Redaktionsschluss 4. Oktober 2009

Reinhard Mohn verstorben
Verleger Gerhard Hentrich verstorben
125 Jahre Deutsches Buch- und Schriftmuseum
Ein Leben im Dienste Thomas Manns
Nibelungenlied wird Weltdokumentenerbe
Privatsammlung historischer Kinderbücher an der Georg-August-Universität
     Göttingen
Österreichische Nationalbibliothek übernimmt letzte Bestände der
      Bibliothek Arthur Schnitzler
Bibliothek der verbrannten Bücher / Sammlung Salzmann
Pharmaziehistorische Bibliothek Dr. Helmut Vester
Briefe des Verlegers Heinrich Ellermann aus seinem letzten Lebensjahr
Meinrad Braun: Indisches Tagebuch
Leipziger Alumnen und ihre Exlibris
Samizdat im Archiv der Forschungsstelle Osteuropa
Stammbücher aus Weimar und Tübingen
Marianne sagt Lebewohl
Dante-Illustrationen von Anselm Roehr und eine Festschrift für Ulrich
      Keicher
Subskriptionsangebot zur neuen Egbert-Herfurth-Bibliographie
Kleine Korrekturen

 

 

 

 

 

 

 

 

Reinhard Mohn verstorben. Im Alter von 88 Jahren starb am 3. Oktober der Begründer des Bertelsmann-Konzerns Reinhard Mohn. 1921 in Gütersloh geboren, wollte er nach der Rückkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft 1946 eigentlich Ingenieur werden, doch Verlag und Druckerei der Familie brauchten ihn; denn der Vater hatte im Fragebogen der Besatzungsmacht seine „Fördernde Mitgliedschaft“ bei der SS verschwiegen, was herausgekommen war. Den Grundstein für seinen Erfolg legte Mohn 1950 mit der Gründung des Bertelsmann Leserings, heute Der Club, der schon vier Jahre nach seiner Gründung 1954 rund eine Million Mitglieder hatte. Ein energisches Marketing war dabei ebenso hilfreich wie die Anpassung an den Lesergeschmack. Ein geistiges oder politisches Programm war nicht Mohns Ehrgeiz, wenngleich er den Geschäftsführern in den vielen zu seinem Imperium gehörenden Verlagen ein engagiertes Programm erlaubte, solange sie kommerziell erfolgreich waren. Noch in den fünfziger Jahren gründete Mohn den Lexikonverlag, der heute alle Konkurrenten auf dem deutschsprachigen Markt geschluckt hat, und die Plattenfirma Ariola. Ab den sechziger Jahren kaufte Mohn einen Verlag nach dem anderen, 1998 sogar den US-amerikanischen Branchenriesen Random House, so daß Bertelsmann seither das größte Buchunternehmen der Welt ist. Auch die Zahl der Druckereien, die zum Konzern gehören, ist immer größer geworden, der Druckerei- und Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr (mit Stern und Brigitte) kam hinzu. Und das Unternehmen stieg mit RTL in das bezahlte Fernsehen ein. Mohn gab 1981 den Vorsitz im Vorstand der Bertelsmann AG auf, zog aber im Hintergrund zusammen mit seiner Frau Liz Mohn weiter die Fäden. Seine Haupttätigkeit galt in den letzten Jahren der 1977 gegründeten Bertelsmann Stiftung, die jährlich Millionen für gemeinnützige Zwecke ausschüttet. Die Stiftung ist heute Mehrheitseigner des Konzerns, der weltweit rund 100 000 Mitarbeiter beschäftigt.

Verleger Gerhard Hentrich verstorben. Am 6. Mai 1924 geboren und in Berlin aufgewachsen, wollte Gerhard Hentrich Jura studieren. Das war ihm verwehrt, weil seine Mutter im seinerzeitigen Jargon eine „Halbjüdin“ war. Sein Vater mußte Zwangsarbeit leisten. Er selbst wurde nach dem Abitur zum Militär einberufen und ein Jahr vor Kriegsende schwer verwundet; er hatte deshalb lebenslang unter Phantomschmerzen zu leiden.
Nach Kriegsende eröffnete er gemeinsam mit seinem Vater in Steglitz eine kleine Druckerei, die Mitte der fünfziger Jahre erweitert werden konnte und in der Albrechtstraße ihr Domizil fand. 1981 wurde dort die Edition Hentrich geboren, die Anfang der neunziger Jahre verkauft werden mußte. Im Herbst 1998 gründete er zusammen mit seinem Sohn Harald den Verlag Hentrich & Hentrich, heute im Brandenburgischen Teetz ansässig. Gerhard Hentrich, dessen Engagement man bereits seit 1982 als Verleger der Reihe Bücher gegen Vergessen und Verdrängen kannte, widmete sich nunmehr mit einem kleinen Stab engagierter Mitarbeiter in seiner verlegerischen Tätigkeit verstärkt dem Thema der nationalsozialistischen Verfolgung und dem Schicksal deutscher Juden. Es entstanden unter seiner Federführung die Reihen Jüdische Miniaturen mit Biographien von Albert Einstein, Max Liebermann, Victor Klemperer und Friedrich Wolf sowie Jüdische Memoiren, und er verlegte die Schriftenreihe des Centrum Judaicum. Die von ihm herausgebrachten Erinnerungen des KZ-Häftlings Adolf Burger Des Teufels Werkstatt über die Geldfälscherwerkstatt der Nazis im KZ Sachsenhausen wurde in Österreich von Stefan Ruzowitzky unter dem Titel Die Fälscher verfilmt.
Obwohl Gerhard Hentrich häufig feststellen mußte, daß sein Engagement in der heutigen Gesellschaft allzu oft ins Leere lief, gab er nie auf. Nun wird er das Erscheinen des 100. Bands der Jüdischen Miniaturen nicht mehr erleben. Gerhard Hentrich starb am 19. September 2009 im Alter von 85 Jahren in Berlin. Den Kennern seines Verlags und allen, die seinen Einsatz gegen das Verschweigen erlebten, wird Gerhard Hentrich in Erinnerung bleiben. Seine Firma wird von Dr. Nora Pester weitergeführt.
Abel Doering

125 Jahre Deutsches Buch- und Schriftmuseum. 1884 als Deutsches Buchgewerbemuseum in Leipzig gegründet, zählt das Deutsche Buch- und Schriftmuseum zu den ältesten und bedeutendsten Sammlungen auf dem Gebiet der Buchkultur. Zu der knapp eine Million Objekte gehören umfangreiche Bestände zur Papiergeschichte mit der weltweit größten Wasserzeichensammlung und einmalige Archivalien und Dokumente zur Buchgeschichte und kulturhistorische Zeugnisse zur Schriftgeschichte, die Sammlung graphischer Blätter oder die Künstlerbücher. Die Fachbibliothek mit historischer und moderner deutschsprachiger und internationaler Literatur zum gesamten Buchwesen enthält mehr als 80 000 Bände und rund 200 laufende Zeitschriften.
Das Jubiläum wurde mit einer öffentlichen Festveranstaltung in der Deutschen Nationalbibliothek am Deutschen Platz begangen. Im Wallstein Verlag erschien eine Festschrift, die neben zahlreichen Beiträgen prominenter Autoren wie Hans Magnus Enzensberger, Elmar Faber, Prof. Norbert Lammert, Prof. Klaus Dieter Lehmann, und Dr. Gottfried Honnefelder eine umfassende Chronik und zahlreiche Abbildungen aus den Sammlungen des Deutschen Buch- und Schriftmuseums enthält. Aber nicht nur Geburtstag feiert das Deutsche Buch- und Schriftmuseum, es erhält im Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig auch neue Ausstellungsräume, einen neuen Lesesaal und erweiterte Magazine, die voraussichtlich Ende 2010 bezugsfertig sind.
Den Grundstock für den umfangreichen Buchbestand des Deutschen Buch- und Schriftmuseums der Deutschen Nationalbibliothek legte der sächsische Staat 1886 mit dem Ankauf der berühmten Sammlung des Dresdner Schneidermeisters und Verlegers Heinrich Klemm. Schwere Verluste erlitten Museum und Sammlung im Zweiten Weltkrieg: Im Dezember 1943 wurde das Deutsche Buchgewerbehaus am Gutenbergplatz, in dem das Museum seit 1939 Räume unterhielt, in Schutt und Asche gelegt. Die wertvollsten, damals ausgelagerten Stücke der Klemm-Sammlung – Handschriften, Inkunabeln, darunter ein Exemplar der 42zeiligen Gutenbergbibel und eine wertvolle Bucheinband- und Zeugdrucksammlung – befinden sich seit der Beschlagnahmung durch die sowjetische Besatzungsmacht im September 1945 in der Russischen Staatsbibliothek in Moskau. Nach kriegsbedingtem Verlust seiner Wirkungsstätte sicherte 1950 die Integration des Museums in die Deutsche Bücherei Leipzig, heute Deutsche Nationalbibliothek, sein Fortbestehen.

Ein Leben im Dienste Thomas Manns. 45 Jahre Buchhandlung, Antiquariat und Verlag Matussek in Nettetal. Für jeden Freund und Kenner Thomas Manns ist die Buchhandlung Matussek in Nettetal ein Begriff. Einmal jährlich erscheint ein hochkarätiger Antiquariatskatalog zum Thema. Früher gab es noch den Thomas-Mann-Brief, in dem die Neuerscheinungen verzeichnet waren. Leider rechnet sich das nicht mehr. Auch als Verleger hat sich Hans K. Matussek, dessen Sohn Fabian vor einiger Zeit ins Geschäft eingetreten ist, betätigt. 1988 erschien das schön gestaltete Buch Thomas Mann – von nahem erlebt von Georges Motschan. Motschan (1920-1989) war ein Schweizer Chemiker, der Thomas Mann 1937 besucht hatte und das Ehepaar Mann bei seiner ersten Deutschlandreise 1949 in seinem schweren Buick als Chauffeur begleitete. Auch bibliophile Ausgaben sind im Verlag Matussek erschienen: von Thomas Mann 1990 Der Tod in Venedig mit 21 Pinselzeichnungen von Helmut Werres und 1996 Das Eisenbahnunglück mit 3 Kaltnadelradierungen von Rolf Escher.
In diesem Jahr erschien bei Matussek ein Sammelband mit Aufsätzen über den Altphilologen Werner Jaeger (1888-1961), der aus Lobberich stammt, einem kleinen Ort, der jetzt in Nettetal eingemeindet ist. Werner Jaeger ist die bedeutendste Persönlichkeit, die dort geboren wurde. Er hatte die Lehrstühle von Friedrich Nietzsche in Basel und von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff in Berlin inne, bevor er 1936 nach Amerika ging und zuletzt in Harvard lehrte. Nach 1945 besuchte er seine Geburtsstadt mehrfach, verschiedene Gebäude sind nach ihm benannt worden. Sein bedeutendstes Werk ist Paideia in drei Bänden, mit dem er einen zeitweise so genannten „Dritten Humanismus“ begründete. Auch zwei Zeitschriften seines Fachgebiets gehen auf ihn zurück. Seine zweite Frau Ruth, geb. Heinitz, war Jüdin, deshalb mußte er seinen Lehrstuhl in Deutschland aufgeben. Seine Übersiedelung nach den USA, zunächst nach Chicago, war aber vom Preußischen Staat genehmigt, es durfte auch nichts Negatives über ihn in der deutschen Presse geschrieben werden, auch konnte der 2. Band von Paideia 1944 in Deutschland erscheinen, das sich damals schon im Kriegszustand mit den USA befand. In dem vorliegenden Band ist seltsamerweise nicht expressis verbis erwähnt, daß Ruth Heinitz Jüdin war, obwohl man es sich erschließen kann und wissen muß, um die Zusammenhänge zu verstehen. 1992 erschien eine Todesanzeige von ihr im Berliner Tagesspiegel, in der auch Werner Jaeger erwähnt ist. Mit dem vorliegenden von Manfred Meis und Theo Optendrenk herausgegeben Band hat sich der Verlag Matussek um den berühmten Sohn der Stadt verdient gemacht.
Michael Schädlich

Nibelungenlied wird Weltdokumentenerbe. Das Internationale Komitee für das UNESCO-Weltdokumentenerbe „Memory of the World“ hat das Nibelungenlied in das Weltdokumentenerbe aufgenommen. Es handelt sich um die drei wichtigsten vollständigen Handschriften: Handschrift A aus der Bayerischen Staatsbibliothek, Handschrift B aus dem Kloster St. Gallen und Handschrift C aus der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe. Das Nibelungenlied gilt als die bedeutendste deutsche Heldendichtung des Mittelalters. Der Briefwechsel des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz, der sich in der Wilhelm-Leibniz-Bibliothek Hannover befindet und mit 15 000 Briefen an 1100 Korrespondenten die wichtigsten Bereiche der Wissenschaften umfasst, war 2007 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe ernannt worden (vgl. MARGINALIEN, H. 188, 2007, S. 107).
Dieter Schmidmaier

Privatsammlung historischer Kinderbücher an der Georg-August-Universität Göttingen. Die Universität Göttingen hat eine kulturhistorisch einzigartige Privatsammlung historischer Kinderbücher erworben. Die Sammlung stammt von dem 2003 verstorbenen Politikwissenschaftler Prof. Dr. Jürgen Seifert aus Hannover. Die mehr als 10.000 Titel dokumentieren die Entwicklung der Kinderliteratur über einen Zeitraum von 250 Jahren, dazu gehören das Elementarwerk von Johann Bernhard Basedow aus dem Jahr 1774 mit rund 100 Kupferstichen, wertvolle Bilderbücher des 18. bis 20. Jahrhunderts, frühe sozialistische Kinderliteratur, seltene Sachbücher aus den Bereichen Naturkunde und Technik sowie zahlreiche Heftreihen, die nur selten erhalten sind. Die Sammlung Seifert ist Teil der Spezialbibliothek für Kinder- und Jugendliteratur am Seminar für Deutsche Philologie der Göttinger Universität. Zu dieser Spezialbibliothek gehört auch die als Stiftung zur Verfügung stehende Vordemann-Sammlung, die nach dem Einbecker Superintendenten Karl Vordemann (1850-1931) benannt wurde, der nach seiner Pensionierung in Göttingen gelebt und Kinderbücher gesammelt hat. Schwerpunkte der Göttinger Kinderbuchsammlung sind die Kinder- und Jugendliteratur der Aufklärung sowie Genres aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Dieter Schmidmaier

Österreichische Nationalbibliothek übernimmt letzte Bestände der Bibliothek Arthur Schnitzler. Die Österreichische Nationalbibliothek hat im Juli 2009 rund 8000 Bücher aus der Bibliothek Arthur Schnitzlers übernommen. Mit dieser von Schnitzlers Sohn Heinrich testamentarisch verfügten Übergabe wird nun, nach dem Tod von dessen Witwe Lilly Schnitzler, eine wertvolle Bibliothek wieder zusammengefügt, deren Schicksal Österreichs Zeitgeschichte widerspiegelt.
1940 wurde die Bibliothek des bereits 1931 verstorbenen jüdischen Schriftstellers durch die Gestapo beschlagnahmt und – wie es in einem Schreiben der Gestapo heißt – „der Nationalbibliothek zur weiteren Verwertung überlassen“. Im Jahr 1946 richtete der Schauspieler und Regisseur Heinrich Schnitzler seine Rückstellungsforderung an die Österreichische Nationalbibliothek. Der Restitutionsfall scheint symptomatisch für den Umgang der Profiteure mit ihrer Rückstellungsverpflichtung in der Nachkriegszeit: Man anerkannte zwar den Anspruch, agierte jedoch äußerst zögerlich und ließ dem Geschädigten gegenüber jede Einsicht des begangenen Unrechts vermissen. Heinrich Schnitzler erhielt 1947 die noch auffindbaren Werke der Bibliothek seines Vaters zurück, zeigte sich jedoch sehr enttäuscht von der unverschämten Behandlung seitens der Rückstellungspflichtigen. Trotz des Verlusts eines Drittels seiner Bibliothek und der unbestritten aktiven Rolle, welche die Nationalbibliothek beim Raub seines Eigentums eingenommen hatte, fühlte sich Schnitzler der Österreichischen Nationalbibliothek weiterhin verbunden. Testamentarisch vermachte er ihr seine gesamte Bibliothek, das theaterwissenschaftliche Material sowie die Originalhandschrift von Liebelei. Etwa die Hälfte der Bibliothek wurde bereits nach seinem Tod 1982 von der Österreichischen Nationalbibliothek übernommen.
Erst lange nach Heinrich Schnitzlers Tod bewahrheitete sich dessen Vermutung: Bei der Aussonderung der beschlagnahmten Werke in der Nachkriegszeit war nicht genau gearbeitet worden. Im Zuge der von Generaldirektorin Dr. Johanna Rachinger bei ihrem Amtsantritt initiierten Provenienzforschung wurden weitere Objekte aus Schnitzlers Bibliothek ausfindig gemacht und 2005 an Heinrichs Witwe Lilly Schnitzler restituiert. Als zeithistorisches Dokument erinnern die anläßlich der Beschlagnahmung, der Restitution der Nachkriegszeit und des Legats von 1982 in die Bücher eingebrachten Stempel an die wechselvolle Geschichte der Bibliothek.

Bibliothek der verbrannten Bücher / Sammlung Salzmann. Die Bibliothek der verbrannten Bücher / Sammlung Salzmann hat seit Juli 2009 ihren Standort in der Universitätsbibliothek Augsburg. Sie ist, nach Aussagen der Bibliothek, die weltweit umfangreichste Quellensammlung zu der in der Zeit des Nationalsozialismus geächteten deutschsprachigen Literatur. Sie konzentriert sich auf die Autoren, deren Bücher von den Nationalsozialisten auf dem Berliner Opernplatz und in zahlreichen deutschen Universitätsstädten als „undeutsches Schrifttum“ am 10. Mai 1933 verbrannt wurden und während des Nationalsozialismus verboten waren. Die Werke zahlreicher Schriftsteller in der Sammlung Salzmann sind heute kaum mehr im öffentlichen Bewußtsein. Der Sammler und 80 Jahre alte bisherige Eigner Georg P. Salzmann aus Gräfelfingen wollte sein Lebenswerk gesichert, genutzt und fortgeführt sehen und verkaufte die 12 000 Bände umfassende Sammlung. Ein Gutachten der Bayerischen Staatsbibliothek kam 2008 zu dem Ergebnis, daß eine solche Sammlung in der vorliegenden Fülle heute nicht mehr aufgebaut werden könne. Die Sammlung hat eine große Bedeutung für die Kultur- und Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts und stellt ein unersetzliches Kulturgut dar. Das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst hat sich für die dauerhafte Unterbringung der Sammlung Salzmann in Bayern engagiert, zumal auch zahlreiche Autoren in Bayern gewohnt und gearbeitet haben wie Bertolt Brecht, Oskar Maria Graf, Hermann Kesten, Heinrich und Thomas Mann und Ernst Toller. Die Universität Augsburg konnte mehrere Partner für ihr Anliegen gewinnen, den Ankauf für das Körperschaftsvermögen der Universität auch finanziell zu unterstützen, so die Stadt Augsburg und den privaten Mäzen Georg Haindl.
Die Sammlung Salzmann soll in der Universitätsbibliothek Augsburg für Forschung, Lehre und Studium sowie im Rahmen der politischen Bildung dauerhaft zugänglich sein und konservatorisch gesichert werden. Auch Neueditionen wichtiger Texte sind vorgesehen. Als wichtige Einführung in das Thema gilt das Buch von Volker Weidermann: Buch der verbrannten Bücher (3. Aufl. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2008. 253 S.). Der Autor verfolgt die Spuren ausnahmslos aller auf den „Schwarzen Listen“ stehenden 131 Autoren der „Schönen Literatur“ – 94 deutschsprachig und 37 fremdsprachig. Er führt den Leser in 23 Kapiteln zu jenen Schriftstellern und Dichtern, deren Werke aus den Bibliotheken, Buchhandlungen und Antiquariaten verbannt wurden. Das Buch ist eine Fundgrube für alle, die sich mit den Bücherverbrennungen, dem Nationalsozialismus, der Geschichte des Buch- und Bibliothekswesens und der deutschen Literaturgeschichte der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts beschäftigen.
Dieter Schmidmaier

Pharmaziehistorische Bibliothek Dr. Helmut Vester. In den nächsten beiden Jahren wird mit Hilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft das Projekt „Digitalisierung von Beständen der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf – Die Pharmaziehistorische Bibliothek Dr. Helmut Vester“ realisiert. Im aktuell bewilligten ersten Förderabschnitt werden etwa 2500 Bände digitalisiert. Der Düsseldorfer Apotheker Helmut Vester trug nach dem Zweiten Weltkrieg eine umfassende Sammlung vielfältiger Quellen zur Wissenschaftsgeschichte zusammen, die sich heute an mehreren Einrichtungen befindet. Die „Sammlung Vester“ wurde 1961 von der Medizinischen Akademie, der Vorgängerinstitution der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität, erworben. Sie umfaßt Titel aus allen Bereichen der Geschichte der Pharmazie vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Hervorzuheben ist eine Sammlung von Pharmakopöen nahezu aller deutscher Regionen und zahlreicher europäischer Länder sowie Kräuter- und Pflanzenbücher des 16. bis 19. Jahrhunderts. Weitere Informationen finden sich unter http://www.ub.uni-duesseldorf.de. Eine weitere Sammlung aus dem früheren Besitz von Vester befindet sich an der Ruhr-Universität Bochum. Dazu gehören 5000 Monographien zur Wissenschaftsgeschichte und 1400 Medaillen zur Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften (vgl. auch Marion Lischka: Vesters Archiv. Eine universale Dokumentation und Sammlung zur Geschichte der Pharmazie. Essen: Klartext-Verlag, 1997).
Dieter Schmidmaier

Lessing-Portal im Internet. Im Juni 2009 wurde das Lessing-Portal der Lessing-Akademie e.V. Wolfenbüttel in Zusammenarbeit mit der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel als Internet-Plattform unter der Adresse http://lessing-portal.de eröffnet. Das Portal versammelt Quellentexte, wissenschaftliche Hilfsmittel und Diskussionsbeiträge, Dichtungen und Schriften nach der umfassenden Ausgabe von Karl Lachmann und Franz Muncker sowie Hintergrundinformationen zu Leben und Werk des Dichters. Schwerpunkte des Portals sind zwei Projekte. Zum ersten das Projekt „Digitale Edition sämtlicher Übersetzungen Lessings und ihrer Vorlagen“. Hier werden schrittweise Lessings Übersetzungen aus dem Lateinischen, Französischen, Englischen und Spanischen erstmals zusammenhängend ediert und öffentlich zugänglich gemacht. Der Gesamtumfang dieser Texte beträgt über 14 000 Druckseiten. Zum zweiten die Lessing-Datenbanken mit einem synoptischen Titelverzeichnis aller Schriften Lessings einschließlich des Briefwechsels, einer Werkkonkordanz der wichtigsten Lessing-Ausgaben sowie bibliographischen Hinweisen auf Dokumente zu Lessings zeitgenössischer Wirkung.
Dieter Schmidmaier

Briefe des Verlegers Heinrich Ellermann aus seinem letzten Lebensjahr. In der Verlagsgeschichtsschreibung geht es ähnlich zu wie in der Literaturgeschichtsforschung: Über die einen Verleger wird intensiv gearbeitet und regelmäßig publiziert, die anderen, die oft nicht weniger interessante Verlage, wenn auch von geringerer Strahlkraft geführt haben, werden kaum beachtet. Zu den letzteren gehörte Heinrich Ellermann (1905-1991), der seinen Verlag 1934 in Hamburg gründete, als viele andere deutsche Verleger Deutschland verlassen mußten oder in ihrer Existenz bedroht waren. Seine Liebe gehörte der modernen Dichtung, Kunst und Musik. Er spielte selbst Geige und Bratsche und hegte besonderes Interesse für Hindemith, Bartok, Schönberg, Alban Berg und Webern. So widmete er sich einem Verlagsgebiet, das dem Musikalischen am nächsten liegt: der Lyrik. Sie stand nicht im Fokus der nationalsozialistischen Kulturpolitik, ein nicht gering zu schätzender Vorteil für die Verlagstätigkeit. Im Zentrum von Ellermanns Kleinunternehmen stand Das Gedicht. Blätter für die Dichtung – eine Reihe von kleinen grauen Kartonheften, in die meist ungebunden ein Bogen Gedichte eingelegt war. Ellermann mischte Auswahlhefte von eingeführten Autoren mit Proben von Nachwuchsautoren. Seine Vorliebe gehörte den Expressionisten, wie Georg Heym und Ernst Stadler, und den naturmagischen Lyrikern, wie Wilhelm Lehmann und Oskar Loerke. Auch die Dichter um die Zeitschrift Die Kolonne Peter Huchel und Martin Raschke waren vertreten. Selbst Benn, der nach kurzer Liason mit der Macht bald schon wieder im Abseits stand, war froh über die von Ellermann gebotene Publikationsmöglichkeit. Zu den jungen Autoren, die der Hamburger Verleger oft zu zweien oder dreien in einem Heft zusammen vorstellte und damit recht eigentlich entdeckte, gehörten Karl Krolow, Franz Fühmann und nach dem Krieg Hans Egon Holthusen. Ellermanns Großtat waren in den fünfziger Jahren die von Karl Ludwig Schneider herausgegebenen und kommentierten Werkausgaben von Georg Heym und Ernst Stadler. Ein Kinderbuchprogramm mit den Illustratorinnen Lilo Fromm und Lieselotte Schwarz und die von Johannes von Guenther herausgegebene Kleine russische Bibliothek kamen in den fünfziger und sechziger Jahren hinzu. Alle diese Verdienste klingen in dem kleinen Heft an, das jüngst in der von Wulf Segebrecht herausgegebenen, bescheiden betitelten Schriftenreihe Fußnoten zur Literatur erschienen ist: „Hier ein kleiner Ausschnitt meiner Lebensgeschichte“. Briefe des Verlegers Heinrich Ellermann aus seinem letzten Lebensjahr an Joachim Pini. Bamberg: Verlag der Fußnoten, 2009. 31 S. Br. 8°. 4,50 Euro. ISBN 978-3-935167-10-5. Hauptinhalt bilden Briefe, die Ellermann an den Arzt und Sammler Joachim Pini schrieb. Pini hatte sich an den in Vaduz lebenden Verleger gewandt, um Material über dessen Firma und die vom Sammler geschätzten Ausgaben der Expressionisten zu erhalten. Von der Verlagsgeschichte schweifte der alte Mann bald ab, um über seine Familie, Krankheiten und Lektüreerlebnisse zu berichten. Die Erinnerungen von Hans Mayer, Albert Speer und eine Beckett-Biographie beschäftigten den bis zuletzt wachen Zeitgenossen. Stolz war er auf seine drei Kinder, darunter ein Violinvirtuose und die Verlegerin Antje Ellermann, die den Verlag Rogner & Bernard führte. Das Heft wird abgerundet durch die Grabrede von Christoph Perels und den Nachruf von Fritz J. Raddatz.
C. W.

Meinrad Braun: Indisches Tagebuch. Die bereits durch mehrere Publikationen bekannt gewordene „Initiative Buchkultur: Das Buch e. V.“ in Ludwigshafen hat ihren Mitgliedern, Freunden, interessierten Lesern und – nicht zuletzt – Sammlern wieder ein schönes Buch gewidmet: Meinrad Braun: Indisches Tagebuch – Reisebilder 1973. Ludwigshafen: Llux Datenverarbeitungs GmbH, 2009. 109 S. Hardcover, fadengeheftet. 16,50 Euro. ISBN 978-3-938031-28-5. Den Text bildet eine Erzählung von Meinrad Braun, die von ihm und Hans-Joachim Kotarski mit 26 Fotografien und der Darstellung weiterer Objekte als Vignetten aufs Trefflichste angereichert wurde.
Die Erzählung des bereits etablierten Autors stellt eine Reise durch Indien fiktiv nach, die Meinrad Braun als „wilder“ 68er 1973 tatsächlich unternahm. Braun schildert Erlebnisse und Eindrücke so, wie sie ein Anhänger der Hippie-Bewegung empfunden haben könnte. Die Schilderung ist anschaulich und lebt von der persönlichen Nähe zum Geschehen. Der junge Erzähler und seine Reisegefährten haben sich in dem so fremden Land vor allem auf die Suche nach sich selbst gemacht. Diese Sinnsuche gerät zu einer Befremdung, die dennoch zu bestätigen scheint, was die Reisenden erwarten. Man muß allerdings zwischen den Zeilen lesen, was das ganz Andere dieser Reise durch Indien ist. Es teilt sich nur behutsam mit, erst nach einiger Zeit, zum Ende der gemeinsamen Fahrt. Über ähnliche Erfahrungen wie unsere Protagonisten hatte der rumänische Autor Mircea Eliade bereits in den 1930er Jahren berichtet. Der sprachliche Ton ist locker, ebenso wie das Verhältnis der handelnden Personen zueinander.
Die vergilbten Fotos von Meinrad Braun und Hans-Joachim Kotarski in Duotone sind als Impressionen Begleiter des Textes. Sie unterstreichen in ihrer körnigen Textur die Flüchtigkeit des Augenblicks und das Verblassen der Erinnerung. Zusammen mit den eingestreuten Objekten als Vignetten wirken sie wie eine Sammlung von Fotos und Mitbringseln, die man nach langen Jahren zufällig wieder entdeckt hat.
Die von Hans-Joachim Kotarski besorgte Ausstattung entspricht durchaus den hohen Anforderungen, die sich die Initiative Buchkultur gestellt hat. Es ist ein handliches Bändchen entstanden, das bereits im Äußeren auf ein fernes Land hinweist. Als Überzugpapier wurde ein Rives Design in einer leichten, feinen Textilstruktur verwendet. Die Auszeichnungsschrift für den Titel wie auch für die Überschriften ist die Indus, geradezu prädestiniert für ein solches Buch. Die Schrift für den Fließtext ist die zarte Chaparral auf einem Römerturm Druckfein mit 115 g/qm. Der Satzspiegel ist großzügig und der Durchschuß durchaus lesefreundlich.
Ferdinand Puhe

Leipziger Alumnen und ihre Exlibris. Zur 600-Jahrfeier der Universität Leipzig erschien eine recht ungewöhnliche, aber informationsreiche Broschüre: Anne Büsing, Kirsten Büsing: Alumnen und ihre Exlibris. Wiesbaden: Vieweg + Teubner, 2009. 119 S., 54 Abb. Br. 8°. 23 Euro. ISBN 978-3-8348-0859-2. Mit dem Titel sind mehr oder weniger berühmte Absolventen und Förderer der Alma mater lipsensis gemeint. Anstoß für diese Veröffentlichung war ein von Leipziger Verlegern aus Anlaß der 500-Jahrfeier (1909) der Universität vermachtes Donatoren-Exlibris des österreichischen Jugendstilkünstlers Alois Kolb (1875-1942), das die Aufmerksamkeit der Autorinnen erregte. Die Leipziger Universitätsbibliothek verfügt über einen Bestand von über 5 Millionen Bücher, viele mit Exlibris versehen. Davon wurden 52 Exlibris ausgewählt, beschrieben und deren Eigner vorgestellt. Da die Gesamterfassung der Exlibris der Universitätsbibliothek sicher noch lange auf sich warten läßt, ist die Arbeit der Autorinnen nicht hoch genug zu schätzen, wird doch damit ein Weg gewiesen, wie man ihn besser kaum gehen kann. Das älteste Exlibris, mit dem der Reigen eröffnet wird, gehörte dem Arzt Christian Johann Lange (1655-1701), am 21. Februar 1680 an der Universität Leipzig zum Dr. med. promoviert mit der Dissertatio physica de circulatione sanguinis, in der die Forschungsergebnisse von William Harvey, dem Entdecker des Blutkreislaufes, bestätigt wurden. Das Blatt stammt von einem unbekannten Kupferstecher. Beschlossen wird der Reigen, zu dem auch Blätter von heute lebenden Universitätsangehörigen gehören, mit dem Exlibris des 1822 gegründeten Universitäts-Sängervereins zu St. Paul in Leipzig. Für dessen Bibliothek schuf Benno Hiddemann (1861-1907) ein Exlibris. Dazwischen werden zum Beispiel die Exlibris-Eigner Hugo Eckener, Ludwig Ganghofer, Johann Wolfgang Goethe, Georg und Salomon Hirzel, Anton Kippenberg, Carl Ernst Poeschel und Walter Tiemann ausführlich vorgestellt. Alle 52 Eigner waren Alumnen, Freunde und Förderer der Universität Leipzig. Die Autorinnen zeigen, wie spannend und informationsreich Exlibris und deren Erforschung sein können. Eine kleine Anzahl Exlibris, interessant aufbereitet, vermittelt Sammlern und Bibliothekaren einen großen Gewinn. Die Arbeit genügt wissenschaftlichen Ansprüchen und setzt Maßstäbe für künftige fachspezifische Publikationen. Ausgestattet mit einem Eigner-Register, einem Künstler-Register und einem Literatur- und Quellenverzeichnis, läßt es keine Wünsche offen.
Manfred Neureiter

Samizdat im Archiv der Forschungsstelle Osteuropa. Das Archiv der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen sammelt Materialien, die außerhalb des Bereichs der Zensur veröffentlicht wurden, meist im sogenannten Samizdat (Selbstverlag) oder als Privatarchive angelegt waren. Die Vorarbeiten gingen bis ins Jahr 1977 (Charta 77 in der Tschechoslowakei) zurück. Bis zum eigentlichen Arbeitsbeginn gab es noch politische Schwierigkeiten, die Regierungen der osteuropäischen Länder versuchten die Gründung zu verhindern, was aber letztlich nicht gelang, da es viel Unterstützung in der BRD und intern sogar bei Wissenschaftlern der Ostländer gab. Am 3. Mai 1982 nahm die Forschungsstelle ihre Arbeit auf. Jetzt erschien eine gut bebilderte Übersicht über die Bestände und ihre Geschichte: Wolfgang Eichwede (Hrsg.): Das Archiv der Forschungsstelle Osteuropa. Bestände im Überblick: UdSSR/Russland, Polen, Tschechoslowakei, Ungarn und DDR. Stuttgart: ibidem-Verlag (2009). 176 S., zahlr. Abb. 4°. Br. (= Archiv der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, Bd. 1.) 79,90 Euro. ISBN 978-3-89821-983-9.
Die Materialien konnten zunächst nur inoffiziell beschafft werden. Sie waren oft mit Schreibmaschine vervielfältigt worden. Zu Beginn des Buches ist ein Gedicht von Aleksandr Galič abgedruckt, in dem es heißt „Die ‚Erika' schafft vier Durchschläge“. „Erika“ war eine Schreibmaschine, die in der DDR hergestellt und mit kyrillischen Buchstaben auch in die Sowjetunion geliefert wurde. In dem vorliegenden Buch ist ein mit Schreibmaschine vervielfältigtes Exemplar des Romans Im ersten Kreis von Alexander Solschenizyn abgebildet, dessen Papier schon stark zerfallen ist. Man fragt sich, wie lange das noch ohne kostspielige Restaurierung halten wird. Im Archiv befinden sich auch handschriftliche Materialien, zum Beispiel Prozeßmitschriften, Plakate, Fotos, auch Tonbänder. Nicht nur Monographien wurden gesammelt, sondern auch Schriftenreihen. Mit Beginn der Perestroika (zirka 1987) wurde die Beschaffung einfacher, der Zoll kontrollierte jetzt lascher, mit den „samtenen Revolutionen“ wurden dann offizielle Drucke kritischer Texte möglich. Das Archiv hatte seinen eigentlichen Zweck erfüllt. Bemerkenswert ist die bibliophile Gestaltung vieler Materialien.
Zunächst wird eine Beschreibung nach Ländern gegeben, dann folgt eine Auflistung nach Verfassern bzw. Herausgebern und nach Serientiteln, ein Personenregister schließt das Buch ab. Bei den Materialien aus der DDR ist die Kunstsammlung Klaus Groh bemerkenswert. – Das vorliegende Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Geschichte und Kulturgeschichte der osteuropäischen Länder von zirka 1953 bis 1991. Die Erschließung hat einen hohen Grad erreicht, es ist aber geplant, sie noch gründlicher zu gestalten mit Findbüchern etc.
Michael Schädlich

Stammbücher aus Weimar und Tübingen. Das Tübinger Stadtmuseum widmete vom 7. Februar bis zum 3. Mai 2009 den Vorläufern des Poesiealbums, den Stammbüchern, die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts aufkamen und ihren Ursprung vermutlich in Wittenberg hatten, eine interessante Ausstellung. Dazu erschien ein sehr informativer Katalog: „In ewiger Freundschaft“. Stammbücher aus Weimar und Tübingen. Hrsg. v. Nicole Domka et al. Tübingen: Stadtmuseum, 2009. 199 S. (Tübinger Kataloge Nr. 83.) 4°. Pp. 19,80 Euro. ISBN 978-3-910090-92-7. Stammbücher sind im Laufe der letzten Jahre als historische Quelle in das Blickfeld der wissenschaftlichen Forschung gerückt. Lückenhaft ist das Wissen, welche Stammbücher sich in Bibliotheken, Archiven, Museen und anderen Institutionen oder in Privatbesitz befinden. Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar jedenfalls besitzt mit 885 Stammbüchern und Poesiealben aus der Zeit von 1550 bis 1945 die weltweit größte Sammlung dieser Art. Seit 2008 fördert die H. W. & J. Hector Stiftung zu Weinheim die Erschließung dieser Bestände, räumlich ist das Projekt an der Universität Tübingen angesiedelt. Und so war die Ausstellung eine einmalige Gelegenheit, besonders seltene, schöne oder typische Beispiele für die Stammbuchtradition aus fast fünf Jahrhunderten aus den Beständen der Weimarer Bibliothek und den Tübinger Einrichtungen Universitätsbibliothek, Universitätsarchiv und Stadtmuseum der Öffentlichkeit zu präsentieren. Der Katalog enthält vier Beiträge zu den Sammlungen der Aussteller und einen Beitrag zum Stammbuch des Tübinger Regierungs- und Hofgerichtsrates Johann Jacob Dann (1697-1744), Beschreibungen und Abbildungen zu den 62 ausgestellten Exemplaren, ein Vorwort sowie eine Einleitung zu Ursprung, Besitzern und Verbreitung der Stammbücher und zum Bilderschmuck in den Stammbüchern. Das Thema dürfte den Pirckheimer-Freunden nicht unbekannt sein. Konrad Marwinski berichtete schon 1969 über alte Weimarer Stammbücher (MARGINALIEN, H. 34, 1969, S. 33-50), Hans Henning schrieb 1986 über das Stammbuch von Johann Christoph Dorsch, das im vorliegenden Katalog auf Seite 138 vorgestellt wird (MARGINALIEN, H. 104, 1986, S. 34-46), und schließlich fand 1988 auf Schloß Burgk eine in Zusammenarbeit mit der Pirckheimer-Gesellschaft vorbereitete Ausstellung mit Stammbüchern aus der Zentralbibliothek der deutschen Klassik Weimar (Katalog 27 des Staatlichen Museums Schloß Burgk 1988) statt.
Dieter Schmidmaier

Marianne sagt Lebewohl. Zu einem dîner littéraire hatte der Verein der Freunde und Förderer des Literaturhauses Berlin e.V. am 28. September in die Fasanenstraße geladen. Dr. Hannes Schwenger, langjähriger umsichtiger Leiter der Mariannenpresse, hielt Rückschau auf 30 Jahre und präsentierte, edel aufgemacht, das einhundertdreißigste und letzte Buch dieser verdienstvollen Edition, den Almanach Ausgepreßt, ein „Kondolenzbuch“, das die Geschichte dokumentiert und eine vollständige Bibliographie bietet. Hannes Schwenger hat ein „Vorwort als Nachwort“ vorangestellt, darin die Aufs und Abs über die Jahre hinweg heiter beleuchtet, Freunde und Förderer gewürdigt und auch Glücksmomente benannt. Das „Lob des Sammelns“ eines ungenannten Sammlers, ein Interview als Nachwort, schließt mit den hoffnungsvollen Worten: Die Mariannenpresse wird auch in Zukunft durch Sammler in Ehren gehalten werden ... Vielfalt und Individualität der Reihe wird, da bin ich mir sicher, „auch in Zukunft neue Sammel-Leidenschaften entfachen“. Der Almanach mit Marianne auf dem Einband wurde durch eine Spende in einer Auflage von 1000 Exemplaren möglich und kostet 20 Euro.
Die abendliche Tischrunde versammelte zahlreiche Künstler, die an der Mariannenpresse mitgewirkt hatten und in amüsant unterhaltsamer Weise von ihrer Arbeit erzählten, so Lutz Leibner, dem unter anderem Druck und Gestaltung des „Sparbuches“ Auf die Barrikaden (2001) zu danken war, Kerstin Hensel, die an ihren Gedichtband Volksfest by Bürgerbräu (1997) erinnerte und drei Gedichte daraus las, Natascha Ungeheuer, die Johannes Schenk aus der Erinnerung heraushob und ihre lithographischen „Unmöglichkeiten" für den Geschenke-Band (2007) eingestand, Richard Pietraß, der sich seiner Grenzerfahrungen in der Oderberger Straße erinnerte und aus dem Band Grenzfriedhof (1998) drei Gedichte vortrug. Dieter Goltzsche entsann sich eigener Wut in alten Zeiten und seiner lithographischen Mitarbeit an dem Band 117 Aus Wut, Gedichte von Helga M. Novak (2005); 15 Vorzugsexemplare hatte er handkoloriert. So verlief der Abend nicht schmerzvoll und wehmütig, eher erfüllt von beglückenden Bucherlebnissen und Begegnungen. Der „irdische Rest" der Marianne ruht auf der Schillerhöhe in Marbach und ist dort bestens aufgehoben.
U. Lang

Dante-Illustrationen von Anselm Roehr und eine Festschrift für Ulrich Keicher. Zum Jubiläum 25 Jahre Verlag Ulrich Keicher porträtierte Dieter Hoffmann in den MARGINALIEN (Heft 192, 2008) den Verleger in Warmbronn. Nachzutragen ist, daß am Ende des letzten Jahres eine Festschrift erschien: Brotschrift für Ulrich Keicher im fünfundzwanzigsten Jahr seines Verlages – damit der Rote Faden nie reiße. Hrsg. v. Matthias Bormuth, Joachim Kalka und Friedrich Pfäfflin. Warmbronn: Christian Wagner Gesellschaft, 2008. 190 S. 8°. Br. mit Umschl. Darin enthalten sind Beiträge, die Autoren und Freunde für ihn geschrieben haben, neben poetischen Texten auch Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse. Das Buch ist mit schönen Fotos aus dem Verlagsleben versehen. Allen Autoren gemeinsam ist die Bewunderung von Keichers Lebensleistung als Büchermacher, Verleger, Herausgeber und Antiquar. „Büchern bin ich zugeschworen, Bücher bilden meine Welt“ – das Wort von Karl Wolfskehl trifft nach Meinung des Verleger-Kollegen Thedel von Wallmoden (Wallstein Verlag) auf niemanden besser zu als auf Ulrich Keicher. – Doch Verleger wollen, frei nach Lessing, weniger gelobt sein, statt dessen ihre Bücher mehr gekauft sehen. Hier eine Empfehlung: Höhepunkt von Keichers Verlagsprogramm im Jubiläumsjahr war eine Ausgabe von Dantes Göttlicher Komödie mit Zeichnungen von Anselm Roehr. Zu ausgewählten Texten aus dem Original und der Übertragung von Karl Vossler sowie Begleittexten von Boccaccio und Pasolini sind 87 Zeichnungen in Tusche-China gestellt. Das großformatige Werk in drei Bänden kostet 180 Euro.

Subskriptionsangebot zur neuen Egbert-Herfurth-Bibliographie. Egbert Herfurth beging am 5. April dieses Jahres seinen 65. Geburtstag. Aus diesem Anlaß findet im „Haus des Buches“, Leipzig, in Zusammenarbeit mit dem Leipziger Bibliophilen-Abend die Ausstellung Herfurths schönste Seiten statt, die am 3. November eröffnet wird. Dazu erschien in der burgart-presse Jens Henkel (burgart-presse, Mörla Nr. 45 a, 07407 Rudolstadt, www.burgart-presse.de, Tel: 03672-412214) das gleichnamige Gesamtverzeichnis des buchgraphischen Werkes von Herbert Kästner, mit Texten von Lothar Lang und Egbert Herfurth. Das Buch im Format 30,5 x 21,5 cm enthält 120 meist farbige Abbildungen und kostet 60 Euro, Subskriptionspreis bis 31. Dezember 44 Euro. Zusätzlich zu der Normalausgabe von 500 Exemplaren erscheint eine Vorzugsausgabe in fünfzig numerierten und signierten Exemplaren in Kassette mit einer Handzeichnung, 2 Kupferstichen, 16 meist kolorierten Holzstichen, 7 Acrylstichen und einem kolorierten Acrylstich – Preis 390 Euro, Subskriptionspreis bis 31. Dezember 340 Euro.

Kleine Korrekturen zu zwei Artikeln im Heft 195, 2009. In der Meldung über die Verleihung des Hans-Meid-Preises (S. 103-104) hat sich eine mißverständliche Formulierung eingeschlichen. Ein Hans-Meid-Preis 2009 wurde tatsächlich nicht vergeben. Die Hans-Meid-Medaille für sein Lebenswerk hingegen erhielt am 4. Oktober der allseits bekannte Karl-Georg Hirsch. In der Rezension des Buches von Klaus-Dieter Lehmann, Bild, Buch und Arche, steht auf S. 88 ein kleiner Fehler, den Peter Kittel entdeckt hat: Die besonders wertvollen Bestände der Sammlung „Berlinka“ in Kraków stammen nicht aus der Berliner Stadtbibliothek, sondern aus der Staatsbibliothek – Preußischer Kulturbesitz.