|
Redaktionsschluss 4. Oktober 2008
Rudolf Mayer gestorben
Bernhard Zeller gestorben
Nachlaß von Walter Werner
Ende der Edition Mariannenpresse
Potsdamer Verlagsgeschichte(n) beim Berliner Bibliophilen Abend
Gutenberglabyrinth in Frankfurt am Main
Vom Glück des Sammelns
Klaus Ensikat in der Klein-st-e(n) Galerie Arneburg
Punk in Kunst und Buch
Mechanica im Dresdner Bibliotheksbesitzn
Geschichte der Wissenschaftsverlage
Die „Stabi-Tüte“ kommt zu Ehren
Vor 775 Jahre starb Eike von Repgow, der Schöpfer
des Sachsenspiegels
Verleger, Essayist und Kunstfreund – Gerhard Wolf wurde 80 Jahre alt
Der Aufbau-Verlag wurde verkauft
Rudolf Mayer gestorben. Im letzten Heft der
Marginalien hat Dieter Hoffmann das Lebenswerk des Dresdner
Kunstvermittlers und Verlegers anläßlich der Übergabe seines Vorlasses an die
Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek betrachtet. Das
Porträt wurde leider zu einem Nachruf. Mayer starb am 16. September in Dresden
und wurde am 2. Oktober auf dem Friedhof Dresden-Loschwitz beigesetzt.
Bernhard Zeller gestorben. Der langjährige
Direktor des Schiller-Nationalmuseums und des Deutschen Literaturarchivs Prof.
Dr. h.c. Litt D. h.c. Bernhard Zeller ist am 7. September 2008 gestorben. Unter
seiner Leitung wurden beide Institutionen zu einer Heimstatt für die deutschen
Literatur von der Klassik bis zur Gegenwart ausgebaut. Die Neuerwerbungen von
Nachlässen und die Veranstaltung von Ausstellungen unter seiner Leitung sind
kaum zu überschauen. Das Marbacher Magazin wurde zu einer Institution,
die die Literaturfreunde und Wissenschaftler überall in Deutschland nutzen, auch
wenn sie nicht in den Marbacher Lese- und Ausstellungsräumen arbeiten und
schauen können. Der Pfarrerssohn aus Dettenhausen (geb. am 19. September 1919)
griff selbst gern zur Feder. Seiner Bibliographie (Bonn 1984) ist zu entnehmen,
wie kontinuierlich er über die Aktivitäten seines Hauses berichtete, Rezensionen
und Ausstellungskommentare schrieb und nebenher auch Werkausgaben wie die von
Eduard Mörike und Wilhelm Lehmann edierte. Weitere Arbeitsschwerpunkte waren
Friedrich Schiller und Hermann Hesse. Ein ausführlicher Nachruf folgt im
nächsten Heft.
Nachlaß von Walter Werner. Das Thüringische
Staatsarchiv Meiningen hat den Nachlaß eines der bekanntesten Schriftsteller
Thüringens des vergangenen Jahrhunderts Walter Werner (1922-1995) als Depositum
übernommen. Er war zeitlebens vor allem Dichter. In den siebziger Jahren
profilierte sich Werner mit Das Gras hält meinen Schatten, Die
Strohhalmflöte und Heimkehr nach Buchonien – Wanderungen durch Rhön und
Grabfeld zu einem bedeutenden Naturlyriker der DDR. In seinen Gedichten
widmete er sich überwiegend der Landschaft des Thüringer Waldes, der Rhön und
des Grabfeldes. Werner schrieb auch Texte für Chorsinfonien und Lieder-Zyklen.
Mit dem Spätwerk Tautreten unterm Regenbogen (1992) knüpfte er noch
einmal an seine Erfolge als Naturlyriker an.
Dieter Schmidmaier

Ende der
Edition Mariannenpresse.
Die Edition Mariannenpresse im Literaturhaus Berlin stellt ihr
Erscheinen zum Jahresende ein. In 29 Jahren
erschienen 129 Bücher mit Erstdrucken namhafter Autoren und
Originalgraphik bildender Künstler. 1979 wurde die Edition am Kreuzberger
Mariannenplatz gegründet und ehrenamtlich in Künstlerselbstverwaltung geführt.
Die Edition wurde bis 2001 vom Berliner Senat
gefördert, die letzten Jahre von Stiftungen und privaten Sponsoren.
Alljährlich konnten sich Künstler und Autoren bei einer gewählten Jury um
Buchprojekte bewerben. Als letztes Buch erschien im Herbst der Gedichtband
Alaska! von Bora Cosic mit Originalradierungen von Wolfgang Petrick. In den
Marginalien ist immer wieder über die Mariannenpresse und
ihre Bücher berichtet worden, zuletzt in Heft 191, in der die Künstlerbriefe von
Johannes Schenk mit Originallithographien von Natascha Ungeheuer rezensiert
wurden. Eine Vorstellung der noch lieferbaren Titel findet sich im Internet
unter www. mariannenpresse.de. Für Rückfragen steht der langjährige Leiter des
Unternehmens Hannes Schwenger (Tel. 8612611) zur Verfügung.
Potsdamer Verlagsgeschichte(n) beim Berliner
Bibliophilen Abend. Am 29. September stellte Wolfgang Tripmacker den
Mitgliedern des Berliner Bibliophilen Abends im Bezirksmuseum Charlottenburg das
von ihm verfaßte Buch Verwehte Spuren – Potsdamer Verlagsgeschichte(n)
vor. Er hatte dabei mit demselben Problem zu kämpfen wie der unterzeichnende
Berichterstatter: Die im Buch ausgebreiteteFülle ist in Kürze nicht zu
bewältigen, denn es wird mehr oder weniger ausführlich über 68 Verlage
berichtet, von denen allerdings nur zwei (Gustav Kiepenheuer, Rütten&Loening)
von großer überregionaler Bedeutung waren. Gerade über diese zwei ist aber schon
viel veröffentlicht worden (u.a. auch in den
Marginalien). Der Referent
entschied sich daher dafür, sich in seinem Vortrag besonders ausführlich den
Verlegern des 18 Jahrhunderts (Neumann, Horvath, Voss, Bauer) zu widmen, die
zwar großartige Pionierarbeit geleistet haben, von denen aber die meisten der
Anwesenden jemals gehört, geschweige denn aus ihren Verlagen ein Buch in den
Händen gehabt hat. Je mehr der Redner sich der Gegenwart näherte, desto
interessanter wurde es. Walter Bullert, Edlef Köppen, Werner Stichnote haben in
der Bibliophilie einen guten Namen. Schließlich ging es doch auch um Gustav
Kiepenheuer und seine Frauen ...
Einige kritische
Bemerkungen zum Buch selbst: Der locker geschriebene, mit Anekdoten
angereicherteText läßt erkennen, daß der Verfasser ein Profi mit
journalistischer Erfahrung ist. Redaktionsschluß war Ende 2001, lieferbar ist
das Werk seit Sommer 2008. Offensichtlich hatte der Märkische Verlag Bedenken,
ob sich über Potsdamer Lokalpatrioten hinaus genügend Interessenten finden
würden. Der Preis ist daher günstig (15 Euro), die Ausstattung allerdings auch
verbesserungsfähig. Zwar gibt es sehr viele interessante Abbildungen, aber sie
sind meist stark verkleinert und unscharf. Rühmenswert ist dagegen der
tabellarische Anhang. Darin findet der suchende Bibliophile zu allen Verlagen
die wichtigsten Daten übersichtlich und in Kürze.
Bernd Illigner
Gutenberglabyrinth in Frankfurt am Main. So
irritierend wie der Titel Gutenberglabyrinth sind die Exponate einer
Ausstellung mit Werken des Krefelder Künstlers Hubertus Gojowczyk (Jahrgang
1943) in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt am Main. Die noch bis zum
28. Februar 2009 laufende Exposition zeigt vielfältige, vielgestaltige
„Buchobjekte, Texte und Situationen seit 1968“ in immer wieder überraschenden,
bisweilen gar erschreckenden Variationen. In ihrer Begrüßung zur
Ausstellungseröffnung meinte Generaldirektorin Dr. Elisabeth Niggemann denn
auch: „Diese Ausstellung ist uns nah und fern zugleich.“
Bei den rund 110 Objekten geht es um
zerstörte, verfremdete, andersartige, sowohl schöne als auch erschreckende
Bücher. Der Künstler traf die Auswahl aus seinen etwa 900 Werken zum Thema und
gestaltete die beiden Räume (Parterre und Obergeschoß). Das Zentrum des unteren
Raumes bildet ein Labyrinth aus Buchseiten, sozusagen das Innere der Bücher.
Rundherum sind Bücher mit schauerlichen Namen zu sehen, deren Titel deutlich das
Gezeigte beschreiben: Brandbuch, Buch mit Wunde, Buch mit
aufgekratzten Seiten, Zersägtes Buch. Versöhnlicher,
beruhigender sind Objekte mit Titeln wie: Besonnte Vergangenheit,
Buch, gen Süden zu lesen, Buch mit Nest, Buchlaib, Buch mit
Kartoffelherz. Gogowczyks erstes Werk zum Thema, Rest eines Buches
(1968), ist ebenfalls in der Ausstellung präsent. Dr. Stefan Soltek, der Leiter
des Klingspor-Museums, führte in die Schau ein, betonte aber: „Der Begriff der
Zerstörung ist ein Argument, aber nicht meines!“ Er zeigte dann aber anhand von
projizierten Abbildungen den Jahrhunderte alten Zusammenhang zwischen Buch und
Mensch. Das Buch als Teil des Lebens zu begreifen, sich mit ihm im wahrsten und
tiefsten Sinn zu befassen, sei die Kunst Hubertus Gogowczyks. Dieser selbst
warnte, die Ausstellungsobjekte seien nicht nur heiter, denn die Zeit sei es
auch nicht. Weiter meinte der Künstler, Werke könnten ansprechen, auch dann,
wenn sie nicht gerade ansprechend seien.
FP
Vom Glück des
Sammelns.
Die durch ihre
Romane und Sachbücher (zum Beispiel Die Krinoline bleibt in Kairo. Reisende
Frauen 1650 bis 1900) auch in Deutschland bekannt gewordene Archäologin
Barbara Hodgson führt uns in ihrem neuesten Buch Vom Glück des Sammelns. Eine
Entdeckungsreise zu Märkten in aller Welt (Hildesheim: Gerstenberg Verlag, 2007.
154 S. Pp. 8° 24.00 Euro.
ISBN 978-3869-2973-8)
an Orte, die in Reiseführern nur selten erwähnt werden. „Es gibt viele
Möglichkeiten, Orte sehen und schätzen zu lernen: Die Besichtigung von Museen
und Bauwerken ist eine, Menschen kennenzulernen eine andere. Mir haben es
Fragmente des materiellen Lebens angetan: Wohnungsannoncen, private Briefe,
Fotonegative, alte Bücher mit Widmung auf dem Vorsatzpapier oder rätselhaften
Notizen zwischen den Seiten.“ Ihre Leidenschaft bezeichnet sie als eine Suche
nach den Treibgütern des Lebens. Und die Fundorte? Straßen, Märkte und
Buchläden, denn hier „gibt eine Stadt auf verhaltene, verlockende Weise ihr
intimstes Selbst preis, indem sie den Inhalt ihrer Dachböden und Mülleimer zur
Schau stellt.“
Die Weltenbummlerin Barbara Hodgson hat ihre
Streifzüge in einem wunderbaren Buch zusammengefaßt und nimmt uns an jene 18
Orte mit, die ihr das größte Vergnügen bereitet und die größten Offenbarungen
beschert haben – zum Beispiel nach London auf den kleinen interessanten
Antiquitätenmarkt Camden Passage, nach Brüssel auf den Flohmarkt auf der Place
du Jeu de Balle, der wie ein mit Papier vollgestopfter Karton wirkt und von
alten Schulbüchern und abgewetzten alten Schulheften dominiert wird, nach Paris
auf den Flohmarkt Les Puces de Saint-Ouen mit seinen gigantischen Bücherstapeln,
„die beim geringsten Lufthauch einzustürzen drohen“, nach Budapest in seine „gut
ausgestatteten und im Überfluss vorhandenen Antiquariate“, nach Istanbul auf den
Großen Basar, das „gigantische Labyrinth“, in dem Entdeckungen vorprogrammiert
sind, sowie nach Los Angeles, das „Paradies für Flohmarkthändler“. Eingebettet
in diese Entdeckungsreisen sind interessante Gespräche mit Händlern und
wunderbare Geschichten über einzelne Personen wie den französischen
Schriftsteller Pierre Loti (1850-1923). Die Autorin hat das Buch mit zahlreichen
originellen Flohmarktfunden und alten Fotos von Flohmärkten bebildert und selbst
gestaltet.
Weil Barbara Hodgson von den Sehnsüchten der Sammler
berichtet, ist ihr Bericht eine Anleitung zum Sammeln, wie sie schöner nicht
sein kann, voller Anregungen und Entdeckungen. Es versteht sich von selbst, daß
er auch ein guter Reisebegleiter auf Floh- und Antiquitätenmärkten ist. „Ich
stoße auf Bücher, die so dick und griffig sind, dass ich mich zwischen die
Seiten schlafen legen möchte. Ich koste den Geruch nach Alter aus, und wenn ich
den Stand verlasse, hängen Heftfäden in meinem Haar.“ Finden wir uns in solchen
Bekenntnissen nicht irgendwie wieder?
Dieter Schmidmaier
Klaus Ensikat in der Klein-st-e(n) Galerie
Arneburg. Es war bereits die 169. Ausstellung, die am 1. Oktober 2008 hier,
diesmal mit Arbeiten von Klaus Ensikat in Anwesenheit des Künstlers, eröffnet
wurde. Eine Auswahl von Zeichnungen, Illustrationen und Plakaten, ganz auf die
ein wenig verwinkelten, aber reizvollen Raum- und Präsentationsmöglichkeiten im
Hotelrestaurant „Zum Goldenen Anker“ abgestimmt, wo sich die Galerie heute
befindet. Arne Könnecke, Architekt i.R., betreut sie seit 1981, unermüdlich und
umsichtig, widrigen Umständen immer wieder trotzend. Anfangs als „Kleine
Galerie“ im städtischen Kulturhaus gegründet, 1993 infolge Privatisierung des
Kulturhauses (heute eine Investruine!) heimatlos geworden, arbeitet sie seit
1997 als „Klein-st-e Galerie Arneburg“ in der Elbestraße 17. Ein verlockender
Ort, der einlöst, was er verspricht. Davon überzeugten der Ensikat-Abend und die
Ausstellung ebenso wie das Ausstellungsverzeichnis der Jahre 1981 bis 2008, die
ausliegenden Gästebuch-Chroniken und die Vorplanungen bis 2010.
Mit Graphik von Walter Herzog, Berlin,
eröffnete am 14. Februar 1981 die Kleine Galerie ihre erste Ausstellung,
wechselte regelmäßig sechs- bis achtmal im Jahr, lud Künstler ein aus Magdeburg,
Dresden, Schwerin, Stendal, Klein Machnow, Halberstadt, Halle, eigentlich von
überall, um „Künstlern und Kunstwerken, auch abseits der großen Zentren,
Publikum, Wirkungsmöglichkeiten und Resonanz zu verschaffen …“ Die Künstler
kommen gerne, manche immer wieder, so der Karikaturist Harald Kretzschmar (1991,
1997, 2002), der Berliner Manfred Pietsch (1982, 2006), Werner Schinko aus Waren
(1989, 2002). Unter den vielen Namen finden sich auch Manfred Bofinger (1994),
Nuria Quevedo (1991), Werner Stötzer (1991), Helmut Gebhardt (1985), Jürgen
Schieferdecker (1989), Ernst Barlach (1985), Wilhelm Rudolph (1995). Regelmäßig
werden auch Karikaturisten und Illustratoren eingeladen. Auf Klaus Ensikat folgt
seit dem 19. November Hartwig Hamer mit Zeichnungen und Graphik, und die 175.
Ausstellung wird im Herbst 2009 Lothar Sell aus Meißen mit Graphik und
Kleinplastik bestreiten.
Ensikat zeigte neben Theaterplakaten unter
anderem Bilder zu einem populärwissenschaftlichen Artikel in der Zeitschrift
Natur (1992/1993), Zeichnungen zu Rabelais’ Comment Pantagruel monta sur
mer (Hatier, 1994), Farbzeichnungen zu dem Buchstaben-Bilderbuch Das A
steht vorn im Alphabet von Peter & Klaus Ensikat (Leipzig: leiv, 1998),
Farbillustrationen zu Faust nach Goethe (Berlin: Kindermann, 2002),
Zeichnungen zu Satyren & Launen der Berliner Handpresse. Und natürlich
lagen Ensikat-Bücher bereit, teils zur Ansicht in Vitrinen, teils zur Freude des
zahlreich versammelten Publikums auch zum Verkauf. In dem vergnüglichen
Gespräch, das Könnecke mit Ensikat führte, gab der Künstler geduldig Auskunft.
Dem Computer mißtraue er, setze beharrlich auf Originalität und bleibe seiner
Zeichenfeder treu. Anreger für Zeichnungen in Büchern seien zuvörderst die
Formate und auch die Titel, die Texte würden (meist) aber auch gelesen … Zu
erfahren war zudem, daß es an Aufträgen nicht mangele (für anderes bliebe kaum
Zeit). – Eine sehenswerte Ausstellung, ein gutes Gespräch, ein dankbares
Publikum; so geht es zu in der Klein-st-en Galerie Arneburg. Möge es noch lange
so bleiben!
Ursula
Lang
Punk in Kunst und Buch. Von 16. Mai bis 7.
September 2008 war in der Kunsthalle Wien die Ausstellung Punk. No One
is Innocent zu sehen. Zu der von Thomas Mießgang kuratierten Schau, die
gemäß ihrem Untertitel auf Kunst – Stil – Revolte ausgerichtet war, ist
ein Ausstellungskatalog erschienen, der auch unter buchwissenschaftlichen
Aspekten von Bedeutung ist: Punk – No One is Innocent. Kunst – Stil –
Revolte. Herausgegeben von Gerald Matt und Thomas Mießgang für die Kunsthalle
Wien. Nürnberg: Verlag für moderne Kunst Nürnberg 2008. Engl. Br. 4°. 212 S.,
200 Abb. 38,– Euro. Die reich bebilderte Publikation bietet nicht nur
mehrere Überblicksaufsätze und ein Interview mit dem enfant terrible
Malcom McLaren, sondern auch ein sorgfältig aufbereitetes Werkverzeichnis.
Auffällig dabei ist, das zahlreiche Exponate aus dem auf Druckmedien
spezialisierten The Jon Savage Archive der John Moores Universität (Liverpool)
stammen. Neben Fotografien und Graphiken zählen auch Bücher und buchähnliche
Objekte und Fanzines, also in Kleinstarbeit erstellte und zumeist privat
produzierte Zeitschriften, zu den wohl spannendsten Belegen der klassischen Ära
des Punk. Den geographischen Schwerpunkten London, New York, Berlin und Wien
folgend, wurde in der Ausstellung ein nicht unwesentlicher Teil der
Ausstellungsfläche und des korrespondierenden Buches auf die für Punk
bedeutsamen Druckgraphiken, die visuelle Gestaltung von Kleidungsstücken und
Plattencovers und die Vielzahl von Zeitschriften, Flugzetteln und
Publikationsprojekten verwendet.
Anhand eines Beispiels läßt sich die Präsenz
und Brisanz dieses Schwerpunkts verdeutlichen:1976 erscheint in der Zeitschrift
Sideburns ein zwischenzeitlich legendär gewordenes Diagramm, daß die
Akkorde A, E und G darstellt. Begleitet werden diese Illustrationen von der
nicht minder berühmten Aufforderung »This is a chord. This is
another. This is a third. Now form a band.« Diese provokante Ausstellung
minimalster musikalischer Anforderungen gilt bis heute als Einladung zur
Selbstermächtigung und Sinnzertrümmerung. Abseits bürgerlicher Kunstnormen,
Wertevorstellungen und technischer Virtuosität manifestiert sich hierin Punk als
künsteübergreifendes Nutzungskonzept der im wirtschaftlichen Sinne keineswegs
neutralen technischen Produktionsmittel, die nicht vom eigentlichen Prozeß des
Arbeitens oder dem jeweiligen Ergebnis selbst abgelöst werden können. Punk war
und ist kein isoliertes Phänomen, war und ist immer schon mehr als Musik und (Anti-)Mode.
Als ästhetisches Konzept kann Punk als Teil und Fortsetzung westlicher
avantgardistischer Bewegungen verstanden werden, die sich in ihrer
Säkularisierungstendenz überschneiden. Mit Dynamik und Humor reflektiert Punk
nicht einfach nur die konservativ-miserablen historisch-kulturellen
Rahmenbedingungen der sechziger und siebziger Jahre – Punk war der deutlichste
Ausdruck der Krisen selbst. Als Subkultur und Haltung gegenüber den Konventionen
und Inszenierungspraxen, die sich spätestens in den achtziger Jahren weiter
ausdifferenzieren sollten, begünstigte Punk den eingelösten Wunsch nach einer
Kunst und Produktionsweise der Interventionen, deren Schwerpunkte auf dem Inhalt
und dem Ausdruck, und eben nicht auf technischer Fertigkeit und Fragen der
Wirtschaft/Wirtschaftlichkeit, lagen. Aus dem ungelöst bleibenden
Spannungsverhältnis zwischen Ästhetik und Ökonomie heraus schafft Punk einen
publizistischen und gestalterischen Stil der Künstlichkeit und der Aufforderung.
Werke, die dem Punk als Leitästhetik verpflichtet sind, sind laut dem Historiker
Stacy Thompson nicht nur Ausdruck einer Gegenpositionen zu wirtschaftlich
potenten Produzenten, sprich Verlagen, sondern auch eine Lektion des
Do-it-yourself-Ansatzes, der auf das Publikum einwirken soll. Die
Infragestellung der gesellschaftlichen Normen, insbesondere die bereits
angesprochene Kritik am Materialismus und seinen Systemen der Abhängigkeit,
manifestieren sich in den künstlerischen Belegen. Die Kritik, die in dieser
Ausgestaltung auch besagt, daß der künstlerische Ausdruck amateurhaft wirken
mag, aber keineswegs bedeutet, daß die vermittelte Botschaft ebenso amateurhaft
wäre, erlaubt es uns, Punk als Option der Identität und Sinnstiftung abseits
gesellschaftlicher Normen und Reglementierungen zu begreifen. Punk ist somit
auch eine Ideologie der Nonkonformität, die im günstigsten Fall immer neuen,
weiteren Punk nach sich zieht.
Thomas Ballhausen
Mechanica im Dresdner Bibliotheksbesitz. Der
Autor, Bücherfreunden unter anderem bekannt durch seinen Beitrag über die
Geschichte des Dresdner Buchdrucks (Marginalien,
H. 185, 2007, S. 49-60), veröffentlicht nun seine im Sommersemester 2007 an der
Humboldt-Universität zu Berlin verteidigte Dissertation: Konstantin Hermann,
Der Bestand „Mechanica“ der Kurfürstlichen und Königlichen Bibliothek Dresden
von 1556 bis 1918. Eine kulturgeschichtliche Studie der Erwerbungswege und
Motivationen. Berlin: Logos, 2008. 371 S. (= Berliner Arbeiten zur Bibliotheks-
und Informationswissenschaft, Bd. 21.) ISBN 978-3-8325-1632-1. Eigentlich
haftet solchen Bestandsanalysen gewöhnlich „der Odem des Langweiligen, der
Beschäftigung mit sich selbst an.“ Aber in dem vorliegenden Fall ist es eine
Untersuchung, die Bibliotheksgeschichte, Buchgeschichte und Kulturgeschichte
miteinander verbindet. Grundlage bildet die Gruppe „Mechanica“ im Bestand der
Kurfürstlichen und Königlichen Bibliothek Dresden mit einem Umfang von 1270
Titeln, erworben in einem Zeitraum von über 350 Jahren. Ihm gehören in erster
Linie allgemeine technische Schriften und Literatur zur Statik, Gravitation,
Hydraulik, Pneumatik und Luftfahrt und zu Motoren an. Bücherfreunde können die
Sisyphusarbeit nachvollziehen, die der Autor leisten mußte, um aussagekräftige
Ergebnisse zu erzielen: Durchsicht der Bestände in den Magazinen auf der
Grundlage der Kataloge, Notierung von Besitzervermerken, Akquisitionsnummern,
Exlibris, Einbandprägungen und weiteren Provenienzhinweisen sowie Ermittlung und
Begründung der Erwerbungswege. Ein Hauptanliegen der Arbeit ist die Motivation
der Schenker und Käufer im Mechanica-Bestand. Die Motivationen für Geschenke an
die Bibliothek waren recht unterschiedlich, so vermachte der Königliche Leibarzt
Franz Adolph Koberwein seine Bücher 1835 aus Verehrung für den Landesherrn, der
Realschullehrer Paul Hohlfeld 1910 postum aus Dankbarkeit für Hilfe und
Führungen in der Bibliothek, der Königlich Sächsische Altertumsverein ab 1888
auf Grund guten Zusammenwirkens mit der befreundeten Institution der Königlichen
Bibliothek und König Albert von Sachsen aus Fürsorge für den eigenen Besitz, den
er 1884 nach dem Tod des mit ihm verwandten Herzogs Wilhelm von
Braunschweig-Oels um die ererbte reichhaltige und wertvolle Bibliothek mit 30
000 Bänden vermehrte. Der Autor zeigt an diesen und anderen Beispielen auch, wie
die Bibliothek auf die Entwicklungen in der Wissenschaft in ihrem Bestandsaufbau
reagierte. Die hochinteressante interdisziplinäre Forschungsarbeit ergibt ein
reiches historisches Gemälde einer Bibliothek und ihrer Wirkungen. Eine
Bibliothek kann nur aus der Wechselwirkung mit ihrem Umfeld leben und sich auch
nur daraus legitimieren. Hermann leistet mit seiner Arbeit einen wertvollen
Beitrag zur Kulturgeschichte der heutigen Sächsischen Landesbibliothek – Staats-
und Universitätsbibliothek Dresden, in der die Erforschung der
Bibliotheksgeschichte eine große Tradition besitzt (vgl.
Marginalien, H. 186, 2007,
S.73-78).
Dieter Schmidmaier
Geschichte der Wissenschaftsverlage. Der
Bücherfreund nimmt dankbar ein neues Buch zur Entwicklung von
Wissenschaftsverlagen in Deutschland entgegen, entstanden als Ergebnis einer
Tagung des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Buch-, Bibliotheks- und
Mediengeschichte im Jahr 2005: Wissenschaftsverlage zwischen
Professionalisierung und Popularisierung. Hrsg. von Monika Estermann und Ute
Schneider. Wiesbaden: Harrassowitz, 2007. 204 S., zahlr. Abb.
Pp. Gr.-8°. (Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens Bd.
41.) 59,– Euro. ISBN 978-3-447-05626-7. In der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts gaben viele alte Universalverlage, die sowohl Belletristik als auch
wissenschaftliche Literatur und Sachbücher publizierten, ihr breites Angebot
zugunsten einer stärkeren Profilbildung auf (zum Beispiel der Verlag Julius
Springer), Verlagsneugründungen spezialisierten sich von Beginn an auf eine oder
wenige Disziplinen (zum Beispiel der Verlag Max Niemeyer). Dieser mediale
Aspekt, die Publikationsstrategien eines Verlags, sich durch seine Produktion
sowohl auf dem wissenschaftlichen Markt zu behaupten als auch auf die
Entwicklung der Disziplin einzuwirken, steht im Mittelpunkt der Beiträge des
vorliegenden Bandes. Die Autoren untersuchen die Beziehungen zwischen den
Vertretern einzelner Wissenschaftsdisziplinen und ihren Verlegern, deren Bücher
und Zeitschriften einerseits der Unterstützung von Lehre, Forschung und Praxis
dienten, andererseits zur Verbreitung der neuen Erkenntnisse unter den
Wissenschaftlern anderer Disziplinen und dem breiten Publikum gedacht waren.
Das Buch enthält zuerst drei allgemeine
Beiträge, der erste über die Wechselwirkungen von Wissenschaft und Buchhandel,
der zweite über die Bedeutung der internationalen Komparatistik in der
Buchhandelsgeschichte und der dritte zu allgemeinverständlichen Büchern über
Naturwissenschaften und ihrem Erfolg im 19. Jahrhundert. Acht Beiträge
beschäftigen sich mit einzelnen Aspekten: 1. mit dem Verlag Salomon Hirzel in
der historischen Frühzeit der Germanistik, unter anderem mit dem Grimmschen
Wörterbuch, 2. mit der Weidmannschen Buchhandlung und Theodor Mommsens
Römischer Geschichte, für die der Autor 1902 als erster Deutscher den noch
jungen Nobelpreis für Literatur erhielt, 3. mit dem J.G. Cotta Verlag und der
Bibliothek deutscher Geschichte, 4. mit der Rolle des Verlagswesens zwischen
Popularisierung und Professionalisierung der Geographie im 19. Jahrhundert unter
besonderer Berücksichtigung der populärwissenschaftlichen Zeitschriften, der
Reiseliteratur und der Kartographie (mit zahlreichen Abbildungen), 5. mit
Traditionsgebundenheit und Rollenverständnis im Verlagsunternehmen von Walter de
Gruyter im Netz der Wissenschaften um 1900, 6. mit Mathematik im Verlag B.G.
Teubner während des Kaiserreiches, 7. mit Medizinjournalen am Beispiel der
Münchner medizinischen Wochenschrift aus dem J. F. Lehmanns Verlag und der
Deutschen medizinischen Wochenschrift aus dem Thieme-Verlag und 8. mit
wissenschaftlichen und politischen Aspekten mathematischen Publizierens zwischen
1933 und 1945. Ein Personen- und Verlagsregister schließt diese Veröffentlichung
ab, die sich einem wichtigen interdisziplinären Aspekt der Buchwissenschaft
widmet.
Dieter Schmidmaier
Die „Stabi-Tüte“ kommt zu Ehren. Die stabile
durchsichtige Polyethylen-Tragetasche mit dem preußisch-blauen Schriftzug
Staatsbibliothek zu Berlin, von den Benutzern liebvoll „Stabi-Tüte“ genannt,
wird in die Sammlung der Bröhan Design Foundation im Bereich
Typographie/Verpackung aufgenommen. Eingeführt wurde sie Mitte der achtziger
Jahre. Wer sie einst entworfen hat, ist nicht mehr zu klären. Heute ist sie ein
Kultgegenstand. Die Tasche wird derzeit bei der Firma PAM Verpackungen in
Berlin-Marienfelde in jährlich über 100 000 Exemplaren hergestellt. Sie soll
ausgeliehene Bücher schützen und den Mitarbeitern die Kontrolle erleichtern. Sie
wird, wie Berliner beobachten können, auch gern zum Einkaufen genutzt. Eine
ebenfalls durchsichtige Tüte mit der in Schwarz aufgedruckten und eingerahmten
Warnung Lesen gefährdet die Dummheit nutzen die S. Fischer Verlage für
ihre Werbung.
Dieter Schmidmaier
Vor 775 Jahre starb Eike von Repgow, der Schöpfer
des Sachsenspiegels. Eike von Repgow, ein Lehnsmann des Grafen Hoyer
von Falkenstein und Stiftsvogts von Quedlinburg, schuf Anfang des 13.
Jahrhunderts den berühmten Sachsenspiegel, der das bis dahin
ungeschriebene und nur durch Gerichtsgebrauch überlieferte Gewohnheitsrecht des
Sachsenlandes im Sinne „erzieherisch-vorbildhafter Lebensregeln“ im Wort
festhielt und durch anschauliche Illustrationen ergänzte. Das Buch, das aus
einem Land- und einem Lehnrechtsteil besteht und nach der ersten lateinischen
Fassung von 1220/21 von Eike von Repgow um 1227 ins Niederdeutsch-Elbostfälische
seiner Heimat übersetzt wurde, fand in Abschriften schnell Verbreitung in ganz
Deutschland und in Übersetzungen in West- und Osteuropa. Es erlangte
gesetzesähnliche Geltung, gedieh über den Tod seines Autors hinaus zum Vorbild
für andere mittelalterliche deutsche Rechtsbücher vom Magdeburger Stadtrecht
über den Schwabenspiegel bis zum Deutschenspiegel.
Eike von Repgow entstammte einer edelfreien
Familie aus
Reppichau zwischen Dessau und Köthen in Anhalt, wo er um 1180
geboren wurde. Er besaß eine umfassende Bildung, beherrschte die lateinische
Sprache, kannte sich bestens in der lateinischen und frühen deutschen Dichtung
aus, verfügte über gute theologische Kenntnisse und war bis ins Detail mit dem
überlieferten Gewohnheitsrecht und dessen Anwendung vertraut. Eike von Repgow
soll der Legende nach, den Sachsenspiegel auf der Stammburg Falkenstein
134 Meter über dem idyllischen Selketal geschrieben haben. Die Bemerkung im
Sachsenspiegel, daß „der Mensch durch Gott frei geschaffen“ wurde und
„Unfreiheit nicht von Gott“ kommt, und die eindeutige Zurückweisung
unangemessener kirchlicher Ansprüche deuten daraufhin, daß Eike von Repgow eine
eher kritische Haltung zur Kurie hatte. Da wundert es nicht, daß vom Papst
allein 14 Artikel des Sachsenspiegels als „ketzerisch“ verdammt wurden.
Doch dieser römische Einspruch konnte die Verbreitung des Werkes nicht
aufhalten. Dessen Autor starb wohl in der zweiten Jahreshälfte 1233.
In Sachsen wurde bis 1865 und in Thüringen bis
1900 auf der Grundlage des Sachsenspiegels Recht gesprochen. Einige
besonders progressive Rechtsgrundsätze fanden zudem im aktuellen bundesdeutschen
Recht Berücksichtigung. Dazu gehören die Artikel über die „Schuldunfähigkeit für
Schwangere sowie Geisteskranke“, über die „Wirkungslosigkeit von in Unfreiheit
abgegebenen Versprechen“, über den „Grundsatz vom rechtlichen Gehör“ sowie über
das „Widerstandsrecht“ und das „Gleichheitsprinzip“, das die Forderung nach
Gerechtigkeit gegenüber jedermann beinhaltet.
Martin Stolzenau
Verleger, Essayist und Kunstfreund – Gerhard
Wolf
wurde 80 Jahre alt. Anläßlich seines 80. Geburtstages am 16. Oktober
veranstaltete die von Christa und Gerhard Wolf mitbegründete Galerie am Forum
Amalienpark in Berlin-Pankow, gleich um die Ecke von seinem Wohnort, eine
Ausstellung mit alten und neuen Werken von Künstlerfreunden des Verlegers und
Essayisten, darunter Hartwig Hamer, Angela Hampel, Helge Leiberg, A. R. Penck
und Günther Uecker. Bereits 1995 wurde im Schloß Rheinsberg Kunst aus dem Besitz
von Christa und Gerhard Wolf ausgestellt. In dem aus diesem Anlaß erschienenen
Katalog Unsere Freunde, die Maler ist nachzulesen, wie intensiv sich
Gerhard Wolf jahrzehntelang mit der aktuellen Kunst auseinandersetzte. Davon
zeugen Bücher über Albert Ebert und Elena Liessner-Blomberg und viele Essays, so
über Wieland Förster, Carlfriedrich Claus und Klaus Sobolewski. In frühen
Berufsjahren war Wolf als Außenlektor für den Mitteldeutschen Verlag in
Halle/Saale tätig. Hier stellte er mit vielen jungen Lyrikern wie Adolf Endler,
Karl Mickel, Volker Braun und Sarah Kirsch in den sechziger Jahren die
Manuskripte zu deren frühen Gedichtbänden zusammen. Nahezu legendär sind einige
Lyrik-Anthologien, die ein Lebensgefühl und eine Poesie verbreiteten, wie man
sie im Nachhinein kaum mehr mit der DDR in Verbindung zu bringen vermag.
Sonnenpferde und Astronauten (1964) etwa, gestaltet und mit einem
malerischen Umschlag versehen von Roland Paris. Mehrfach setzte er sich in
Büchern und Essays mit Johannes Bobrowskis Leben und Werk auseinander. Die
letzte Tat von Gerhard Wolf in DDR-Jahren war Ende der achtziger Jahre die
Präsentation einer neuen Dichtergeneration, die beinahe zehn Jahre aus dem
Literaturbetrieb ausgegrenzt war. In der Reihe Aufbau – Außer der Reihe
erschienen Bücher von Bert Papenfuß-Gorek, Jan Faktor, Gabriele Stötzer und
Peter Brasch, eingeführt mit knappen, prägnanten Charakteristiken von Wolf. Als
mit der politischen Wende in der DDR die Gewerbefreiheit eingeführt wurde,
gehörte Wolf zu den ersten Verlegern, die eine selbständige Firma eröffnete. Bei
Janus press verwirklichte er viele Projekte, die unter den Bedingungen der
Marktwirtschaft sonst kaum jemand gewagte hätte, etwa sprachexperimentelle
Bücher von Franz Mon und Otl Aicher, graphische Bücher von Carlfriedrich Claus,
Angela Hampel und Oskar Manigk. Der Verlag ruht zwar seit einiger Zeit, kann
jedoch bei Bedarf revitalisiert werden.
Der Aufbau-Verlag wurde verkauft. Im Frühjahr
dieses Jahr erreichten die Bücherfreunde bestürzende Nachrichten aus dem
Aufbau-Verlag. Der langjährige Inhaber Bernd F. Lunkewitz, Immobilien-Investor
aus Frankfurt am Main, hatte plötzlich genug von seinem Lieblingsobjekt. Es kam
zu einem öffentlichen Zerwürfnis zwischen dem Verleger und der Geschäftsführung
unter René Strien. Pressekonferenzen und Öffentliche Briefe jagten einander. Der
Verlag ging in Insolvenz und schien für viele Beobachter verloren. Hintergrund
war ein langwieriger Rechtsstreit, der große Anwalts- und Gerichtskosten
verschlungen hat. Bernd F. Lunkewitz gewann zwar die Feststellungsklage, ohne
jedoch daraus unmittelbar Nutzen ziehen zu können. Der Bundesgerichtshof
bestätigte, daß der Aufbau-Verlag bis 1990 dem Kulturbund gehörte und somit
nicht von der Treuhandanstalt hätte verkauft werden dürfen. Neuer Eigentümer ist
nun seit Oktober der 64jährige Unternehmer Matthias Koch. Der Verlag soll vom
Hackeschen Markt an den Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg umziehen. Zu den ersten
Amtshandlungen gehörte die Ankündigung eines Personalabbaus von 60 auf 51
Mitarbeiter. Der Rechtsstreit um den Verlag geht inzwischen in eine neue Runde,
berührt die Firma unter dem neuen Eigentümer aber nicht mehr. Bernd F. Lunkewitz
will jetzt nachweisen, daß ihm durch den seinerzeitigen widerrechtlichen Verkauf
Schaden entschaden ist, und die bisherigen Gerichts- und Anwaltskosten erstattet
haben.
 |