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Nanne Meyer
Zum bildnerischen Werk von Matthias Gubig
Matthias Gubig ist Typograph, Drucker, Graphiker, Zeichner und Illustrator. Er hat eine Vielzahl an Büchern und Buchumschlägen gestaltet und illustriert. Darüber hinaus hat er sich als Autor, Herausgeber und Plakatgestalter einen Namen gemacht. Matthias Gubig ist Professor für Typographie im Fachgebiet Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und geht nach Ablauf des Sommersemesters 2007 in den Ruhestand. Ich hatte die Freude, dreizehn Jahre an seiner Seite zu arbeiten und von seinem Wissen und dem Reichtum seiner Erfahrungen aus der Welt der Buchstaben, der Gestaltung sowie der Bilderproduktion zu profitieren. Sein 65. Geburtstag, den er im Juni feiert, soll Anlaß sein, das umfangreiche bildnerische Werk, seine Zeichnungen und Druckgraphik zu würdigen und in den Mittelpunkt dieser kleinen Betrachtung zu stellen. Matthias Gubigs Bilder kommen selten allein, sie bewegen sich bevorzugt in Gesellschaft von Worten: Man findet sie auf Buchumschlägen, Plakaten, Grußkarten, Faltblättern und vor allem auf und zwischen den Seiten. Sie halten sich da auf, wo es Stichworte, Unworte, Titel, Fragen, Behauptungen, Gedichte und ganze Geschichten gibt. Seine Zeichnungen haben einen Auftrag, mischen sich ein, sind leise, luftig oder gewichtig, bereichern den Sinn, befragen, irritieren, drängen sich vor, halten sich zurück, helfen der Sprache auf die Sprünge und geben ihr Farbe. Ob Schopenhauer, Seemannssprüche, die Worte und Unworte der letzten 13 Jahre oder ein Konversationslexikon für die Dame – Matthias Gubigs Zeichen- und Erfindungskunst kennt kaum Grenzen – außer denen des Formats. Und selbst dieses weiß er – im wahrsten Sinne des Wortes – zu umgehen, indem er sein gezeichnetes Personal ab und zu auf überraschende Weise auf der folgenden Seite fortsetzt, sich verflüchtigen oder verwandeln läßt. Mit dem Umblättern wird den Erwartungen ein Schnippchen geschlagen. So sieht man zum Beispiel einen Vogel, der in schrägem Flug auf eine stilisierte, japanisch anmutende Wolke zusteuert, die sich verdichtet und rechts aus der Buchseite davonmacht. Blättert man um, entpuppt sich das Ganze als der wehende Haarschmuck eines sonnenbebrillten Indianers, der mit Vollgas auf einem Motorrad dem Falz entgegenrast. Und überhaupt, kann man Ausflüchte zeichnen? In Voyage au Paradis – Texte einer deutschen Wende1 kann man sehen und staunen, daß das geht. Für Matthias Gubig ist das eine erkenntnissteigernde Fingerübung, nach den Originalgraphiken im Offsetverfahren gedruckt. Die Kunst der Kombinatorik ist es, die Matthias Gubig in seinem druckgraphischen Werk, besonders aber in seinen Graphikmontagen mit spielerischem Ernst verfolgt. Diese montierten Bildfindungen geben oft Rätsel auf, schaffen einen vielschichtigen Raum, der die Augen öffnet, manchmal auch in unterschiedliche Richtungen. In solchen Fällen fängt das Denken an zu schielen, Text und Bild stimmen nicht so überein, wie man es erwartet, und müssen im Kopf neu gemischt werden, damit Sinn entsteht. Max Ernst dicht auf den Fersen, setzt Matthias Gubig neue Bilder aus alten zusammen. Ausgangsmaterial sind dabei eigene und fremde Vorräte, vor allem Holzstiche aus dem 19. Jahrhundert, aus denen er Bildelemente herauslöst und zu neuen irritierenden Bildern zusammenfügt. Der gelernte Schriftsetzer wird zum Bildsetzer. Haare kräuseln sich zu stürmischer See, verlassene Kleider spazieren gelassen durch einen Rosengarten, Muscheln schweben schwerelos am Himmel, Vögel werden von Kurbeln angetrieben. Das Unmögliche wird so selbstverständlich vor Augen geführt, daß es gerade deswegen umso beunruhigender erscheint. Matthias Gubigs präzise kombinatorische Phantasie kann man in vielen seiner Bücher, die er mit Graphikmontagen illustriert hat, mit befremdeter Freude genießen. Kommt Schrift im Bild hinzu, wird das Bedeutungsgefüge von Text und Bild noch einmal mehr auf die Probe gestellt. In dem Buch Vorm Wind ist gut segeln2 heißt es in einer seiner Montagen: „Keiner kommt tiefer als auf den Grund“. Man sieht das Meer, auf dem ein Boot mit seinen Insassen schaukelt, erst auf den zweiten Blick erkennt man, daß das Schiff im Hochgebirge gestrandet ist. Hier wirkt die Ähnlichkeit der Linienstruktur von Wasser und Felsen, sowie unsere Wahrnehmung und nicht zuletzt der Illustrator, der dies erkannt und inszeniert hat. Noch vor seiner Ausbildung zum Schriftsetzer begann Matthias Gubig seine berufliche Laufbahn als Buchdruckerlehrling. Seine bildnerische Produktion lebt von einer Formensprache, die klar abgegrenzte und präzise Setzungen bevorzugt. Man sieht: Der Zeichner ist ein Drucker. Drucktechniken sind für Matthias Gubig weit mehr als eine bloße Möglichkeit der Vervielfältigung. Er nutzt die drucktechnischen Eigenheiten mit ihren spezifischen ästhetischen Möglichkeiten für neue Bildfindungen, wobei der Holzschnitt und seit neuestem der Acrylstich seine bevorzugten Techniken sind. Die auf dem Weiß des Papiers meist klar abgesetzten Figuren und Formen werden durch Überlagern, Trennen, Klappen und Drehen so gewendet, daß sie sich stets neu erfinden. Es wird ein Prozeß sichtbar, der immer wieder überraschende, dynamische Szenarien eröffnet. Auf Matthias Gubigs Bildern lösen sich Teile von den Figuren, schweben im Format, treiben dort ihr Wesen und Unwesen, versammeln sich im Zusammenspiel mit anderen Fragmenten zu neuen Bedeutungszusammenhängen, übernehmen ungewöhnliche Aufgaben, ehe sie sich mit einer weiteren Figur zusammenschließen, um im neuen Verbund ihrer vorläufig endgültigen Bestimmung entgegenzutreiben. So begleiten und kommentieren entlassene Versatzstücke freischwebend die Szenerie, um sich irgendwann wieder an das Hauptgeschehen anzukoppeln. Ein Blick auf einen Nebenschauplatz: Man sieht einen Mittelstreifen, dem seine Straße abhanden gekommen ist, der im nächsten Moment eine Brücke in zwei Teile sprengt und sich dann geradezu scheinheilig als Gürtel eines schwebenden Engels wiederfindet. So bewegt, farbig, humorvoll und auch ironisch kommentieren die sich leporelloartig entfaltenden farbigen Drucke zu Niccolo Machiavellis Text Der Fürst3, einem wunderbaren Buch, in dem Matthias Gubig außerdem den Satz und die gesamte Gestaltung gefertigt hat. Im Apokalyptischen Fragment4 von Karoline von Günderode wird Bewegung auf eine ganz andere Weise vor Augen geführt. Als eine Art Prolog wird auf vier Seiten, parallel zum Anfangssatz, je eine einzelne klar ins Format gesetzte schattenrißartige Kopffigur gezeigt, in deren Binnenformen sich ein Tageslauf von der Morgendämmerung bis zur Nacht vollzieht. Während die äußere Form der Figuren im großen Ganzen gewahrt bleibt, öffnen sich in ihrem Inneren weite Landschaften. Die feinen Linien, die der Stichel weiß aus dem Druckstock herausgehoben hat, erzählen von Wind, Unruhe und dem Wechsel der Lichtverhältnisse. Innen und Außen stehen in diesen Bildern in einem wechselseitigen Dialog. Stillstand und das Vergehen von Zeit, Ruhe und Bewegung, Atem und Vergänglichkeit erscheinen wie übereinandergelegt, ineinander verwoben. So entstehen atmosphärische Doppelbelichtungen mit einer zarten Melancholie, die den Leser am Anfang des Buches auf den Text einstimmen und ihn am Schluß wieder hinausbegleiten. Matthias Gubigs bildnerisches Werk ist ein offenes Spiel mit der Vielfältigkeit eines sich ständig erweiternden Formenrepertoires, aus dem er kombinierend, konstruierend und frei erfindend ständig neue Bilder schöpft. In dem erwähnten Buch von Machiavelli gibt es eine Zeichnung, auf der man zwei gelbe Würfel sieht, denen fast alle Augen abhanden gekommen sind, die nun wie ungezogene Punkte frech auf dem Format umherschwirren. Die Würfel sind hier insofern gefallen, indem ihnen die Augen abhanden kamen und sie daher blind sind. Formen spielen hier mit der Sprache und diese spielt mit den Bedeutungen, die sie wiederum an Punkt und Fläche zurückgeben. Das Spiel ist ernst, Matthias Gubig gibt unseren Augen etwas zu denken. Seine Bildfindungen reflektieren in einer Art gleichnishafter Differenz die Geschichten, Worte und Ereignisse unserer Welt. Diese Differenz, die Haltung, mit der diese Zeichnungen hervorgebracht werden, und die Poesie, die in ihnen mitschwingt, lassen sich in einem Satz von Robert Walser vielleicht am schönsten umschreiben: Der Gesang des Kanarienvogels stimmt mit der Farbe seines Gefieders überein.
Anmerkungen
Zum Abschied von Matthias Gubig veranstaltet die Kunsthochschule Berlin-Weißensee (Rühringstraße 20, 13086 Berlin) vom 15. Juni bis 6. Juli eine Ausstellung graphischer und typographischer Arbeiten.
1 Hinnerk Einhorn: Voyage au Paradis – Texte einer deutschen Wende. Blieskastel: Gollenstein-Verlag, 2000 2 Vorm Wind ist gut segeln. Berlin: Union Verlag, 1985 3 Niccolo Machiavelli: Il Principe / Der Fürst. Spätdruck 2005 4 Karoline von Günderode: Ein apokalyptisches Fragment. Spätdruck 2006 |