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Redaktionsschluss 4. April 2008
Ehrenmedaille
der Hans-Meid-Stiftung für Tomi Ungerer
Umberto
Eco zum Ehrenantiquar ernannt
Maud
Levy-Rosenthal in Oxford gestorben
„Vergiß
die Peitsche ...“ 125 Jahre Zarathustra
Goedeke
und die Literatur des 19. Jahrhunderts
Lebensspuren Georg Hermanns
Alfred
T. Mörstedt im Kunstkeller Annaberg
Briefe
von Galilei bis Einstein aus der Sammlung Ludwig Darmstaedter
Neue
Jüdische Miniaturen
Susanne
Janssens Hänsel und Gretel
Hirschs
verschlüsselte Botschaften in Berlin
Hirsch
in Pettenbach und Potsdam
Die
Hirsch-Bibliographie – Teil II
33
Glückwünsche für Karl-Georg Hirsch
Hirsch
in der schPeZi-Presse Nürnberg
Ein
Alphabetbuch von Matthias Gubig
Ein
Künstlerbuch und eine lyrische Reportage aus Tibet von
Wolfgang Windhausen
Antiquariatskataloge im 19. Jahrhundert
Der
Spanische Bürgerkrieg in einem Antiquariatskatalog
Ehrenmedaille der Hans-Meid-Stiftung für Tomi
Ungerer. Die Hans-Meid-Stiftung hat die Ehrenmedaille in diesem Jahr dem
Elsässer Tomi Ungerer verliehen. Diese wohl höchste Auszeichnung für einen
Buchkünstler in Deutschland erhielten bisher Bernhard Heisig (Strodehne), Kurt
Löb (Amsterdam), Otto Rohse (Hamburg) und im vergangenen Jahr Hans Ticha
(Maintal). Der 1931 in Straßburg geborene Künstler hat im Laufe seines Lebens
über 40 000 Zeichnungen und 140 Bücher geschaffen. Schon sein erstes Kinderbuch
The Mellops go flying (1957) war ein großer Bucherfolg. Das blieb so nahezu in
allen Fällen. Viele Bücher erregten auch öffentlichen Widerspruch. Das
Kinderbuch Kein Kuß für Mutter (1974) soll in den USA gar verboten worden sein,
weil darin zwei Jungen Zigarre rauchen und die Eltern eine Flasche Schnaps auf
dem Tisch stehen haben. Schon der Titel manches Ungerer-Buches spricht Bände:
Der Sexmaniak (1971), Das Kamasutra für Frösche (1982) und Erotoscope (2003).
Nach der Rückkehr von einem längeren Aufenthalt in den USA lebt er seit 1976
wieder in Straßburg und abwechselnd auf einer Farm in Irland. Straßburg besitzt
ein „Musée Tomi Ungerer“, das auf einer Schenkung des Künstlers beruht und neben
vielen Zeichnungen, Plakaten, Graphiken und Büchern auch biographische Zeugnisse
und eine große Spielzeugsammlung umfaßt. Auch als Architekt ist Ungerer
hervorgetreten, unter anderem stammt der Entwurf für einen Kindergarten in
Karlsruhe von ihm – das Gebäude gleicht einem Katzenkörper mit dem Maul als
Eingang.

Umberto Eco zum Ehrenantiquar ernannt.
Marelibri.com ist eine europäische Plattform für antiquarische Bücher, auf der
professionelle Antiquare ihre Titel ernsthaften Sammlern und Buchliebhabern
anbieten. Ausgehend von dieser Professionalität möchte marelibri.com nun jedes
Jahr eine Persönlichkeit des europäischen Kulturlebens auszeichnen, die sich auf
Grund ihrer eigenen Leidenschaft für alte Bücher besonders um alles, was das
Thema „Antiquariat“ angeht, verdient gemacht hat. Die „Associazione Marelibri“
hat den Titel „Ehrenantiquar“ 2008 Professor Umberto Eco verliehen, nicht nur
weil er ein passionierter Bibliophile ist, sondern vor allem, weil er den Roman
Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana (Originaltitel La Misteriosa Fiamma
della Regina Loana) geschrieben hat, 2004 im Original bei Bompiani und in
Deutsch bei Carl Hanser erschienen. Die Hauptfigur ist ein Antiquar. Nur die
persönliche Bekanntschaft mit Antiquaren konnte Eco zu seiner intimen
Beschreibung der Antiquariatswelt inspirieren. Selbst wenn er die Schwächen
unseres fiktiven Antiquars beschreibt, ist die Sympathie des Erzählers mit
seinem Helden unverkennbar. Eco hat verstanden, wie schwierig das Leben eines
Antiquars sein kann. Der Preis wurde am 8. März 2008 im „Hotel de la Ville“ in
Mailand vom Präsidenten der „Associazione Marelibri“, Dr. Sergio Malavasi,
überreicht. Er besteht natürlich nicht nur aus der Ehre, sondern auch aus einem
wertvollen Buch, einem von 30 Exemplaren des auf Arche-Bütten gedruckten Textes
der Apokalypse des Johannes in der Übersetzung des Giovanni Diodati, mit
Originallithographien von Giovanni Grasso illustriert und erst im Dezember 2007
erschienen. Der Roman ist nicht nur antiquarisch, sondern auch neu im Buchhandel
lieferbar, die gebundene Ausgabe bei Hanser für 25,90 Euro, die
Taschenbuchausgabe bei dtv für 12,50 Euro.
Christoph Schäfer

Maud Levy-Rosenthal in Oxford gestorben.
Maud Levy-Rosenthal war die Tochter des Essayisten und Philosophen Oscar Levy
(1867–1946), der seit 1894 in England Zuflucht vor dem kontinentalen
Nationalismus und Antisemitismus gefunden hatte. Sie wurde am 22. April 1909 in
London geboren und mußte 1921 mit dem Vater als „undesirable Alien“ das
Inselexil verlassen. In Mainz ging sie zur Schule, um anschließend an den
Universitäten Florenz, Heidelberg, Freiburg, am Londoner Courtauld-Institute of
Art und an der Sorbonne englische Literatur und Kunstgeschichte zu studieren. In
Paris erlangte sie 1934 ihr „Licenciée ès lettres“. In dieser Zeit leistete die
„faithful daughtersecretary“ (Oscar Levy) ihrem Vater in seinem Kampf um ein
geistesaristokratisches Europa wertvolle Dienste. Aus gleichem Holz wie er
geschnitten, diente sie ihm nicht nur als fachkundige, sondern auch als
furchtlose und gewitzte Bundesgenossin. Sie widerstand allen Versuchungen und
Drohungen des Totalitarismus und stand doch mit den Linken zusammen im Kampf
gegen den Nationalsozialismus. Sie war als Privatsekretärin für Ernst Toller in
seinen Londoner Exiljahren tätig und unterstützte Heinrich Mann, namentlich
während seiner ersten Exiljahre in Nizza. Auch mit Willy Münzenberg stand sie in
Kontakt, konnte sich aber nicht zur Zusammenarbeit entschließen. Zu sehr war sie
am unabhängigen Denken Nietzsches geschult, als daß sie sich einer bestimmten
politischen Richtung hätte verschreiben können. – Den erfrischenden Charme und
die unabhängige Haltung bewahrte sich diese schöne, anregende Frau bis an ihr
Lebensende. In einem am 23. Januar 1937 in New York verfaßten Brief an Oscar
Levy schwärmte der jüdische Journalist Rudolf Kommer: „Schon längst wollte ich
Ihnen schreiben, was Sie wahrscheinlich besser wissen, daß, unbeschadet Ihrer
dichterischen und philosophischen Schriften, Maud zweifellos Ihr Meisterwerk
darstellt. […] Ihr Takt, ihre Grazie, ihr lächelnder Verstand, ihre Fraulichkeit
im edelsten Sinne des Wortes, sind unnachahmlich.“
Etwa zur selben Zeit lernte sie Albi (Albrecht Gabriel) Rosenthal (1914-2004)
kennen, der seinerzeit an der „Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg“, die
sich gerade aus Hamburg nach London gerettet hatte, Kunstgeschichte studierte.
Nach seinem Studium bei Fritz Saxl und Rudolf Wittkower erlangte Albi bald
internationales Ansehen als Musikologe und Kenner in der Autographenforschung.
Mitte der dreißiger Jahre machte er die Bekanntschaft von Otto Haas, der als
Jude ebenfalls Deutschland hatte verlassen müssen. Er übernahm dessen
bedeutendes Londoner Musikantiquariat, das aus dem ehemals Berliner Antiquariat
Leo Liepmannssohn hervorgegangen war, kurz vor dessen Tod im Jahr 1955. Damit
begründete Albi Rosenthal ein bald europaweit bedeutendes Geschäft für
Musikliteratur und stellte sich in die Tradition seines Münchner Großvaters
Jacques Rosenthal. - Albi und Maud heirateten erst 1947, vorher hätte eine
Heirat mit einem „deutschstämmigen“ Emigranten (trotz jüdischem Hintergrund) den
staatsbürgerlichen Status von Maud betroffen. Sie hatten vier Kinder, von denen
die jüngste, Julia, heute das Antiquariatsgeschäft der Eltern weiterführt.
Angeregt durch Maud, sammelte Albi schon früh seltenste Nietzsche-Autographen
(etwa Nietzsches so genanntes „Testament“ vom Mai 1889), von denen er
schließlich einen Großteil dem Nietzsche-Haus in Sils-Maria großzügig zur
Verfügung stellte. Dort wurde am 15. Juli 2004 das Oscar-Levy-Archiv gegründet,
in dem die umfangreiche Korrespondenz, Manuskripte, Fotografien und die private
Bibliothek von Mauds Vater gesammelt ist.
Maud Levy-Rosenthal starb Ende Dezember in ihrem Haus in Oxford. Bis zuletzt
hatte sie durch ihre klaren Erinnerungen und Erzählungen an einer Neuauflage der
Schriften und Briefe ihres Vaters Oscar Levy mitgewirkt. Ihr letztes Interesse
galt der Herausgabe einer Faksimilieausgabe aller in der
Levy-Rosenthal-Schenkung in Sils-Maria befindlichen Nietzsche-Briefe, die der
Schwabe-Verlag publizieren wird.
Steffen Dietzsch / Leila Kais

„Vergiß die Peitsche ...“ 125 Jahre Zarathustra. Das
Nietzschehaus Naumburg zeigt vom 5. April bis 31. Oktober 2008 eine
Sonderausstellung zu Friedrich Nietzsches Dichtung Also sprach Zarathustra,
deren ersten Teil der Philosoph vor 125 Jahren in nur zwei Wochen zu Papier
brachte, berauscht von dem Gedanken, der Menschheit ihr „tiefstes Buch“ zu
schenken. Um so merkwürdiger ist die Wirkungsgeschichte dieser seltsamen
Mischung aus Poesie und Philosophie. Im Alltagsbewußtsein wird Nietzsche meist
auf einen Satz aus seinem Zarathustra reduziert: „Du gehst zu Frauen? Vergiß die
Peitsche nicht ...“ Wer dann noch das berühmte „Peitschen-Foto“ mit Lou von
Salomé kennt, auf dem die Studentin sich Nietzsche und dessen Freund Paul Reé
vor ihren Wagen spannt, für den ist die Sache klar: Weil die Angebetete, mit der
er den Sommer 1882 in Tautenburg, einem Dorf zwischen Naumburg und Jena,
verbrachte, ihn abwies, gehörten alle Weiber für den Philosophen ausgepeitscht.
War es so?
Die Ausstellung zeigt, daß ungleich mehr in dem vieldeutigen Werk verborgen
liegt, das im besten Sinne des Wortes auch nach 125 Jahren noch fragwürdig
bleibt. Vergiß, Besucher, die dümmliche Peitsche, und Dir erschließt sich ein
ganzer Kosmos von Ideen, Bildern und offenen Fragen. Drei Räume laden zu
Entdeckungen ein: Der erste ist den Voraussetzungen der Dichtung gewidmet. Er
erinnert an die Wende von 1882/83, an Nietzsches Hoffnung, mit Lou von Salomé in
die Mitmenschlichkeit zurückzukehren. Das „Peitschen-Foto“ kreuzt einen
Lebensfries mit den wichtigsten Stationen des Wanderers auf seinem Weg in die
Zarathustra-Einsamkeit, den der Weimarer Maler Dieter Weidenbach für die
Ausstellung geschaffen hat.
In einer Vitrine ist unter anderem die Erstausgabe von Lous Antwort auf den
Zarathustra zu sehen: Friedrich Nietzsche in seinen Werken (1894), eines der bis
heute anregendsten Bücher über den Maskenspieler, mit dem sich erfüllt, was er
ersehnt hat – ein Verstehen, durch einen „Jünger“, der sich von ihm lossagen
mußte, um ihm als ein Selbstdenkender treu zu bleiben.
Der zweite Raum zeigt den Wandel des Werkes: Auf Tafeln werden Grundgedanke,
Aufbau und Leitmotive von der Ewigen Wiederkehr bis zum Willen zur Macht
verfolgt. Eine Installation bringt die Metapher des „Übermenschen“ auf
überraschende Weise zur Anschauung: als Marionetten-Mensch, der die Lebensfäden
durchtrennt, die ihn abhängig machen – von den Eltern über die Schule bis zu
Kirche und Staat –, und der dennoch aufrecht seinen eigenen Weg geht. Die
Marionette dafür stammt von der Puppenmacherin Cornelia Uhlemann aus Erfurt: ein
Narr! Außerdem gibt es die schönsten Zarathustra-Ausgaben zu sehen: von der
Erstausgabe in drei Teilen (1886) bis zur Prachtausgabe von Henry van de Velde
im Insel-Verlag (1908). Der dritte Raum führt in die Wirkungsgeschichte ein. Die
größte Überraschung ist eine Leerstelle: das bilderreichste Sprachkunstwerk der
Deutschen, das neben Goethes Faust an der Wende zum 20. Jahrhundert das Kultbuch
war, hat bis heute kein adäquates Echo in der bildenden Kunst hervorgerufen. Von
Faust gibt es Dutzende illustrierter Ausgaben – von Zarathustra keine. Immerhin
gibt es den Originalentwurf zur besten plastischen Umsetzung des Buches im 20.
Jahrhundert zu sehen: Zarathustra’s Erhebung (1933/47) von Georg Kolbe in einem
Gipsmodell. Weitere Informationen finden sich unter: Stadtmuseum Naumburg,
Grochlitzer Straße 49, 06618 Naumburg, www.museumnaumburg.de.
Jens-Fietje Dwars

Goedeke und die Literatur des 19. Jahrhunderts
lautete der Titel der Februar-Veranstaltung des Berliner Bibliophilen Abends im
Einstein-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.
Gemeinsam mit der Akademie, der Humboldt-Universität, der Staatsbibliothek und
unter Mitwirkung der Pirckheimer-Gesellschaft begrüßte im vollbesetzten Saal
Akademiemitglied Prof. Dr. Conrad Wiedemann mit launig vorgetragenen
Bibliothekserinnerungen auch eine Reihe von illustren Gästen: die
Akademiemitglieder Prof. Dr. Hans-Günther Wagemann und Prof. Dr. Manfred
Naumann, den Präsidenten der Hamburger Akademie Prof. Dr. Heimo Reinitzer, den
Verlagsleiter Prof. Dr. Klaus Saur, die Bibliotheksdirektoren a. D. Prof. Dr.
Paul Raabe und Dr. Werner Schochow, das Ehrenmitglied der
Pirckheimer-Gesellschaft Prof. Dr. Wolfram Körner und Dr. Herbert Jacob,
Herausgeber des neuen „Goedeke“. Neben den Mitgliedern beider Berliner
Bibliophilengesellschaften und weiteren Gästen war auch der wissenschaftliche
Nachwuchs – Studenten verschiedener Institute der Humboldt-Universität –
präsent.
Dr. Martin A. Völker vom Institut für Kultur- und Kunstwissenschaften der
Humboldt-Universität wies in seiner Einleitung auf den Goedeke als
Grundlagenwerk der deutschen Literaturgeschichte hin und plädierte für die
Literaturgeschichtsforschung jenseits des Kanons, also für die bessere
Berücksichtigung der kleinen und kleinsten Autoren, um ein klareres und
differenzierteres Bild der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts zu gewinnen.
Dr. Marianne U. Jacob berichtete über das Anschlußvorhaben zum „Goedeke“,
Deutsches Schriftsteller-Lexikon 1830 bis 1880, dessen siebter Band (St - V)
gerade erschienen ist und auf dem opulent aufgebauten Büchertisch des
Akademie-Verlages zu besichtigen war. Dessen Kern sind prägnante Biographien,
gepaart mit einem erschöpfenden Werkverzeichnis. Die heftig angewachsene,
ausufernde Sekundärliteratur ist nicht mehr Schwerpunkt der Darstellungen!
Jedoch werden bisher unbekannte Autoren in informationellen Kurzartikeln
lückenlos dokumentiert. Kenner schätzen ein, daß weniger als die Hälfte aller in
deutscher Sprache erschienenen Literatur in den historischen Autorenlexika
erfaßt wurde. Das unterstreicht die Bedeutung des „Goedeke“ als einzigartiger
Enzyklopädie für die Kulturgeschichtsforschung und macht erforderlich, daß die
zukünftigen Bände des Lexikons und Registers in gleichbleibender Qualität zu
Ende geführt werden!
Klaus-Peter Wilksch stellte das „Goedeke-Archiv“ vor. Atemberaubend: In 575
Karteikästen befinden sich rund eine Million Karteikarten, die Kernzeit 1800 bis
1900 umfassend, beginnend um 1750, endend in der Gegenwart. Biobibliographische
Daten, Zeitschriftenauswertungen, Nachweise über Privatdrucke, seltene
Theaterliteratur, inbegriffen zirka 30 000 Daten zu Theateraufführungen in
Deutschland und vieles andere. Das ist ein wahrer Schatz für die
literaturgeschichtliche Forschung und ein Muß für die forschenden Bibliophilen,
ein „Besen“, der sich nicht mehr in die Ecke stellen lassen sollte.
Soviel Informationen müssen verarbeitet werden. Erfrischung für die Seele kam
von festlich gekleideten, gut vorbereiteten Schülern des Accordi-Oona-Orchestra,
die zwischen den Vorträgen ein wohltemperiertes Akkordeon boten. Bei Brot und
Wein war anschließend Gelegenheit zum Gedankenaustausch. Aber vergessen wir
nicht den humorig eingeleiteten abschließenden Vortrag von Carola Pohlmann,
Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek, über Heidi,
Moritz, Struwwelpeter – Kinderbuchklassiker des 19. Jahrhunderts und ihre
Verzeichnung im „Goedeke“, welcher die unersetzliche Bedeutung des „Goedeke“ für
die Kinder- und Jugendbuchforschung in eindrucksvoller Weise unterstrich.
Hoffmann, Spyri und Busch wurden in seltensten Ausgaben ihrer Werke in drei
Vitrinen im Einstein-Saal präsentiert. Wer konnte nach diesen drei Stunden nicht
beglückt nach Hause gehen?
Jürgen Gottschalk

Lebensspuren Georg Hermanns. Eine Zeit stirbt
lautet der Titel des 1934 bei der Jüdischen Büchervereinigung erschienenen
Romans von Georg Hermann, den Roland Templin als Motto seines Vortrags beim
Berliner Bibliophilen Abend am 10. März wählte und der gleichzeitig als
Lebensthema des Autors gelten kann: die Vergänglichkeit allen Seins. In seinem
anregenden Vortrag mäandrierte Templin durch das bewegte Leben des heute fast
vergessenen Schriftstellers, an den man sich vor allem als Autor des Bestsellers
Jettchen Gebert (1906-1909) erinnern dürfte. Zahlreiche Exkurse – auch Antworten
auf Fragen der zahlreich erschienenen Mitglieder und Freunde des BBA – ließen
das Bild des „jüdischen Fontane“ plastisch werden. Erinnert wurde auch an sein
tragisches Ende, die Ermordung in Auschwitz, vermutlich am 19. November 1943.
Georg Hermann Borchardt wurde am 7. Oktober 1871 in Berlin als dritter Sohn in
eine großbürgerliche jüdische Kaufmannsfamilie geboren. Auch die Brüder wurden
bekannt: der eine als Architekt, der andere, Ludwig, als der Ägyptologe, der die
Büste der Nofretete ausgrub. Den wirtschaftlichen Niedergang der Familie
verarbeitete Hermann in seinem ersten Roman Spielkinder, 1897 in Fortsetzungen
in der Beilage der Braunschweigischen Volkszeitung abgedruckt. Nach einer
Kaufmannslehre hörte Hermann literatur- und kunstwissenschaftliche Vorlesungen
an der Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin. Der freie Schriftsteller trat
mit Künstlermonographien, so über Wilhelm Busch oder die Karikatur, hervor,
besonders aber mit oft autobiographisch gefärbten Unterhaltungsromanen. Aus den
niedrigen Auflagenzahlen und einigen eher verhaltenen Kritiken läßt sich
ablesen, daß seine Bücher zunächst nicht gut gingen. Der Biedermeier-Roman
Jettchen Gebert, bereits in der Vossischen abgedruckt, als Hermann noch daran
schrieb, brachte den Durchbruch. In den zwanziger Jahren wurden die beiden Bände
des Romans zum Bestseller, auch die Bearbeitung für die Bühne wurde ein Erfolg.
Hermann pflegte freundschaftliche Beziehungen zu den Schriftstellern des
Friedrichshagener Kreises, zu Theodor Fontane und Heinrich Zille. Einige seiner
Romane erschienen im Verlag von Friedrich Fontane. Aus seiner Sammlung konnte
Roland Templin Bücher mit Deckelillustrationen von Scheurich, Zille und
Liebermann zeigen. Hermanns Romane zeigen neben Berliner Zeit- und Lokalkolorit
autobiographische Züge, zum Beispiel hat Hermann seine beiden Ehen verarbeitet.
Seit 1933 im holländischen Exil, schrieb Hermann für verschiedene Zeitungen über
deutsche Literatur. Das Erscheinen seines Romans Eine Zeit stirbt erlebte der
Autor als Exilant. Das Buch wurde in Deutschland noch in vier verschiedenen
Verlagen herausgegeben, in Holland wurden ganze zwei Exemplare des Romans
verkauft! Hermanns letzter Roman Rosenemil lief ähnlich schlecht. Sein Nachlaß
wartet im Leo-Baeck-Institut auf seine Aufarbeitung.
Hermann verglich sich als Romancier gern mit Fontane, Döblin hielt er aber für
viel bedeutender als sich selbst. Roland Templin schloß den überaus
detailreichen und kurzweiligen Vortrag mit dem Ausspruch Georg Hermanns: „Am
besten wäre, man wäre berühmt und wüßte nichts davon.“
Christine Becker

Alfred T. Mörstedt im Kunstkeller Annaberg.
Auch in Annaberg-Buchholz war und ist Alfred T. Mörstedt, der 2005 achtzigjährig
verstarb, ein geschätzter Künstler, wie sich am 15. März anläßlich der Eröffnung
seiner Ausstellung im Kunstkeller erneut zeigte. Die Mörstedts hatten einst
Carlfriedrich Claus in der Johannisgasse besucht und kannten auch den Annaberger
Arzt und Kunstfreund Dr. Karl Fritz und dessen Sammlung. Die Ausstellung im
Kunstkeller, die bis zum 12. Mai zu sehen war, zeigte Collagen, Radierungen und
Lithographien aus dem Nachlaß. Eine große Werkschau des Erfurter Künstlers war
2006 auch in der Burg Beeskow zu sehen. Mörstedt sagte von sich, er sei „in der
Nachfolge des Bauhauses groß geworden und habe die Formenlehre Paul Klees
überzeugend gefunden wie nichts sonst.“ Und er bestand darauf, daß Kunstgenuß
nicht „ohne Mühe“ zu haben sei.
U. Lang

Briefe von Galilei bis Einstein aus der
Sammlung Ludwig Darmstaedter. Die Staatsbibliothek zu Berlin stellte vom 22.
Februar bis 12. April im Haus Potsdamer Straße 60 Stücke aus der hochbedeutenden
Autographensammlung des Chemikers und Historikers der Naturwissenschaften Ludwig
Darmstaedter (1846-1927) aus. Die Sammlung wurde im Jahre 1907, also vor
reichlich 100 Jahren, der Bibliothek geschenkt mit der Auflage, sie weiter zu
ergänzen. Bis zum Jahr 1943 kamen ständig neue Stücke in die Sammlung, die
Bibliothek hatte für die Bearbeitung eigene Mitarbeiter angestellt.
Bei den ausgestellten Stücken handelt es sich meist um Briefe bedeutender
Naturwissenschaftler aus dem 16. bis 20. Jahrhundert. Als Darmstaedter die
Sammlung anlegte, war dieses Sammelgebiet noch relativ selten, die Autographen
waren erschwinglich. Man staunt, wie billig damals so eine Handschrift erworben
werden konnte. Im Zweiten Weltkrieg war die Sammlung in das Kloster Banz
ausgelagert worden und überdauerte dort ohne Verluste. Sie kam dann an die
Westdeutsche Bibliothek und die Staatsbibliothek – Preußischer Kulturbesitz, ein
Katalogschrank befand sich aber in der Deutschen Staatsbibliothek Unter den
Linden. Im Jahre 1992 wurden beide Teile wieder vereinigt. Vereinzelt enthält
die Sammlung auch Briefe von Nichtnaturwissenschaftlern, so von Thomas Mann und
Max Liebermann.
Die Ausstellung und der Katalog wurden von großzügigen Sponsoren ermöglicht, von
denen nur die B. H. Breslauer Foundation, New York und der Verein der Freunde
der Staatsbibliothek zu Berlin e.V. genannt seien. Die einzelnen Schaukästen
wurden von Paten gefördert. Der Katalog enthält mehr als 60 Kunstdrucktafeln in
hervorragender Qualität, etwas verkleinert, dazu verschiedene einleitende
Aufsätze von Mitarbeiterinnen der Bibliothek. Ein Aufsatz über Darmstaedter
wurde von Ulrich Ballert, seinem Urenkel, beigesteuert. Die Bücherfreunde müssen
dafür dankbar sein, daß so eine großartige Ausstellung mit so einem schönen
Katalog zustande gekommen ist: Sternstunden eines Mäzens. Briefe von Galilei bis
Einstein aus der Sammlung Ludwig Darmstaedter. Eine Ausstellung der
Staatsbibliothek zu Berlin. Berlin: Staatsbibliothek zu Berlin -Preußischer
Kulturbesitz, 2008. 175 S., brosch.,8°. 15 Euro. ISBN 978-3-88053-149-9.
Michael Schädlich

Neue Jüdische Miniaturen. Die seit 2001 im
Verlag Hentrich & Hentrich erscheinende und von Hermann Simon und der Stiftung
Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum herausgegebene verdienstvolle
Taschenbuchreihe Jüdische Miniaturen – Spektrum jüdischen Lebens (vgl. Bernd
Illigner in MARGINALIEN 184, 2006) S. 95-96) ist inzwischen auf 70 Bändchen
angewachsen. Im letzten Jahr erschienen zwei bemerkenswerte Porträts von
hervorragenden Philologen des 19. und 20. Jahrhunderts, die für Bücherfreunde
von besonderem Interesse sind. In Band 53 porträtiert die Berliner Orientalistin
Petra Figeac den Begründer der wissenschaftlichen hebräischen Bibliographie
Moritz Steinschneider (1816-1907, während in Band 63 Christine M. Kaiser den
Lebensweg der ersten Germanistikprofessorin Deutschlands, Agathe Lasch
(1879-1942), minutiös nachzeichnet. Bei aller Verschiedenheit der Zeiten und
Orte ihrer Entwicklung fällt doch eine Reihe von Gemeinsamkeiten des Schicksals
dieser beiden außergewöhnlichen Persönlichkeiten auf: der unbändige Drang nach
Bildung und Wissensaneignung bei offensichtlich vorhandener Begabung, die
massive Behinderung der Juden beziehungsweise der Frauen, die zum Ausweichen in
andere Länder zwang; die schlecht bezahlten Tätigkeiten in niederen
Anstellungsverhältnissen oder Privatstundengeberei und schließlich die langsam
errungene Anerkennung und Hochschätzung der wissenschaftlichen Leistungen durch
die Fachwelt. Die Hauptleistungen Steinschneiders hat Dieter Schmidmaier bereits
(in Marginalien, H. 186, 2007, S. 105) genannt. Den dornenvollen Weg seiner
Lebensstationen bis zur späten Huldigung durch Adolf von Harnack schildert Petra
Figeac in dem mit etlichen Faksimiles ausgestatteten Bändchen einfühlsam nach.
War es beim mährischen Steinschneider sein Judentum, das seinen Weg als
Wissenschaftler in der K.u.K. Monarchie behinderte, so war es bei der Berlinerin
Agathe Lasch das weibliche Geschlecht, das ihr das Studium und die weitere
Qualifizierung als Germanistin verwehrte. Professor Gustav Roethe duldete eben
keine „Weiber“ in seinen Vorlesungen! Aber bei Wilhelm Braune in Heidelberg
konnte sie 1909 über die Berliner Schriftsprache bis zum 16. Jahrhundert
promovieren und sich dann immer mehr auf das Niederdeutsche spezialisieren. Nach
sechs Jahren in Pennsylvania bildeten die Jahre ab 1917 in Hamburg den Höhepunkt
ihrer wissenschaftlichen Laufbahn. Ihre Berlinische Sprachgeschichte von 1928
wurde allgemein begrüßt, doch ab 1933 wurde ihre jüdische Herkunft plötzlich
relevant und führte 1942 zum anonymen Vernichtungstod bei Riga. Die Geschichte
ihrer von der Gestapo beschlagnahmten Fachbibliothek wäre ein eigenes Kapitel
wert. Neue Forschungsergebnisse zum Verbleib sollen 2008 veröffentlicht werden.
Ein Exlibris aus früheren Jahren ist abgebildet. Noch eine Gemeinsamkeit
verbindet diese beiden von den Fachkollegen so hoch geschätzten Gelehrten: Bei
aller Spezialisierung sahen sie immer auf die historischen Zusammenhänge,
betrachteten ihr spezielles Fachgebiet als Teil einer umfassenden
Kulturgeschichte. Die bescheidenen Bändchen dieser Miniaturen-Reihe bergen eine
Fülle von Menschenschicksalen, sind sorgfältig recherchiert und mit Quellen- und
Literaturangaben versehen.
K. Hawlitzki

Susanne Janssens Hänsel und Gretel. Schon
ihr Rotkäppchen (München: Carl Hanser, 2001) war ein Märchenbuch-Ereignis.
Hänsel und Gretel (Rostock: Hinstorff, 2007) ist es auch. Ein stattlicher
Quartband, durchgehend farbig illustriert, darunter 15 doppelseitige
Illustrationen, zeigt auf dem Einband Hänsel und Gretel, zwei anrührend
(träumende?) Kindergesichter, keine Märchenfiguren. Allein schon damit ist
signalisiert, daß Susanne Janssen (Jahrgang 1965, Schülerin von Wolf Erlbruch )
wiederum den „Rahmen der bekannten Märchenillustrationen sprengt“. In
bezwingender Farbdynamik – leuchtende Rots, mannigfache Schattierungen des
Schwarz und lichtes Weiß herrschen vor – wird eine suggestive Traumatmosphäre
beschworen, werden Stimmungen gezaubert, ambivalente Gefühle aufgerufen,
Situationen und Figuren hintergründig erfaßt, wird der Text rätselhaft
begleitet, überlistet, auch verfremdet. Er erzählt das Grimmsche Märchen in der
Fassung von 1819. Der Betrachter gerät mit den Kindern von Seite zu Seite in und
durch eine schaurig-schöne Düsternis, den „Hexenwald“. Wie hier der Mond
scheint! Und ein weißes Vögelchen irritiert, das doch gerade eben noch als
Bettuch aus einem Fenster des elterlichen Hauses flatterte?! Und das
Knusperhäuschen ist gar kein Knusperhäuschen, vielmehr die verfremdete Kulisse
des Elternhauses, die sich dann en miniature auch als Backofen entpuppt, in den
Gretel unter äußerster Anstrengung die Hexe befördert. Also gar kein langes
Umherirren im Wald, dafür assoziative Traumbilder erlesener Ästhetik,
handwerklich aufwendig gearbeitet, durchsetzt mit Erinnerungen, Wünschen,
Bedrängung, Ängsten und Mutproben …
Die Eltern, übergroß im Bild, hintergehen die Kinder. Selbst hilflos arm, wirkt
der leidende Holzhacker neben seiner versteinert blickenden Frau ausgeliefert
und schwach. Die verlassenen Kinder sind ganz auf sich gestellt und müssen den
Weg ins Leben, ins Ungewisse, allein antreten. Sie tun dies reinen Herzens –
viel Weiß ist ihnen zugeordnet –, voller Gewißheit und Entschlossenheit, „nach
Hause“ zu finden. Aber im Hexenwald ist das schwer. Schon des Jägers
treffsicherer Pfeil in das glühende Herz des stattlichen Hirsches gleich zu
Beginn, sodann das bedrohlich schimmernde Getier, schrullige Käfer und Falter
mit imposant monströsen Fühlern, großäugige Robotervögel mit scharf
geschliffenen roten Schnäbeln, auch kahles Geäst und seltsam übergroße Gräser
markieren unheilvolles Terrain, aus dem schließlich die Hexe in verräterischer
Eleganz, Verlockung in persona, hervortritt und schockiert. – Susanne Janssen
meidet die Distanz. Sie konfrontiert den Betrachter, auch den kindlichen,
unmittelbar selbst mit Schreckbildern, wenn sie einleuchten. Bestürzende
Aktualität teilt sich mit, ich denke, durchaus auch schon Kindern. Der
Märchentext ist tiefgründig ausgeleuchtet und aller „Kieselsteinchen“ entledigt.
So haben wir eine faszinierende assoziationsreiche Bildgeschichte zwischen
Alptraum und Wirklichkeit vor uns, das Märchen ist ja längst nicht mehr nur ein
Märchen.
Aber da ist doch Hoffnung! Das furiose Eingangsbild korrespondiert wunderbar mit
dem heiteren Glanz des Schlußbildes, in dem alles Böse aufgelöst erscheint.
Hänsel beäugt neckisch eine prächtige weiße Ente, die zum „anderen Ufer“ tragen
wird, und ein edler Goldfisch schwimmt gefahrlos im Fluß. Der Bann ist
gebrochen! Der Hexenwald ist überwunden.
Ein verstörenderregendes Märchenbuch der Extraklasse. Sammelwürdig wie die
anderen Bücher der Susanne Janssen auch.
Ursula Lang

Hirschs verschlüsselte Botschaften in Berlin. Das
Museum für Kommunikation in Berlin veranstaltet vom 4. April bis 15. Juni eine
Ausstellung zum 70. Geburtstag von Karl-Georg Hirsch. Hier sind zwei graphische
Zyklen zu sehen: Cor/Art/Orium, eine Reihe von Einblattdrucken, die Hirsch
zusammen mit der Autorin Kerstin Hensel herausgegeben hat, und die Bagatellen,
eine lose Folgen von graphischen Kommentaren zum Zeitgeschehen. Zur Ausstellung
erschien ein sehenswerter Katalog: Verschlüsselte Botschaften. Texte von
Lieselotte Kugler, Kerstin Hensel und Gundula Klein. Gestaltung von Matthias
Gubig. Berlin: Museumsstiftung Post und Telekommunikation, 2008. 95 S., zahlr.,
meist farb. Abb. Br. gr.-8°. 22,80 Euro. Nur zu beziehen beim Museum für
Kommunikation, Leipziger Straße 16, 10117 Berlin, E-Mail: mk.berlin@mspt.de.
CorArtOrium wurde im Leipzig der achtziger Jahre entwickelt und von den beiden
Herausgebern im Eigenverlag hergestellt und vertrieben. Nach der Wende setzte
der Verlag Rütten & Loening die Edition drei Jahre fort, bis sie in den Wirren
nach einem Wechsel der Geschäftsführung eingestellt wurde, ehe die anvisierte
Zahl von 50 Blatt erreicht war. Gemeinsam wählten Hensel und Hirsch Texte von
Lyrikern aus, die sie von Künstlern graphisch in Szene setzen ließen. Hensel
erzählt im Katalog von ihrer Bekanntschaft mit Hirsch Anfang der achtziger Jahre
und dem gemeinsamen Entschluß, „dem Dummen, Verquasten, Verlogenen, Angepassten,
Hingeschluderten, vor allem dem aufgekommenen Militärischen“ in Bild und Wort
entgegenzutreten. Herausgekommen ist eine eindrucksvolle Bildwelt vom Ende der
DDR. – Hirschs eigener Zyklus Bagatellen umfaßt einen weit längeren Zeitraum und
reicht vom Jahr 1979 bis in die Gegenwart. Die kleinformatigen Blätter hat der
Künstler zunächst nur für Freunde und Sammler gestochen und gedruckt, nimmt mit
ihnen gleichwohl energisch zum Tagesgeschehen Stellung. Das Leiden an der Zeit
und die sarkastische Auseinandersetzung mit ihr wurden charakteristischerweise
durch die Zeitenwende nicht unterbrochen, wie auch ein stilistischer Wandel
schwer auszumachen sein dürfte. „… das Leichte und Humoristische, das sonst in
Hirschs Werk auch zu finden ist“, fehlt hier, wie Lieselotte Kugler beobachtet.
In Ausstellung und Katalog kann der gezeichnete Entwurf mit dem fertigen Stich
verglichen werden. Schon wegen der Abbildungen der seltenen Blätter lohnt es
sich, den Katalog zu erwerben. Die Edition CorArtOrium stammt aus dem Besitz von
Rosemarie und Joachim Bartels, die Bagatellen vom Künstler selbst.

Hirsch in Pettenbach und Potsdam. In Pettenbach im
oberösterreichischen Almtal gibt es seit 1992 das Schrift- und Heimatmuseum
Bartlhaus (www.schriftmuseum.at), das sich der Kalligraphie und Exlibriskunst
verschrieben hat. In seinem Exlibriskabinett findet vom 16. April bis 22. Juni
eine Ausstellung mit Graphik, Exlibris und bibliophilen Büchern statt. Die
Exponate stammen sämtlich von unserem Pirckheimer-Freund Dr. Peter Labuhn
(Stendal), während die Ausstellung von Ottmar Premstaller (St. Georgen/Gusen)
ausgerichtet und eröffnet wurde. Am 17. Mai war Karl-Georg Hirsch mit dem
Sammler zu Gast in Pettenbach. Erst im letzten Heft der MARGINALIEN erschien ein
Aufsatz über Hirschs Exlibris-Folgen von Labuhn, der auch Eigner mehrerer
Hirsch-Exlibris ist und sich an den Buchausgaben der Folgen maßgeblich beteiligt
hat.
Zu den Jubiläumsaktivitäten gehört weiter eine bemerkenswerte Ausstellung, die
vom 7. Mai bis 14. Juni in der Landesbibliothek Potsdam zu sehen ist. Sie trägt
den Titel Skurril und provokant. Karl-Georg Hirsch – Exlibris und Bücher mit
Originalgraphik und ist ausschließlich mit Exponaten aus der Sammlung des
Pirckheimer-Freundes Gerhard Rechlin (Potsdam) bestückt. Rechlin gehört zu den
konsequenten Sammlern, die auf ihrem Gebiet Vollständigkeit anstreben. Seit
vielen Jahren schürft er in den Tiefen der Antiquariate und inzwischen auch des
Internets nach Unbekanntem und Verschollenem von Hirsch. Auch er gehört zu den
Exlibris-Freunden, die sich durch Aufträge an den großen Exlibris-Zyklen von
Hirsch beteiligt haben. Eine Auswahl der schönsten Stücke aus seiner Sammlung
ist jetzt in Potsdam zu sehen. Wie in Berlin war die Künstler-Freundin Kerstin
Hensel bei der Eröffnung in Potsdam anwesend und las aus eigenen Werken.

Die Hirsch-Bibliographie – Teil II
erschienen. Zu den unverzichtbaren Hilfsmitteln für den Hirsch-Sammler gehört
die Bibliographie von Herbert Kästner und Hiltrud Lübbert. Sie ist zum Jubiläum
um einen zweiten Band erweitert worden: Karl-Georg Hirsch. Das buchgraphische
Werk. Teil II 1996 bis 2007. Eine Bibliographie von Herbert Kästner und Hiltrud
Lübbert. Mit einem Text von Manfred Jendryschik. Gestaltung von Gert Wunderlich.
Rudolstadt: burgart-presse, 2008. 120 S., ca. 100 Abb. Pp. 4°. Aufl.: 330 Expl.
Alle Exemplare sind vom Künstler signiert. Die Ausgabe A: Exemplare 1-30,
Kassette mit 25 sign. und num. Originalholzstichen unter Passepartout (Arbeiten
aus den Jahren 1963 und 2004), Buchausgabe in Halbpergament, kostet 1200 Euro. /
Die Ausgabe B: Exemplare 31-60, Halbpergamentband mit einem zusätzlichen, eigens
für diese Ausgabe geschaffenen Acrylstich, im Schuber, 120 Euro. / Die Ausgabe
C: 270 nicht numerierte Exemplare, Pappband, 60 Euro. Zusätzlich lieferbar ist
ein von Karl-Georg Hirsch gestalteter Schuber für beide Bände der Bibliographie
(40 Euro).
Nach den gleichen Prinzipien wie im ersten Band ist im Buch der seit 1996
erschienene Teil des buchkünstlerischen Œuvres akribisch verzeichnet, mit allen
Varianten und Vorzugsausgaben. Die Gestaltung von Umschlägen und Einbänden ist
ebenso erfaßt wie die Bücher, für die Hirsch Bildbeigaben zur Verfügung gestellt
hat. Der Bibliographie vorangestellt ist ein eigens für diesen Band
geschriebener Text von Manfred Jendryschik, auf den wiederum Karl-Georg Hirsch
mit begleitenden Zeichnungen reagierte. Fortgeschrieben ist auch die
Auswahlbibliographie, die Veröffentlichungen über das Werk des Künstlers
verzeichnet. Die abschließenden Autoren- und Titelregister sind kumulierend
angelegt, so daß beide Bände der Bibliographie gleichzeitig erschlossen werden
können. Das Buch ist erhältlich bei burgart-presse Jens Henkel, Mörla Nr. 45 A,
07407 Rudolstadt, Tel.: 03672-412214, henkel@burgart-presse.de.

33 Glückwünsche für Karl-Georg Hirsch. Der Leipziger
Bibliophilen-Abend hat zum 70. Geburtstag von Karl-Georg Hirsch eine Mappe
herausgegeben, die Glückwünsche von 33 Autoren und Künstlern enthält. Die
Autoren sind Matthias Biskupek, Thomas Böhme, Volker Braun, Günter Coufal, Peter
Gosse, Ralph Grüneberger, Kerstin Hensel, Manfred Jendryschik, Herbert Kästner,
Günter Kunert, Richard Pietraß, Thomas Reche, Hubert Schirneck und Kathrin
Schmidt. Die Graphiken stammen von Ulrich Hachulla, Bettina Haller, Bernhard
Heisig, Egbert Herfurth, Rolf Kuhrt, Kurt Löb, Reinhard Minkewitz, Thomas
Matthaeus Müller, Stefanie Schilling, Richard Schmiedel, Katrin Stangl, Volker
Stelzmann, Steve Viecenz, Kay Voigtmann, Klaus Waschk, Newena Wendt, Volker
Wendt sowie Baldwin Zettl. Die Gestaltung besorgte André Grau, die Kassette
entwarf Gert Wunderlich, der darüber hinaus mit einem typographischen Blatt
vertreten ist. Sämtliche Beiträge sind von den Beteiligten signiert. Die Auflage
beträgt 100 Exemplare, von denen nur 50 Exemplare in den Handel gelangen.
Bestellungen richten Sie bitte an den Leipziger Bibliophilen-Abend, Herbert
Kästner, Philipp-Rosenthal-Straße 66, 04103 Leipzig. Der kleinen Auflage wegen
können diese nur nach Datum des Posteingangs bearbeitet werden.

Hirsch in der schPeZi-Presse Nürnberg. Der
Pirckheimer-Freund Peter Zitzmann betreibt in Nürnberg die schPeZi-Presse, in
der zum Jahreswechsel ein zweites Buch von Karl-Georg Hirsch erschienen ist:
Günter Coufal. Die Statue. Mit 14 Originalholzschnitten. 4°. Auflage: 90
Exemplare. Die Normalausgabe kostet 220 Euro, die Vorzugsausgabe mit einem
zusätzlichen Farbholzschnitt 250 Euro. Auch der frühere Druck Zwei 1 mit einem
Text von Ingo Cesaro und drei Originalacrylstichen von Hirsch ist noch lieferbar
(Preis 77 Euro, für die Vorzugsausgabe mit zusätzlichem Acrylstich 110 Euro).
Dabei handelt es sich um eine raffiniertes dreieckiges Faltbuch. Zitzmann stellt
alle Bücher in Handsatz und Buchdruck selbst her und läßt die Bücher von Hand
binden. – Zum neuen Programm gehören auch zwei typographisch schön gestaltete
Drucke: ein Kafka-Leporello im Quartformat und ein Künstlerbuch für Freunde
eines deutschen Dialekts Dübbisch frängisch. Näheres zu erfragen bei der
schPe-Zi-Presse, Thuisbrunner Straße 14 a, 90411 Nürnberg, Tel.: 0911-525552.

Ein Alphabetbuch von Matthias Gubig.
Alphabetbücher haben eine lange Tradition, die vom Schulbuch bis zum Malerbuch
reicht. Gubigs Buch, ein Pressendruck, übernimmt viele Elemente von der Fibel:
Reime rund um unsere 26 Buchstaben, in denen elementare Wörter mit dem
entsprechenden Anfangsbuchstaben aufgegriffen oder bei Gubig auch Besonderheiten
der Lettern spielerisch umschrieben werden, sowie eine Folgen von 26
Verbildlichungen. Die Reime, Zwei- und Vierzeiler, stammen von Gubig selbst, der
damit Witz und poetischen Sinn beweist. Die Bilder sind fast Dramoletts, die mit
dem Vers korrespondieren oder ihn skurril zuspitzen. Beim Buchstaben o heißt es
etwa: „durchsuch die bücher, noch und noch, / in jedem o ist je ein loch!“ Und
auf dem Bild sieht man einen fröstelnden Leser, in ein Buch vertieft, Richtung
Loch im o wandeln, wo bereits ein anderer verschwindet. Zum l heißt es: „l ist
ziemlich längelich – im gelände nur ein strich, / trägt es keinerlei serif, /
erscheint es reichlich primitiv.“ Zu sehen ist ein schlichter Strich neben einem
stattlichen Fraktur-l und je einer menschlichen, tierischen, pflanzlichen und
metallischen Variante – alle im Gelände Schatten werfend. Der Quartband mit dem
Titel es war einmal ein alfa-b … erscheint in der Reihe Spätdruck im
Selbstverlag des Künstlers, der auch den Text und die 26 Originalacrylstiche
selbst druckte. Den mit Büttenpapier überzogenen Handeinband fertigte Michael
Knop. Fein abgestimmt sind auch die Farben: ein helles Grün für den Einband, ein
mattes Grau für den Schuber, ein kräftiges Rot für den Vorsatz, ein gelbliches
Rot für die mit Holzlettern gedruckten 26 Buchstaben der Bildfolge. Am
Seitenschnitt des Blockbuches bilden die über den Falz der Doppelblätter
gedruckten Buchstaben unterschiedlich lange Striche, die ihrerseits eine
steigende Ebene schaffen – ein schön anzuschauender ornamentaler Schmuck, über
dessen Sinn man meditieren kann. Das Buch in einer Auflage von 44 Exemplaren ist
zum Preis von 220 Euro beim Künstler selbst zu beziehen: Prof. Matthias Gubig,
Bayrischer-Wald-Straße 13, 15827 Blankenfelde.

Ein Künstlerbuch und eine lyrische Reportage aus
Tibet von Wolfgang Windhausen. Von dem Duderstädter Autor und
Menschenrechtsaktivisten Wolfgang Windhausen (wolfg1windhausen@aol.com) ist in
der Bochumer Edition Wort und Bild in der Reihe Bibliophile Künstlerbücher, der
vierte Band erschienen. Eine illustere Schar von Künstlern, schuf
originalgraphische Beiträge zu Gedichten des Lyrikers. Der Band mit dem Titel
Vorboten eines Erinnerns enthält eine Radierung von H D Gölzenleuchter, der auch
den Einbandholzschnitt arbeitete, ein Originalfoto von Harald Hauswald, einen
zweifarbigen Siebdruck von Gerda Lepke, eine Radierung von Harald Metzkes, einen
handkolorierten Druck von Ronald Paris, eine Radierung von Dagmar Ranft Schinke,
eine handkolorierte Radierung von Volkmar Schulz Rumpold, eine farbige Zeichnung
/ Collage von Kay Voigtmann und einen Druck mit Schablonenzeichnung von Louvada
Yang – alle Arbeiten sind von den Künstlern signiert und zum Teil numeriert –
sowie einen Druck der letzten Lithographie (Selbstportrait aus dem Nachlaß) von
Wolfgang Mattheuer. Das Buch ist in einer Auflage von 25 Exemplaren erschienen
und kostest 260 Euro.
Monate vor dem jüngsten Aufstand in Tibet reiste Windhausen zum Dach der Welt,
um die Kultur und Menschenrechtssituation der Tibeter näher kennenzulernen. Als
Ergebnis entstand die lyrische Reportage Aufstieg nach Tibet, die der Autor mit
eigenen Fotos versah und in einfacher Form reproduzierte. Wie das bibliophile
Künstlerbuch ist der Pappeinband mit einem Originalholzschnitt von H D
Gölzenleuchter eingebunden. Ein signiertes Originalfoto Morgenstimmung am
Barkhor in Lhasa/Tibet liegt bei. Das Buch kann gegen eine Spende von 20,- Euro
für ein Kinderheim für Tibetische Flüchtlingskinder in Dharamsala, beim Autor
bezogen werden.

Antiquariatskataloge im 19. Jahrhundert.
Anläßlich der diesjährigen Antiquariatsmesse in Stuttgart veranstaltete der
Verband Deutscher Antiquare e.V. unter dem Titel Von Schätzen & Scharteken eine
Ausstellung mit Antiquariatskatalogen des 19. Jahrhunderts, zu der ein
gleichnamiger Katalog erschienen ist. Die Broschur ist reich bebildert und in
der Gestaltung von Friedrich Pfäfflin gut anzusehen. Die Ausstellung beruhte auf
der Sammlung des Münchner Buchhistorikers und Vorsitzenden der Gesellschaft der
Bibliophilen Reinhard Wittmann, der auch den mit einem Vorwort von Eberhard
Köstler versehenen Katalog verfaßte. In seiner profunden Einführung beklagt
Wittmann das Fehlen einer Antiquariatsgeschichte und bietet sogleich einen Abriß
bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, der Blütezeit des deutschen Antiquariats,
den mancher Bücherfreund vielleicht sogar für ausreichend halten wird. Den
Aufschwung des Antiquariatskatalogs im 19. Jahrhundert leitet der Autor
einerseits aus dem wachsenden Angebot infolge der Auflösungen von Adels- und
Klosterbibliotheken und anderseits aus der zunehmenden Nachfrage durch das
wachsende Bildungsniveau her. Das Angebot bis hin zu unwahrscheinlich vielen
Inkunbabeln war atemberaubend, ohne daß die Kundschaft sich dessen bewußt war.
Das Preisniveau dem Überangebot entsprechend niedrig. Das Ansehen des
Berufsstandes wuchs erst allmählich. In großem Umfang war der Handel noch in der
Hand von „Büchertrödlern, -hökerern und -tandlern, die ihre Ware auf Karren und
in Fässern feilboten“. Daß eine Reihe von Firmen auch heute noch klangvolle
Namen hat, liegt nicht zuletzt an den von ihnen hinterlassenen Katalogen: „Für
Normalsterbliche von bleierner Langweiligkeit, sind sie für hartgesottene
Bibliomanen eine faszinierende Lektüre.“ Gestaltung und Druck waren meist
anspruchslos, Wittmann kann jedoch manches ansehnliche Stück abbilden.
Informativ sind auch die firmengeschichtlichen Notizen zu Johann August Gottlob
Weigel (Leipzig), dem „frühesten deutschen Antiquar im modernen Sinn“, Heinrich
Kaspar Joseph Lempertz (Köln), Joseph Baer (Frankfurt/Main) und anderen. Das
Buch kostet inklusive Versand 18 Euro und kann bezogen werden bei der
Geschäftsstelle des Verbandes Deutscher Antiquare, Norbert Munsch, Seeblick 1,
56459 Elbingen, buch@antiquar.de.

Der Spanische Bürgerkrieg in einem
Antiquariatskatalog. Über das Aussterben des traditionellen
Antiquariatskataloges im Internetzeitalter ist viel lamentiert worden. Eine
Chance für seine Erhaltung liegt sicher im thematischen Spezialangebot. Das
Berliner Prometheus Antiquariat von Heiko Schmidt hat jetzt einen zweiten
Katalog zu einem seltenen Thema vorgelegt: Die Freiheit fällt nicht vom Himmel.
Fundstücke aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Vorgestellt werden darin 272 Bücher,
Broschüren, Zeitschriften, Zeitungen, Flugblätter und vereinzelt auch
Autographen – allesamt von großer Seltenheit. Der Antiquar hat die Fundstücke
aus vielen Quellen zusammengetragen und dafür dem Vernehmen nach manche Reise
unternommen. Inhaltlich wird der Bogen gespannt von der Vorgeschichte der
Revolution über die Volksfront, den Putsch und den Bürgerkrieg bis hin zur
ersten Phase des Nachlebens der Volksfront in den Erinnerungen der
Davongekommenen in den Jahren 1939/40. Der Schwerpunkt der Auswahl liegt auf
fremdsprachigen Publikationen, die jedoch durchgängig optisch so reizvoll sind,
daß sie auch für den der fremden Sprache Nichtkundigen reizvoll sind. Schmidt
hat die Drucke großteils abgebildet und noch dazu durchgängig in Farbe. Er
liefert zugleich einen Abriß des Bürgerkrieges und der Buchgeschichte dieser
Zeit. Eingeschlossen darin sind Beobachtungen zur Buchgestaltung und Ausführung
zu einigen Graphikern. Zudem gibt es Exkurse zu einzelnen Aspekten von
Historikern, Literaturwissenschaftlern und dem Zeitzeugen Hans Landauer. Des
bleibenden Wertes seiner Publikation bewußt, hat Schmidt das Buch von Franz
Heidl (Berlin) professionell gestalten lassen und die Zustandsbeschreibungen und
Preisangaben aus dem Buch ausgeklammert und auf einer Liste lose beigelegt. Der
Katalog mit der ISBN 978-3-00-024106-2 kann zum Preis 15 Euro in jeder
Buchhandlung oder beim Prometheus Antiquariat (Wrangelstra0e 48, 10997 Berlin,
www.prometheus-antiquariat.de) bezogen werden.
C. W.
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