Axel Bertram

 

Starker »Spätdruck«

Zum 65. Geburtstag von Matthias Gubig am 22. Juni

 

 

Ein Teewagen voller Bücher. Als ich Gubig an einem der wenigen Schneetage des letzten Winters nach einem Spaziergang um den Weißen See herum in der Albertinenstraße besuchte, bat ich ihn um einige charakteristische Beispiele seiner Buchgestaltung. Er verschwand schweigend. Jeder, der sich in der DDR ein wenig mit Büchern beschäftigt, sich vielleicht mit Büchern umgeben hat, findet Bücher von seiner Hand im Regal. Aber eine solch eher zufällige Auswahl muß nicht zwangsläufig repräsentativ sein – darum meine Bitte. Nach einer Weile kehrte Gubig zurück mit einem Teewagen, der in zwei Etagen mit gut 120 Büchern beladen war. »Eine kleine Auswahl«, sagte er entschuldigend, vielleicht mit leiser Ironie, ganz gewiß aber ohne Koketterie.

Matthias Gubig ist kein Mann, der viele Worte macht. Seine Auskünfte sind knapp, eher zurückhaltend. Er ist groß, von hagerer Statur. Es geht eine gewisse Gelassenheit von ihm aus. Mag sein, da ist viel Veranlagung dabei, aber ich glaube auch, daß der Beruf des Schriftsetzers an dieser Prägung beteiligt sein könnte: Sein Umgang mit Texten verträgt kein überflüssiges Reden. Und so eignet ihm etwas vom alten Handwerkeradel – Geduld, Solidität, ruhige Zuverlässigkeit, kein unnötiges Aufsehen. Der Professor fährt mit dem Fahrrad zu seinen Vorlesungen und Seminaren, mit der S-Bahn zu seiner kleinen Werkstatt am Rande Berlins. Kein Auto. Und er beantwortet noch um Mitternacht nach einem Konzertbesuch die E-Mails seiner Studenten.

Übrigens vermißte ich ein Buch auf dem Teewagen.

 

Die Verteidigung der eigenen Biographie. 1995 – fünf Jahre nach der Implosion der DDR und dem folgenden gesellschaftlichen Umbruch schlug Gubig eine verwegene Volte und schrieb ein Buch: Als erfahrener und erfolgreicher Buchgestalter wagte er ein erstes Resümee der neuen Befindlichkeit aus der Perspektive seiner DDR-Sozialisation, gerichtet an seine bundesdeutschen Kollegen. Von denen hatten ja einige sofort ihre Ateliertüren zugeschlagen, aber viele waren auch neugierig, so Rainer Groothuis, der dieses Buch anregt hatte.1 Gubig nannte seine Bilanz Stehsatz. Was ich noch nicht ablegen will. Mit diesem geistreichen Wortspiel aus der Begriffswelt der Schriftsetzer bezeugte er nicht nur seine sprachliche Gewandtheit, sondern auch seine Fähigkeit zu einer humorvollen Diplomatie in einer Lage, die für gelassene Debatten wenig Raum ließ. Doch er argumentiert tatsächlich mit beredter Bedachtsamkeit, liefert ein Meisterstück des Wägens: Wie verteilen sich Gewinn und Verlust nach fünf Jahren des politischen und wirtschaftlichen Umbruchs auf dem Gebiet der Buchkultur? Wie den Kulturschock als Gestalter aufnehmen? Wie die kreativen Potenzen der technischen Innovation erkennen? Wie dem nicht immer gerechtfertigten westlichen Anspruch auf Deutungshoheit begegnen? Gubig erweist sich nicht nur als ein humorvoller Erzähler mit scharfer Beobachtungsgabe, sondern darüber hinaus als ein geschickter Diplomat, der Verständigung und Ausgleich sucht, ohne sich selbst etwas zu vergeben. Seinen Erwägungen, die er mit feiner Ironie zu würzen weiß, liegt ein spürbar klares Urteil zugrunde.

 

Die Typographie des Schriftsetzers. In dem obengenannten Büchlein heißt es: »Ein Schriftsatz nach der Regel kann harmonisch, interessant, gar originell, auch langweilig und fade aussehen – immer aber wird er lesbar sein. Darauf verlasse man sich nicht, wenn ›modebewußte Kreative‹ die Möglichkeiten elektronischer Satzsysteme ausreizen.« Gubig ist völlig frei von dem Verdacht verharrender Bleisatzromantik, er kann souverän mit den Satzprogrammen des Computers wie mit dem Winkelhaken umgehen. Was er beklagt, ist die verlorengehende, »einst selbstverständliche Einheit von Handwerk und Gestaltung«. Was im Bleisatz einfach nicht falsch zu machen war, weil man das Satzmaterial als abgemessene körperliche Objekte bewegte, muß heute gelernt und an einem Dutzend lockender Spielmöglichkeiten vorbei durchgesetzt werden. Gubigs Gestaltung bietet durchweg und ausnahmslos lesbare Texte. Schriftart und Schriftgröße, Zeilenlänge und Durchschuß sind sorgfältig aufeinander abgestimmt. Die spezielle graphische Anmutung wird aus dem Charakter des Textes entwickelt, dabei spielt die Schriftwahl eine entscheidende Rolle. Wenn der Text es nahe legt, weiß Gubig auch eine fette Akzidenzgrotesk2 oder eine Futura3 lesbar zu halten.

Aber sind das nicht ganz selbstverständliche Dinge, die seit vielen Jahrzehnten in den besseren Fachbüchern zu finden sind? Vielleicht waren sie es tatsächlich einmal, heute wird von einem schönen Buch, gar von einem »schönsten«, Innovation verlangt, und da sind Lesbarkeit und verwandte Tugenden an die dritte oder vierte Stelle gerutscht.

Und wie erreicht Gubig unter diesen strengen Ansprüchen und so relativ geringen Variablen die Originalität seiner Typographie? So streng, wie er innerhalb seiner Kolumne funktionale Ordnung schafft, so frei geht er mit dem Raum auf der Buchseite um und wagt ein immer neues dialektisches Spiel mit den Proportionen: Wie sitzt das abgemessene Geviert des Satzspiegels auf dem vorbestimmten Format der Buchseite? Da durchbricht er gern alte Regeln aus dem klassischen Kanon von Altmeister Tschichold. Und gewinnt dabei überraschend an Ausdruck. Frei spielt er mit den beweglichen Teilen der Buchseite, so mit den Seitenzahlen, den Kustoden, mit Linien und zarten Punktreihen und nicht zuletzt mit Überschriften und Zwischentiteln, die meist im bewußten Gegensatz zur Grundschrift stehen. So etwa im »Machiavelli«4, wo er die historisch treffenden Monotype-Schriften Poliphilus und Blado Italic mit den Versalien der Maxima halbfett ergänzt. Letztere geben dem Satzbild Schärfe und Distanz.

Wenn Gubig Einfluß auf das Format des Buches hat, wählt er durchweg edle schlanke Verhältnisse von Breite zu Höhe, seit Jahrhunderten bewährt wie das Verhältnis 5 : 9 oder auch 1 : √3,5 nicht zuletzt deshalb, weil sie für die Verteilung von Satzschrift und Graphik viel Spielraum zur originellen Entfaltung bieten.

 

Die große Bilderlust. Gubig hat sehr viele und sehr schöne Bücher unter den polygraphischen und verlegerischen Bedingungen der DDR gestaltet, besonders für den Eulenspiegel Verlag und den Union Verlag. Da gibt es wissenschaftliche Publikationen, Sach- und Fachbücher, Lehrbücher, opulente Bildbände zur Kulturgeschichte, satirische, lyrische und schlicht unterhaltende, geistreiche Bändchen. Einfach jedes Genre hat er mindestens einmal behandelt, hat sich jeder dieser Aufgaben gestellt und sie zur Bereicherung, zur anregenden Verfügbarkeit für den Leser gelöst. Er begann selbst zu illustrieren, richtiger gesagt: Bücher mit Bildern zu versehen. Ich führe zur Erläuterung ein kleines Buch an, das ich seit über 20 Jahren ganz besonders schätze, eine Sammlung von dämlichen Ansichten der ›Herren‹ über die ›gelehrten‹ Frauen.6 Gubig hat dazu geistreiche Holzstichcollagen beigesteuert, die eigene Ideen zum Text beitragen, ihn auf ihre Weise stützen und erhellen. So montiert der Graphiker den Schattenriß einer Dame mit einer zierlich geschweiften Singer-Nähmaschine so zusammen, daß sich ein weiblicher Centaur andeutet. Die Szene wird überwölbt von einer schwer lastenden bürgerlichen Protzarchitektur. Eine andere Montage: Ein einsames Mädchen zündet über einem erloschenen Vulkan nächtens ein kleines Kerzlein an. Darüber kann sich der Leser Gedanken machen.

Überblickt man Gubigs Produktivität in den letzten anderthalb Jahrzehnten, gewinnt man sogleich den Eindruck, daß sich für ihn eine neue Periode schöpferischer Entfaltung erschlossen hat. Seine Lust am Büchermachen strebt offenkundig weg von der reinen Dienstleistung zum freieren Entfalten eigener Ideen. Davon zeugen sein Engagement für den Verlag Quetsche7 ebenso wie seine Initiative Zwiedruck8, eine zusammen mit Karl-Georg Hirsch herausgegebene Reihe. In diesen Unternehmungen zeichnet sich ein moderner Begriff von Bibliophilie ab, der seinen Wert nicht aus dem materiellen Aufwand und einem luxuriösen Schmuckbedürfnis herleitet, sondern aus dem geistigen, dem künstlerischen Einsatz. Diese schönen schlanken, leichten Bücher erinnern an die chinesische Buchkultur, deren Noblesse aus dem vollkommenen Vertrauen auf die künstlerische Wirkung ihres Vortrags beruht, der keinerlei Aufputz benötigt. Und hier wird etwas ausprobiert, Gestaltungsexperimente, die in der Massentypographie mißraten müßten, weil sie da ausschließlich unter dem Leistungsdruck des Spaßeffekts stehen.

In einem schmalen Buch über Probleme des Städtebaus9 von Günter Kunert hat Matthias Gubig eine Buchfutura mit splendidem Durchschuß eingesetzt und dazu die Originalradierungen von Friedel Anderson vierseitig beschnitten und als Vorsatz eingeklebt. Ein Sakrileg – und doch unterstützen alle Elemente der Gestaltung den Text sehr überzeugend.

In dem erwähnten Büchlein der Reihe Zwiedruck hat der unermüdliche Holzstecher Karl-Georg Hirsch Schabblätter geliefert, die eben nicht wie Holzstiche aussehen und dennoch diese wunderbare Sorgfalt aufweisen. Gubigs Typographie in der Janson-Antiqua folgt in einem ganz unorthodoxen Zeilenfall feinfühlig dem rapsodischen Rhythmus der Verserzählung von Brigitte Struzyk.10

 

Außerordentlicher Spätdruck. Matthias Gubig, dieser gleichmütig gelassene Mann, nunmehr, man darf es sagen, im 65. Jahr, ist ohne Frage ein leidenschaftlicher Mensch. Seit 2003 bringt er jedes Jahr einen neuen Druck heraus: Der Gestalter inszeniert nun sein Buch wie eine Theateraufführung, er sucht das Stück aus, bearbeitet seine Dramaturgie, führt Regie und spielt nicht nur den Bühnenbildner, sondern übernimmt die Hauptrollen selbst. Hier ist er Typograph, womöglich Setzer, da ist er Graphiker und Drucker, und alle zusammen bilden sie ein eingeschworenes Ensemble. Die Aufführungen – pardon: die Auflagen bewegen sich zwischen 40 und 60 Exemplaren.

In diesen vier vorliegenden Drucken, denkbar unterschiedlich in der Anlage, spürt man eine Leidenschaft des Sagens und Zeigens, die sich unbehindert und uneingeschränkt auszudrücken wünscht. Was bibliophile Produktionen mitunter charakterisiert: müßige Spielerei und Beschäftigungstherapie, Hübschheit, der alles Zwingende fehlt – hier nichts davon. Matthias Gubig ist nach langem geduldigem Dienen als durchaus selbstbewußter Gestalter nun radikal und betreibt seine eigene Sache. Unter nicht geringen Opfern.

Seine meist farbig gedruckten Graphiken bedienen sich überraschender zeichenhafter Wendungen, die sinnfällig und ausdrucksstark allgemein menschliches oder soziales Verhalten enthüllen. Ihr Verhältnis zum Text ist rauh, kraftvoll und eigenständig: Vignettenhafte Zier oder sanft-illustratives Begleiten des Themas – das geht ihnen vollkommen ab. Sie brauchen eine gewisse Größe, um ihre Wirkung zu entfalten, nicht etwa wegen ihrer Kleinteiligkeit, ganz im Gegenteil: wegen ihres komprimierten Gehalts. Ihr deklamatorisches Rufen wäre als Flüstern enttäuschend. Sie rufen Wichtiges am rechten Platz! Also dann müssen sie ein wenig angeschnitten werden wie im »Theophrast«11, wo sie auf beidseitig bedrucktem durchscheinendem Japanpapier ihre doppelte Wirkung entfalten. In Bestdeutsch12 breiten sie sich auf einer Doppelseite aus: in ihrer hintergründigen Einfachheit wollen sie gelesen sein. Oder sie müssen im Buch dreifach aufgefaltet werden wie im »Macchiavelli«13. Der Leser kann nicht darüber hinblättern, er muß sie gewissermaßen auspacken. Das Entfalten fördert das Entdecken.

Das Erstaunliche daran ist, daß Gubig diese Vorgehensweise ausbalanciert hat, daß sie nicht als Attitüde nervt, sondern sich in Format und Typographie programmatisch entwickelt.

Gänzlich unerwartet in Text und Gestaltung hat Matthias Gubig 2006 einen vierten Spätdruck herausgebracht: Karoline von Günderode, Ein apokalyptisches Fragment14. Der Text erschien erstmals 1804 in Gedichte und Phantasien von Tian. Welch kühner Rückgriff in niemals ganz abgelegte, aber von der Zeit immer wieder vergessene Gefühlslagen. Dieses allumarmende Sehnen und Selbstvergessen, dieses Aufgehenwollen in der Natur, dieses Goethesche »Stirb und Werde«, das nie anders als unzulänglich ausgedrückt werden kann, das ist doch heute »dem trüben Gast« eher peinlich. Gubig hat diesen Text kongenial inszeniert und staunenswert mit Acrylstichen ganz eigener und neuer Art adäquat und einfühlsam ein- und ausgeleitet.

Schön, wenn eine so meisterliche Arbeit die jüngste ist. Da ist noch viel zu erwarten.

 

Anmerkungen

 

1  Matthias Gubig: Stehsatz. Was ich noch nicht ablegen will. Quodlibet! Eine Buchreihe von Clausen & Bosse für die Freundinnen und Freunde des Hauses. Buchgestaltung von M. G. Satzschrift Concorde. Leck: Clausen & Bosse, 1995

2  Wolfgang Hegewald: Was uns ähnlich sieht. Holzschnitte von Karl-Georg Hirsch

Buchgestaltung von M. G. Satzschrift Akzidenz-Grotesk bold. Witzwort: Quetsche. Verlag für Buchkunst, 2004

3  Günter Kunert: Wohnen. Die Stadt als Museum. Das Stadion. Radierungen von Friedel Anderson. Buchgestaltung von M. G. Satzschrift Buchfutura. Witzwort: Quetsche. Verlag für Buchkunst, 2005

4  Niccolo Machiavelli: Il Principe. Der Fürst. Buchgestaltung und Farbholzschnitte M.G. Satzschrift Poliphilus und Blado Italic, ergänzt durch Versalien der Maxima halbfett. Dritter Spätdruck 2005

5  Jan Tschichold: Ausgewählte Aufsätze über Fragen der Gestalt des Buches und der Typographie. Basel: Birkhäuser Verlag, 1975

6  Sein ist das Weib, Denken der Mann. Ansichten und Äußerungen für und wider die

gelehrten Frauen. Gesammelt von Renate Feyl. Berlin: Union Verlag, 1985

Buchgestaltung, Einband und Holzstichcollagen von M.G.

7  Quetsche, Verlag für Buchkunst. Witzwort. Grafische Reihe der Quetsche. Erstveröffentlichungen und Originalgrafik. Hrsg. v. Kerstin Hensel. Buchgestaltung M.G.

8  Zwiedruck. Ein gemeinsames Unternehmen von Karl-Georg Hirsch und Matthias Gubig, o. O., o. J.

9  siehe Günter Kunert, Anm. 3

10  Brigitte Struzyk: Die Linde am Rhin. Mit einem Holzstich und Schabblättern von Karl-Georg Hirsch. Buchgestaltung von M. G. Satzschrift Janson-Antiqua. Zwiedruck 2, o. J.

11 Theophrast: Charaktere. Buchgestaltung und Farbholzschnitte M.G. Satzschrift Gill Sans. Erster Spätdruck 2003

12  Bestdeutsch. Wörter und Unwörter 1990–2003. Buchgestaltung und Farbholzschnitte M. G. Satz von Hand aus Bleilettern der Didot-Antiqua, Unger-Fraktur und der Maxima. Zweiter Spätdruck 2004

13  Machiavelli, siehe Anm. 4

14  Karoline von Günderode: Ein apokalyptisches Fragment. Buchgestaltung und Acrylstiche M. G. Satzschrift Garamond. Vierter Spätdruck 2006