Zeichensetzer
Ausstellung in Augsburg: »Brecht in der Buchkunst und Graphik«
Von
Harald
Kretzschmar
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»Herr Keuner und der Tod«, Radierung von Dagmar Ranft-Schinke
(2004) |
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Jahrhundertfigur Bertolt Brecht. Der sich da selbstgefällig als b.b.
klein machte, war früh ein Phänomen. Ehe er vielen zum künstlerischen
Ereignis wurde, erschien er manchen bereits als menschliche Katastrophe.
Vor der Zeit sah er sich selbst genialisch. Und dichtete schlicht.
Einfach ergreifend. Bitteschön, unter Genies gibt es so etwas wie eine
raffinierte Simplizität. Die hatte er von Anbeginn an. Er musste nur
seinen unverkennbaren Rundkopf hinhalten, da begeisterte er die einen
und entsetzte die anderen. Er brauchte nur einige Sätze (die er
»Vorschläge« zu nennen liebte) hinwerfen, schon stürzte die Meute drauf
und die Welt ein.
Bekanntlich hat sich die Kunstwelt von solcherlei Einstürzen immer
schnell erholt. Brechts Image strahlte immer wieder kraft seiner Verse
und Stücke. Und der Vorwurf, er habe Anregungen von jedermann und vor
allem jederfrau schamlos benutzt, ist schnell mit einem Hinweis
entkräftet: Keiner hat selbst aus so voller Seele andere angeregt zu
schöpferischen Leistungen wie gerade dieser Meister aus Augsburg.
Seine von ihm stets sehnsuchtsvoll beschworene, lange seltsam undankbare
Vaterstadt richtet ihm jetzt eine Ausstellung aus. Sie nun beweist
geradezu umwerfend überzeugend die Ausstrahlung des b.b. auf bildende
Künstler aller Couleur. Welche immense Wirkung im Bildkünstlerischen!
Wer hat ihn nicht alles porträtiert. Allein das würde eine komplette
Schau füllen. Diese aber heißt »Brecht in der Buchkunst und Graphik«.
Sie umfasst zum kleineren Teil einen Bestand der Stadt- und
Staatsbibliothek Augsburg und zum größeren die Sammlung des Volkmar
Häußler aus Jena. Und zeigt im Original freie Zeichnungen und
Illustrationen sowie Druckgrafik zu Brecht. In den Vitrinen finden wir
eine Auswahl der Buchpublikationen mit Illustrationen: Brechts Texte,
fantasievoll bebildert, geistreich pointiert im Grafischen fortgesetzt.
Geradezu uferlos offenbart sich eine immense Vielfalt der zeichnerischen
Handschriften. Die Gestaltungsmittel waren im Gegensatz zu denen der
Brechtbühne immer völlig frei und ungebunden. Realistische Werktreue
oder abstrakte Überhöhung – das war nie die Frage.
Zum Glück kann gerade hier die immer wieder kolportierte lachhafte
Behauptung widerlegt werden, Brecht sei in der DDR nie angekommen: Was
war es, das der Jenenser Glasingenieur
Häußler seinerzeit seiner zu
Brecht forschenden Frau zuliebe zu sammeln begann? Es war ausschließlich
in jenem Land geschaffen und publiziert. Dessen künstlerisches Biotop
hatte seine Wurzeln durchaus in Brechts Gedankengut. Max Schwimmer und
Fritz Cremer, Arno Mohr und Gabriele Mucchi, Heinz Zander und Bernhard
Heisig stehen für freie grafische Umsetzungen Brechtscher Texte. Und
Elizabeth Shaw und
Werner Klemke, Klaus Ensikat und Hans Ticha, Albrecht
von Bodecker und Horst Hussel – wer will seine DDR-Illustratoren weiter
aufzählen? Denn das sind nur die klingenden Namen. Kaum ein
Zeichenmeister ließ die Chance aus, wenigstens einen Mackie Messer oder
eine Courage, einen Baal oder eine Seeräuberjenny aufs Papier zu bannen.
Eine gesamtdeutsche Gemeinsamkeit ist wiederum, dass so viele vorher
fast namenlose Talente über sich selbst hinauswuchsen, als sie zu Brecht
arbeiteten. Das ist bei Heinz Lanzendorf in Werdau nicht anders gewesen
als bei Annette Ziegler in Karlsruhe. So wie einst die Hurwicz und die
Reichel mit Rollen wie der Grusche und der Shen Te erst zu bedeutenden
Darstellerinnen wurden, fanden Ta- deusz Kulisiewicz in Krakau und
Karl-Georg Hirsch in Leipzig zu einzigartiger grafischer Bildsprache
erst mit Brechtschen Gestalten.
Die da überkorrekt oder eben nur mit scheelem Blick herumkritteln,
vergessen leicht, wie sehr dieser b.b. ein Schöpfer von prägnanten
Bühnenfiguren war. Mit Versen modelliert, einladend zum Verkörpertwerden.
Oder eben zum Gezeichnetwerden. Hat er denn nicht mit seinen
Stück-Entwürfen Zeichen auch für Zeichner gesetzt, welche Bühnenfiguren
in grafische Chiffren zu übersetzen vermochten? Die Jugendfreundschaft
mit Caspar Neher, dem Bildner seiner ersten Bühnen, prägte sein
optisches Vorstellungsvermögen enorm. So wie die aggressive Rhythmik des
frühen Kurt Weill seine Musikalität ein für allemal bestimmte. Seine
Gestalt und seine Gestalten waren und sind Futter für zeichnende
Satiriker. Und von denen wimmelte dieses realsozialistisch karge Land,
das dem Mann »aus den schwarzen Wäldern« zu Füßen lag. Ob es seinen
Großkopfeten passte, oder nicht.
Dass in seiner süddeutschen Heimat in den Jahren finsterer Ignoranz
immer für und mit ihm gestritten wurde, dafür standen wiederum die fast
vergessenen Zeichner der Münchner Künstlergruppe »Tendenzen«. Carlo
Schellemann und Guido Zingerl, Jörg Scherkamp und vor allem Eberhard
Dänzer interpretierten ihn grafisch, während Brechttochter Hanne Hiob
das darstellerisch tat. 1963 konnte der Augsburger Scherkamp seinen
Bibliotheksdirektor zur Gründung einer Brechtsammlung bewegen. Und der
Stadtrat hat seinen Segen dazu gegeben. Dadurch und mit Hilfe der
tatkräftigen »Ostförderung« durch den Privatsammler aus Jena wurde nun
das Ereignis dieser Schau möglich. Eine Nagelprobe für die Augsburger
Bürger, ob sie nun Brecht-Fans geworden sind – oder nicht.
Bislang pilgern mehr Leute von weiter her in die Toskanische Säulenhalle
im alten Zeughaus der Stadt. Ob die Einheimischen bis 3.9. noch merken,
dass ihre Stadt den Berlinern damit bereits den Rang abläuft, die 1998
eine viel weniger anschaulich-opulente Brecht-Schau veranstalteten? Am
Eingang grüßt Herbert Sandbergs Brechtporträt von 1958 neben Ilse
Schreiber-Nolls »Bertolt-Brecht-World« vom Jahr 2000. Dann geht ein
wahres Feuerwerk von grafischen Einfällen in den je zehn Kojen rechts
und links unter den Säulen los. Wegzeichen beim Rundgang markieren die
Mooreichenholz-Skulpturen von Guido Häfner. Faszinierend einige riesige
Künstlerbücher, etwa von Hannes Gaab und Christoph Meyer. Oder die
sensiblen Bleistiftblätter Silvia Wehrlis zu den Kranichtanz-Versen. Ein
seltenes historisches Dokument: Hans Tombrocks, des Exilgefährten und
Künstlerfreundes, taufrisch zum 1941 gerade brandneuen
Galilei-Manuskript entstandenen Ätzungen.
All dies kostbare »Material« hätte eine grandiose Buchpublikation zur
Ausstellung hergegeben – wenn, ja wenn der leidige Sparteufel nicht im
letzen Moment zugeschlagen hätte. Nun haben wir zwar einen von
Volkmar
Häußler grundsolide erarbeiteten, reich bebilderten Begleitband, doch
die verlegende Firma »Augsbuch« hat auf jene buchkünstlerische Sorgfalt
und Gestaltung verzichtet, die Bibliotheksdirektor Dr.Gier in seinem
Katalogvorwort zu Recht als Brechts vorzüglichstes Ziel lobt.
Brecht in der Buchkunst und Graphik. Ausstellung der Staats-und-
Stadtbibliothek Augsburg und der Sammlung Volkmar Häußler in der
Toskanischen Säulenhalle, Zeugplatz 4, Augsburg. Bis 3.September Di, Mi,
Fr,Sa,So 10-17 Uhr, Do 10-20 Uhr, Katalog 19,80 EUR.