden,
das den Anspruch der Hochschule, einerseits ein Ort der Tradition und des
kulturellen Erbes und andererseits ein modernes, weltoffenes Zentrum der Lehre
und Forschung zu sein, unterstreicht. Der Neubau ist als einfaches
Stahlbetonskelett mit aussteifendem Kern, umhüllt von einer thermisch getrennten
Pfosten-Riegel-Fassade, konzipiert worden. Farbige Gläser, die in einzelnen
Fassadenelementen eingesetzt sind, erzeugen Lichteffekte im Innern. Alle
Dachflächen sind begrünt. Herzstück des neuen Gebäudes ist die „Bibliothek
Albert Einstein“, die als Verbindungsglied zum Altbau fungiert. Sie umfaßt 540
Quadratmeter und verfügt auf drei Ebenen über 2000 laufende Meter
Freihandbereiche sowie 400 Quadratmeter Magazinraum. Die Bibliothek enthält die
zweitgrößte Judaica-Sammlung in Deutschland. Gemeinsam mit dem
Bibliotheksservicezentrum Konstanz wurde in einem Pilotprojekt ein umfassendes
integriertes Bibliothekssystem von der Titelaufnahme über die
originalschriftliche Katalogdarstellung bis hin zur selbständigen
Medienverbuchung entwickelt. Ihr räumlich angegliedert ist das Zentralarchiv zur
Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland.
Dieter Schmidmaier

Mainzer Verlagsarchiv eröffnet. Am 6. Oktober 2009
wurde am Institut für Buchwissenschaft der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
das „Mainzer Verlagsarchiv“ eingeweiht. Zu den ersten wertvollen Schätzen der
Verlagsgeschichte gehören die vom Verlegerehepaar Sabine und Kurt Groenewold
gestifteten Verlagsarchive der Europäischen Verlagsanstalt, des Rotbuch Verlags
und des Syndikat-Verlags einschließlich zahlreicher Manuskripte. Zudem stiftete
der Rowohlt Verlag sein Archiv. In Kooperation mit dem Deutschen Literaturarchiv
in Marbach wurde dieses Archiv aufgeteilt: Marbach übernahm den Bereich
Belletristik, nach Mainz gingen die Bereiche Sachbuch, Taschenbuch, Kinder- und
Jugendbuch, Autorenkorrespondenz, Herstellungs- und Marketingunterlagen,
Rezensionsbelege, Schutzumschläge und Belegexemplare. Die Erschließung des
„Mainzer Verlagsarchivs“ erfolgt durch das Institut für Buchwissenschaft, auch
durch Magister- und Doktorarbeiten. Die Universität stellt adäquate Benutzungs-
und Erschließungsräume zur Verfügung. Das „Mainzer Verlagsarchiv“ erhielt auch
einen großen Teil der literarischen Korrespondenz der
Literaturnobelpreisträgerin von 2009, Herta Müller.
Dieter Schmidmaier

Sachsendreier in der Galerie Pferdestall. Im
Spätherbst 2009 erschien zur Ausstellung Sachsendreier in der Galerie
Pferdestall im Quellenhof in Garbisdorf ein Katalog, der den Bibliophilen
empfohlen werden kann: Göpfersdorfer Kunstblätter 2. Sachsendreier. Werner
Wittig, Claus Weidensdorfer, Andreas Dress. Altenburg: E. Reinhold Verlag, 2009.
64 S., 50 Abb. 14,80 Euro. ISBN 978-3-937940-62-5. Das erste Heft der
Göpfersdorfer Kunstblätter war im Frühjahr 2008 auf Anregung von Dieter
Gleisberg (Vgl. MARGINALIEN, H. 191, 2008). Dank des Engagements von Günter
Lichtenstein, dem ambitionierten Leiter der Galerie, und dem Kunsthistoriker
Dieter Gleisberg ist nun bereits nach anderthalb Jahren im November 2009 das
zweite Heft der Göpfersdorfer Kunstblätter erschienen. Die Ausstellung
Sachsendreier führt Meisterblätter der sächsischen Künstler Werner Wittig
(Radebeul), Claus Weidensdorfer (Radebeul) und Andreas Dress (Sebnitz/Dresden)
zusammen. In der Exposition „erleben wir erneut Druckgrafik in hoher Vollendung
in drei klassischen grafischen Techniken: den Hochdruck in den Holzrissen von
Werner Wittig als Sonderform des Holzschnitts, den Flachdruck in den
Lithografien von Claus Weidensdorfer und den Tiefdruck in den Radierungen von
Andreas Dress. Prinzip der Auswahl war dabei, die farbige Grafik, von allen drei
Künstlern meisterlich beherrscht, einmal exemplarisch in den Mittelpunkt zu
rücken", wie Günter Lichtenstein in seinem einführenden Katalogbeitrag äußert.
Farbe bekennen überschreibt Dieter Gleisberg sein die drei Künstler würdigendes
Essay, das dem reichbebilderten Dokumentationsteil vorangestellt ist. Bei dem
verfremdeten Motto Sachsendreier mag man natürlich zuerst an die legendäre
Briefmarke denken. „Überträgt man den Begriff jedoch auf ein Dreigestirn von
Künstlern, dann müssen diese sowohl waschechte Sachsen sein als auch einander
besonders nahe stehen. Selber haben sie sich allerdings weder so genannt noch
jemals als Gruppe erklärt. Doch ihr freundschaftlicher Austausch und
Zusammenhalt, über Jahrzehnte gewahrt und bewährt, ist in unserer von Egoismus
und Karrierezwang beherrschten Gegenwart durchaus ein denkwürdiges Phänomen"
(Dieter Gleisberg). Der Autor bekennt sich in seinem Beitrag nicht nur zum Werk
der einzelnen Künstler. Trotz unterschiedlicher Techniken wird Gemeinsames im
Schaffensprozeß von Wittig, Weidensdorfer und Dress beleuchtet, inhaltlich
differenziert betrachtet und in historische Konstellationen gestellt. Bereichert
wird der Katalog durch Notizen der Graphiker zur jeweils speziellen Technik:
Werner Wittig: Holzriß, Claus Weidensdorfer: Lithografie, Andreas Dress:
Farbradierung. Dabei geht es weniger um ein künstlerisches Credo, als vielmehr
um die diffizilen technischen Belange des Mediums Graphik, die besonders
aufschlußreich bei Werner Wittigs sensiblen Holzrissen beeindrucken.
Karl-Heinz Mehnert

Poesiealbum – neue Folge. Einen Nimbus wie Kurt
Wolffs Der jüngste Tag hat sie nicht und wird sie nicht erreichen, denn die
Lyrikreihe aus dem Verlag Neues Leben ist alles andere als selten. Sie wurde in
großen Auflagen gedruckt und am Kiosk verkauft. Fünfeinhalb Millionen verkaufte
Exemplare bis zum Ende der DDR hat der Begründer des Poesiealbums Bernd Jentzsch
errechnet. Bis auf wenige Hefte können alle Ausgaben antiquarisch zu günstigen
Preisen erworben werden. Dennoch wird sie von vielen Lyrikfreunden fleißig
gesammelt. 275 Ausgaben zuzüglich 25 Sonderhefte sind ein schöner Querschnitt
durch die Weltliteratur. Von Walther von der Vogelweide bis Steffen Mensching,
von Pablo Neruda bis Ossip Mandelstam spannt sich der Bogen. Unter dem Motto
„Auferstanden aus Ruinen“ ist jetzt im Märkischen Verlag Wilhelmshorst (An der
Aue 6, 14552 Wilhelsmhorst, www.poesiealbum-online.de) eine neue Folge des
Poesiealbums gestartet worden. Richard Pietraß, der die Reihe schon in den
siebziger Jahren einige Zeit lektorierte, zeichnet als Herausgeber
verantwortlich. Die Zählung der Hefte setzt da ein, wo sie 1990 abbrach. Das
Einzelheft kostet 4 Euro (zzgl. 60 Cent Porto), das Reihenabonnement kommt noch
günstiger: 5 Hefte für 20 Euro (incl. Porto). Zu den ersten Ausgaben gehören
Peter Huchel, Ernst Jandl, Ezra Pound, Georg Heym, Seamus Heaney und Wolfgang
Hilbig. Das Layout ist geblieben, ebenso die Graphik auf dem Umschlag und die
zweite in der Mitte des Heftes.

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