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Redaktionsschluss 4. Oktober 2009
Reinhard Mohn
verstorben
Verleger
Gerhard Hentrich verstorben
125 Jahre Deutsches Buch- und Schriftmuseum
Ein Leben im
Dienste Thomas Manns
Nibelungenlied
wird Weltdokumentenerbe
Privatsammlung
historischer Kinderbücher an der Georg-August-Universität
Göttingen
Österreichische
Nationalbibliothek übernimmt letzte Bestände der
Bibliothek Arthur Schnitzler
Bibliothek der
verbrannten Bücher / Sammlung Salzmann
Pharmaziehistorische Bibliothek Dr. Helmut Vester
Briefe des
Verlegers Heinrich Ellermann aus seinem letzten Lebensjahr
Meinrad Braun:
Indisches Tagebuch
Leipziger
Alumnen und ihre Exlibris
Samizdat im
Archiv der Forschungsstelle Osteuropa
Stammbücher aus
Weimar und Tübingen
Marianne sagt
Lebewohl
Dante-Illustrationen von Anselm Roehr und eine Festschrift für Ulrich
Keicher
Subskriptionsangebot zur neuen Egbert-Herfurth-Bibliographie
Kleine
Korrekturen
Reinhard
Mohn verstorben. Im Alter von 88 Jahren starb am 3. Oktober der
Begründer des Bertelsmann-Konzerns Reinhard Mohn. 1921 in Gütersloh geboren,
wollte er nach der Rückkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft 1946
eigentlich Ingenieur werden, doch Verlag und Druckerei der Familie brauchten
ihn; denn der Vater hatte im Fragebogen der Besatzungsmacht seine „Fördernde
Mitgliedschaft“ bei der SS verschwiegen, was herausgekommen war. Den Grundstein
für seinen Erfolg legte Mohn 1950 mit der Gründung des Bertelsmann Leserings,
heute Der Club, der schon vier Jahre nach seiner Gründung 1954 rund eine Million
Mitglieder hatte. Ein energisches Marketing war dabei ebenso hilfreich wie die
Anpassung an den Lesergeschmack. Ein geistiges oder politisches Programm war
nicht Mohns Ehrgeiz, wenngleich er den Geschäftsführern in den vielen zu seinem
Imperium gehörenden Verlagen ein engagiertes Programm erlaubte, solange sie
kommerziell erfolgreich waren. Noch in den fünfziger Jahren gründete Mohn den
Lexikonverlag, der heute alle Konkurrenten auf dem deutschsprachigen Markt
geschluckt hat, und die Plattenfirma Ariola. Ab den sechziger Jahren kaufte Mohn
einen Verlag nach dem anderen, 1998 sogar den US-amerikanischen Branchenriesen
Random House, so daß Bertelsmann seither das größte Buchunternehmen der Welt
ist. Auch die Zahl der Druckereien, die zum Konzern gehören, ist immer größer
geworden, der Druckerei- und Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr (mit Stern und
Brigitte) kam hinzu. Und das Unternehmen stieg mit RTL in das bezahlte Fernsehen
ein. Mohn gab 1981 den Vorsitz im Vorstand der Bertelsmann AG auf, zog aber im
Hintergrund zusammen mit seiner Frau Liz Mohn weiter die Fäden. Seine
Haupttätigkeit galt in den letzten Jahren der 1977 gegründeten Bertelsmann
Stiftung, die jährlich Millionen für gemeinnützige Zwecke ausschüttet. Die
Stiftung ist heute Mehrheitseigner des Konzerns, der weltweit rund 100 000
Mitarbeiter beschäftigt.

Verleger Gerhard Hentrich verstorben. Am
6. Mai 1924 geboren und in Berlin aufgewachsen, wollte Gerhard Hentrich Jura
studieren. Das war ihm verwehrt, weil seine Mutter im seinerzeitigen Jargon eine
„Halbjüdin“ war. Sein Vater mußte Zwangsarbeit leisten. Er selbst wurde nach dem
Abitur zum Militär einberufen und ein Jahr vor Kriegsende schwer verwundet; er
hatte deshalb lebenslang unter Phantomschmerzen zu leiden.
Nach Kriegsende eröffnete er gemeinsam mit seinem Vater in Steglitz eine kleine
Druckerei, die Mitte der fünfziger Jahre erweitert werden konnte und in der
Albrechtstraße ihr Domizil fand. 1981 wurde dort die Edition Hentrich geboren,
die Anfang der neunziger Jahre verkauft werden mußte. Im Herbst 1998 gründete er
zusammen mit seinem Sohn Harald den Verlag Hentrich & Hentrich, heute im
Brandenburgischen Teetz ansässig. Gerhard Hentrich, dessen Engagement man
bereits seit 1982 als Verleger der Reihe Bücher gegen Vergessen und Verdrängen
kannte, widmete sich nunmehr mit einem kleinen Stab engagierter Mitarbeiter in
seiner verlegerischen Tätigkeit verstärkt dem Thema der nationalsozialistischen
Verfolgung und dem Schicksal deutscher Juden. Es entstanden unter seiner
Federführung die Reihen Jüdische Miniaturen mit Biographien von Albert Einstein,
Max Liebermann, Victor Klemperer und Friedrich Wolf sowie Jüdische Memoiren, und
er verlegte die Schriftenreihe des Centrum Judaicum. Die von ihm
herausgebrachten Erinnerungen des KZ-Häftlings Adolf Burger Des Teufels
Werkstatt über die Geldfälscherwerkstatt der Nazis im KZ Sachsenhausen wurde in
Österreich von Stefan Ruzowitzky unter dem Titel Die Fälscher verfilmt.
Obwohl Gerhard Hentrich häufig feststellen mußte, daß sein Engagement in der
heutigen Gesellschaft allzu oft ins Leere lief, gab er nie auf. Nun wird er das
Erscheinen des 100. Bands der Jüdischen Miniaturen nicht mehr erleben. Gerhard
Hentrich starb am 19. September 2009 im Alter von 85 Jahren in Berlin. Den
Kennern seines Verlags und allen, die seinen Einsatz gegen das Verschweigen
erlebten, wird Gerhard Hentrich in Erinnerung bleiben. Seine Firma wird von Dr.
Nora Pester weitergeführt.
Abel Doering

125 Jahre Deutsches Buch- und Schriftmuseum. 1884
als Deutsches Buchgewerbemuseum in Leipzig gegründet, zählt das Deutsche Buch-
und Schriftmuseum zu den ältesten und bedeutendsten Sammlungen auf dem Gebiet
der Buchkultur. Zu der knapp eine Million Objekte gehören umfangreiche Bestände
zur Papiergeschichte mit der weltweit größten Wasserzeichensammlung und
einmalige Archivalien und Dokumente zur Buchgeschichte und kulturhistorische
Zeugnisse zur Schriftgeschichte, die Sammlung graphischer Blätter oder die
Künstlerbücher. Die Fachbibliothek mit historischer und moderner
deutschsprachiger und internationaler Literatur zum gesamten Buchwesen enthält
mehr als 80 000 Bände und rund 200 laufende Zeitschriften.
Das Jubiläum wurde mit einer öffentlichen Festveranstaltung in der Deutschen
Nationalbibliothek am Deutschen Platz begangen. Im Wallstein Verlag erschien
eine Festschrift, die neben zahlreichen Beiträgen prominenter Autoren wie Hans
Magnus Enzensberger, Elmar Faber, Prof. Norbert Lammert, Prof. Klaus Dieter
Lehmann, und Dr. Gottfried Honnefelder eine umfassende Chronik und zahlreiche
Abbildungen aus den Sammlungen des Deutschen Buch- und Schriftmuseums enthält.
Aber nicht nur Geburtstag feiert das Deutsche Buch- und Schriftmuseum, es erhält
im Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig auch neue
Ausstellungsräume, einen neuen Lesesaal und erweiterte Magazine, die
voraussichtlich Ende 2010 bezugsfertig sind.
Den Grundstock für den umfangreichen Buchbestand des Deutschen Buch- und
Schriftmuseums der Deutschen Nationalbibliothek legte der sächsische Staat 1886
mit dem Ankauf der berühmten Sammlung des Dresdner Schneidermeisters und
Verlegers Heinrich Klemm. Schwere Verluste erlitten Museum und Sammlung im
Zweiten Weltkrieg: Im Dezember 1943 wurde das Deutsche Buchgewerbehaus am
Gutenbergplatz, in dem das Museum seit 1939 Räume unterhielt, in Schutt und
Asche gelegt. Die wertvollsten, damals ausgelagerten Stücke der Klemm-Sammlung –
Handschriften, Inkunabeln, darunter ein Exemplar der 42zeiligen Gutenbergbibel
und eine wertvolle Bucheinband- und Zeugdrucksammlung – befinden sich seit der
Beschlagnahmung durch die sowjetische Besatzungsmacht im September 1945 in der
Russischen Staatsbibliothek in Moskau. Nach kriegsbedingtem Verlust seiner
Wirkungsstätte sicherte 1950 die Integration des Museums in die Deutsche
Bücherei Leipzig, heute Deutsche Nationalbibliothek, sein Fortbestehen.

Ein Leben im Dienste Thomas Manns. 45 Jahre
Buchhandlung, Antiquariat und Verlag Matussek in Nettetal. Für jeden Freund und
Kenner Thomas Manns ist die Buchhandlung Matussek in Nettetal ein Begriff.
Einmal jährlich erscheint ein hochkarätiger Antiquariatskatalog zum Thema.
Früher gab es noch den Thomas-Mann-Brief, in dem die Neuerscheinungen
verzeichnet waren. Leider rechnet sich das nicht mehr. Auch als Verleger hat
sich Hans K. Matussek, dessen Sohn Fabian vor einiger Zeit ins Geschäft
eingetreten ist, betätigt. 1988 erschien das schön gestaltete Buch Thomas Mann –
von nahem erlebt von Georges Motschan. Motschan (1920-1989) war ein Schweizer
Chemiker, der Thomas Mann 1937 besucht hatte und das Ehepaar Mann bei seiner
ersten Deutschlandreise 1949 in seinem schweren Buick als Chauffeur begleitete.
Auch bibliophile Ausgaben sind im Verlag Matussek erschienen: von Thomas Mann
1990 Der Tod in Venedig mit 21 Pinselzeichnungen von Helmut Werres und 1996 Das
Eisenbahnunglück mit 3 Kaltnadelradierungen von Rolf Escher.
In diesem Jahr erschien bei Matussek ein Sammelband mit Aufsätzen über den
Altphilologen Werner Jaeger (1888-1961), der aus Lobberich stammt, einem kleinen
Ort, der jetzt in Nettetal eingemeindet ist. Werner Jaeger ist die bedeutendste
Persönlichkeit, die dort geboren wurde. Er hatte die Lehrstühle von Friedrich
Nietzsche in Basel und von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff in Berlin inne,
bevor er 1936 nach Amerika ging und zuletzt in Harvard lehrte. Nach 1945
besuchte er seine Geburtsstadt mehrfach, verschiedene Gebäude sind nach ihm
benannt worden. Sein bedeutendstes Werk ist Paideia in drei Bänden, mit dem er
einen zeitweise so genannten „Dritten Humanismus“ begründete. Auch zwei
Zeitschriften seines Fachgebiets gehen auf ihn zurück. Seine zweite Frau Ruth,
geb. Heinitz, war Jüdin, deshalb mußte er seinen Lehrstuhl in Deutschland
aufgeben. Seine Übersiedelung nach den USA, zunächst nach Chicago, war aber vom
Preußischen Staat genehmigt, es durfte auch nichts Negatives über ihn in der
deutschen Presse geschrieben werden, auch konnte der 2. Band von Paideia 1944 in
Deutschland erscheinen, das sich damals schon im Kriegszustand mit den USA
befand. In dem vorliegenden Band ist seltsamerweise nicht expressis verbis
erwähnt, daß Ruth Heinitz Jüdin war, obwohl man es sich erschließen kann und
wissen muß, um die Zusammenhänge zu verstehen. 1992 erschien eine Todesanzeige
von ihr im Berliner Tagesspiegel, in der auch Werner Jaeger erwähnt ist. Mit dem
vorliegenden von Manfred Meis und Theo Optendrenk herausgegeben Band hat sich
der Verlag Matussek um den berühmten Sohn der Stadt verdient gemacht.
Michael Schädlich

Nibelungenlied wird Weltdokumentenerbe. Das
Internationale Komitee für das UNESCO-Weltdokumentenerbe „Memory of the World“
hat das Nibelungenlied in das Weltdokumentenerbe aufgenommen. Es handelt sich um
die drei wichtigsten vollständigen Handschriften: Handschrift A aus der
Bayerischen Staatsbibliothek, Handschrift B aus dem Kloster St. Gallen und
Handschrift C aus der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe. Das Nibelungenlied
gilt als die bedeutendste deutsche Heldendichtung des Mittelalters. Der
Briefwechsel des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz, der sich in der
Wilhelm-Leibniz-Bibliothek Hannover befindet und mit 15 000 Briefen an 1100
Korrespondenten die wichtigsten Bereiche der Wissenschaften umfasst, war 2007
zum UNESCO-Weltdokumentenerbe ernannt worden (vgl. MARGINALIEN, H. 188, 2007, S.
107).
Dieter Schmidmaier

Privatsammlung historischer Kinderbücher an der
Georg-August-Universität Göttingen. Die Universität Göttingen hat eine
kulturhistorisch einzigartige Privatsammlung historischer Kinderbücher erworben.
Die Sammlung stammt von dem 2003 verstorbenen Politikwissenschaftler Prof. Dr.
Jürgen Seifert aus Hannover. Die mehr als 10.000 Titel dokumentieren die
Entwicklung der Kinderliteratur über einen Zeitraum von 250 Jahren, dazu gehören
das Elementarwerk von Johann Bernhard Basedow aus dem Jahr 1774 mit rund 100
Kupferstichen, wertvolle Bilderbücher des 18. bis 20. Jahrhunderts, frühe
sozialistische Kinderliteratur, seltene Sachbücher aus den Bereichen Naturkunde
und Technik sowie zahlreiche Heftreihen, die nur selten erhalten sind. Die
Sammlung Seifert ist Teil der Spezialbibliothek für Kinder- und Jugendliteratur
am Seminar für Deutsche Philologie der Göttinger Universität. Zu dieser
Spezialbibliothek gehört auch die als Stiftung zur Verfügung stehende
Vordemann-Sammlung, die nach dem Einbecker Superintendenten Karl Vordemann
(1850-1931) benannt wurde, der nach seiner Pensionierung in Göttingen gelebt und
Kinderbücher gesammelt hat. Schwerpunkte der Göttinger Kinderbuchsammlung sind
die Kinder- und Jugendliteratur der Aufklärung sowie Genres aus der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Dieter Schmidmaier

Österreichische
Nationalbibliothek übernimmt letzte Bestände der Bibliothek Arthur
Schnitzler. Die Österreichische Nationalbibliothek hat im Juli 2009 rund
8000 Bücher aus der Bibliothek Arthur Schnitzlers übernommen. Mit dieser von
Schnitzlers Sohn Heinrich testamentarisch verfügten Übergabe wird nun, nach dem
Tod von dessen Witwe Lilly Schnitzler, eine wertvolle Bibliothek wieder
zusammengefügt, deren Schicksal Österreichs Zeitgeschichte widerspiegelt.
1940 wurde die Bibliothek des bereits 1931 verstorbenen jüdischen
Schriftstellers durch die Gestapo beschlagnahmt und – wie es in einem Schreiben
der Gestapo heißt – „der Nationalbibliothek zur weiteren Verwertung überlassen“.
Im Jahr 1946 richtete der Schauspieler und Regisseur Heinrich Schnitzler seine
Rückstellungsforderung an die Österreichische Nationalbibliothek. Der
Restitutionsfall scheint symptomatisch für den Umgang der Profiteure mit ihrer
Rückstellungsverpflichtung in der Nachkriegszeit: Man anerkannte zwar den
Anspruch, agierte jedoch äußerst zögerlich und ließ dem Geschädigten gegenüber
jede Einsicht des begangenen Unrechts vermissen. Heinrich Schnitzler erhielt
1947 die noch auffindbaren Werke der Bibliothek seines Vaters zurück, zeigte
sich jedoch sehr enttäuscht von der unverschämten Behandlung seitens der
Rückstellungspflichtigen. Trotz des Verlusts eines Drittels seiner Bibliothek
und der unbestritten aktiven Rolle, welche die Nationalbibliothek beim Raub
seines Eigentums eingenommen hatte, fühlte sich Schnitzler der Österreichischen
Nationalbibliothek weiterhin verbunden. Testamentarisch vermachte er ihr seine
gesamte Bibliothek, das theaterwissenschaftliche Material sowie die
Originalhandschrift von Liebelei. Etwa die Hälfte der Bibliothek wurde bereits
nach seinem Tod 1982 von der Österreichischen Nationalbibliothek übernommen.
Erst lange nach Heinrich Schnitzlers Tod bewahrheitete sich dessen Vermutung:
Bei der Aussonderung der beschlagnahmten Werke in der Nachkriegszeit war nicht
genau gearbeitet worden. Im Zuge der von Generaldirektorin Dr. Johanna Rachinger
bei ihrem Amtsantritt initiierten Provenienzforschung wurden weitere Objekte aus
Schnitzlers Bibliothek ausfindig gemacht und 2005 an Heinrichs Witwe Lilly
Schnitzler restituiert. Als zeithistorisches Dokument erinnern die anläßlich der
Beschlagnahmung, der Restitution der Nachkriegszeit und des Legats von 1982 in
die Bücher eingebrachten Stempel an die wechselvolle Geschichte der Bibliothek.

Bibliothek der verbrannten Bücher / Sammlung
Salzmann. Die Bibliothek der verbrannten Bücher / Sammlung Salzmann hat seit
Juli 2009 ihren Standort in der Universitätsbibliothek Augsburg. Sie ist, nach
Aussagen der Bibliothek, die weltweit umfangreichste Quellensammlung zu der in
der Zeit des Nationalsozialismus geächteten deutschsprachigen Literatur. Sie
konzentriert sich auf die Autoren, deren Bücher von den Nationalsozialisten auf
dem Berliner Opernplatz und in zahlreichen deutschen Universitätsstädten als
„undeutsches Schrifttum“ am 10. Mai 1933 verbrannt wurden und während des
Nationalsozialismus verboten waren. Die Werke zahlreicher Schriftsteller in der
Sammlung Salzmann sind heute kaum mehr im öffentlichen Bewußtsein. Der Sammler
und 80 Jahre alte bisherige Eigner Georg P. Salzmann aus Gräfelfingen wollte
sein Lebenswerk gesichert, genutzt und fortgeführt sehen und verkaufte die 12
000 Bände umfassende Sammlung. Ein Gutachten der Bayerischen Staatsbibliothek
kam 2008 zu dem Ergebnis, daß eine solche Sammlung in der vorliegenden Fülle
heute nicht mehr aufgebaut werden könne. Die Sammlung hat eine große Bedeutung
für die Kultur- und Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts und stellt ein
unersetzliches Kulturgut dar. Das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft,
Forschung und Kunst hat sich für die dauerhafte Unterbringung der Sammlung
Salzmann in Bayern engagiert, zumal auch zahlreiche Autoren in Bayern gewohnt
und gearbeitet haben wie Bertolt Brecht, Oskar Maria Graf, Hermann Kesten,
Heinrich und Thomas Mann und Ernst Toller. Die Universität Augsburg konnte
mehrere Partner für ihr Anliegen gewinnen, den Ankauf für das
Körperschaftsvermögen der Universität auch finanziell zu unterstützen, so die
Stadt Augsburg und den privaten Mäzen Georg Haindl.
Die Sammlung Salzmann soll in der Universitätsbibliothek Augsburg für Forschung,
Lehre und Studium sowie im Rahmen der politischen Bildung dauerhaft zugänglich
sein und konservatorisch gesichert werden. Auch Neueditionen wichtiger Texte
sind vorgesehen. Als wichtige Einführung in das Thema gilt das Buch von Volker
Weidermann: Buch der verbrannten Bücher (3. Aufl. Köln: Kiepenheuer & Witsch,
2008. 253 S.). Der Autor verfolgt die Spuren ausnahmslos aller auf den
„Schwarzen Listen“ stehenden 131 Autoren der „Schönen Literatur“ – 94
deutschsprachig und 37 fremdsprachig. Er führt den Leser in 23 Kapiteln zu jenen
Schriftstellern und Dichtern, deren Werke aus den Bibliotheken, Buchhandlungen
und Antiquariaten verbannt wurden. Das Buch ist eine Fundgrube für alle, die
sich mit den Bücherverbrennungen, dem Nationalsozialismus, der Geschichte des
Buch- und Bibliothekswesens und der deutschen Literaturgeschichte der ersten
Hälfte des vorigen Jahrhunderts beschäftigen.
Dieter Schmidmaier

Pharmaziehistorische Bibliothek
Dr. Helmut Vester. In den nächsten beiden Jahren wird mit Hilfe der
Deutschen Forschungsgemeinschaft das Projekt „Digitalisierung von Beständen der
Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf – Die Pharmaziehistorische
Bibliothek Dr. Helmut Vester“ realisiert. Im aktuell bewilligten ersten
Förderabschnitt werden etwa 2500 Bände digitalisiert. Der Düsseldorfer Apotheker
Helmut Vester trug nach dem Zweiten Weltkrieg eine umfassende Sammlung
vielfältiger Quellen zur Wissenschaftsgeschichte zusammen, die sich heute an
mehreren Einrichtungen befindet. Die „Sammlung Vester“ wurde 1961 von der
Medizinischen Akademie, der Vorgängerinstitution der Düsseldorfer
Heinrich-Heine-Universität, erworben. Sie umfaßt Titel aus allen Bereichen der
Geschichte der Pharmazie vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Hervorzuheben ist eine
Sammlung von Pharmakopöen nahezu aller deutscher Regionen und zahlreicher
europäischer Länder sowie Kräuter- und Pflanzenbücher des 16. bis 19.
Jahrhunderts. Weitere Informationen finden sich unter http://www.ub.uni-duesseldorf.de.
Eine weitere Sammlung aus dem früheren Besitz von Vester befindet sich an der
Ruhr-Universität Bochum. Dazu gehören 5000 Monographien zur
Wissenschaftsgeschichte und 1400 Medaillen zur Geschichte der Medizin und
Naturwissenschaften (vgl. auch Marion Lischka: Vesters Archiv. Eine universale
Dokumentation und Sammlung zur Geschichte der Pharmazie. Essen: Klartext-Verlag,
1997).
Dieter Schmidmaier

Lessing-Portal im Internet. Im Juni 2009
wurde das Lessing-Portal der Lessing-Akademie e.V. Wolfenbüttel in
Zusammenarbeit mit der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel als
Internet-Plattform unter der Adresse http://lessing-portal.de eröffnet. Das
Portal versammelt Quellentexte, wissenschaftliche Hilfsmittel und
Diskussionsbeiträge, Dichtungen und Schriften nach der umfassenden Ausgabe von
Karl Lachmann und Franz Muncker sowie Hintergrundinformationen zu Leben und Werk
des Dichters. Schwerpunkte des Portals sind zwei Projekte. Zum ersten das
Projekt „Digitale Edition sämtlicher Übersetzungen Lessings und ihrer Vorlagen“.
Hier werden schrittweise Lessings Übersetzungen aus dem Lateinischen,
Französischen, Englischen und Spanischen erstmals zusammenhängend ediert und
öffentlich zugänglich gemacht. Der Gesamtumfang dieser Texte beträgt über 14 000
Druckseiten. Zum zweiten die Lessing-Datenbanken mit einem synoptischen
Titelverzeichnis aller Schriften Lessings einschließlich des Briefwechsels,
einer Werkkonkordanz der wichtigsten Lessing-Ausgaben sowie bibliographischen
Hinweisen auf Dokumente zu Lessings zeitgenössischer Wirkung.
Dieter Schmidmaier

Briefe des Verlegers Heinrich Ellermann aus seinem
letzten Lebensjahr. In der Verlagsgeschichtsschreibung geht es ähnlich zu
wie in der Literaturgeschichtsforschung: Über die einen Verleger wird intensiv
gearbeitet und regelmäßig publiziert, die anderen, die oft nicht weniger
interessante Verlage, wenn auch von geringerer Strahlkraft geführt haben, werden
kaum beachtet. Zu den letzteren gehörte Heinrich Ellermann (1905-1991), der
seinen Verlag 1934 in Hamburg gründete, als viele andere deutsche Verleger
Deutschland verlassen mußten oder in ihrer Existenz bedroht waren. Seine Liebe
gehörte der modernen Dichtung, Kunst und Musik. Er spielte selbst Geige und
Bratsche und hegte besonderes Interesse für Hindemith, Bartok, Schönberg, Alban
Berg und Webern. So widmete er sich einem Verlagsgebiet, das dem Musikalischen
am nächsten liegt: der Lyrik. Sie stand nicht im Fokus der
nationalsozialistischen Kulturpolitik, ein nicht gering zu schätzender Vorteil
für die Verlagstätigkeit. Im Zentrum von Ellermanns Kleinunternehmen stand Das
Gedicht. Blätter für die Dichtung – eine Reihe von kleinen grauen Kartonheften,
in die meist ungebunden ein Bogen Gedichte eingelegt war. Ellermann mischte
Auswahlhefte von eingeführten Autoren mit Proben von Nachwuchsautoren. Seine
Vorliebe gehörte den Expressionisten, wie Georg Heym und Ernst Stadler, und den
naturmagischen Lyrikern, wie Wilhelm Lehmann und Oskar Loerke. Auch die Dichter
um die Zeitschrift Die Kolonne Peter Huchel und Martin Raschke waren vertreten.
Selbst Benn, der nach kurzer Liason mit der Macht bald schon wieder im Abseits
stand, war froh über die von Ellermann gebotene Publikationsmöglichkeit. Zu den
jungen Autoren, die der Hamburger Verleger oft zu zweien oder dreien in einem
Heft zusammen vorstellte und damit recht eigentlich entdeckte, gehörten Karl
Krolow, Franz Fühmann und nach dem Krieg Hans Egon Holthusen. Ellermanns Großtat
waren in den fünfziger Jahren die von Karl Ludwig Schneider herausgegebenen und
kommentierten Werkausgaben von Georg Heym und Ernst Stadler. Ein
Kinderbuchprogramm mit den Illustratorinnen Lilo Fromm und Lieselotte Schwarz
und die von Johannes von Guenther herausgegebene Kleine russische Bibliothek
kamen in den fünfziger und sechziger Jahren hinzu. Alle diese Verdienste klingen
in dem kleinen Heft an, das jüngst in der von Wulf Segebrecht herausgegebenen,
bescheiden betitelten Schriftenreihe Fußnoten zur Literatur erschienen ist:
„Hier ein kleiner Ausschnitt meiner Lebensgeschichte“. Briefe des Verlegers
Heinrich Ellermann aus seinem letzten Lebensjahr an Joachim Pini. Bamberg:
Verlag der Fußnoten, 2009. 31 S. Br. 8°. 4,50 Euro. ISBN 978-3-935167-10-5.
Hauptinhalt bilden Briefe, die Ellermann an den Arzt und Sammler Joachim Pini
schrieb. Pini hatte sich an den in Vaduz lebenden Verleger gewandt, um Material
über dessen Firma und die vom Sammler geschätzten Ausgaben der Expressionisten
zu erhalten. Von der Verlagsgeschichte schweifte der alte Mann bald ab, um über
seine Familie, Krankheiten und Lektüreerlebnisse zu berichten. Die Erinnerungen
von Hans Mayer, Albert Speer und eine Beckett-Biographie beschäftigten den bis
zuletzt wachen Zeitgenossen. Stolz war er auf seine drei Kinder, darunter ein
Violinvirtuose und die Verlegerin Antje Ellermann, die den Verlag Rogner &
Bernard führte. Das Heft wird abgerundet durch die Grabrede von Christoph Perels
und den Nachruf von Fritz J. Raddatz.
C. W.

Meinrad Braun: Indisches Tagebuch. Die
bereits durch mehrere Publikationen bekannt gewordene „Initiative Buchkultur:
Das Buch e. V.“ in Ludwigshafen hat ihren Mitgliedern, Freunden, interessierten
Lesern und – nicht zuletzt – Sammlern wieder ein schönes Buch gewidmet: Meinrad
Braun: Indisches Tagebuch – Reisebilder 1973. Ludwigshafen: Llux
Datenverarbeitungs GmbH, 2009. 109 S. Hardcover, fadengeheftet. 16,50 Euro. ISBN
978-3-938031-28-5. Den Text bildet eine Erzählung von Meinrad Braun, die von ihm
und Hans-Joachim Kotarski mit 26 Fotografien und der Darstellung weiterer
Objekte als Vignetten aufs Trefflichste angereichert wurde.
Die Erzählung des bereits etablierten Autors stellt eine Reise durch Indien
fiktiv nach, die Meinrad Braun als „wilder“ 68er 1973 tatsächlich unternahm.
Braun schildert Erlebnisse und Eindrücke so, wie sie ein Anhänger der
Hippie-Bewegung empfunden haben könnte. Die Schilderung ist anschaulich und lebt
von der persönlichen Nähe zum Geschehen. Der junge Erzähler und seine
Reisegefährten haben sich in dem so fremden Land vor allem auf die Suche nach
sich selbst gemacht. Diese Sinnsuche gerät zu einer Befremdung, die dennoch zu
bestätigen scheint, was die Reisenden erwarten. Man muß allerdings zwischen den
Zeilen lesen, was das ganz Andere dieser Reise durch Indien ist. Es teilt sich
nur behutsam mit, erst nach einiger Zeit, zum Ende der gemeinsamen Fahrt. Über
ähnliche Erfahrungen wie unsere Protagonisten hatte der rumänische Autor Mircea
Eliade bereits in den 1930er Jahren berichtet. Der sprachliche Ton ist locker,
ebenso wie das Verhältnis der handelnden Personen zueinander.
Die vergilbten Fotos von Meinrad Braun und Hans-Joachim Kotarski in Duotone sind
als Impressionen Begleiter des Textes. Sie unterstreichen in ihrer körnigen
Textur die Flüchtigkeit des Augenblicks und das Verblassen der Erinnerung.
Zusammen mit den eingestreuten Objekten als Vignetten wirken sie wie eine
Sammlung von Fotos und Mitbringseln, die man nach langen Jahren zufällig wieder
entdeckt hat.
Die von Hans-Joachim Kotarski besorgte Ausstattung entspricht durchaus den hohen
Anforderungen, die sich die Initiative Buchkultur gestellt hat. Es ist ein
handliches Bändchen entstanden, das bereits im Äußeren auf ein fernes Land
hinweist. Als Überzugpapier wurde ein Rives Design in einer leichten, feinen
Textilstruktur verwendet. Die Auszeichnungsschrift für den Titel wie auch für
die Überschriften ist die Indus, geradezu prädestiniert für ein solches Buch.
Die Schrift für den Fließtext ist die zarte Chaparral auf einem Römerturm
Druckfein mit 115 g/qm. Der Satzspiegel ist großzügig und der Durchschuß
durchaus lesefreundlich.
Ferdinand Puhe

Leipziger Alumnen und ihre Exlibris. Zur
600-Jahrfeier der Universität Leipzig erschien eine recht ungewöhnliche, aber
informationsreiche Broschüre: Anne Büsing, Kirsten Büsing: Alumnen und ihre
Exlibris. Wiesbaden: Vieweg + Teubner, 2009. 119 S., 54 Abb. Br. 8°. 23 Euro.
ISBN 978-3-8348-0859-2. Mit dem Titel sind mehr oder weniger berühmte
Absolventen und Förderer der Alma mater lipsensis gemeint. Anstoß für diese
Veröffentlichung war ein von Leipziger Verlegern aus Anlaß der 500-Jahrfeier
(1909) der Universität vermachtes Donatoren-Exlibris des österreichischen
Jugendstilkünstlers Alois Kolb (1875-1942), das die Aufmerksamkeit der
Autorinnen erregte. Die Leipziger Universitätsbibliothek verfügt über einen
Bestand von über 5 Millionen Bücher, viele mit Exlibris versehen. Davon wurden
52 Exlibris ausgewählt, beschrieben und deren Eigner vorgestellt. Da die
Gesamterfassung der Exlibris der Universitätsbibliothek sicher noch lange auf
sich warten läßt, ist die Arbeit der Autorinnen nicht hoch genug zu schätzen,
wird doch damit ein Weg gewiesen, wie man ihn besser kaum gehen kann. Das
älteste Exlibris, mit dem der Reigen eröffnet wird, gehörte dem Arzt Christian
Johann Lange (1655-1701), am 21. Februar 1680 an der Universität Leipzig zum Dr.
med. promoviert mit der Dissertatio physica de circulatione sanguinis, in der
die Forschungsergebnisse von William Harvey, dem Entdecker des Blutkreislaufes,
bestätigt wurden. Das Blatt stammt von einem unbekannten Kupferstecher.
Beschlossen wird der Reigen, zu dem auch Blätter von heute lebenden
Universitätsangehörigen gehören, mit dem Exlibris des 1822 gegründeten
Universitäts-Sängervereins zu St. Paul in Leipzig. Für dessen Bibliothek schuf
Benno Hiddemann (1861-1907) ein Exlibris. Dazwischen werden zum Beispiel die
Exlibris-Eigner Hugo Eckener, Ludwig Ganghofer, Johann Wolfgang Goethe, Georg
und Salomon Hirzel, Anton Kippenberg, Carl Ernst Poeschel und Walter Tiemann
ausführlich vorgestellt. Alle 52 Eigner waren Alumnen, Freunde und Förderer der
Universität Leipzig. Die Autorinnen zeigen, wie spannend und informationsreich
Exlibris und deren Erforschung sein können. Eine kleine Anzahl Exlibris,
interessant aufbereitet, vermittelt Sammlern und Bibliothekaren einen großen
Gewinn. Die Arbeit genügt wissenschaftlichen Ansprüchen und setzt Maßstäbe für
künftige fachspezifische Publikationen. Ausgestattet mit einem Eigner-Register,
einem Künstler-Register und einem Literatur- und Quellenverzeichnis, läßt es
keine Wünsche offen.
Manfred Neureiter

Samizdat im Archiv der Forschungsstelle Osteuropa.
Das Archiv der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen sammelt
Materialien, die außerhalb des Bereichs der Zensur veröffentlicht wurden, meist
im sogenannten Samizdat (Selbstverlag) oder als Privatarchive angelegt waren.
Die Vorarbeiten gingen bis ins Jahr 1977 (Charta 77 in der Tschechoslowakei)
zurück. Bis zum eigentlichen Arbeitsbeginn gab es noch politische
Schwierigkeiten, die Regierungen der osteuropäischen Länder versuchten die
Gründung zu verhindern, was aber letztlich nicht gelang, da es viel
Unterstützung in der BRD und intern sogar bei Wissenschaftlern der Ostländer
gab. Am 3. Mai 1982 nahm die Forschungsstelle ihre Arbeit auf. Jetzt erschien
eine gut bebilderte Übersicht über die Bestände und ihre Geschichte: Wolfgang
Eichwede (Hrsg.): Das Archiv der Forschungsstelle Osteuropa. Bestände im
Überblick: UdSSR/Russland, Polen, Tschechoslowakei, Ungarn und DDR. Stuttgart:
ibidem-Verlag (2009). 176 S., zahlr. Abb. 4°. Br. (= Archiv der Forschungsstelle
Osteuropa an der Universität Bremen, Bd. 1.) 79,90 Euro. ISBN 978-3-89821-983-9.
Die Materialien konnten zunächst nur inoffiziell beschafft werden. Sie waren oft
mit Schreibmaschine vervielfältigt worden. Zu Beginn des Buches ist ein Gedicht
von Aleksandr Galič abgedruckt, in dem es heißt „Die ‚Erika' schafft vier
Durchschläge“. „Erika“ war eine Schreibmaschine, die in der DDR hergestellt und
mit kyrillischen Buchstaben auch in die Sowjetunion geliefert wurde. In dem
vorliegenden Buch ist ein mit Schreibmaschine vervielfältigtes Exemplar des
Romans Im ersten Kreis von Alexander Solschenizyn abgebildet, dessen Papier
schon stark zerfallen ist. Man fragt sich, wie lange das noch ohne kostspielige
Restaurierung halten wird. Im Archiv befinden sich auch handschriftliche
Materialien, zum Beispiel Prozeßmitschriften, Plakate, Fotos, auch Tonbänder.
Nicht nur Monographien wurden gesammelt, sondern auch Schriftenreihen. Mit
Beginn der Perestroika (zirka 1987) wurde die Beschaffung einfacher, der Zoll
kontrollierte jetzt lascher, mit den „samtenen Revolutionen“ wurden dann
offizielle Drucke kritischer Texte möglich. Das Archiv hatte seinen eigentlichen
Zweck erfüllt. Bemerkenswert ist die bibliophile Gestaltung vieler Materialien.
Zunächst wird eine Beschreibung nach Ländern gegeben, dann folgt eine Auflistung
nach Verfassern bzw. Herausgebern und nach Serientiteln, ein Personenregister
schließt das Buch ab. Bei den Materialien aus der DDR ist die Kunstsammlung
Klaus Groh bemerkenswert. – Das vorliegende Buch ist ein wichtiger Beitrag zur
Geschichte und Kulturgeschichte der osteuropäischen Länder von zirka 1953 bis
1991. Die Erschließung hat einen hohen Grad erreicht, es ist aber geplant, sie
noch gründlicher zu gestalten mit Findbüchern etc.
Michael Schädlich

Stammbücher aus Weimar und Tübingen. Das
Tübinger Stadtmuseum widmete vom 7. Februar bis zum 3. Mai 2009 den Vorläufern
des Poesiealbums, den Stammbüchern, die in der ersten Hälfte des 16.
Jahrhunderts aufkamen und ihren Ursprung vermutlich in Wittenberg hatten, eine
interessante Ausstellung. Dazu erschien ein sehr informativer Katalog: „In
ewiger Freundschaft“. Stammbücher aus Weimar und Tübingen. Hrsg. v. Nicole Domka
et al. Tübingen: Stadtmuseum, 2009. 199 S. (Tübinger Kataloge Nr. 83.) 4°. Pp.
19,80 Euro. ISBN 978-3-910090-92-7. Stammbücher sind im Laufe der letzten Jahre
als historische Quelle in das Blickfeld der wissenschaftlichen Forschung
gerückt. Lückenhaft ist das Wissen, welche Stammbücher sich in Bibliotheken,
Archiven, Museen und anderen Institutionen oder in Privatbesitz befinden. Die
Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar jedenfalls besitzt mit 885 Stammbüchern
und Poesiealben aus der Zeit von 1550 bis 1945 die weltweit größte Sammlung
dieser Art. Seit 2008 fördert die H. W. & J. Hector Stiftung zu Weinheim die
Erschließung dieser Bestände, räumlich ist das Projekt an der Universität
Tübingen angesiedelt. Und so war die Ausstellung eine einmalige Gelegenheit,
besonders seltene, schöne oder typische Beispiele für die Stammbuchtradition aus
fast fünf Jahrhunderten aus den Beständen der Weimarer Bibliothek und den
Tübinger Einrichtungen Universitätsbibliothek, Universitätsarchiv und
Stadtmuseum der Öffentlichkeit zu präsentieren. Der Katalog enthält vier
Beiträge zu den Sammlungen der Aussteller und einen Beitrag zum Stammbuch des
Tübinger Regierungs- und Hofgerichtsrates Johann Jacob Dann (1697-1744),
Beschreibungen und Abbildungen zu den 62 ausgestellten Exemplaren, ein Vorwort
sowie eine Einleitung zu Ursprung, Besitzern und Verbreitung der Stammbücher und
zum Bilderschmuck in den Stammbüchern. Das Thema dürfte den Pirckheimer-Freunden
nicht unbekannt sein. Konrad Marwinski berichtete schon 1969 über alte Weimarer
Stammbücher (MARGINALIEN, H. 34, 1969, S. 33-50), Hans Henning schrieb 1986 über
das Stammbuch von Johann Christoph Dorsch, das im vorliegenden Katalog auf Seite
138 vorgestellt wird (MARGINALIEN, H. 104, 1986, S. 34-46), und schließlich fand
1988 auf Schloß Burgk eine in Zusammenarbeit mit der Pirckheimer-Gesellschaft
vorbereitete Ausstellung mit Stammbüchern aus der Zentralbibliothek der
deutschen Klassik Weimar (Katalog 27 des Staatlichen Museums Schloß Burgk 1988)
statt.
Dieter Schmidmaier

Marianne sagt Lebewohl. Zu einem dîner littéraire
hatte der Verein der Freunde und Förderer des Literaturhauses Berlin e.V. am 28.
September in die Fasanenstraße geladen. Dr. Hannes Schwenger, langjähriger
umsichtiger Leiter der Mariannenpresse, hielt Rückschau auf 30 Jahre und
präsentierte, edel aufgemacht, das einhundertdreißigste und letzte Buch dieser
verdienstvollen Edition, den Almanach Ausgepreßt, ein „Kondolenzbuch“, das die
Geschichte dokumentiert und eine vollständige Bibliographie bietet. Hannes
Schwenger hat ein „Vorwort als Nachwort“ vorangestellt, darin die Aufs und Abs
über die Jahre hinweg heiter beleuchtet, Freunde und Förderer gewürdigt und auch
Glücksmomente benannt. Das „Lob des Sammelns“ eines ungenannten Sammlers, ein
Interview als Nachwort, schließt mit den hoffnungsvollen Worten: Die
Mariannenpresse wird auch in Zukunft durch Sammler in Ehren gehalten werden ...
Vielfalt und Individualität der Reihe wird, da bin ich mir sicher, „auch in
Zukunft neue Sammel-Leidenschaften entfachen“. Der Almanach mit Marianne auf dem
Einband wurde durch eine Spende in einer Auflage von 1000 Exemplaren möglich und
kostet 20 Euro.
Die abendliche Tischrunde versammelte zahlreiche Künstler, die an der
Mariannenpresse mitgewirkt hatten und in amüsant unterhaltsamer Weise von ihrer
Arbeit erzählten, so Lutz Leibner, dem unter anderem Druck und Gestaltung des
„Sparbuches“ Auf die Barrikaden (2001) zu danken war, Kerstin Hensel, die an
ihren Gedichtband Volksfest by Bürgerbräu (1997) erinnerte und drei Gedichte
daraus las, Natascha Ungeheuer, die Johannes Schenk aus der Erinnerung heraushob
und ihre lithographischen „Unmöglichkeiten" für den Geschenke-Band (2007)
eingestand, Richard Pietraß, der sich seiner Grenzerfahrungen in der Oderberger
Straße erinnerte und aus dem Band Grenzfriedhof (1998) drei Gedichte vortrug.
Dieter Goltzsche entsann sich eigener Wut in alten Zeiten und seiner
lithographischen Mitarbeit an dem Band 117 Aus Wut, Gedichte von Helga M. Novak
(2005); 15 Vorzugsexemplare hatte er handkoloriert. So verlief der Abend nicht
schmerzvoll und wehmütig, eher erfüllt von beglückenden Bucherlebnissen und
Begegnungen. Der „irdische Rest" der Marianne ruht auf der Schillerhöhe in
Marbach und ist dort bestens aufgehoben.
U. Lang

Dante-Illustrationen von Anselm Roehr und eine
Festschrift für Ulrich Keicher. Zum Jubiläum 25 Jahre Verlag Ulrich Keicher
porträtierte Dieter Hoffmann in den MARGINALIEN (Heft 192, 2008) den Verleger in
Warmbronn. Nachzutragen ist, daß am Ende des letzten Jahres eine Festschrift
erschien: Brotschrift für Ulrich Keicher im fünfundzwanzigsten Jahr seines
Verlages – damit der Rote Faden nie reiße. Hrsg. v. Matthias Bormuth, Joachim
Kalka und Friedrich Pfäfflin. Warmbronn: Christian Wagner Gesellschaft, 2008.
190 S. 8°. Br. mit Umschl. Darin enthalten sind Beiträge, die Autoren und
Freunde für ihn geschrieben haben, neben poetischen Texten auch Erinnerungen an
gemeinsame Erlebnisse. Das Buch ist mit schönen Fotos aus dem Verlagsleben
versehen. Allen Autoren gemeinsam ist die Bewunderung von Keichers
Lebensleistung als Büchermacher, Verleger, Herausgeber und Antiquar. „Büchern
bin ich zugeschworen, Bücher bilden meine Welt“ – das Wort von Karl Wolfskehl
trifft nach Meinung des Verleger-Kollegen Thedel von Wallmoden (Wallstein
Verlag) auf niemanden besser zu als auf Ulrich Keicher. – Doch Verleger wollen,
frei nach Lessing, weniger gelobt sein, statt dessen ihre Bücher mehr gekauft
sehen. Hier eine Empfehlung: Höhepunkt von Keichers Verlagsprogramm im
Jubiläumsjahr war eine Ausgabe von Dantes Göttlicher Komödie mit Zeichnungen von
Anselm Roehr. Zu ausgewählten Texten aus dem Original und der Übertragung von
Karl Vossler sowie Begleittexten von Boccaccio und Pasolini sind 87 Zeichnungen
in Tusche-China gestellt. Das großformatige Werk in drei Bänden kostet 180 Euro.

Subskriptionsangebot zur neuen
Egbert-Herfurth-Bibliographie. Egbert Herfurth beging am 5. April dieses
Jahres seinen 65. Geburtstag. Aus diesem Anlaß findet im „Haus des Buches“,
Leipzig, in Zusammenarbeit mit dem Leipziger Bibliophilen-Abend die Ausstellung
Herfurths schönste Seiten statt, die am 3. November eröffnet wird. Dazu erschien
in der burgart-presse Jens Henkel (burgart-presse, Mörla Nr. 45 a, 07407
Rudolstadt, www.burgart-presse.de, Tel: 03672-412214) das gleichnamige
Gesamtverzeichnis des buchgraphischen Werkes von Herbert Kästner, mit Texten von
Lothar Lang und Egbert Herfurth. Das Buch im Format 30,5 x 21,5 cm enthält 120
meist farbige Abbildungen und kostet 60 Euro, Subskriptionspreis bis 31.
Dezember 44 Euro. Zusätzlich zu der Normalausgabe von 500 Exemplaren erscheint
eine Vorzugsausgabe in fünfzig numerierten und signierten Exemplaren in Kassette
mit einer Handzeichnung, 2 Kupferstichen, 16 meist kolorierten Holzstichen, 7
Acrylstichen und einem kolorierten Acrylstich – Preis 390 Euro,
Subskriptionspreis bis 31. Dezember 340 Euro.

Kleine Korrekturen zu zwei Artikeln im Heft
195, 2009. In der Meldung über die Verleihung des Hans-Meid-Preises (S. 103-104)
hat sich eine mißverständliche Formulierung eingeschlichen. Ein Hans-Meid-Preis
2009 wurde tatsächlich nicht vergeben. Die Hans-Meid-Medaille für sein
Lebenswerk hingegen erhielt am 4. Oktober der allseits bekannte Karl-Georg
Hirsch. In der Rezension des Buches von Klaus-Dieter Lehmann, Bild, Buch und
Arche, steht auf S. 88 ein kleiner Fehler, den Peter Kittel entdeckt hat: Die
besonders wertvollen Bestände der Sammlung „Berlinka“ in Kraków stammen nicht
aus der Berliner Stadtbibliothek, sondern aus der Staatsbibliothek – Preußischer
Kulturbesitz.

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