Redaktionsschluss 6. April 2009

Gewußt Wo! – Wissen schafft Räume
Altenbourg-Ausstellung
Bilder wie Worte. Deutsche Zeichnungen
     und illustrierte Bücher 1800-1924
Rolf Münzner in Bad Frankenhausen
Pressendrucke nach 1945, illustrierte Bücher, Druckgraphik
Arno Schmidts Leviathan und die Arno-Schmidt-Sammlung in Görlitz
Festschrift für Volker Wahl
Sammelband mit Erinnerungen von Friedhilde Krause
Karl Ludwig Leonhardt in memoriam!
Die Exlibrissammlung Dr. Axel Leier im Stadtmuseum Cottbus
Die Inselbuch-Sammlung Dr. Gerd Zimmermann
Der jüdische Maler und Pressezeichner David Friedmann
Ein bibliophiles Poesiealbum
Neue illustrierte Bücher von Dieter Goltzsche, getrüffelt mit Aquarellierung
Die italienischen Zeichnungen in Weimar
Friedlaender/Mynona finanziert postum seine Werkausgabe
Türkische Bibliothek
Antiquariatskatalog mit einer Bibliographie der Büchergilde Gutenberg
Opulentes Buchobjekt zum 60. Geburtstag von Wolfgang Windhausen
Eine Rarität nicht nur für Kunert-Sammler

 

 

 

 

 

 

 

Gewußt Wo! – Wissen schafft Räume. Bis zum 29. März, fast ein halbes Jahr lang, zeigte das Mainzer Gutenberg-Museum eine didaktisch ausgezeichnet präsentierte Ausstellung von Büchern und Graphiken zur Wechselwirkung zwischen Wissen und Raum. Anhand von Büchern und Graphiken früherer Jahrhunderte – vor allem der frühen Neuzeit – wurden die durch Wissen geschaffenen vielfältigen Räume begreifbar, faßbar. Vor allem helfen uns – und das galt vor allem für die Menschen der Antike, des Mittelalters und der Renaissance – architektonische Vorstellungen, Wissensbestände zu ordnen und in Erinnerung zu rufen. Versinnbildlicht wurden Bildungsgänge und Wissenshierarchien besonders durch die Darstellung von Häusern, Türmen und Treppenhäusern, gut veranschaulicht im Holzschnitt Turris Sapientiae und einem Blatt aus dem Hortus deliciarum der Herrad von Landsberg sowie zu den Büchern des Gregor von Reisch, Turm des Wissens (Freiburg 1504), und des Anton Wilhelm Schowart, Karriere-Treppe (Frankfurt/Oder 1693). Ein weiterer, bereits in der Antike geschätzter Wissensraum ist die Grammatik. Auch hier griff man zur Erläuterung der Systeme gern auf bildhafte Darstellungen zurück. Dabei wurde sprachliches Wissen nicht nur anhand von Körpern, Pflanzen und Maschinen visualisiert, sondern auch in Portalen, Gärten und – wieder – Türmen. Beispielhaft wurden in diesem Bereich Bücher von Gregor Reisch und Caspar Stieler gezeigt.

Die Kartographie war in Antike und Mittelalter reine Orientierungshilfe. Mit dem Beginn der Neuzeit, ihren Entdeckungsfahrten und den Fortschritten in der Vermessung und Darstellung der Erde entwickelte sie sich zu einem Medium der Strukturierung von Raum und Zeit. Atlanten und Weltkarten – diese natürlicherweise oft noch unvollständig – veranschaulichten eindrucksvoll diesen Bereich. So durften Hartmann Schedels Das Buch der Cronicken (Nürnberg 1493) und Gerhard Mercators Atlas sive Cosmographiae Meditationes (Amsterdam 1606) nicht fehlen.

Vor allem in Arbeitszimmern, Ateliers und im Laboratorium wird Wissen gesammelt, geordnet, präsentiert und auch angewendet. So wie jeder seinen Arbeits-Raum strukturiert und gestaltet, beeinflußt dieser Arbeitsraum das Wissen seines Nutzers. Inbegriff dieser Wechselbeziehung zwischen denkendem Individuum und seiner Umgebung ist das in der Kunst viel zitierte Bild von Hieronymus im Gehäuse. Mehrere Darstellungen waren ausgelegt, so aus Hieronymus Epistolau (Basel 1497) und aus Sebastian Brants Stultifera Navis (ebenfalls Basel 1497). Die aufgeschlagene Darstellung aus dem letztgenannten Buch ist das vielfach reproduzierte Blatt Der Büchernarr.

Ein dem heutigen Sammler vertrauter Bereich war unter „Sammlungsräume“ zu finden. Seit der frühen Neuzeit entwickelte sich nämlich ein spezieller architektonischer Raumtyp zur Aufbewahrung von Kunstwerken, Naturalien, wissenschaftlichen Artefakten und Kuriositäten. Diese Räume wurden dann auch als Wunderkammer oder Naturalienkabinett bezeichnet. Typische Beispiele für diese Räume waren Darstellungen aus Rumphius’ D’Amboinische Rariteitkammer (Amsterdam 1705) und aus Ferrante Imperatos Dell’ Historia Naturale (Neapel 1599). Im mathematischen Garten (Hortus Mathematicus) findet nicht nur botanisches Wissen seinen Platz, sondern es verbinden sich in ihm Mathematik und Gartenkunst auf mehrfache Weise, so bei der Vermessung und der geometrischen Gestaltung der Anlagen, der Ausstattung mit optischen und akustischen Effekten, mit Springbrunnen und inhaltlichen Programmen. Beispiele für diese Räume waren Solomon Kleiners Représentation au naturel (Augsburg 1728) mit der Abbildung Favorite-Garten in Mainz sowie eine Graphik mit Schloß, Garten und geometrischen Formen in Alain Manesson-Mallet, La géometrie pratique (Paris 1702).

Ferdinand Puhe


 

Altenbourg-Ausstellung auf der Burg Beeskow. Auf den populären Dresdner Kunstausstellungen der DDR war Gerhard Altenbourg (1926-1989), mit bürgerlichem Namen Gerhard Ströch, nicht vertreten. Die Verweigerung kam von beiden Seiten, und so ging der überwiegende Teil des äußerst produktiven Künstlers von 1951 bis 1961 zur Westberliner Galerie Springer und danach zur Galerie Brusberg (erst Hannover, jetzt Berlin). Im Osten Deutschlands blieb der Künstler bis heute weitgehend Insidern vorbehalten. Um so verdienstvoller ist es, daß sich die Burg Beeskow von Februar bis Mai eine Sammlung von Druckgraphik Altenbourgs aus der Galerie am Sachsenplatz Leipzig ins Haus holte. Das dem Umfang nach bescheidene Konvolut von über 60 Arbeiten aus rund 1400 im Umlauf befindlichen Graphiken konnte zwar nicht repräsentativ sein, aber es bot mit charakteristischen Werken ein interessantes und eindrückliches Bild vom kreativen Gestaltungswillen und der sublimen Ästhetik dieses Künstlers. In der Ausstellung befanden sich einige Spitzenstücke seines Œuvres, dessen Werkverzeichnis, erarbeitet von Annegret Janda, seit 2004 in drei Bänden durch das Lindenau-Museum Altenburg publiziert wird. Zu den Hauptblättern gehörten die großformatigen Farbholzschnitte Ariadne (1973) sowie Das sind die Wege wurzelentlang (1974). Für Kenner besonders beachtenswert waren die Holzschnitt-Unikate Aus dem Wurzelgrund (1979) und Aus dem Quellengrund (1980).

Die Ausstellung in vier Räumen war chronologisch, beginnend beim Frühwerk, und didaktisch aufgebaut und verzeichnete die Œuvrenummern. Zustandsdrucke und farbliche Varianten gewährten Einblicke in Arbeitsprozesse. Besonders aufschlußreich war die Zuordnung der 1986 entstandenen Plastik Vater – Sohn –  einer vergrößerten Eichenholzfassung einer Plastik von 1957 – zu der gleichnamigen Zeichnung von 1950. Inhaltlich waren die Exponate überwiegend der Auseinandersetzung mit der thüringischen Landschaft zuzuordnen sowie einer mit feinem Humor ironisierenden Weltbetrachtung. Diese äußerte sich besonders in den achtziger Jahren in solchen skurrilen Bildtiteln wie zu der Lithographie Singen sollen wir zusammen einen Choral Süßkleine (1985) oder zu den Radierungen Schlendrian, spaßphallosophisch (1988) und Kitzel-Glatzen mit Kainmal der Doppelflöhung (1984). Während auf zahlreichen Holzschnitten großflächige Figuren mit feiner Binnenzeichnung dominieren und die Zufälligkeiten der Maserungen in die Gestaltung einbezogen sind, sind die Lithographien und die wenigen ausgestellten, überaus zarten Radierungen mit leichtem, wie gehauchtem Strich ausgearbeitet. Eine große Gruppe von Lithographien zeigte, wie der Künstler beeindruckend mit der Breitseite der Kreide experimentierte.

Elke Lang


 

Bilder wie Worte. Deutsche Zeichnungen und illustrierte Bücher 1800-1924. Das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt zeigt vom 29. März bis 21. Juni 2009 etwa 90 Arbeiten auf Papier und 40 illustrierte Bücher, überwiegend aus eigenen Beständen. Bei den seltenen, zum Teil noch nie ausgestellten Zeichnungen und Aquarellen von Künstlern wie Julius Schnorr von Carolsfeld, Moritz von Schwind, Joseph von Führich, Ludwig Richter, Max Slevogt und Lovis Corinth handelt es sich um textbezogene Arbeiten, oft um Vorlagen für Buchillustrationen. Im Mittelpunkt stehen neben der antiken Mythologie, mittelalterlichen Sagen und Märchen die Werke Goethes. Die Ausstellung ermöglicht in vielen Fällen den direkten Vergleich zwischen vorbereitender Zeichnung und gedruckter Buchillustration, sie bietet zwar keinen systematischen Überblick, wohl aber interessante und vergnügliche Einblicke in die facettenreiche Kunst der Illustration in Romantik, Biedermeier, Realismus und Impressionismus. – Zur Ausstellung ist ein Katalog mit Abbildungen aller Exponate erschienen (224 S., 24,90 Euro, ISBN 978-3-9809541-7-4). Weitere Informationen finden sich unter www.museumgeorgschaefer.de.

Thomas Reinecke


Rolf Münzner in Bad Frankenhausen. Vom 28. Februar bis 1. Juni 2009 zeigt das Panorama Museum Bad Frankenhausen neben Werner Tübkes Monumentalgemälde die Ausstellung Rolf Münzner – Grafik und Zeichnung. Mit 143 Graphiken, fünf bibliophilen Ausgaben und Mappenwerken sowie 86 Zeichnungen bietet sie eine Übersicht über das Gesamtschaffen des Meisters des Steindrucks in Asphaltschabmanier von seinem furiosen Erstlingswerk, den Blättern zu Michail Bulgakows Der Meister und Margarita (1975), bis heute. Zur Ausstellung ist ein Katalog mit vielen vorzüglichen Abbildungen sowie Texten von Gerd Lindner, Dieter Gleisberg, Peter Gosse und Rudolf Kober erschienen.

 



Pressendrucke nach 1945, illustrierte Bücher, Druckgraphik war der Titel einer Ausstellung, die vom Februar bis März in der Kreisbibliothek Eutin über hundert Pressendrucke und über fünfzig Graphiken aus der Sammlung von Klaus Nowak zeigte. Es war dem Preetzer Pirckheimer-Freund eine Freude, diesen speziellen Bereich des individuell, mit künstlerischem Anspruch gestalteten Buches vorstellen zu können, während heute das Buch überwiegend in der Massenproduktion als reiner Informations- oder Unterhaltungsträger gesehen wird. In einem Gang durch rund sechzig Jahre Buchgeschichte wurde aufgezeigt, was alles an Ideen in der Buchproduktion dieser Zeit verwirklicht wurde. Zudem wurden in einzelnen Vitrinen Exponate zu speziellen Themen wie „Künstlerisches Kinderbuch“, 13 Ausgaben zu Runges Märchen Von dem Fischer un syner Fru, „Buchkuriosa" (Faltbücher, Beutel- und Unikatbuch, Leporello etc.) gezeigt. Reizvoll war ferner die Korrespondenz zwischen Buch- und Druckgraphik – bei den Beschreibungen der Exponate in den Vitrinen wurde auf die ausgehängten Graphiken von denselben Künstlern verwiesen. Alles in allem eine üppige Auswahl aus einer fast vierzigjährigen Sammlertätigkeit. Im Faltblatt zur Ausstellung schreibt Nowak über seine Leidenschaft: „Schon während meines Studiums an der Meisterschule für Graphik und Buchgewerbe in Berlin war ich in Buchverlagen tätig. Somit war ich in der glücklichen Lage, fast vierzig Jahre lang mein Hobby und den Beruf annähernd zu verbinden. Hilfreich war auch die Mitgliedschaft in bibliophilen Gesellschaften, die mir häufig einen Vorsprung an Informationen beim Erwerb diverser Künstlerbücher verschafften.“

 


Arno Schmidts Leviathan und die Arno-Schmidt-Sammlung in Görlitz. Vom 20. Februar bis 19. April 2009 präsentierte die Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften (OLBdW) in einer Kabinettausstellung im historischen Büchersaal einen Teil ihrer umfangreichen Arno-Schmidt-Sammlung. Fünf Vitrinen mit sorgfältig ausgesuchten Ausstellungsstücken und der dem Bargfeldschen Original nachempfundene Arbeitsplatz Arno Schmidts mit Schreibmaschine, Adreßbüchern, einem kleinen Zettelkasten und Zettls Traum in der handsignierten Erstausgabe von 1970 schufen im Verein mit den unzähligen alten Büchern des Saales eine einzigartige Atmosphäre, die überzeugend die geistige (Bücher-)Welt Arno Schmidts imaginierte. Einige Graphiken von Jens Rusch im angrenzenden Gang vervollständigten die eindrucksvolle Auswahl. In einer der Vitrinen wurde auch jener Brief Arno Schmidts an die Bibliothek gezeigt, in dem er 1963, zwei Jahre nach Erscheinen des Funk-Essays Der Waldbrand oder: Vom Grinsen des Weisen um Auskunft über den Nachlaß des Muskauer Dichterkomponisten Leopold Schefers bat. Solche literarischen Bezüge zu Arno Schmidts frühen Jahren in der Oberlausitz veranlaßten die OLBdW zum Aufbau einer mit den damaligen Mitteln möglichen, kleinen Arno-Schmidt-Sammlung. Der bescheidene Grundstock erfuhr im Jahre 2006 eine bedeutende Bereicherung durch eine Schenkung Wolf-Dieter Krügers, eines in der Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser (GASL) engagierten Sammlers, der mit seiner Sammlung auch intensiv lebt und arbeitet. 2008 wurde die Sammlung durch eine weitere Schenkung ergänzt. Von Hans-Rainer Burisch, ebenfalls in der GASL aktiv, kamen 100 Aktenordner mit über 6000 Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln und rund 50 Audiokassetten hinzu. Inzwischen füllen zirka 30 laufende Meter „Arno-Schmidtiana“ ein ganzes Rollregal, darunter selbstverständlich die Erstausgaben, weitere Primär- und Sekundärliteratur, aber auch Bücher, die sich in Schmidts Bibliothek befanden, über die Arno Schmidt geschrieben oder mit denen er gearbeitet hat; Bildbände über Bargfeld, Graphikmappen und Bücher mit Exlibris von Eberhard Schlotter, Jens Rusch, Gert-Peter Reichert und anderen – also auch Sekundärliteratur im weitesten Sinne. Laufende Zugänge aus der Sammlung Krüger sorgen weiterhin dafür, „dass die Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften heute mit über 7000 Aufsätzen und Büchern zu Arno Schmidt beste Voraussetzungen für die wissenschaftliche und künstlerische Auseinandersetzung mit seinem Werk bietet“ (Aus: Schienenwolf & Zettelkasten. Arno Schmidt in & über Görlitz. Hrsg. Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften. Görlitz 2009.)

Bernd-Ingo Friedrich


Festschrift für Volker Wahl. Dem Archivar und Landeshistoriker Volker Wahl wurde anläßlich seines 65. Geburtstages eine voluminöse Festschrift mit 31 Beiträgen überreicht: „Ältestes bewahrt mit Treue, freundlich aufgefaßtes Neue“. Festschrift für Volker Wahl zum 65. Geburtstag. Hrsg. im Auftrag des Thüringer Archivarverbandes von Katrin Beger, Dagmar Blaha, Frank Boblenz, Johannes Mötsch. Rudolstadt: Thüringer Archivarverband, 2008. 655 S. Pp.8°. 24 Euro. ISBN 978-3-00-024781-1. Der Jubilar blickt auf eine fast vierzigjährige Tätigkeit im thüringischen Archivwesen zurück. Er leitete unter anderem das Universitätsarchiv Jena, das Goethe- und Schiller-Archiv Weimar, das Thüringische Hauptstaatsarchiv Weimar und den Verband der Archivarinnen und Archivare in Thüringen. Die meisten der 31 Aufsätze dieser exzellenten Festschrift sind aus der archivarischen Forschung erwachsen, einige beschäftigen sich mit der Geschichte der archivarischen Verbandsarbeit in Thüringen. Auf einige für den Bücherfreund besonders interessante Beiträge sei im folgenden hingewiesen: Schillers Umgang mit Büchern und Bibliotheken (Jochen Golz), Quellen zur Altenburger Familie von der Gabelentz unter besonderer Berücksichtigung des Sprachwissenschaftlers und Politikers Hans Conon von der Gabelentz (Joachim Emig), der 1852 gegründete Verein für Thüringische Geschichte und Altertumskunde als Anreger und Förderer von Projekten zur Erforschung der thüringischen Landesgeschichte wie der Thüringen-Bibliographie von 1886 bis 1941, des Thüringischen Wörterbuches von 1907 bis 1930 und des geschichtlichen Atlasses Mitteldeutschlands 1929 (Konrad Marwinski), Maritimes im Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar (Uwe Jens Wandel), Spiegelungen Thüringer Geschichte und Geschichten in Thomas Manns Roman Königliche Hoheit (Bernhard Post) sowie der Archivzweckbau in Weimar von 1885, der heute als „Mutter- und Musteranstalt“ der deutschen Magazinarchive im 20. Jahrhundert gilt (Volker Graupner). Den Abschluß des Bandes bildet eine Bibliographie von Wahls Publikationen. Die Worte „Ältestes bewahrt mit Treue, freundlich aufgefaßtes Neue“, die Goethe seiner Gedichtgruppe „Gott und Welt“ voranstellte, wurden von Wahl gern und oft gebraucht und können als Leitmotiv für sein Berufsleben gelten.

Dieter Schmidmaier


Sammelband mit Erinnerungen von Friedhilde Krause. Im Nachgang zum 80. Geburtstag von Friedhilde Krause, einst Generaldirektorin der Deutschen Staatsbibliothek zu Berlin, erschien Anfang dieses Jahres ein den Pirckheimer-Freunden zu empfehlender interessanter kleiner Band: Friedhilde Krause, Erlebt und geprägt. Erinnerungen aus 80 Lebensjahren. Mit einem Geleitwort von Wolfgang Schmitz und 10 Fotos von Manfred Krause. Hildesheim: Olms, 2009. 103 S. Br. 8°. 12,80 Euro. ISBN 978-3-487-13928-9. Der Band entstand auf Initiative des Verlegers Georg Olms, mit dem Friedhilde Krause seit der gemeinsamen Arbeit am Handbuch der historischen Buchbestände in näherem Kontakt steht. Zusammengestellt wurden von ihr Aufsätze zu den vier Leitfiguren ihres Lebens, dem Vater Friedrich Karl Jonat, einem evangelischen Pfarrer im Posenschen, später Mecklenburgischen, dem Slawisten Wolfgang Steinitz, Vorbild während ihres Studiums an der Humboldt-Universität, dem Staatssekretär für das Hoch- und Fachschulwesen Gerhard Harig, unter dessen Leitung sie die ersten Berufsjahre verbrachte, und zu ihrem Vorgänger im Amt des Generaldirektors der Staatsbibliothek Horst Kunze, dessen Berufsethos für sie prägend wurde. Vier Porträts von Freunden und wissenschaftlichen Weggefährten, wie des polnischen Buchwissenschaftlers und Bibliothekars Jan Pirożyński, der russischen Bibliothekarin und Vorsitzenden des Kulturkomitees bei der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland Margarita Ivanovna Rudomino, des französischen Germanisten Pierre-Paul Sagave und der israelischen Chemikerin und Holocaust-Überlebenden Janina Altman, zeigen, wie breitgefächert die Beziehungen sind, in denen sich Friedhilde Krauses persönliches und berufliches Leben entwickelt hat. Namentlich zu osteuropäischen und jüdischen Intellektuellen hat sie lebenslang intensiven persönlichen und brieflichen Kontakt gehalten. Einige Aufsätze sind den Marginalien-Lesern bereits bekannt, andere erschienen bisher nur an entlegener Stelle. Für das Verständnis ihrer Persönlichkeit besonders aufschlußreich sind die Erinnerungen an ihren Vater, der vor und während der deutschen Besatzung ein Pfarramt in der ehemaligen Provinz Posen ausübte. Er hatte „Hochachtung vor den Leistungen der polnischen Kultur“, beherrschte die polnische Sprache, stand in gutem Verhältnis zu den polnischen Nachbarn und hielt auch seine Kinder zum Erlernen des Polnischen an. Wolfgang Schmitz zeichnet in seiner einfühlsamen Einführung in das Buch Friedhilde Krauses Lebensgang nach und resümiert: „So ist sie sich stets treu geblieben, in ihrer Überzeugung von einer besseren, gerechten, sozialen Welt ...“
 


„Karl Ludwig Leonhardt in memoriam!So lautet der Untertitel des Heftes 9 von Erotische Literatur. Mitteilungen zur Erforschung und Bibliographie, herausgegeben von W. v. Murat, erschienen beim Antiquariat Ars Amandi, Berlin 2008, 294 Seiten, Quartformat. Erinnerungen und Würdigungen bringen die Beiträge der ersten 60 Seiten, so von Franz Bayer (Es gibt nichts Schöneres als eine Liste), Rolf Hochhuth (Trauerrede), Nino Erné (Lesering), Jacques Duprilot (un éditeur bibliomane unique en son genre), J. B. Rund (The last gentleman), Hans-Jürgen Döpp (der Sammler), Anthony Fekete (Passion for Beauty and Freedom). Dazu kommt eine Ergänzung zum Schriftenverzeichnis von Karl Ludwig Leonhardt. Im zweiten Teil sind bisher unveröffentlichte Übersetzungen erotischer Literatur von Leonhardt abgedruckt. 42 Seiten enthalten das Faksimile eines Supplements zur Bibliographie von L’enfer, der sekretierten Literatur der Nationalbibliothek Paris, erarbeitet und auf der Maschine geschrieben von Gershon Legman. Der berühmte Sammler und Autor hat das Konvolut Leonhardt mit einer Widmung geschenkt. Weitere auch für Bibliophile interessante Beiträge und Bibliographien folgen. Das Heft macht die Bedeutung dieses vielseitigen Mannes klar (vgl. unseren Nachruf in Marginalien, H. 188, 2007) und trägt zugleich viel zur Geschichte des erotischen Buches im 20. Jahrhundert bei, meist auf sehr persönliche Weise aus eigenem Erleben der Autoren.

Wolfram Körner

Die Exlibrissammlung Dr. Axel Leier im Stadtmuseum Cottbus. Der Cottbuser Bibliophile und Exlibrissammler Dr. Axel Leier (1924–2006) hat um sich und seine Sammlung nie viel Aufhebens gemacht. Der Name des Pirckheimers taucht in den Marginalien (Heft 102, 1986) nur einmal am Rande auf. Öfter findet man ihn in älteren Periodika des Bezirkes Cottbus, wie der Lausitzer Rundschau, oder in Katalogen der Pirckheimer-Gesellschaft. 1982 fand in der Bibliothek des damaligen Bezirksmuseums Cottbus im Schloß Branitz eine Sonderausstellung mit einigen seiner Akt-Exlibris statt. Dazu veröffentlichte die Pirckheimer-Bezirksorganisation die Broschüre Akt-Exlibris (Cottbus 1982). Ein Jahr zuvor, ebenfalls von der Pirckheimer-Gesellschaft herausgegeben, waren bereits Ärzte-Exlibris 1900–1930 (Dresden 1981) mit Bucheignerzeichen von Axel Leier erschienen. Die Akt-Exlibris waren die Lieblingskinder (nicht nur) des gebürtigen Hallensers. 2003, noch zu seinen Lebzeiten, übergab er seine Sammlung dem Cottbuser Stadtmuseum, das sich im weiteren erfolgreich darum bemühte, die komplette Exlibris-Bibliothek mit Hilfe von Sponsoren zu erwerben. Zu diesem Zweck erschien in der Reihe Das Fenster auch eine attraktive Publikation mit dem Titel Exlibris ... nicht ohne Biss!, in der die Sammlung in thematischen Querschnitten vorgestellt wird. Inzwischen ist diese in den Fundus des Museums integriert und annähernd erschlossen. Sie umfaßt zirka 60 000 Exlibris in Ordnern, Spezial- und Sekundärliteratur, Kataloge sowie Duplikate und Zeitungsausschnitte in Kartons. Die gesamte Sammlung füllt eine Regalwand von etwa zweieinhalb mal drei Metern. In der genannten Publikation stellt sich Axel Leier in Abschnitten wie Exlibris eines Zahnarztes, Ein Lebensweg im Exlibris, Erotische Kunstwerke, Sinnbilder des Lebens oder Der Musik und Literatur verpflichtet selbst vor, schreiben andere über ihn und seine Sammlung, werden ausgewählte Exlibris von bekannten und weniger bekannten Schöpfern aus aller Herren Länder vorgestellt. Darunter sind natürlich so bedeutende Namen wie Oswin Volkamer, Harry Jürgens, Heinz Planck, Gerhard Tag, Herbert Ott und Detlef Olschewski, Pavel Hlavatý, Leonid Kuris, Jiři Bouda und Elena Antimonowa, aber auch der zu Unrecht wohl nur wenigen Eingeweihten bekannte Graphiker und frühere Pirckheimer Peter Müller aus Cottbus mit einem filigranen Holzstich. Der Katalog kann über das Stadtmuseum oder den Regia-Verlag Cottbus bezogen werden. Die bibliographischen Angaben dafür lauten: Exlibris ... nicht ohne Biss! Exlibris aus dem Bestand des Zahnarztes und Sammlers Dr. Axel Leier. Hrsg. Steffen Krestin. Cottbus: Stadtgeschichtliche Sammlungen / Regia Verlag 2003. (Das Fenster. Die besondere Reihe aus der Bahnhofstraße.)

Bernd-Ingo Friedrich

Die Inselbuch-Sammlung Dr. Gerd Zimmermann. Der schlichte Titel des Vortrags erzeugte beim Unterzeichner zunächst Skepsis: Würde der Referent etwa aufzählen, welche Bändchen er besitzt und welche ihm noch fehlen? Doch der Vortrag bot mehr, bewegte sich um die thematischen Schwerpunkte „Beeinflußung des Verlagsprogramms durch Politik und Zeitgeist“ und „GestalterischeBesonderheiten“. Hier soll auf das erste Thema nur kurz eingegangen werden, da dem interessierten Bücherfreund geläufig ist, daß Anton Kippenberg (1874-1950), der langjährige Leiter des Insel-Verlages, ein national-konservativer Bildungsbürger war, der eben leider nicht nur Goethe verehrte, sondern auch dem Hurra-Patriotismus während der Weltkriege nicht entging. Seinen jüdischen Freunden hielt er nach 1933 die Treue, solange es irgendwie möglich war. Allgemein bekannt ist auch, daß es zwischen 1945 und 1990 eine Ost-West-Spaltung des Verlages gab und damit zwei Verlage, die weitgehend unabhängig voneinander in Leipzig und Frankfurt die Insel-Bücherei fortsetzten.

Die gestalterischen Besonderheiten interessierten die Zuhörer, unter denen sich auch einschlägige IB-Sammler befanden, natürlich besonders, zumal der Referent hier zahlreiche Spezialitäten aus seiner Sammlung zeigen konnte. Schon die frühesten 12 Bändchen überzeugen durch ihre schöne gediegene Ausstattung: holzfreies Papier, Pappeinband im Oktavformat, Buntpapierüberzug nach Vorlagen der Firma Rizzi, typographisch gestaltetes Titelschildchen. Ab Nummer 28 wurde die Ausstattung noch durch ein Rückenschildchen komplettiert. Nach diesem Muster ist die "Normalausgabe" bis heute gestaltet. Der Sammler achtet natürlich auf abweichende Gestaltungen, sowohl zum Schlichten (broschierte Ausgaben mit schlechterem Papier in den Kriegs- und Nachkriegszeiten) als auch zum Edlen hin (Ganzleder - und Halbledereinband mit farbigem Vorsatz in den zwanziger Jahren). Außerdem gab es zu besonderen Anlässen oder für gute Kunden Spezialanfertigungen mit entsprechendem Ein- oder Aufdruck, es gab Bändchen mit "Bauchbinde" und so weiter. Als in den 1960er Jahren der Umsatz im Westen aufgrund der starken Konkurrenz durch ansprechend gestaltete Taschenbücher zurückging, wich man vom Altbewährten ab und schuf Bändchen, die kaum noch als IB zu erkennen sind. – Alle angesprochenen Varianten wurden vorgezeigt, außerdem die schönsten Mehrfarbendrucke. Den Zuhörern gingen die Augen über. Herzlicher Beifall dankte dem Referenten.

Bernd Illigner

Der jüdische Maler und Pressezeichner David Friedmann. Detlef Lorenz hat im Verlag Hentrich & Hentrich ein Buch über den jüdischen Maler und Pressezeichner David Friedmann (1893-1980) veröffentlicht. Der Berliner Bibliophilen Abend lud ihn ein, am 16. Februar 2009 über diesen Künstler einen Vortrag zu halten, obwohl Friedmann weder Bibliophile war noch an Büchern mitgewirkt hat. Sein Schicksal steht aber stellvertretend für das anderer jüdisch-deutscher Künstler, die wir nicht vergessen wollen. Friedmann wurde in Mährisch Ostrau geboren, lernte Schildermaler und ging 1911 nach Berlin, wo er zunächst alsTheatermaler arbeitete. 1914 war er kurzzeitig Schüler von Lovis Corinth, bevor er als "Kriegsmaler" abkommandiert wurde. Nach Kriegsende war er erfolgreich als Maler tätig, speziell aber als Pressezeichner für die BZ am Mittag und andere Zeitungen. Zur Porträtierung und zur Visualisierung aktueller Anlässe war damals die Zeichnung dem Photo hinsichtlich Ausdrucksstärke und Übermittlungsgeschwindigkeit noch überlegen. Friedmanns Bilder und Zeichnungsoriginale sind fast sämtlich verschollen. Der Vortragende hat aber aus den damaligen Zeitungen Kopien anfertigen können, die von Friedmanns Talent zeugen.

1933 verlor er diese befriedigende Arbeit und mußte sich als Stubenmaler durchschlagen. 1937 heiratete er, 1938 wurde Tochter Mirjam geboren, und die Familie floh nach Prag. Von dort wurde sie 1941 zunächst ins Ghetto Litzmannstadt deportiert, 1944 dann nach Auschwitz, wo Frau und Tochter ermordet wurden. Friedmann überlebte dank seines Talents für Porträts. Die folgenden Jahre waren von hartem Existenzkampf gekennzeichnet. Friedmann suchte in Prag, dann in Israel Fuß zu fassen. 1954 gelang es ihm, in den USA an die frühere Tätigkeit als Theatermaler erfolgreich wieder anzuknüpfen. Die in zweiter Ehe 1949 geborene Tochter erhielt wieder den Namen Mirjam. Sie versucht heute, durch Nachforschung im Internet die verschollenen Bilder ihres Vaters wiederzufinden. David Friedmann verstarb 1980 in St. Louis. – Viele Fragen an den Referenten bezeugten, daß die Zuhörer von dem Vortrag stark beeindruckt waren.

Bernd Illigner

Ein bibliophiles Poesiealbum. Zum Jahresende erhielten die Mitglieder des Berliner Bibliophilen Abends als Jahresgabe 2008 ein schlicht-dezentes Büchlein, das sich als ein bewegendes Dokument des Berliner jüdischen Geisteslebens erweist. Die Studentin an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums Lili Frank legte 1909 unter dem Titel Memorandum ein kleines Album an, in das sich viele Dozenten und Kommilitonen der Hochschule mit Sprüchen, Zitaten und persönlichen Wünschen handschriftlich eintrugen. Lili Franks Lebensweg endete 1943 in Auschwitz, das Album blieb erhalten und kam in die Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, wo es nun vom Direktor Hermann Simon herausgegeben und eingeleitet und von Daniela Gauding wissenschaftlich bearbeitet und redigiert wurde. Im Verlag Hentrich & Hentrich erschien es als Faksimiledruck mit Übersetzungen der hebräischen Texte und Kurzbiographien mit Porträts der Beiträger. Zu ihnen gehören neben so bedeutenden Rabbinern und Professoren wie Ismar Elbogen, Leo Baeck, Zugen Täubler oder Arthur Spanier auch wenig bekannte damalige Studenten. Der letzte Eintrag ist von 1929. Exil oder Vernichtung im Lager hieß die Alternative für fast alle, die das Jahr 1933 erlebten. Durch ihren Eintrag in dies private Album haben sie sich dank dieser, wenn auch limitierten, Veröffentlichung selbst ein Denkmal gesetzt. Dank sei allen Beteiligten dieser nicht wenig Aufwand fordernden Gabe, so auch der Brandenburgischen Universitätsdruckerei und Verlagsgesellschaft Potsdam. Interessenten können beim BBA (c/o Uwe Domke, Pertisauer Weg 48-50, 12209 Berlin, E-Mail: domlibri@web.de) ein Exemplar zum Preis von 39 Euro erwerben.

Konrad Hawlitzki

Neue illustrierte Bücher von Dieter Goltzsche, getrüffelt mit Aquarellierung. Der Berliner Maler und Graphiker Dieter Goltzsche illustriert seit Jahrzehnten Bücher. Schon 1973 versah er Zaubersprüche, eines der Hauptwerke von Sarah Kirsch, mit Zeichnungen. Im vergangenen Jahr erschien wiederum ein Buch von Sarah Kirsch mit Illustrationen von Goltzsche: Sommerhütchen. Göttingen: Steidl Verlag, 2008. 159 S. Halbleinen. 18 Euro. ISBN: 3-86521777-X. Ein heiter-melancholisches Tagebuch eines Sommers, den Sarah Kirsch wie eh und je in ihrem Haus an der Nordsee verbrachte. Es ist ein Buch vom Leben in Garten und norddeutscher Landschaft. Dieter Goltzsche hat dazu 23 schöne Zeichnungen gestellt, Garten- und Landschaftstücke sowie Genrehaftes mit der Dichterin vor Wanduhr, mit Katze, am Laptop, beim Spaziergehen und so weiter.

Das fast gleichzeitig erschienene zweite illustrierte Buch stammt von dem jüngeren Lyriker Ralf Meyer (Jg. 1970) – ein Zyklus erotischer Gedichte: Wiederstedter Elegien. Pappband mit Deckelillustration. Halle/S.: Mitteldeutscher Verlag, 2008. 80 S. 16 Euro. ISBN 978-3-89812-581-9. Der Titel spielt auf Goethes berühmte Römische Elegien an. Inspiriert ist das Buch aber vor allem von Novalis, der in Wiederstedt seine Kindheit verbrachte. Im Wiederstedter Park entwickelt sich ein Liebesverhältnis, das delikaterweise nur solange anhält, wie das lyrische Ich die Geliebte zu besingen weiß. Goltzsche hat dazu eine Vielzahl von Aktstudien, Stilleben und sparsam angedeuteten Parkszenerien gezeichnet.

Für Freunde des schönen Buches bietet Prof. Dieter Goltzsche (Scharnweberstraße 55, 12587 Berlin) beide Bücher in Vorzugsvariante an: Sarah Kirsch mit aufwendiger Aquarellierung des Frontispizes zum Preis von 90 Euro und Meyer mit farbiger Einzeichnung für 45 Euro (jeweils zuzüglich Versandkosten). – Dieter Goltzsche begeht in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag. Unter mehreren Ausstellungen ist der Überblick über Arbeiten zur Literatur im Tucholsky Museum Rheinsberg hervorzuheben. Näheres findet sich unter: www.tucholsky-museum.de.

 

Die italienischen Zeichnungen in Weimar. In gleicher Ausstattung wie der Katalog zu den deutschen Zeichnungen aus dem Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle von Peter Prange (2 Bände, Böhlau Verlag, 2007, vgl. Marginalien, H. 191, 2008, S. 86-87) erschien jetzt ein Verzeichnis des Gesamtbestandes der italienischen Zeichnungen vom 15. bis zum 19. Jahrhundert, der sich in der Klassik Stiftung Weimar befindet: Ursula Verena Fischer Pace, Die italienischen Zeichnungen. Band 1: Bestandskatalog. Ehemalige Großherzogliche und Staatliche Sammlung. Köln, Weimar und Wien: Böhlau Verlag, 2008. VIII, 450 S. Pp. 4° Abb. (= Klassik Stiftung Weimar. Graphische Sammlungen.) 120 Euro. ISBN 978-3-412-20049-7. Für den Aufbau der für den großherzoglichen Hof angelegten Sammlung waren in der Frühzeit Johann Wolfgang Goethe und Johann Heinrich Meyer (1760-1832) verantwortlich. Unter den nachfolgenden Sammlungsleitern wurde der Bestand durch großzügige Stiftungen und bedeutende Erwerbungen vermehrt, so durch die Schenkung der Privatgelehrten Sibylle Mertens Schaaffhausen (1797-1857) und das Vermächtnis des Musikschriftstellers Friedrich Rochlitz (1769-1842). Zu den Kustoden zählte auch Carl Ruland (1834-1907, Leiter von 1870-1906), der durch seine vorherige Tätigkeit als Bibliothekar des Prinzgemahls Albert von Sachsen-Coburg-Gotha auf Schloß Windsor enge Kontakte zu den englischen Sammlern und Kunsthändlern knüpfte. Während seiner Amtszeit  kamen einige der kostbarsten Zeichnungen nach Weimar. Der Band enthält ein Vorwort, eine Einführung, 54 Farbtafeln, den Katalog mit einer Beschreibung der 997 Exemplare sowie einen Anhang (Literaturverzeichnis, Konkordanz der Zuschreibungen, Verzeichnis der Künstler). Der Katalog ist nach dem Alphabet der Künstlernamen geordnet. Die Beschreibung der einzelnen Stücke ist umfassend, so wurden beispielsweise die Zeichenmaterialien angegeben, die Provenienz verzeichnet, die Inventarnummern aufgeführt und der technische Befund der Zeichnungen aufgenommen. Im Katalog finden sich unter anderem Zeichnungen von Giuseppe Bossi, Leonardo da Vinci, Carlo Maratti, Raffael und Giulio Romano. Der Einband ist in Weiß gehalten (mit einer Zeichnung von Giuseppe Cesari) und das Vorsatz in Hellblau. Der in Rom ansässigen Autorin Ursula Verena Fischer Pace und dem Böhlau Verlag ist für diesen großartigen Katalog sehr zu danken. 2008 und 2009 wurden für drei Monate 55 kostbare Blätter dieses Kunstschatzes in der Casa di Goethe, dem römischen Domizil Goethes, heute Deutschlands einzigem Museum im Ausland, gezeigt. Auf den demnächst erscheinenden zweiten Band mit der Verzeichnung des Bestandes italienischer Zeichnungen aus der Sammlung Goethes darf man gespannt sein.

Dieter Schmidmaier

Friedlaender/Mynona finanziert postum seine Werkausgabe. Der Berliner Philosoph und Satiriker, Kantianer und Kulturkritiker Salomo Friedlaender/Mynona (1871-1946) wird wieder entdeckt. Von Zeitgenossen wie Georg Simmel, Walter Benjamin, Hugo Dingler, Kurt Hiller oder Alfred Kubin hoch geschätzt, war er nach 1933 im Pariser Exil in eine unverdiente Vergessenheit geraten. Abenteuerlich war die Auffindung seiner Manuskripte und Korrespondenz. Die zur Zeit veranstalteten Gesammelten Schriften umfassen alles zu Lebzeiten Gedruckte sowie den umfangreichen unveröffentlichten Nachlaß. Die auf 30 Bände angelegte kommentierte Ausgabe erscheint in Privatinitiative von Hartmut Geerken, in Zusammenarbeit mit Detlef Thiel und der Kant-Forschungsstelle der Universität Trier. Seit 2005 liegen bisher acht Bände vor, das Projekt soll im Laufe der nächsten vier Jahre zum Abschluß kommen. Ermöglicht wird die Edition durch den Verkauf des Nachlasses an das Archiv der Akademie der Künste, Berlin. Es dürfte einmalig sein, daß ein zu Lebzeiten bettelarmer Autor seine Werkausgabe posthum selbst finanziert. Weitere Informationen finden sich unter www.hartmutgeerken.de.


Türkische Bibliothek. 2007 erschien der letzte Band der von Hans-Dieter Zimmermann, der Deutschen Verlags-Anstalt und der Robert Bosch Stiftung initiierten Reihe Die Tschechische Bibliothek in 33 Bänden  (Marginalien, H. 188, 2007, S. 109-110). Eine weitere landestypische Sammlung haben die Robert Bosch Stiftung, der Züricher Unionsverlag und die Herausgeber Erika Glassen und Jens Peter Laut 2005 mit der Publikationsreihe Türkische Bibliothek ins Leben gerufen. Diese Bibliothek präsentiert in insgesamt 20 Bänden Meilensteine der türkischen Literatur von 1900 bis in die unmittelbare Gegenwart. Das Schwergewicht liegt auf Autorinnen und Autoren, deren Werke trotz ihrer Bedeutung bislang noch nicht in deutscher Sprache erschienen sind. Zur Reihe gehören unter anderem Romane der klassischen Moderne, darunter das 1900 erschienene Sippengemälde Verbotene Lieben von Halid Ziya Uşaklıgil und das 1949 erschienene Kultbuch Seelenfrieden von Ahmet Hamdi Tanpınar, die Memoiren der Frauenrechtlerin und Mitstreiterin Mustafa Kemals Halide Edib Adıvar, Kurzgeschichten und Romane der jüngsten Generation wie das Erstlingswerk Zorn von Murat Uyurkulak (2002) sowie sechs Anthologien. Jeder Band enthält zusätzlich ein Nachwort, ein Verzeichnis mit Worterklärungen und biographische Hinweise auf die Autoren. Die Reihe ist ein lohnendes Sammelobjekt für Bücherfreunde. Bis Ende Juni zeigt die Stiftung Lesen im Zentrum Moderner Orient Berlin (Kirchweg 33 in Berlin-Nikolassee) eine Wanderausstellung, die neben den Büchern einen Einblick in die türkische Literaturgeschichte sowie Leben und Werk der jeweiligen Autoren gibt. Die Stiftung Lesen und die Robert Bosch Stiftung haben zwei interessante Broschüren herausgegeben, eine widmet sich der türkischen Literatur in der Schule in Analogie zu den Themen in der Türkischen Bibliothek, die andere ist als Begleitheft zur Ausstellung gedacht. Weitere Informationen zum Vorhaben und zur Ausstellung unter www.zmo.de und www.tuerkische-bibliothek.de.

Dieter Schmidmaier


 

Antiquariatskatalog mit einer Bibliographie der Büchergilde Gutenberg. Antiquariatskataloge werden in den Marginalien eher nicht rezensiert, doch Antiquariatskataloge enthalten nicht nur wahre Schätze, manche Kataloge, wie der folgende, sind selbst ein Schatz: Katalog 155. Das 20. Jahrhundert. Bibliographie der Büchergilde Gutenberg. Aus dem Nachlaß von Rolf Schott. Schriesheim: Verlag und Antiquariat Frank Albrecht, 2009. 52 S., 152 Abb. Br. 8°. Schutzgebühr 5 Euro. Mit ihm liegt endlich eine vollständige Bibliographie der Büchergilde Gutenberg bis 1933 vor, eine längst überfällige Arbeit, die unser Mitglied, der Antiquar und Verleger Frank Albrecht, geleistet hat. Wie sehr Sammler auf diese Bibliographie gewartet haben, zeigt sich daran, daß bereits wenige Stunden nach Veröffentlichung eines Hinweises auf den Katalog auf der Internetseite der Pirckheimer-Gesellschaft dazu Nachfragen eintrafen.

Die Bibliographie wird für manchen Sammler Anlaß sein, sich wieder einmal näher mit der verdienstvollen Büchergilde Gutenberg zu beschäftigen, die in verlegerisch und buchkünstlerisch anspruchsvollen Ausgaben, teilweise Erstausgaben, Autoren wie Jack London, B. Traven oder Martin Andersen Nexö für Leser der unteren Bevölkerungsschichten bereitstellte. Sie enthält wertvolle Hinweise auf ungenaue Angaben zu Erscheinungsjahr und Auflage einzelner Ausgaben, auch wenn mitunter ungeklärt bleiben muß, ob es sich bei bestimmten Varianten eines Buches um eine Neuauflage oder lediglich um eine neue Bindequote handelt. Besonders verdienstvoll sind zahlreiche Hinweise auf Varianten, die bislang in einschlägigen Darstellungen, wie Britta Friedsam, Das illustrierte literarische Gebrauchsbuch bei der Büchergilde Gutenberg (2008. http://www.buch­wiss.uni-erlangen.de/AllesBuch/Friedsam/Friedsam.pdf) oder Bernadette Scholl, Die Büchergilde Gutenberg 1924-1933 (in: Buchhandelsgeschichte 1983, Nr. 3), noch nicht katalogisiert sind.

Der Katalog 155 enthält nicht nur die Bibliographie, sondern neben einem Angebot lieferbarer Titel der Büchergilde auch Bücher aus dem Nachlaß des Künstlers und Schriftstellers Rolf Schott. Damit führt Frank Albrecht eine Reihe von Katalogen fort, die sich mit Einbandgestaltung des 20. Jahrhunderts, Georg Salter, der Reihe Der jüngste Tag, russischer Avantgarde und anderen interessanten Themen beschäftigen. Die Kataloge und damit auch die Bibliographie der Büchergilde Gutenberg sind nicht nur gedruckt erhältlich, sondern kostenlos online (http://www.antiquariat.com/kat155.pdf) abrufbar, die Bibliographie ist online sogar mit Farbabbildungen versehen, während die Printausgabe nur in Schwarzweiß gedruckt ist. Der Autor hat als langjähriger Sammler, Liebhaber der Büchergilde Gutenberg und Antiquar gründlich und gewissenhaft recherchiert, dennoch wird es für den Sammler eine Herausforderung sein, eine nicht in diesem Katalog beschriebene Ausgabe zu finden und sie dem Bibliographen zu präsentieren. Mit dem ersten Fundstück wäre eine zweite Ausgabe der Bibliographie begonnen, die eventuell nicht nur als Bestandteil eines Antiquariatskatalogs erscheint.

Abel Doering

 

Opulentes Buchobjekt zum 60. Geburtstag von Wolfgang Windhausen. Wolfgang Windhausen, Lyriker, Menschenrechtsaktivist und Freund von Buch und Kunst, publizierte rechtzeitig zu seinem 60. Geburtstag am 4. April 2009 die fünfte und letzte Ausgabe einer Folge von Büchern mit Gedichten von ihm selbst und mit Graphiken und Zeichnungen von befreundeten Künstlern: Wolfgang Windhausen: Nichts ist allein. Edition Wort und Bild 2009. Das Buch in einer Auflage von 25 Exemplaren hat wie die vorherigen Ausgaben einen Einband, der mit einem vom Stock gedruckten Holzschnitt von HD Gölzenleuchter überzogen ist. Neben einem Originalfoto von Harald Hauswald enthält das Buch zwölf weitere Originalblätter, so von H D Gölzenleuchter eine Radierung, von Ulrich Hollmann einen handkolorierten „Geburtstagselefanten“, von Gerda Lepke einen Siebdruck, von Harald Metzkes einen Holzschnitt, von Ronald Paris einen handkolorierten Druck, von Alfred Pohl einen Holzschnitt, von Volkmar Schulz Rumpold eine farbige Zeichnung, von Jörg Seifert zwei Holzschnitte, von Hans Vent eine handkolorierte Radierung, von Kay Voigtmann eine handkolorierte Radierung und von Louvada Yang einen Linolschnitt auf Reispapier mit Silberblattauflage. Mehrere Künstler nehmen auf Windhausens Jubiläum und auf sein Wirken für die Menschenrechte Bezug. Im Anhang finden sich weitere, teils handschriftliche Geburtstagsgrüße von Freunden und Mitstreitern, wie den Schriftstellern und Freunden vom PEN Katja Behrends und Guntram Vesper, dem Bücherpastor Martin Weskott und der Leipziger Graphikerin Ursula Mattheuer-Neustädt. Der Band kostet 260 Euro und kann nur beim Autor selbst bezogen werden: Wolfg1Windhausen@aol.com.


 

Eine Rarität nicht nur für Kunert-Sammler. Echos sollte ein Gedichtband von Günter Kunert heißen, den der Aufbau-Verlag 1958 als Nummer 9 in seiner neu eingerichteten Publikationsfolge für junge Autoren mit dem anspruchsvollen Namen Die Reihe vorbereitete. Das Projekt wurde auf Einspruch der vorgesetzten Zensurbehörde im Kulturministerium erst gestoppt, als der Umbruch schon hergestellt war. Anstoß erregten neben dem allgemeinen Thema der Vergänglichkeit vor allem zwei Goya-Gedichte, die von unverkennbarer Aktualität waren: „Unser Genosse, der gewissenhaft kämpfende, ist / Er gesichert gegen Versteinerung und den / Tod zu Lebzeiten?“ Außer im Verlagsarchiv überdauerten einige Exemplare des Umbruchs im Besitz von Autor und Lektoren. Zum 80. Geburtstag von Günter Kunert hat der Pirckheimer-Freund und Kunert-Sammler Jürgen Müller das Manuskript aus dem Orkus geholt und im gleichen Layout wie die Reihe, versehen mit einem Nachwort und der Abbildung zweier Caprichos von Goya zum Druck befördert. Kunert schrieb dazu die Vorbemerkung Tödliches Echo, in der er sich an den seinerzeitigen Zensurvorgang erinnert. „Von diesen Gedichten aus bin ich in meinem Schreiben weitergegangen; ich kann sagen, ich habe mich wie Münchhausen, nur als ehrlicher Mensch, am eignen Zopf meiner literarischen Tätigkeit, aus dem Sumpf des ‚Arbeiter- und Bauernstaates‘ gezogen“. Viele Gedichte aus dem Manuskript wurden von Kunert bis heute nicht in andere Bände aufgenommen. Der Privatdruck ist in einer kleinen Auflage erschienen und kann zum Preis von 12 Euro zuzüglich Versandkosten nur beim Herausgeber Jürgen Müller (Obere Dorfstraße 69, 02747 Großhennersdorf) bestellt werden.